Claudia Savelsberg

Mein Kind soll leben!

Der Frauenarzt bemühte sich um einen betont sachlichen Ton als er Angela mitteilte, dass bei ihrem ungeborenen Kind durch eine Fruchtwasseruntersuchung „Trisomie 21“ diagnositiziert worden war, besser bekannt unter dem Begriff „Down-Syndrom.“ Seiner Informationspflicht genügend, klärte er Angela darüber auf, dass sie einen Termin bei einer Beratungsstelle machen könnte, wenn sie das Kind nicht haben wollte. Den Begriff „Abtreibung“ vermied er taktvoll, aber Angela wusste, dass sie eine schwere Entscheidung zu treffen hatte. Für oder gegen ihr Kind.

Zuhause angekommen, machte Angela sich einen Tee. Von einem Augenblick zum anderen hatte diese Diagnose schlagartig ihr Leben verändert. Das kam ihr jetzt mit voller Wucht zu Bewußtsein. Angela schrie nicht, sie weinte auch nicht. Natürlich war diese Diagnose ein fürchterlicher Schock, aber mit der ihr eigenen Disziplin bemühte sie sich, ruhig zu bleiben und sachlich zu denken. Nicht nur für sich, sondern auch für das ungeborene Kind.

Angela war in der zehnten Woche, es blieben ihr noch knapp zwei Wochen, um eine Entscheidung zu treffen; denn eine Abtreibung war nur bis zur zwölften Woche möglich. Sie musste schnell handeln und schnell entscheiden. Sie wunderte sich selbst, wie kühl sie trotz dieser Diagnose blieb.

Als sie ihrem Mann Jens abends davon erzählte, schaute er sie fassungslos und entsetzt an, weil er es nicht glauben konnte und wollte. Er hatte sich einen Sohn gewünscht, und er war überglücklich, als Angela von einer Ultraschalluntersuchung nach Hause kam und ihm die frohe Botschaft verkündete, dass sie einen Jungen erwartete. Er sah sich sich schon in der Rolle des stolzen Vaters: er würde mit seinem Sohn Fußball spielen und Rad fahren, einfach immer für ihn da sein. Und jetzt? Das Kind, sein Sohn, würde behindert zur Welt kommen. Jens konnte kein Wort sagen, er konnte seiner Frau nicht in die Augen sehen. Schließlich stand er auf und verließ die Wohnung, er wollte raus und in die nächste Kneipe, was nicht seinen Gewohnheiten entsprach. Angela saß allein auf dem Sofa, jetzt konnte sie endlich weinen, und die Tränen waren eine Erleichterung.

Am nächsten Tag recherchierte sie im Internet „Trisomie 21“, sie wollte mehr über diese Krankheit erfahren. Dann kontaktierte sie telefonisch verschiedene Beratungsstellen und bat um Informationsmaterial und Ratgeber. Sie fragte, ob es eventuell Selbsthilfe-Gruppen geben würde für betroffene Eltern. Angela sammelte Fakten, mit denen sie arbeiten konnte. Sie wollte einfach wissen, wie sich ihr Leben gestalten würde, wenn sie sich für dieses Kind entschied. Sie wusste, dass sie eine Entscheidung treffen musste, und sie ahnte, dass sie diese Entscheidung allein treffen musste. Für sich und das Kind.

Sie rief ihre Freundin Christiane an und bat um ihren Rat. Christiane war sehr gläubig und sagte umunwunden: „Jede Abtreibung ist Mord, ein ungeborenes Kind wird getötet.“ Diese Gedanken hatte sich Angela auch schon gemacht. Hatte sie überhaupt das Recht, über das Leben ihres Kindes zu entscheiden? War sie eine Egoistin, wenn sie es nicht behalten wollte? Sie hatte im Internet gelesen, dass nach der Diagnose „Trisomie 21“ vierundneunzig Prozent aller Schwangerschaften abgebrochen wurden. Eine erschreckend hohe Zahl. Was hatte die Frauen dazu bewogen? Angela wollte nicht darüber nachdenken, sie konnte es nicht. Eine tiefe Trauer überfiel sie, dann streichelte sie mit einer liebevollen Geste über ihren Bauch.

Nachmittags ging sie zu ihrer Freundin Silvia, die zwei Kinder hatte. Sie tranken Tee, und Angela schaute den Kindern beim Spielen und Toben zu. Wäre ihr Sohn auch in der Lage, einmal so ausgelassen zu spielen? Könnte er überhaupt irgendwann richtig laufen und sprechen? Silvia bemerkte die Anspannung ihrer Freundin und nahm Angela ganz fest in den Arm: „Ich weiß nicht, was ich dir raten soll. Aber ich kann dir aus Erfahrung sagen, dass ein Kind eine wirkliche Bereicherung im Leben ist.“ Angela dankte ihr und verabschiedete sich. Sie war hilflos und verwirrt. Ganz allein. Wieder streichelte sie über ihren Bauch.

