Hans Fritz

Im Schatten der tambosirkischen Pyramide


Nochmals zu Besuch auf dem virtuellen Exoplaneten Tambosirk.

Nach dem Abflauen einer virusbedingten, oft tödlich verlaufenden Seuche auf dem Hauptkontinent scheint sich eine Periode ruhigen, unbehelligten Zusammenlebens abzuzeichnen. In solchen Zeiten gewinnt die Sehnsucht nach Sensationen an Bedeutung.

Da werden eines Tages am Firmament Objekte beobachtet, die sich nach ihrer stets wechselnden Form und saltatorischen Art ihrer Fortbewegung in keine Kategorie üblicher Himmelserscheinungen einordnen lassen. Für die Medien scheint die Sache klar. Es handelt sich, neuesten Informationen zufolge, um Raumpatrouillen des Planeten Aetaulor. Wo jene Informationen ihren Ursprung haben sollen bleibt dabei streng geheim. Als die Regierung zunächst Kenntnis über das Erscheinen einiger weniger Objekte erhält, wird umgehend von einer möglichen ernsthaften Bedrohung im Sinne der Invasion einer in jeder Hinsicht fremdartigen und kriegslüsternen Rasse gesprochen. Da es sich aber nach einer später eintreffenden Meldung offenbar um sehr viele Objekte handelt, wird schon von einer möglichen Bereicherung der tambosirkischen Kultur durch willkommene Gäste gesprochen. Das zeichnet eben eine urwüchsige, ganz nach irdischem Muster ausgerichtete Politik aus, vor Gefahren, die von potenziell militanten Massen ausgehen könnten, Augen und Ohren zu verschliessen.

Nutzen wir die die Zeit des Wartens auf die mögliche Landung der obskuren Objekte und wenden uns den von den Erdbewohnern überlieferten so genannten Weltreligionen zu. In weiser Voraussicht wird dem Tambosirkaner die Ausübung seiner ererbten Religion oder ein Leben nach seiner Weltanschauung im Rahmen landesüblicher Gesetze, gestattet. Auf seine Sakralbauten soll der Gläubige nicht verzichten müssen.

Die oberste Volksvertretung hat beschlossen, die Grundzüge der grossen Religionen in einem gemeinsamen Dogma, das heisst in einer ‘all-in-one’ Aktion zu bündeln und den Menschen an einem neutralen Ort zugänglich zu machen. So wird in der Einöde des zweitgrössten, noch wenig besiedelten Kontinents ein Bauwerk errichtet, das solchen Ansprüchen gerecht werden soll. Nach einem Marathon zäher Verhandlungen wird die ‘quadratische Pyramide’ auserwählt, gleichsam als Symbol einer besonderen Widerstandsfähigkeit und Unverwüstlichkeit. Nach vierjähriger Bauzeit ist das Werk vollendet.

Die vier Mantelflächen der Pyramide bestehen in ihrer äusseren Schicht aus olivgrünem Klinkerstein. In der Mitte, etwa 20 Meter über dem Fusspunkt, schwebt eine Plattform, auf der täglich um die Mittagszeit voll automatisierte und mit einem grossen Repertoire eingängiger Melodien programmierte Instrumente mystische Klänge verbreiten. Die Uhrwerke der Instrumente werden nach jeder Darbietung von drei Technikern aufgezogen und, wenn nötig, die Klangmechanismen neu gestimmt.

Einmal pro Woche ertönt eine monotone aber wohlklingende Stimme, die so etwas wie eine Predigt hält. Zu dieser Zeit finden sich in der Regel ein paar dutzend Personen ein. Als vier Monate nach der feierlichen Einweihung der Pyramide der erhoffte grosse Besucherstrom trotz gut organisierter Pilgerreisen immer noch ausbleibt, sehen sich die Bauherren bitteren Vorwürfen ausgesetzt. Denn es sei hier zu viel in ein Projekt investiert worden, dass lediglich ein paar [wörtlich] ‘Neugierige, nicht sehr an ihren Glauben Gebundene’ anlockt. Schon wird landesweit über die Umnutzung der Pyramide in ein Kulturzentrum diskutiert. Nach etwa einem Jahr schwillt jedoch der Besucherstrom unerwartet rapide an. Der Grund dafür mag in sich abzeichnenden, teils in Gewaltakte ausufernden Aktivitäten von Glaubensanhängern verschiedener Richtungen liegen. In regelrechte Kriege ausartende Glaubensfehden sollen auf der Erde zur Kategorie der schlimmsten Kriege gezählt haben. So ist es jedenfalls überliefert*.

