Wolfgang Scholmanns

Karmische Vergeltung

Nebel drückt auf das Tal und der Morgen will nur langsam erwachen. Vom Fluss her hört man das leise Plätschern der Wellen und ab und zu schickt ein früher Singvogel seine Noten in die Welt. Durch die feuchten Flussauen stapft ein Mann. Es ist Opa Jan, der wie fast jeden Morgen angeln geht. Opa Jan ist schon fünfundsiebzig aber noch gut in Form. Seit fünfzig Jahren ist er Angler und hat schon manchen kapitalen Fisch an Land gezogen. Seit ein paar Jahren jedoch, wirft er die Angel gar nicht mehr aus. Er lauscht dem Flüstern des Windes, der oft spannende Geschichten in seinem Gepäck hat. Früher, ja früher war das mal anders. Da stand er mit den Jungen des Dorfes oft im Wettbewerb. Jeder wollte der Beste sein, möglichst viele Fische an den Haken bekommen und natürlich auch die Größten. Das alles ließ irgendwann nach. Er wollte nicht, für den Tod dieser Fische, Preise und Pokale gewinnen.

Auch an diesem Morgen legt er seine Angel neben dem alten Klapphocker ab. Aufmerksam, ja fast andächtig, beobachtet er das Spiel der Wellen, die von der Strömung in die Ferne getragen doch an gleicher Stelle immer wieder neu geboren werden.
In letzter Zeit hatte er seinen Blick öfter nach Innen gerichtet, suchte nach verschiedenen Antworten und Wegen.

„Jan, Jan“, hörte er plötzlich eine Stimme flüstern. „Gehe zur kleinen Schleuse. Werfe dort deine Angel aus, entferne aber vorher den Haken von der Schnur.“

Was war das? Angeln ohne Haken, wie soll denn da ein Fisch anbeißen?

„Lieber Wind, heute redest du aber Unsinn. Angeln ohne Haken, wie soll das denn funktionieren? Da kann ich den Köder ja gar nicht befestigen. Nee, nee, auf solche Scherze fällt der alte Jan nicht rein.“

Der Wind wiederholt seine Aufforderung und fügt noch hinzu:

„Befolge meinen Rat, Jan. Deine Tage sind gezählt. Geh jetzt und tue was ich dir gesagt habe.“

Die Stimme des Windes klingt heute anders als sonst. Sie ist dunkler und energischer. Jan, der sich aber davor nicht fürchtet, antwortet:

„Na dann will ich mal tun was du sagst, alter Freund. Bis jetzt hast du mich ja noch nie enttäuscht. Im Gegenteil, es war immer spannend und abenteuerlich, wenn Du Deine Geschichten aus dem Gepäck gekramt hast.“

Jan läuft die paar Meter bis zur Schleuse, entfernt lächelnd den Haken von der Angelschnur, holt aus, und sieht wie die Schnur in der Tiefe des Flusses, versinkt. Er glaubt zu träumen als plötzlich ein gewaltiger Ruck seine Angelrute durchzuckt.

„Nanu, da kann doch gar nichts anbeißen, ohne Haken und Köder.“

Er dreht an der Rolle und spürt einen leichten, gleichmäßigen Widerstand. Langsam und Stück für Stück dreht er weiter, bis plötzlich ein kleines Männlein die Uferböschung hinaufgekrabbelt kommt und sich heftig schüttelt.
„Wurde aber auch Zeit. Hättest dich ruhig schon früher an mich erinnern können.“

Jan steht mit weitgeöffnetem Mund vor dem Männlein und braucht eine Weile, um seine Sprache wieder zu finden.

„Du, du….. du siehst ja haargenau so aus wie ich, bist nur kleiner.“

„Ich bin der Spiegel deines Lebens. In mir leben Erinnerung und Gegenwart. Das Buch deiner vielen Jahre trägt noch keinen Namen, die letzte Seite ist noch leer. Der Jugend verzeiht man manches Vergehen, doch reift der Geist, so sei er voller Achtsamkeit und Frieden. Wer nicht erkennt was uns Gesetz und Pflicht, dem wird sein Spiegel nicht erscheinen. Er wird keine Lücke schließen und schwimmen im ewigen Fluss. Warst oft am Scheidepunkt, mein Lieber, doch hast du immer wieder auf den  Weg zurückgefunden.

Sag mir, wie oft hingst du am Haken?“

Ein sanfter Lichtstrahl berührte die Weite seines Geistes.

„Du, der du ich bist – Ich habe so oft am Haken gesessen, wie ich Fische gefangen habe. Der Tod jedes dieser Schuppentiere war auch der meine.“

„Gut erkannt, Jan. Ich spüre, dass dir, quasi ein Licht aufgegangen ist.

Jemand, der seine Vergangenheit kennt, sollte sorgfältig auf seine Gegenwart sehen. Was du tust und denkst, bestimmt was du im nächsten Leben sein wirst. Die letzte Seite ist geschrieben und es ist an der Zeit, das Buch zu schließen. Es wird den Titel – Der Blick nach Innen – tragen.“

Am Abend finden zwei junge Männer den alten Jan, der, mit dem Ausdruck tiefster Zufriedenheit im Gesicht, tot neben seinem Angelhocker liegt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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