Matthias Palapies

Die Bombe

»Name?«

»Friedrich Wurmling«

»Alter?«

»43«

»Wohnhaft in?«

»Stuttgart-Wangen, Porzellangasse 37 – Kellergeschoss!«

»Hm, Konfession?«

»Atheist«

»Hm hm, verheiratet? Kinder?«

»Nee, beides nein«

»So, dann unterschreiben sie mal hier - - - gut, und nun erzählen sie mir mal hübsch der Reihe nach, was sie gesehen haben wollen.«

»Ja, also das war so: Ich gehe abends wie immer durch den Kurpark nach Hause – sie verstehen. Wegen dem vielen Feierabendverkehr und die vielen Betrunkenen, die da herumlungern auf den Straßen, da ist man doch im Kurp...« –

»Ja, weiter!« Der Beamte hatte es eilig.

»Ja, also ich gehe wie immer so gegen 20:30 Uhr dort entlang und verspüre plötzlich so eine merkwürdige Kühle um mich her. Je weiter ich mich dem Zentrum des Parks nähere, um so kälter wurde es. Sicher, wir haben schon September, aber diese Kälte war doch auffallend extrem. Es wird sich wohl um den Gefrierpunkt gedreht haben. Ich ging jedenfalls näher ran und als ich durch den schmalen Baumbestand getreten war, sah ich mitten auf dem Rasen so etwas wie eine Bombe liegen...«

»So so, also eine Bombe...« sinnierte der Beamte gelangweilt.

»Sag ich doch! Also das Ding war vielleicht drei Meter lang, vorne etwas bauchig und nach hinten schmaler werdend, im Durchschnitt etwa fünfzig Zentimeter Durchmesser. Am Ende hatte es drei symmetrisch, sagen wir – sternförmig nach außen strebende Ruderblätter, könnte man sagen. Die standen wohl vierzig Zentimeter vom Rumpf ab. Diese waren von einem runden Zylinder umgeben. Das Material schien Stahl gewesen zu sein. Aber genau kann ich das nicht sagen. Ich bin nicht so nah rangegangen. Einmal, weil die Kälte unerträglich wurde, je näher ich kam und zum anderen – ich hatte Angst – ich weiß nicht wovor, aber ich hatte Angst. Und so blieb ich etwa zehn Meter entfernt davon stehen und wartete, ob irgend etwas passieren würde. Und dann sah ich es! Plötzlich wusste ich, warum mir so unbehaglich zumute war. Irgend etwas bewegte sich da. Erst konnte ich es nicht erkennen, aber als ich genauer hinsah, bemerkte ich mit unbeschreiblichem Entsetzen, wie aus diesem Ding ununterbrochen kleine runde Stangen – gleichsam hervorquollen. Sie sahen alle gleich aus, waren wohl zwanzig Zentimeter lang und im Durchmesser etwa zwei Zentimeter...«

»So so, kleine runde Stangen also...« Der Beamte zog kaum merklich die Augenbrauen hoch.

Nervös fuhr Herr Wurmling fort: »Genau! Also diese Stangen schienen zu leben, denn sie rollten ohne sichtbaren Antrieb eine kurze Strecke von – der Bombe weg, manche bogen sich um, damit sie in eine andere Richtung weiterrollen konnten und irgendwann stellten sie sich aufrecht hin und drückten sich senkrecht der Länge nach in den Boden. Nach einiger Zeit kamen sie wieder aus dem Boden heraus, aber, wie ich feststellte, schienen sie plötzlich sehr heiß zu sein. Jedenfalls leuchteten sie jetzt alle glühend rot...«

»Glühend rot, aha« Der Beamte verdrehte die Augen.

