Claudia Savelsberg

Der schöne Alexander

Alexander hielt sich für unwiderstehlich, und er sah ohne Zweifel auch wirklich gut aus. Groß, athletische Figur, blonde Locken und blaue Augen. Außerdem war er stets sonnenbankgebräunt, darauf legte er sehr viel Wert. Manchmal nannte man ihn sogar den „schönen Alexander“, was seiner ausgeprägten Eitelkeit extrem schmeichelte.

Alexander wusste, dass er jede Frau bekam, die er wollte. Sein erotischer Appetit war groß, und er suchte rastlos nach immer neuen Reizen. Eine Frau war für ihn allerdings kein Mensch, sondern ein Sexobjekt, mit dem er seine Phantasien befriedigen konnte. Leider langweilte er sich schnell, und die meisten seiner Affären waren nach spätestens sechs Wochen zuende. Dann servierte er die Frau eiskalt ab. Dass er sie damit verletzte oder kränkte, daran verschwendete er keinen einzigen Gedanken. Er begab sich einfach wieder auf die Pirsch. Die nächste Frau wartete ja schon auf ihn, den „schönen Alexander“.

Heute wollte er mal wieder seinen Freund Wolfram besuchen, Besitzer einer exklusiven Boutique für Damen-Mode. Als er das Geschäft betrat, fiel sein Blick auf eine Kundin, die in einem Abendkleid vor einem großen Spiegel stand. Alexander war sofort elektrisiert. Die Frau sah einfach phantastisch aus. Sie war groß und schlank, hatte lange lackschwarze Haare und strahlend grüne Augen, die ihrer ganzen Erscheinung etwas geheimnisvoll Katzenhaftes verliehen. Alexander fixierte sie mit Blicken, sie nahm ihn nicht zur Kenntnis. Das reizte ihn enorm. Als sie die Boutique verlassen hatte, fragte er Wolfram nach ihr aus. Aber er kannte nur ihren Namen, sie gehörte zu seinen Stammkundinnen. Alexanders Jagdtrieb war geweckt. Diese Frau hatte eine bestimmte Aura und sie zu erobern wäre eine ganz neue Herausforderung. Die anderen Frauen, die schon nach dem dritten Date die Beine für ihn breit machten, langweilten ihn. Er brauchte einen neuen Kick.

Einige Tage später traf er diese Frau wieder in Wolframs Boutique. Er knipste ein strahlendes Lächeln an und ging auf sie zu: „Sie sind wirklich eine schöne Frau. Als ich Sie kürzlich hier sah, dachte ich, dass Sie ein Model sind.“ Etwas dick aufgetragen, aber Alexander zweifelte nicht an der Wirkung seiner Worte. Die Frau erwiderte sein Lächeln, und Alexander fragte ganz einfach, ob er sie am Abend auf ein Glas Wein einladen dürfte. Sie reichte ihm die Hand, stellte sich als Silvia vor und nahm die Einladung an. Alexander hatte es nicht anders erwartet, es lief nach Plan. Diese Silvia würde er auch bekommen. Er grinste selbstzufrieden.

Der Abend in einem kleinen gemütlichen Bistro verlief gut. Alexander startete sofort eine geballte Charme-Offensive, lobte Silvias Schönheit und ihre Ausstrahlung, erzählte bildreich von sich und seinem Leben. Manchmal übertrieb er, was Silvia nicht entging. Aber sie hörte ihm aufmerksam zu und lächelte ihn an. Dass sie als Texterin in einer Werbeagentur arbeitete, faszinierte Alexander. Da hatte er ja wirklich eine intelligente Frau am Haken. Beim Abschied reichte Silvia ihm höflich die Hand und bedankte sich für den netten Abend. Sie tauschten ihre Handy-Nummern aus. Alexander war höchst zufrieden mit sich. Er würde Silvia erstmal zwei Tage zappeln lassen und sie dann anrufen. Vermutlich verzehrte sie sich dann schon nach ihm, dem „schönen Alexander.“

Silvia freute sich auch tatsächlich über seinen Anruf, das merkte Alexander sofort an ihrer Stimme. Sie verabredeten sich für den Nachmittag, wollten einen Ausflug aufs Land machen. Alexander steuerte gleich einen romantischen Gasthof an und ließ wieder seinen geballten Charme spielen. Silvia war eine kluge Frau, und sie wusste ganz genau, was Alexander von ihr wollte. Sie schlüpfte in die Rolle des Weibchens und strahlte ihn bewundernd an, was Alexander in vollen Zügen genoß. Er würde auch bei Silvia sein Ziel erreichen, davon war er überzeugt. Aber sie ließ ihn zappeln, dieses Katz-und-Maus-Spiel gefiel ihr.