Eine viel beachtete Predigt besagt, dass Glaubensinhalte, gleich aus welcher Quelle, helfen sollen den Sinn des Lebens einschliesslich seiner Vergänglichkeit zu interpretieren und zu begreifen. Jeder Mensch erhält das Leben als Geschenk. Sobald er zur Einsicht befähigt ist, kann er sein Leben, so wie es ist, akzeptieren oder nicht. Äussere Umstände können das Geschenk verderben, vernichten. Impliziert die Geburt bereits zwangsläufig das Todesurteil, das früher oder später vom Schicksal vollstreckt wird? Viele hadern mit dem Leben, weil ersehnter Erfolg ausbleibt, eine Krankheit sich als unheilbar herausstellt, der Verlust eines über alles geliebten Menschen schwer zu ertragen ist. Im Glauben an eine Erlösung von aller Schwere ausharren, hoffen auf ein Ziel im erstrebten ewigwährenden Friedensreich. Erhoffte Unsterblichkeit der individuellen Physis stehe jedoch im Widerspruch zur Planerfüllung des Naturgebotes. Die religiös geprägte, bzw. motivierte Weltanschauung gibt menschlicher Existenz Richtung und Sinn in der speziellen Glaubensgemeinschaft sowie in der Gemeinschaft aller.

*Vgl. hierzu meine Kurzgeschichte BLAUKRÜGLER UND ROTKRÜGLER (Okt. ’10)

 

Nachlese

Die skurrilen ‘Objekte’ sind fünf Tage nach ihrem Erscheinen auch mit dem stärksten Teleskop nicht mehr auszumachen. Vielleicht haben die mutmasslichen Kosmonauten erfahren, dass die Tamborsirkaner Nachfahren der Erdenbewohner sind, auf deren Willkommensgrüsse sie gerne verzichten. Das meint ein Satiriker, der dafür Lob und Schelte erntet.

Die Geschichte um die ‘Objekte’ ist beinahe schon in die Katakomben des Vergessens abgestiegen, als vor einem Küstenstreifen des Waldkontinents ein sonderbares Gebilde angespült wird, eine Mischung aus tambosirkischem Tauchboot und irdischem Luftschiff, einst Zeppelin genannt. Die Inspektion des Inneren ergibt nichts Erwähnenswertes, ausser einer Schalttafel, die offenbar aus einer Halterung herausgerissen wurde. Draussen im Uferkies liegt etwas wie eine mumifizierte Gestalt mit menschlichen Dimensionen, dazu mit flachem Schädel ohne Augenhöhlen und mit riesigem Schnabel, der braune spitze Zähne trägt. Die Gestalt ist in schwarze Fetzen gehüllt, ob Körperhülle oder Kleidung ist nicht gleich zu erkennen.

Die Analyse von Mumie und Gefährt erbringt vorerst keine bekanntem tambosirkischem oder irdischem Material gleichende Werte. In Anspielung auf den vermutlichen Heimatplaneten der Mumie, Aetaulor, wird sie auf den exotisch klingenden Namen Aetauloki getauft und im Rahmen einer glanzvollen Feier in der Pyramide beigesetzt. Damit könnte die Geschichte einen würdigen Abschluss gefunden haben, wenn nicht ein Anthropologe die These vertreten täte, die den Weltraum erkundenden Aetaulorer seien exakte Kopien der Erdenmenschen. Die Mumie habe mit menschlichen Wesen nicht das Geringste gemein. Womit das Rätseln über die Herkunft jenes makabren Funds wieder von vorn beginnt.

Eines Tages liefert die Entdeckung eines Erforschers der Fauna des Waldkontinents Klarheit und damit auch eine gehörige Portion Ernüchterung zur Mumiengeschichte. Beim Aetauloki handelt es sich nämlich mit höchster Wahrscheinlichkeit um ein Fossil aus einer vor hunderttausend Jahren grassierenden Kaltzeit, denn inzwischen wurden mehrere Exemplare ähnlichen Körperbaus ausgegraben. Aetaulorische Kosmonauten sollen dagegen auf ewig unentdeckt bleiben.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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