Herr Wurmling bemerkte es nicht. Unbeirrt fuhr er fort: »Ich überlegte lange, was das wohl zu bedeuten hätte und kam zu dem Schluss, es müsse sich um eine Art außerirdische ferngesteuerte Wärmeenergie-Sammelstation handeln. Wieso aber dann die Kälte? Da rätselte ich lange. Doch auch dafür fand ich eine Erklärung. Ich stellte mir vor, dass die Kälte der Energiekompression diente und somit eine höhere Ladekapazität bewirkte. Natürlich kann meine Theorie auch falsch sein, aber eine plausiblere Erklärung habe ich nicht. Da zapft halt irgend ein Planet, der vielleicht durch eine Naturkatastrophe zu weit von seiner Sonne entfernt wurde, auf unserer Erde den Wärmeenergiespeicher an, um seine Bewohner vor dem Erfrieren zu bewahren. So stelle ich mir das vor...«

»Gut gut, das genügt. Ich werde sofort dafür sorgen, dass dieser Sache nachgegangen wird und für sie bestelle ich eine Taxe, die sie sicher nach Hause bringen wird. Sie können draußen im Vorraum warten. Vielen Dank für ihre Informationen und Tschüss!« Mit diesen Worten schob der genervte Beamte den nächtlichen Besucher der Wache zur Tür hinaus.

»Nichts zu danken. Auf Wiedersehen«.

Herr Wurmling saß nur wenige Minuten im Vorzimmer des Polizeipräsidiums in Stuttgart und blätterte abwesend in einigen Illustrierten, als ein Mann mit Schirmmütze eintrat und ohne zu grüßen fragte: »Sind sie Herr Wurmling?«

»Ja!«

»Ihre – Taxe steht vor der Tür. Sie können einsteigen.«

»Danke, das ging ja schnell.«

Mit diesen Worten nahm Herr Wurmling seinen Hut von der Garderobe und begleitete den Taxichauffeur nach draußen. Er stieg in den weißen Mercedes, der Chauffeur schaltete das Leuchtschild »Frei« aus und fuhr los.

»Wissen sie, wohin?« fragte leicht irritiert Herr Wurmling.

»Klar!« Der Fahrer war nicht zu einem Gespräch aufgelegt, dachte Herr Wurmling. Vielleicht hatte er Sorgen zu Hause. Kranke Frau, ungehorsames Kind. Oder vielleicht war er in Geldnöten. Wer weiß, was ging es ihn an...

...«Hallo? – Ja, ist dort die SpuSi? – Gut, schicken sie bitte mal sofort eine Einheit – ich glaube, drei Mann werden genügen – zum Kurpark – wie? – nein, keine Schlägerei. Aber so’n komischer Knilch, der sich wichtig machen wollte. Behauptet, da läge mitten im Gras ’ne drei Meter lange Bombe, aus der kleine Stangen hervorquellen, die sich in die Erde bohren, um Hitze zu sammeln. Verrückt, aber man muss der Sache nachgehen. Also, klar ja? – okay. Ich bitte in spätestens zwei Stunden um Berichterstattung.«

Damit legte der viel beschäftigte Wachhabende vom Dienst den Hörer auf und senkte den Kopf wieder über sein Sexmagazin – das einzige Wachhaltemittel für ihn, wie er sagte. Kaffee wäre ein Schlafmittel dagegen…

...«Habt ihr was gefunden?«

»Nein, nichts! Keine Spur von einer Bombe.«

»Sollen wir vielleicht dahinten am Teich suchen?«

»Hm, eigentlich unnötig. Der Brantner sagte doch nichts von Blumen, sondern nur Gras. Und um den Teich wachsen bloß Blumen. Aber bitte, versucht’s!«...

»Schwenk mal den Scheinwerfer rüber, Anton!«

»Hier! Hier ist es. Ich sehe was. Da liegt so was wie ’ne Bombe in den Tulpen!«

»Zeig her, wo?«

Plötzlich stöhnte eine nörgelnde Stimme aus den Tulpen: »Hm, ach grunz, verdammt, Ruhe! Nicht mal hier hat man seinen Frieden...«

Die letzten Worte versickerten in unverständlichem Gemurmel.