Es vergingen drei Wochen, in denen sie sich immer wieder verabredeten. Alexander wurde langsam ungeduldig, er war seinem Ziel noch nicht einen Schritt näher gekommen, er wollte endlich Sex. Natürlich hatten sie sich leidenschaftlich geküßt, aber Silvia entzog sich ihm immer wieder und verabschiedete ihn stets höflich vor ihrer Haustür. Das war für Alexander ganz neu und stachelte seine Begierde noch mehr an.

Sie saßen in einem eleganten französischen Restaurant; das Ambiente war stilvoll, und Silvia sah in ihrem schwarzen Seidenkleid einfach hinreißend aus. Er musste sie heute haben, dachte Alexander. Nachdem er die Rechnung beglichen hatte, fragte Silvia ihn, ob er nicht noch ein Glas Rotwein bei ihr Zuhause trinken wollte. Sie hätte noch eine Flasche für besondere Anläße. In Alexanders Augen blitzte Triumph, was ihr nicht entging. Sie spürte förmlich, wie sein Testosteron-Spiegel anstieg.

In ihrer Wohnung stellte sie den Wein und zwei Gläser auf den Couchtisch und zündete Kerzen an. Alexanders Erregung wuchs mit jeder Minute. Sie tranken einen Schluck Wein, dann hauchte Silvia mit erotischer Stimme: „Warte auf mich, ich komme gleich zurück.“ Dann verschwand sie. Alexander überlegte. Wie würde sie gleich vor ihm stehen? In raffinierten schwarzen Dessous oder einfach nur nackt? Er griff in seinen Schritt, er war bereit.

Dann stand sie vor ihm. Hinreißend und verlockend, von Kopf bis Fuß die pure Erotik. Sie übertraf Alexanders kühnste Phantasien. Silvia war stark geschminkt, trug einen schwarzen Latexanzug, dazu rote Lack-Schnürstiefel mit extrem hohen Absätzen. Sie sieht aus wie eine Domina, dachte Alexander. Vielleicht brauchte sie diese Verkleidung, weil es sie sexuell erregte. Egal, er würde sie bekommen.

Silvia setzte sich mit gespreitzten Beinen auf das Sofa, ihre grünen Katzenaugen funkelten. Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug: „Man nennt dich auch den schönen Alexander, nicht wahr? Du nimmst dir jede Frau, und wenn du sie satt hast, dann wirfst du sie weg wie einen alten Putzlumpen. Das hast du auch mit meiner jüngeren Schwester gemacht. Sie war wirklich verliebt in dich. Nachdem du sie verlassen hast, bekam sie einen Nervenzusammenbruch.“

Alexander wollte eine Entschuldigung stottern, aber Silvia unterbrach ihn barsch: „Meine Schwester hat mir ein Bild von dir gezeigt. Ich habe dich sofort erkannt als du mich in der Boutique angesprochen hast. Dein mieses Spiel wolltest du auch mit mir spielen, du elendes kleine Frettchen.“ Silvia griff zu ihrem Glas und nahm einen Schluck Wein. Als Alexander sein Glas nehmen wollte, schlug sie ihm hart auf den Handrücken und fauchte ihn an: „Ich arbeite nicht in einer Werbeagentur, ich bin eine Domina, und ich beherrsche mein Handwerk verdammt gut. Eine Kostprobe kannst du gerne kriegen, du frauenverachtender Mistkerl.“

Bei diesen Worten griff sie unter das Sofa und holte eine Lederpeitsche hervor. Der „schöne Alexander“, der mittlerweile unter seiner Sonnenbankbräune kreidebleich war, verließ fluchtartig die Wohnung und hastete die Treppe runter.

Silvia zog die Lackstiefel aus, legte ihre Füße auf den Couchtisch, zündete sich eine Zigarette an und griff zu ihrem Wein. Sie grinste zufrieden, der „schöne Alexander“ hatte ihr die Domina abgekauft, dabei arbeitete sie wirklich als Texterin in einer Werbeagentur. Das Domina-Outfit hatte sie aus einem Kostümverleih, den herrischen Auftritt hatte sie improvisiert. Ein wirklich bühnenreifer Auftritt. Silvia war stolz auf sich. Vielleicht hatte der „schöne Alexander“, dieser Mistkerl, seine Lektion gelernt. Oder hätte sie ihn doch mit der Lederpeitsche traktieren sollen?

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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