Claudia Savelsberg

Die ungeliebte Tocher

Als die Krankenschwester Ralf seine neugeborene gebadete und gewindelte Tochter in den Arm legte, schaute er sie kaum an. Seine Gesichtszüge verzerrten sich in purer Verzweiflung. Seine Frau Melanie war bei der Geburt gestorben, vor einer Stunde. Und dieses Kind, das man ihm in den Arm gelegt hatte, war schuld an ihrem Tod. Er wollte es nicht haben, das Kind hatte seine geliebte Melanie umgebracht. Er starrrte es an, und sein Blick wurde fast feindselig. Die Krankenschwester nahm das Kind wieder an sich, Ralf sackte tränenüberströmt auf einem Stuhl zusammen und stammelte immer wieder: „Das Kind hat Melanie umgebracht.“

Seine Schwester Monika, die ihn ins Krankenhaus begleitet hatte, sprach beruhigend und leise auf ihn ein, aber ihre Worte erreichten Ralf nicht. Völlig apathisch ließ er sich von Monika nachhause bringen. Dort stürzte er in das Kinderzimmer, das er zusammen mit Melanie liebevoll eingerichtet hatte. Wie von Sinnen schlug er immer wieder auf den Wickeltisch ein, dann riß er die Babybekleidung aus dem Schrank und stopfte sie in einen Koffer, den er auf den Flur warf. Monika hatte Angst um ihren Bruder, der immer wieder tränenüberströmt schrie: „Dieses Kind hat meine Melanie umgebracht. Ich will das Kind nicht haben. Ich will es nicht.“ Schließlich rief Monika einen Notarzt, der Ralf eine Beruhigungsspritze gab.

Monika setzte sich an den Küchentisch, kämpfte mit den Tränen. Sie hatte ihre Schwägerin sehr gerne gemocht. Melanie war die große Liebe von Ralf, die beiden lernten sich schon in der Schule kennen, wurden beste Freunde und waren unzertrennlich. Sie schienen füreinander bestimmt. Es gab kein schöneres Paar als Melanie und Ralf, darin waren sich alle einig.

Kurz nach Melanies achtzehntem Geburtstag heirateten sie. Ralf war damals zwanzig Jahre alt und leitete zusammen mit seinem Vater ein kleines Bauunternehmen, in dem Melanie nach der Hochzeit mit arbeitete. Sie wollten sich eine gesicherte Existenz aufbauen; denn irgendwann würden sie Kinder haben. Dann kauften sie ein altes Bauernhaus, das sie liebevoll und mit viel Einsatz renovierten. Als das Haus fertig war, setzte Melanie die Pille ab und wurde schwanger. Ein Kind würde ihre Liebe krönen, sagten sie immer wieder. Monika konnte sich noch gut daran erinnern, wie glücklich Melanie und Ralf waren. Ihr Bruder lebte nur noch für seine Frau und das ungeborene Kind. Melanie wünschte sich ein Mädchen, dem sie den Namen Johanna geben wollte, und Ralf sah sich schon als stolzer Vater einer Tochter, die er verwöhnen konnte. Jetzt hatte er eine Tochter, aber seine Frau war tot. Monika schluchzte. Es war einfach eine furchtbare Tragödie.

Sie überlegte, wie sie ihrem Bruder helfen könnte. Johanna sollte noch zwei Tage im Krankenhaus bleiben, dann könnte man sie nach Hause holen, hatten die Ärzte gesagt. Monika schlug ihrem Bruder, dass sie die Kleine erstmal zu sich nehmen würde. Ralf sagte nur: „Ich will sie nicht haben, sie hat Melanie umgebracht. Ich will dieses Kind nicht.“ Monika war entsetzt, entschuldigte Ralfs Ablehnung aber mit seiner Trauer und Verzweiflung. Sie nahm Johanna zu sich und ihrem Mann. Das Baby entwickelte sich gut, war ein richtiger Sonnenschein. Monika lud ihren oft Bruder zu sich ein, damit er seine Tochter sehen könnte. Er lehnte ab. Er wollte dieses Kind nicht sehen.

