Astrid Mayr

away from life - lebenslänglich

Alles ist gut…

Innerhalb eines Sekunde ist alles aus, unser Leben auf den Kopf gestellt, unser Inneres nach außen gekehrt. Die Realität reißt uns aus unserer Komfortzone, wirbelt uns durch die Luft und lässt uns auf dem Boden unseres Daseins ohne Auffangnetz aufschlagen.

Wir stehen vor dem Krankenbett meiner Mutter. Blinkende, piepsende Geräte sind über ein Gewirr von Kabeln mit ihrem Körper verbunden. Der Endotrachealtubus hebt und senkt ihren Brustkorb schwer. Ihre Hände sind warm, ihre Haut schimmert in einem lebendigen Bronzeton und wäre sie nicht in diesem unwirklichen Szenario gefangen, könnte man meinen, sie spielt uns einen grausigen Streich. Ihre Werte sind stabil, ihre Organe arbeiten selbständig. Das ist gut, aber die nächsten Stunden sind entscheidend. Mit diesen abgedroschenen Phrasen, die aus einer x-beliebigen Krankenhausserie stammen können, schickt uns der behandelnde Arzt nach Hause. Wir klammern uns an diese Worte:

Es ist gut...

Es wird alles gut...

Am nächsten Morgen kommt der Anruf aus dem Krankenhaus. Ihr Zustand habe sich verschlechtert und mache eine Verlegung notwendig. Fast zeitgleich, wie zu einem Abschiedsgruß, fliegt der Rettungshubschrauber mit meiner Mutter über unser Haus. In absoluter Stille, fast so, als wären wir Fremde, jeder in seinen Ängsten gefangen, rasen wir mit dem Wagen hinterher, um rechtzeitig bei ihr zu sein, ihr beizustehen. Doch wir kommen zu spät. Die Geräte piepen nicht mehr, der Zugang zum Behandlungsraum bleibt uns verwehrt - kein Abschied mehr möglich.

Nichts ist gut…

Wird es je wieder gut?

Die Ruptur eines interkranialen Aneurysma verwandelt unsere unbekümmerten Leben innerhalb eines Wimpernschlages in Albträume. Mir bleiben nur die Erinnerung an unsere letzten gemeinsamen Minuten, an den Streit den wir hatten und das Wissen, das meine letzten Worte sie tief verletzt haben. Dieser Gedanke verfolgt mich, wird immer quälender. So darf der letzte Abschied von der Mutter nicht sein. Ich weiß, dass ich in einem scheinbar unbedeutenden Moment meines Lebens alles falsch gemacht habe und es ist niemals umzukehren. Nie wieder gut zu machen. Keine Entschuldigung die gehört wird. Nie mehr eine versöhnende Umarmung. Er setzt sich fest, wächst wie ein Tumor, der mich von innen auffrisst, mich mit seiner dunklen Energie umhüllt. Er ist wie ein Krake. In seiner böswilligen Umarmung ziehen sich seine Tentakel immer fester um meinen Körper, nehmen mir den Atem, meine Energie, meine Hoffnung. Er zieht mich hinab in das ewige Dunkel. Langsam zuerst, die Anzeichen fürs Erste kaum erkennbar, als Trauer abgetan, immer wieder Licht sehend und Hoffnung schöpfend, lässt er mich nicht mehr los, lullt mich ein. Sorglosigkeit und jugendlicher Leichtsinn lösen sich in Luft auf und werden von mir mit Erwachsen werden abgetan.

Unbewusst stelle ich mich dem Kampf, den Kraken in endlosen Ring-kämpfen zu besiegen, wie Sisyphos immer wieder von vorne. Will mich nicht davonstehlen, meine Lieben zurücklassen. Doch erscheint er immer öfter in meinem Kopf, wispert mir ins Ohr, umschmeichelt mich. Verschwindet für Tage, Wochen, Monate, um dann aus dem Hinterhalt über mich herzufallen. Er verhöhnt mich, macht mich glauben, dass ich gewonnen habe, doch meine nächste Niederlage ist unausweichlich. Ich stelle mich auf diesen Kampf ein, arrangiere mich. Durchlebe Wellenbäder der Gefühle und meistere mein Leben ohne Spuren der Verwüstung zu hinterlassen.

Wie als Belohnung für meinen heroischen Kampf wird Lebensfreude zurück in mein Denken gespült und verdrängt die bösen Geister. Sie scheinen sich aufzulösen, nur selten erscheinen sie wie dunkle Schatten und projizieren Bilder in meinen Kopf. Das gutbürgerliche Klischee erfüllt mein Leben. Wir bauen ein Haus, wir pflanzen einen Baum. Und als sie geboren wird, ist alles voller Licht, keine Schatten mehr. Die dunklen Gedanken verlieren ihre Macht. Nur mehr Liebe und Hochgefühl. Die Chance auf eine gewisse Weise wieder alles gut zu machen überstrahlt alles.

Alles ist gut...

Alles bleibt gut...

Ich habe eine Spur hinterlassen - eine wundervolle Spur. Für alle sichtbar, die sie sehen wollen. Sie strahlt kräftig, unübersehbar, jeden Tag mehr, erhellt das Dunkel für alle, die das Licht wollen. Zurück ist die Leichtigkeit des Seins, die Freude. So vieles richtig gemacht - aus Fehlern gelernt und Fehler nicht wiederholt. Mit ihrem Erwachsenwerden strahlt sie von Tag zu Tag mehr, wird stärker, kräftiger – unzerstörbares Glück.

Alles ist gut…

Aber nichts bleibt gut...

Es kommt viel stärker als beim ersten Mal, unbändiger, schmerzvoller und unkontrollierbarer. An ihrem 18. Geburtstag überrollt es mich wie ein Tsunami, schwemmt mich aus meinem sicheren Hafen. Zieht mich in die Tiefe und kettet mich fest.

Dunkelheit, Schwärze. Im 46. Lebensjahr unerwartet verstorben. Der Todestag meiner Mutter kommt auf mich zu. ich bin jetzt im gleichen Alter. Ist die Schwäche meiner Mutter auch meine? Wie wird es sein? Unerwartet? Schmerzhaft? Erlösend? Was ist mit meiner Sonne? Kann Sie weiterstrahlen, weiterwachsen? Was mit meinen Lieben?  Kommen Sie unbeschadet davon?

Der Krake hat gelernt. Er weiß viel besser, wie er mich packen muss. Wie Achilles muss ich den Gesang der  Sirenen ertragen. Ohne Ketten, ungesichert. Der Drang nachzugeben, ins Licht zu gehen wird unbändig.

Nicht nachgeben…

Nie nachgeben…

Die Jahre ziehen weiter ins Land und ich mich zurück. Nur mehr der  Krake und ich, ein endloser fast zärtlicher Kampf auf Leben und Tod. Vereint, gemeinsam. Lebenslänglich.

Alles ist gut…

Alles wird gut…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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