Hans K. Reiter

Entdecke die Möglichkeiten...

(Egbert Schmitt, Gerd Cremer, Hans K. Reiter - jeder für sich, zum selben Thema)

Hans K. Reiter – Eine bayerisch historische Betrachtung.

 

 

Vorbemerkung

Im königlich bajuwarischen Alpenraum neigt man von jeher zu Aufgeschlossenheit. Dieses wird nicht bezweifeln, wer guten Willens ist und nur ein wenig in Geschichtsbüchern blättert.

Natürlich liegt es auf der Hand, dass sich geneigte Interessenten schon in die richtigen Bücher hinein vertiefen müssen, denn es könnte sonst durchaus vorkommen, dass die nach Wahrheit Suchenden, je weiter sie geografisch nach Norden vordringen, also dem südlichen Flair bayerischen Brauchtums entrücken, zunehmend weniger Hinweise auf die freistaatliche Virtualität vorfinden. Diese Sonderheit kann sogar so weit gehen, dass sie völlig vergebens blättern und blättern, um schließlich resignierend aufzugeben und zu glauben, dass Bayern ein Mysterium sein müsse und nicht wirklich existiere.

 

Dingharting (Oberbayern), 14. 02. 2020

Viele Ministerpräsidenten haben über die Jahre dem Freistaat mehr oder weniger ihren Stempel aufgedrückt. Dem monarchischen Ideengut am nächsten kam hierbei zweifellos der selige Franz Josef Strauß, dessen Name sogar dem Münchner Flugplatz eine Aura von Weltoffenheit verleiht. Bereits als Verteidigungsminister hatte der niemals Vergessene gezeigt, was in ihm steckte. Bayerische Lebensart hat er verkörpert, wie kaum einer nach ihm. Unablässig war sein Motto, Möglichkeiten zu entdecken. So hat er quasi seinen Lebenszweck auch gelebt! Natürlich ist es dabei in der medialen Welt nicht ausgeblieben, diesem unvergleichlichen Menschen immer wieder Affären anzudichten, die jedoch eher von Neid, denn von Fakten geprägt waren. Die allseits bekannte Spiegelaffäre ist ja nur deshalb zu einer solchen geworden, weil außer diesem wehrhaften Bayern niemand den Mumm aufbrachte, den Staat gegen die aufkeimende Gefahr von links zu verteidigen. Schlagzeilen über angebliche Korruption bei der Beschaffung militärischer Waffensysteme sollten den umtriebigen Mann aus Bayern mundtot machen.
(Anmerkung HKR: Für den zum Zeitpunkt der Beschaffung nur als Holzmodell existierenden Schützenpanzer HS-30 der spanischen Firma Hispano-Suiza sollen 50 Mio DM als Schmiergelder und Provisionen geflossen sein, beim Starfighter der US-Firma Lockheed sollen es 24 Mio USD gewesen sein).

Nach der Beisetzung, die einem Monarchen zur Ehre gereicht hätte, der Tod hatte F. J. Strauß leider viel zu früh hinweggerafft, kam eine eher magere Zeit, was die politischen Nachfolger anbelangt.

Einer von ihnen, der beinahe ein würdiger Nachfolger hätte sein können, ist heute Innenminister dieser Republik und es bleibt die Feststellung: Er hat das Kreuz dazu leider nicht gehabt.

Dann aber kam er. Der Mann, mit dem es wieder aufwärts geht! Eine Lichtgestalt für die Partei!

Endlich einer, von dem mit Fug und Recht behauptet werden darf: Er sucht und entdeckt Möglichkeiten, im Wesen anders, als sein großes Vorbild damals zu seiner Zeit, aber nicht minder umtriebig.

Die Grünen zittern, weil er ihnen die Wurst vom Brot klaut und sich anschickt, als größter Umweltprotagonist der jüngeren Geschichte in die Annalen einzugehen. Ob Bienen, Kohleausstieg oder die Förderung nicht fossiler Brennstoffe, Bayern geht voran. Er geht voran!

Selbst bei der Grundrente prellt er vor. Ja, sagt er dazu, aber irgendwie a bissi prüfen muss der Staat schon und er setzt es durch! Die Liste wird immer länger.

Jovial steht er da. Klaut vor aller Augen den politischen Gegnern deren Identität, nimmt ihnen einfach weg, mit was jene glaubten, gegen die Schwarzen punkten zu können.

Das alles entdeckt der Mann und sieht die Möglichkeiten, dem Volk von dem zu geben, was sie umtreibt. Früher vielleicht hätten sie für dies und das demonstriert, aber nicht mehr heute, weil wir endlich wieder einen begnadeten politischen Vor- und Weitdenker an der Spitze haben. Andere Lager sehen ihn sogar als Bundeskanzler! Aber da hält er sich zurück, der Mann aus Bayern.

Nur die AfD, die AfD mag er gar nicht, die sind ihm zu national, zu völkisch. Das gehört sich heute einfach nicht mehr, jedenfalls nicht außerhalb der Partei, deren Chef er ist. Wir decken alles ab, rechts von uns gibt's nix. Das hatte sein großes Vorbild, seine erhabene Seligkeit, FJS, schon viel früher festgestellt und zum Leitspruch erhoben....

