Claudia Savelsberg

Auf den Abschied vorbereiten

Mein Sammy ist fast dreizehn Jahre alt, für einen Hund seiner Größe ein beträchtliches Alter. Er ist noch recht fit, braucht aber jeden Tag eine Tablette gegen seine Arthrose und eine Tablette für sein altes Herz. Ich habe ihn zu mir genommenm als er sechs Wochen alt war. Ein tapsiger kleiner Welpe, der mein Herz im Sturm eroberte. Ich habe ihm alles beigebracht, was ein Hund können muss. Er war immer an meiner Seite in guten wie in schlechten Zeiten. Er war in Krisenzeiten mein Trost und meine Freude, was ich von Menschen nicht unbedingt behaupten kann. Ich habe über ihn eine Geschichte geschrieben mit dem Titel „Die ganz große Liebe“. Er ist nunmal mein vierbeiniger Lebensgefährte, was viele einfach nicht verstehen. Sammy ist ja nur ein Tier.

Jetzt ist er fast dreizehn Jahre alt, und ich bemerke seine Veränderung. Seine Augen werden trüber, er kann nicht mehr viel sehen. Er verbellt alle Rüden, um zu beweisen, dass er immer noch der Chef im Ring ist. Er ist schreckhaft geworden, als am späten Silvester-Nachmittag die ersten Böller in die Luft gejagt wurden, sass er zitternd auf dem Sofa. Ich nahm seinen Kopf in meine Arme und beruhigte ihn. Mittlerweile hat er auch Angst vor Gewittern; wenn er das Donnern hört, dann zittert er. Dann legt er sich auf meinen Schoß wie ein Welpe, und ich beruhige ihn.

Ich weiß, dass seine biologische Uhr unaufhaltsam tickt. Lange werde ich ihn nicht mehr an meiner Seite haben, er ist ein alter Hund. Der Hund einer Nachbarin ist jetzt vierzehn Jahre alt , und ein Bekannter erzählt mir, dass seine Hündin fast fünfzehn Jahre alt geworden ist. Ich rechne und überlege, wie viel Zeit meinem Sammy noch bleibt. Vielleicht könnte er auch fast fünfzehn Jahre alt werden. Ich weiß, dass es Blödsinn ist, so zu denken. Manchmal wünsche ich mir, dass ich mit „dem da oben“ einen Pakt schließen könnte. Er soll meinem Hund noch viele Jahre schenken, die er dann von meinem eigenen Lebenskonto abzieht. Aber das wird nicht nicht funktionieren.

Ich weiß, dass ich mich langsam auf den Abschied von meinem Hund vorbereiten muss. Seine biologische Uhr tickt. Ich weiß nicht, wie lange ich ihn noch an meiner Seite haben werde. Ein alter kranker Wolf, der sein Ende nahen sieht, kann sich von seinem Rudel trennen, um in Ruhe zu sterben. Mein Hund kann das nicht. Er ist darauf angewiesen, dass ich für ihn eine Entscheidung treffe, wenn ich merke, dass es nicht mehr geht. Ich werde es an seinen Augen sehen, wenn er nicht mehr kann und nicht mehr will. Dann werde ich ihn gehen lassen, ihn auf seinem letzten Gang begleiten. So wie er mich für die Dauer seines Lebens begleitet hat.

Der Abschied wird mein Herz zerreißen; denn ein Leben ohne meinen Sammy kann ich mir nicht vorstellen. Ich geniesse jeden Tag, den wir zusammen verbringen. Ich freue mich, dass wir unser Leben noch miteinander teilen. Es ist ein glückliches Leben. Aber langsam muss ich mich auf den Abschied vorbereiten. Auf den Tag, an dem er nicht mehr da sein wird. Es zerreißt mein Herz. Ich werde ihn begleiten, er soll in meinen Armen einschlafen. Das habe ich ihm versprochen als er mit sechs Wochen zu mir kam.

Ich genieße jeden Tag mit ihm wie ein kostbares Geschenk. Seine Augen sagen mir, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist. Den Gedanken an den Abschied verdränge ich. Mein Sammy soll mich nie traurig erleben … er wird bis zum letzten Tag ein glückliches Leben haben ...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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