Er war gefangen in seiner unendlichen Trauer um Melanie. Dieses Kind, seine Tochter, hatte seine geliebte Frau umgebracht. Monika machte sich zunehmend Sorgen um ihren Bruder. Manchmal hatte sie sogar die Befürchtung, dass er seinem Leben ein Ende setzten wollte. Sie wusste nicht, wie sie ihm helfen konnte. Er hatte sich in die Idee verrannt, dass seine Tochter Johanna ihre Mutter umgebracht hatte. Sie telefonierte oft mit ihrem Bruder, berichtete ihm von den Fortschritten, die Johanna machte, schickte ihm Fotos von ihr auf sein Handy. Ralf reagierte nicht. Er wollte dieses Kind nicht.

So vergingen fünf Jahre, in denen Ralf seine Tochter nicht einmal besucht hatte. Er schickte Monika regelmäßig Geld dafür, dass sie das Kind versorgte. Mehr auch nicht. Monika liebte ihren Bruder, aber sie konnte ihn nicht mehr verstehen.

Ralf hatte den Verlust seiner geliebten Frau nicht verwunden. Es würde nach Melanie sicher nie wieder eine andere Frau in seinem Leben geben. Das alles wusste Monika, aber sie konnte nicht begreifen, warum er seine eigene Tochter ablehnte und sie immer noch für den Tod seiner Frau verantwortlich machte. In ihren Augen verstieg sich der Bruder in einen Wahn. Warum konte er seine Tochter nicht lieben? Sie war doch ein Wunschkind.

Mit ihren fünf Jahren war Johanna ein lebhaftes und intelligentes Kind. Monika liebte sie wie eine eigene Tochter, und auch ihr Mann war ganz vernarrt in dieses süße Kind. Sie hatte alle Liebe der Welt. Manchmal beobachtete Monika die Kleine verstohlen. Mit den blonden Locken und den blauen Augen war Johanna optisch das Ebenbild ihrer Mutter Melanie. Sie hatte ein liebes und sanftes Wesen, auch darin glich sie ihrer verstorbenen Mutter.

Monika war eine kluge und praktische Frau. Ralf müsste seine Tochter nur einmal sehen, dann würde er sie lieben können. Sie rief ihren Bruder an und verabredete sich mit ihm in einem kleinen Café. Zu ihrer Überraschung sagte er zu. Sie hatten sich lange nicht gesehen. Er sah schlecht aus, ungepflegt, stark abgemagert und müde. Monika sah, dass er immer noch um Melanie trauerte. Sein Blick war leer und seine Augen glanzlos. Dieser Anblick traf Monika tief ins Herz. Sie wollte ihm so gern helfen.

Sie erzählte ihrem Bruder von Johanna und zeigte ihm Fotos auf ihrem Handy. Ralf schaute sich die Bilder intensiv an: „Sie ist ein hübsches Kind, und sie hat sehr viel Ähnlichkeit mit Melanie.“ In Monika keimte ein Funke Hoffnung, sie legte ihre Hand auf seine: „Lern' sie doch kennen. Du könntest mit ihr auf den Spielplatz gehen, ein Eis mit ihr essen oder solche Sachen. Bitte Ralf …! Sie ist deine Tochter.“ Ralf zog seine Hand weg, dann schaute er Monika eindringlich an. Er schien zu überlegen, aber dann sagte er: „Monika, es geht einfach nicht. Ich will sie nicht sehen; denn sie erinnert mich an den Tag, an dem Melanie starb. Verstehst du das ? Ja, sie ist meine Tochter … meine ungeliebte Tochter.“ Mit diesen Worten stand er auf und ging.

Zuhause schaute er auf das Foto von Melanie, Tränen liefen ihm über die eingefallenen Wangen und er stammelte: „Melanie, verzeih mir. Ich kann unsere Tochter nicht lieben.“ Zwei Tage später rief er Monika an und fragte, ob sie und ihr Mann Johanna adoptieren wollten. Monika sagte sofort zu. Ralf legte den Hörer auf. Er war erleichtert, Johanna würde liebevolle Eltern haben und glücklich aufwachsen. Wenigstens das hatte er für sie, seine ungeliebte Tochter, getan.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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