 

Entnervt legt Simonius Breitbichler den Dinghartinger Tagesboten beiseite. „Was die Schmierer da wieder alles so zamschreiben! Nix als Lobhudelei für den Amtierenden und des auf der Seite drei ano“, brummelt er und widmet sich seiner liebsten Beschäftigung, den Weißwürsten mit süßem Händlmaier Senf, versteht sich, und zwei reschen Brezen, wie sich‘s gehört. Ein dunkler Weißbierbock steht rechts vor ihm.

Die ersten Bissen genüsslich zuzelnd, dann kauend, eigentlich mehr mit der Zunge am Gaumen zerdrückend, wirkt das eben Gelesene noch nach und Simonius fügt dem Zeitungstext gedanklich ein wenig sarkastisch hinzu:

...Nicht genug damit! Das bayerische Raumfahrtprogramm lässt die Welt erzittern. Nicht nach Berlin, nein, nach Bayern werden sie strömen, die Wissenschaftler aus aller Welt. Da liegt das Geld, das sie haben wollen. Nicht ganz so viel, wie sie in Silicon Valley für ihre Gedanken, Studien und Entwicklungen abstauben, aber für weniger Geld dürfen sie, die verehrten Damen und Herren aus der Wissenschaft und was sich dafür hält, in Bayern ja quasi auch weniger arbeiten, sozusagen prekär Beschäftigte im akademischen Zirkel sein. In Berlin gäbe es vielleicht noch weniger zu holen, aber auch das nehmen sie mit, ganz gemäß dem Motto: Zum Leben braucht es heut' oft mehrere Minijobs! Das Übel aus dem Volk, das Prekariat, ist endlich in der Wissenschaft angekommen! Welch‘ politischer Weitblick!...

Die zweite Weißwurst verschwand gekonnt gezuzelt in des Breitbichlers Mund, dazu ein Stück der Brezn, obigschwoabt mit zwei riesigen Schlucken des kräftigen bayerischen Trunks, welcher mancherorts banal als Weizenbier diffamiert wird. Leider ist dies nicht die Stelle, um nachdrücklich auf das königlich bayerische Reinheitsgebot des hiesigen Bieres einzugehen. Nur so viel sei erwähnt, dass selbiges Gebot bis dato sogar jeglichen Bestrebungen aus Brüssel trutzte, es außer Kraft zu setzen. In dieser Hinsicht stehen die Bayern den Franzosen in nichts nach, die ihren Wein zurecht bis aufs Blut verteidigen.

Gerade, als die dritte Weißwurst (bayerisch: Weißwurscht) sich anschickte, unter der Führung einer von Breitbichlers Riesenpranken das Schicksal der Vorgängerin zu teilen, dröhnte der Bass eines Mannes durch die Wirtschaft: „Ja, mi leckst, da Simonius!“

Höflichkeitshalber wartete der Bass ein bis zwei Sekunden, d. h. er verzögerte unmerklich den Vorgang des sich Hinsetzens, um punktgenau den Hintern dann auf den Stuhl krachen zu lassen, als das letzte Wort aus Simonius‘ Mund verklungen war: „Hock di hera do!“

„I hab’s a scho g’lesen“, sagte der Bass und fügte hinzu: „Für mi san de alle plemplem! Aber so ist das heutzutage, wer s’Maul weit aufreißt, der kimmt weiter. Und der neue Oberschwarze reißt’s scho g’scheit weit auf.“

„Und was er alles weiß. Ein Studierter eben!“, brummt der Simonius zwischen zwei Zuzlern.

„Und mit am Doktor. Macht scho was her, find i. Was moanst?“, basselte der Bass.

Und so ging es eine ganze Weile hin und her. Bayerisches Pro und Contra auf höchstem Niveau. Und es war nicht zu überhören, dass der Oberschwarze, wie die beiden ihn nannten, gehörig an Achtung hinzugewann, je länger sich der Diskurs hinzog.
 

Ausklang

„Insgesamt ist‘s doch so in unserer schönen Heimat, egal ob’s an Hoamatminister dafür braucht oder a net, dass die Leut‘ damit ganz guad zurecht kumma, i moan, wenn’s was brauchen, dann überlegens a Weile und schon ham’s wieder a Möglichkeit entdeckt, wieas geh kunnt“, resümierte Simonius Breitbichler philosophisch, schluckte den Rest der dritten Wurscht hinunter, spülte kräftig nach und begehrte lautstark nach einer neuen Weißen, die, wie in seinem Fall, eigentlich dunkel war, eine dunkle Weiße eben.

„Ja, da hast wohl recht, Simonius, wer hat net an Spezi, der ihm weiterhilft, wo Gottes Mühen versagen und welcher Großkopferte kennt net no oan über eam, mit no am größeren G’schwoite als a selber hat“, brummte der Bass, in Tiefenregionen vordringend, die kaum noch zu orten waren.

„I glaub‘, dass das Entdecken der Möglichkeiten eine urbayerische Erfindung ist!“, stieß der Simonius mit erheblich gerötetem Gesicht hervor, hob sein Glas und mit oft erprobter Genauigkeit traf er im 45 Grad Winkel exakt die Unterkante des Glases seines Spezis, dem Bass.

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