Markus Zinnecker

Milos Hunde

Sarajevo, der Name der alten Stadt an der Mijaka, tief in den Bergen Bosniens, beschwört Bilder von Krieg und Zerstörung herauf. Zerschossene und zerbombte Gebäude, Trümmer auf den Straßen und rennende Menschen, die Fernsehbilder aus den frühen 90er Jahren, als der Bürgerkrieg die gesamte Region erschütterte. Oder an jenen folgenschweren Tag im Juni 1914, als hier Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich ermordet wurde. Das Zündholz an der Lunte des Pulverfasses des Ersten Weltkrieges.

Heute ist es eine friedliche Stadt, voll moderner Gebäude, die sich in seltsam harmonischem Kontrast zu den wunderschön restaurierten Altbauten gesellen. Gebäude, die von der orientalischen Pracht des Osmanischen Reichs und der imperialistischen Herrlichkeit Österreich-Ungarns erzählen, Denkmale einer vergangenen Zeit, in der die Stadt immer wieder von neuen Herren beansprucht wurde.

Fährt man einige Kilometer aus der Stadt heraus, immer dem Fluss folgend, erreicht man irgendwann das Haus eines guten Freundes. Ein bescheidenes aber sauberes Häuschen mit einem kleinen Garten, in dem ein etwas altersschwach aussehender Esel grast und einige Hühner nach Würmern scharren. Ein struppiger Hund döst im Schatten des angerosteten Lada, der neben dem Haus steht. Milo ist vielleicht fünfzig Jahre alt, aber er sieht aus wie ein alter Mann. Der Krieg, sagt seine Frau, habe ihn altern lassen. Milo sitzt auf der Bank neben der Haustür und erzählt, während sein Blick in die Ferne streift, von früher. Von jenem Thema, das ihn noch immer am meisten beschäftigt. Vom Bürgerkrieg auf dem Balkan.

 

Damals, im Jahr 1993, war er nicht hier. Er hatte Glück gehabt und war nicht in der Nähe der Stadt gewesen, als die Belagerung im Jahr zuvor begann. Er gehörte zu einer Gruppe von Partisanen, die in den Bergen kämpften. Auf welcher Seite ist dabei völlig egal, denn der Krieg kennt ohnehin nur eine Seite: die der Verlierer. Doch es gibt auch in den Reihen der Verlierer immer wieder Sieger. Milo ist einer.

Milo erzählt, dass er mit zwei Kameraden auf Patrouille war, als sie in einen Hinterhalt gerieten. Einer seiner beiden Begleiter war sofort tot. Kopfschuss. Milo und der andere Mann konnten hinter einigen Felsen in Deckung gehen und zurückschießen. Irgendwann stellte der Feind das Feuer ein und die beiden ergriffen die Chance zur Flucht. Doch auch das war nur eine List gewesen. Milos Kamerad kam nur ein paar Schritte weit, dann stürzte er tödlich getroffen nieder. Nur Sekunden später fiel auch Milo. Allerdings war er nicht tot, sondern nur am Bein getroffen. Er blutete und konnte nicht mehr laufen. Als er sah, dass sich einige feindliche Soldaten näherten, blieb er ganz still liegen, stellte sich tot. Tatsächlich funktionierte es, denn die Feinde ließen ihn einfach liegen, genau wie die beiden anderen. Nur ihre Waffen sammelten sie auf und nahmen sie mit.

Milo war stundenlang liegen geblieben, bis er ganz sicher war, dass die Feinde weg waren. Es war schon dunkel gewesen, als er zum Lager zurückkehrte. Was er dort vorfand, waren nur noch mehr Tote und Sterbende. Zerstörte Zelte und ein brennendes LKW-Wrack, mehr war von den Partisanen nicht übrig. Von einer seltsamen Mischung aus Wut, Hass, Trauer, Verzweiflung und Angst getrieben stolperte er zwischen den Trümmern des Lagers umher. Neben einem zerstörten Zelt lag eine leere Munitionskiste aus Holz und aus dieser Kiste erklang ein leises, wimmerndes Geräusch.

Als Milo vorsichtig in die Kiste sah, erblickte er einen kleinen Hund. Ein struppiger Welpe von unbestimmbarer Rasse. Für einen Moment vergaß er die Schmerzen im Bein und die Angst, kniete sich hin und nahm das zitternde Wesen in die Arme.

Milo sollte nie herausfinden, wie der kleine Kerl auf das Schlachtfeld geraten war. Wieso er in jener Munitionskiste Schutz gesucht hatte. Aber er wurde an diesem Tag zu Milos Retter. Von Schmerzen und Blutverlust geschwächt machte Milo sich auf den Weg, wohin er gehen sollte wusste er allerdings nicht. Nach einem endlos erscheinenden Marsch durch die Nacht erreichte er am nächsten Tag einen einsamen Bauernhof. Dort fand er eine uralte Frau vor, die ihn nur schweigend anstarrte. Sie hatte schon viele Soldaten aus den Bergen kommen sehen, aber noch nie einen, der statt eines Gewehres einen winzigen Hund mit sich herum trug. Vor ihren Füßen brach Milo zusammen, wurde von gnädiger Bewusstlosigkeit umschlossen.

Sechs Wochen lag er halb tot im Haus der Bäuerin danieder, so hat man es ihm später erzählt. Die alte Frau glaubte an ein Wunder, als ihr seltsamer Gast langsam wieder zu Kräften kam und seine Verletzung heilte. Später sagte Milo, dass der Gedanke an den Welpen, der ohne ihn wohl sterben würde, ihm die Kraft gegeben hätte, weiter zu laufen.

Milo blieb bis zum Ende des Krieges bei der alten Frau, half ihr, wo er konnte, und versteckte sich auf dem Heuboden, wenn Soldaten in der Nähe waren. Irgendwann war der Krieg vorbei und er ging wieder nach Hause, nahm den großen, kräftigen Mischlingshund mit, zu dem sich der Welpe zwischenzeitlich entwickelt hatte. Der schläfrige Zottel der im Schatten des Ladas döst, während Milo mir dies erzählt, ist ein Nachkomme jenes Hundes. Milo ist in seinem Dorf bekannt für seine Hunde, die nicht schön, aber treu, robust und freundlich sind. Sie gehören keiner anerkannten Rasse an, man nennt sie einfach Milos Hunde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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