»Anton, schalt den Scheinwerfer aus! Ha ha ha! Hält der ’nen besoffenen Landstreicher für ’ne Bombe! Hi hi, ich lach mich weg...«

»Ja hallo? Hier Wachstube eins. Diensthabender Brantner. – Ach so – also keine Bombe? Nicht die Spur davon – nur ein Landstreicher? – Gut gut! Tut mir leid, Jungs, dass ich euch umsonst aus dem Haus gejagt habe. Aber was will man machen? Es musste sein von wegen der verdammten Pflichterfüllung – na ja, nichts für ungut. Gute Nacht.«

Und damit war der Fall für den Wachhabenden beendet und als er sich eine Minute später, er musste noch das Protokoll registrieren, wieder über sein Lustblatt beugte, hatte er den Vorfall schon vergessen.

...Plötzlich wurde Herrn Wurmling bewusst, dass die Taxe gar nicht in Richtung Porzellangasse fuhr, sondern sich konstant der Stadtmitte näherte, vorbei am Kino, dann der Hauptbahnhof und da die Post. Herr Wurmling wurde unruhig und guckte nervös in die vorbeihuschenden Neonlichter. Eben wollte er herumfahren und den Taxichauffeur fragen, was ihm eigentlich einfiele, als dieser blitzschnell auf einen Knopf drückte, worauf ruckartig eine dicke Glasscheibe zwischen dem Fahrer und dem Beisitzer aus dem Boden schoss und gleichzeitig eiserne Klammern die Hüften von Herrn Wurmling umschlossen. Verständlich, dass Herr Wurmling in Panik geriet und an der Fesselung rüttelte und zerrte.

Doch er kam nicht los, und gerade wollte er wieder den Taxifahrer anschreien, was das zu bedeuten hätte, als der Fahrer grob und ruckartig auf die Bremse trat. Im gleichen Moment kamen aus dem großen, weißen Gebäude, neben dessen schmiedeeisernem Eingangstor die Taxe hielt, zwei Männer in weißen Kitteln. Sie brachten eine Zwangsjacke mit, in die sie den sich heftig sträubenden Herrn Wurmling mit viel Mühe hineinzwängten.

Ohne Erklärung brachten sie ihn ins Haus und schoben ihn in eine Gummizelle, nachdem sie ihm die Zwangsjacke wieder abgenommen hatten.

»So, der wäre sichergestellt.« meinte der Chefpsychologe des Instituts und begab sich mit seinem Mitarbeiterstab auf den Heimweg, weil es schon sehr spät war, die Frau auf ihn wartete, der Fernseher und der Hund, das Bier und dann das Bett – nein, er musste nach Hause…

Am nächsten Morgen kam er wieder zum Dienst. Er hatte gut geschlafen, rechtzeitig gefrühstückt und war guter Dinge. So ging er auch gleich, um den am Vorabend frisch eingelieferten Patienten zu begutachten. Eine Tür neben der anderen. An einer stand »F. Wurmling, 24.09.1972«. Er öffnete mit dem Universalschlüssel und trat ein. Das erste, was er sah, waren die vielen wie von übergroßen brennenden Zigaretten gemachten Löcher im Gummi- und Schaumstoffbelag des Bodens. Erst nach einer Weile sah er sie auf der notdürftigen Schlafstelle liegen. Eine Metallstange von vielleicht zwanzig Zentimeter Länge und ungefähr zwei Zentimeter Durchmesser. Sie war etwas krumm und begann zu oxydieren.

Herr Wurmling wurde nie gefunden. Sein Name war in keiner Kartei geführt. Ja, es gibt nicht einmal eine Porzellangasse in Stuttgart…
 

Beim Schreiben dieser Geschichte (im Jahr 1972) war ich ständig hin- und hergerissen, ob mein Protagonist
nun geisteskrank sein soll oder nicht. Am Ende blieb die Frage offen und die Lösung dem Leser überlassen.

Mehr über mich findet man in meinem Buch "Andante al dente": t1p.de/aad.
Matthias Palapies, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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