Wolfgang Scholmanns

Harz 4 oder so

Ein kalter Morgen, noch knirscht der Winter unter den Füßen. Die Bushaltestelle ist schlecht beleuchtet, das Licht der Laterne flackert. Auf der Holzbank sitzen zwei Personen. Als ich mich ihnen nähere, grüßen sie, lächeln und wünschen mir einen schönen Tag. Ich bedanke mich, wünsche ebenfalls einen schönen Tag. Ich stelle mich an die Laterne, bis der Bus kommt sind´s noch zehn Minuten. Ein Ehepaar, denke ich. Sehen ziemlich abgerissen aus. Schätze mal, sie sind an die sechzig Jahre alt. Der Mann kramt in einem Stoffbeutel herum, holt eine Thermosflasche heraus. Er schüttet dampfenden Kaffee in einen Becher, reicht ihn der Dame. „Hier, das tut gut, den habe ich heute Morgen frisch gekocht. War der Letzte. Ein bisschen Zucker ist auch drin.“
„Du bist ein Schatz.“ Die Frau gibt ihm einen dicken Kuss auf die Wange.
„Kaffee hatte ich schon ein paar Tage nicht mehr. Montag gibt`s Hartzgeld, da kann ich wieder welchen kaufen.“
Der Mann kratzt sich am Kopf.
„Ja, das liebe Geld. Manche haben so viel davon, dass sie die Wände damit tapezieren können. Unsereins ist schon in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Na ja, hätte vielleicht mehr aus meinem Leben machen können, aber dieser böse Krebs. Mit dreißig hat er mir meine Frau genommen und zwölf Jahre später saß er in meinem Eingeweide. Hab ihn besiegt, aber man weiß ja nie wann er wieder zuschlägt.“
„Mir geht´s doch ähnlich. Habe mal hier mal da geputzt, als Küchenhilfe gearbeitet oder mir etwas zusammengebettelt. Das war Zuhause schon so. Wir Kinder mussten betteln gehen, damit der Vater was zu saufen hatte. Aus Dank gab´s dann Schläge, wenn die Schnapsflasche leer war und er über Gott und die Welt schimpfte. Zwei schwere Darmoperationen habe ich hinter mir. Die haben damals einige Meter rausgeschnippelt. Aber wir woll´n mal nicht klagen. Da gibt`s Menschen denen es wesentlich schlechter geht.“
Der Mann nickt, kommt auf mich zu und leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe in den Papierkorb, der am Laternenmast befestigt ist.
„Keine einzige Flasche drin. Früher fand ich hier jeden Morgen einige leere Colaflaschen. Da haben jugendliche Rollerfahrer hier ihren Treffpunkt gehabt. Mit ihren Mädels haben sie rumgeknutscht und gekifft haben die auch. Wer weiß wo die einmal landen. Ich wünsche ihnen auf jeden Fall alles Gute.“
„Ist ne feine Idee, Leergut zu sammeln. Manchmal ziehe ich auch los um leere Pfandlaschen zu finden, meistens in den frühen Morgenstunden, wenn es noch dunkel ist. Muss ja nicht jeder sehen.“
„Ja, ja, Ihr Frauen seid da zurückhaltender, schämt euch, in Müllcontainern oder Papierkörben zu kramen. Ich find´s ja auch nicht gerade prickelnd, aber mittlerweile ist mein Fell dicker geworden. Soll´n sie nur reden, für mich ist es oft ein guter Nebenerwerb.“
Trotz ihrer schwierigen Lebensbedingungen scheinen die Beiden zufrieden. Kein Groll, kein Hass klingt aus in ihren Stimmen. Das Gesprochene ist ruhig und sachlich. Manchmal, wenn ich zu ihnen hinüber schaue, fällt das flackernde Laternenlicht auf ihre Gesichter und im Leuchten ihrer Augen glaube ich ein Lächeln erkennen zu können.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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