Jens kam nachhause. Angela wollte ihm von ihrem Tag und ihren Überlegungen erzählen, er wollte es nicht hören. Er wollte nichts mehr über das „Down-Syndrom“ hören. Sein Sohn würde behindert zur Welt kommen, mehr musste er nicht wissen. Beim Abendessen schwieg er, dann verließ er die Wohnung und ging in die Kneipe. Es ist alles zuviel für ihn, dachte Angela. Damit entschuldigte sie sein Verhalten.

Durch Zufall erfuhr Angela, dass es ganz in der Nähe einen Kindergarten gab, der nach dem Prinzip „Inklusion“ geführt wurde. Dort waren gesunde Kinder und Kinder mit Handicap in einer Gruppe, spielten zusammen und nahmen das Mittagessen zusammen ein. Angela fuhr voller Erwartung hin. Sie beobachtete Kinder mit „Down-Syndrom“, führte ein intensives Gespräch mit der Kindergärtnerin. Zufällig traf sie eine Mutter, die ihre Tochter abholte, ebenfalls mit „Down-Syndrom“. Sie sprach die Frau einfach an, schilderte ihre eigene Situation und ihre Ängste. Die Mutter war froh, dass Angela sie so offen fragte und gab sehr gerne Auskunft über diese Krankheit, die oft zu Vorurteilen und Ausgrenzung führte. Angela hörte aufmerksam zu. Hinterher war sie ruhiger. Sie streichelte wieder über ihren Bauch.

Nachmittags kam ihre Schwiegermutter überraschend zu Besuch. Ihr Sohn Jens hatte sie vom Büro aus angerufen mit der Bitte, sich um Angela zu kümmern. Vielleicht könnte sie ihr einen Rat geben. Angela verstand sich gut mit ihrer Schwiegermutter, und diese kam auch gleich ohne Umschweife zur Sache: „Ich kann dir diese Entscheidung nicht abnehmen. Aber eins sage ich dir. Egal, wie du dich entscheidest, ich werde immer zu dir stehen. Und wenn ich ein Enkelkind bekomme, dann werde ich es lieben. Das verspreche ich.“ Angela war zutiefst gerührt und ließ ihren Tränen freien Lauf, erzählte ihrer von ihrer Trauer und ihrer Verzweiflung, ihren widerstrebenden Gefühlen. Die Schwiegermutter nahm sie fest in den Arm und strich ihr tröstend über das Haar. Beim Abschied streichelte sie liebvoll über Angelas Bauch: „Kind, du schaffst es.“

Abends kam Jens recht spät nachhause, offensichtlich hatte er getrunken. Angela saß im Wohnzimmer und las in einer Info-Broschüre über das „Down-Syndrom“. Jens baute sich vor ihr auf, riß ihr die Broschüre aus der Hand und brüllte: „Lass' es wegmachen, hast du mich verstanden? Wenn nicht, dann lass' ich mich scheiden. Ich will keinen Krüppel in meinem Haus, ich will keinen Deppen als Sohn. Ich will ein richtiges gesundes Kind.“

Am nächsten Tag entschuldigte er sich beim Frühstück dafür, dass er getrunken hatte. Aber er blieb dabei, Angela sollte das Kind abtreiben, er wollte es nicht. Wieder fielen die häßlichen Begriffe „Krüppel“ und „Depp“. Angela erkannte ihren Mann nicht wieder, und sie war auch nicht bereit, sein Verhalten zu entschuldigen. Es ging um ein ungeborenes Leben.

Angela ging in den Park, setzte sich auf eine Bank und blinzelte in die Sonne. Plötzlich war sie ganz ruhig. Sie hinterfragte sich kritisch, um auch die letzten Zweifel aus dem Weg zu räumen. Hatte sie genug Kraft, um ein Kind mit Handicap zu versorgen und auf seinem Lebensweg zu begleiten? Konnte sie diesem Kind gerecht werden? War sie in der Lage, es seinen Bedürfnissen entsprechend zu fördern? Angela konnte diese Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten. Sie würde das Kind bekommen und es lieben. Daran bestand kein Zweifel. Mein Kind soll leben, dachte sie.

Angela packte zwei Koffer mit den notwendigsten Sachen und zog in das Haus ihrer Schwiegermutter, die sie liebevoll empfing. Jens rief aufgebracht an. Angela sollte wieder nachhause kommen. Wenn sie das Kind abgetrieben hätte, dann würden sie wieder ein glückliches Paar, und sie könnten irgendwann ein gesundes Kind bekommen. Angela legte auf. Die Schwiegermutter verbot ihrem Sohn jeden weiteren Anruf und erteilte ihm vorsorglich Hausverbot.

Einige Monate später brachte Angela ihren Sohn zur Welt. Als sie ihn im Arm hielt, wusste sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ihre Schwiegermutter, jetzt stolze Großmutter, nahm den Kleinen in den Arm. Er hatte das „Down-Syndrom“, und ein Leben mit ihm wäre nicht einfach, aber er würde alle Liebe der Welt bekommen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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