Gherkin

Entdecke die Möglichkeiten

Thema: Entdecke die Möglichkeiten
Ideengeber: Egbert Schmitt
Autoren: Egbert Schmitt, Hans K. Reiter und Gerd Cremer
Launch: 14. Februar 2020, 16:00 Uhr
Plattform: www.e-stories.de


Historisches: Prag war insgesamt 173 Jahre lang Hauptstadt des Deutschen Reiches (länger als Berlin, sogar mit der Wiedervereinigung). Von 1347 - 1400, und nochmals von 1526 -1649. Berlin: Von 1867 (1871) bis 1945 Reichshauptstadt, also bestenfalls 78 Jahre. Während diese Geschichte spielt, ist Prag eine enorm wichtige Stadt in der k. u. k. Doppelmonarchie, aus dem Deutschen Bund heraus entstanden, mit etwa 60 Prozent deutscher und rund 40 Prozent tschechischer Bevölkerung.

Die erste deutsche Universität wurde 1348 von Kaiser Karl IV. In Prag gegründet. Drei deutsche Kaiser liegen in Prag begraben: Karl IV., Ferdinand I., Maximilian II.

Angesichts der Tatsache, dass einige der wichtigsten Literaten deutscher Sprache aus Prag kamen respektive durch Prag stark geprägt wurden (Kafka, Brod oder Rilke) und dass zu den einflussreichsten Zeitungen des gesamten deutschen Sprachraums das „Prager Tagblatt“ gehörte, ist Prag zweifellos stark von der deutschen Sprache und durch das Habsburger Reich geprägt. Dr. Franz Kafka liegt im Neuen Jüdischen Friedhof in Prag begraben, schrieb seine bekanntesten Werke in deutscher Sprache. Ihm zu Ehren verfasste ich diese Fortsetzung seines Amerika.

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PROLOG

Kafkas Roman-Fragment „Der Verschollene“ (von ihm selbst so betitelt, bekannter jedoch unter dem Namen „Amerika“) fortzuführen, zu einem Abschluss zu bringen, mag vielen Lesern als ein Sakrileg gelten. Ich habe nicht den Anspruch und auch nicht das Talent, mich mit dem Meister zu messen, noch an ihm gemessen werden zu wollen. Ich setze lediglich, in ernsthafter Manier, fort, was ich selbst schon so oft mit großer Liebe zum Detail gelesen habe. Hat sich das nicht Jeder schon einmal gefragt, während der Lektüre: Wie könnte diese Geschichte denn wohl ausgehen?

Ich unterteilte meine Arbeit in insgesamt 4 Kapitel: I = Die Reise, II = Die Ankunft, III = Arbeitstage, IV = Die Wiedervereinigung. Mein Appendix schließt genau dort an, wo das Fragment Kafkas endet. Der Zugreise von Clayton nach Oklahoma City. Dort soll Negro, so nennt sich Roßmann hier, einen technischen Arbeiter beim Natur-Theater von Oklahoma ersetzen bzw. die dortige Crew vergrößern. Eine Erklärung, warum es Karl Roßmann beim Personalchef der 10. Werbetruppe als „Negro“ versuchte, hat es nie gegeben. Mir war bewusst, dass Roßmanns fehlende Papiere in Oklahoma City dazu führen würden, seinen Weg zurück verfolgen zu müssen. Und ohne Zweifel wären die Behörden auf das Hotel Occidental gestoßen, und auch auf den Senator, Edward Jakob. Man hätte demnach einen Verbleib Roßmanns beim Natur-Theater Oklahoma auf gar keinen Fall dulden können. Wie wollte er das Pseudonym denn erklären? Da es damals genug Menschen gab, die eine Arbeit suchten, hieß es bei solch delikaten Fällen: Im Zweifel gegen den Arbeitswilligen. Ein anderer hätte diesen Posten erhalten. Und Karl Roßmann wäre erneut, wie einst nach dem Rauswurf beim Onkel, in die Obdach- und Mittellosigkeit, hinein in dieses so gewaltige Land Amerika (dem Land seiner Träume und der grenzenlosen Möglichkeiten), entlassen worden.

Mir gefiel jedoch der Gedanke, dass Roßmann nun endlich auch einmal Fuß fasst. Nach dem Scheitern A (Senator/Onkel), dem harten Rauswurf B (Hotel Occidental) und der Beendigung des Dienstverhältnisses C (Brunelda), wollte ich, dass dieser gebeutelte, so junge Mann endlich seine Bestimmung, seinen Platz im Leben findet.

Für mich erschloss es sich, ihm beim Natur-Theater Oklahoma einen festen Platz zu geben, eine Arbeit, die er mit Zufriedenheit und leichten Glücksgefühlen erlebt - und ausführt. Er hat jedoch einen heimlichen Traum. Und hier schließt sich der Kreis zum diesmonatigen Ideengeber Egbert Schmitt: Entdecke die Möglichkeiten heißt sein für diesen Monat vorgegebenes Motto. Genau das wird Roßmann auch: Seine großen Möglichkeiten, den Talenten entsprechend, ausschöpfen. Ohne dabei Verpflichtung und Demut zu vernachlässigen. Konsequent und stringent geht er seinen Weg. Eine Bemerkung noch: Sollte ein Verlag Interesse zeigen, werde ich die 4 Kapitel deutlich auszubauen wissen, gegebenenfalls auch noch ein 5. Kapitel anhängen (Eine neue Periode/New period). Die Romanlänge dürfte damit dann auch erreicht werden.

Man muss „Amerika“ nicht gelesen haben, um meinen Protagonisten R zu verstehen, seine Handlungsweise nachvollziehen zu können. Man muss nur eine gewisse Liebe zu Franz Kafka „mitbringen“, um Freude an dieser Lektüre zu haben. Ich habe meine Sprache der des Dr. Franz Kafka zu seiner Zeit angeglichen. Ich schreibe also vom „Mute der Verzweiflung“, „Er befand sich im Hause“ oder auch von einer „Melodei“. Die Schneeketten kommen darin vor (Anitderapants), und auch das Portefeuille. Ein Sessel heißt, folgerichtig, Fauteuil.

Völlig antik ist der Stil jedoch nicht. Es sollten ja nur Ähnlichkeiten daran erinnern, in welchem Stil Kafka einst schrieb, eben der eigenen Epoche gemäß. Nebenbei: Dass er Jiu Jitsu erwähnt, gehört mit zum Bild eines „aufgeschlossenen Europäers“ seiner Zeit. Ich habe mich im Gegenzug dazu entschlossen, den jungen Karl Roßmann Cola trinken zu lassen. So gleicht sich denn alles aus im Leben. Aus dem Europäer wird, mit den Jahren, ein junger Amerikaner, der es versteht, sich den Gegebenheiten sehr gut anzupassen. Kafka-Kenner sollten mich nicht verdammen, es wäre ja, wie schon erwähnt, vermessen, sich mit Kafka in einem Satz nennen zu lassen (und diejenigen, die Dr. Franz Kafka noch gar nicht kennen, sollten sich vielleicht zum Einstieg gerade „Amerika“ einmal vornehmen; dieses Roman-Fragment bietet eine ergötzliche Reise in eine recht bizarre Welt - wortgewaltig, phantasievoll und so reich an Wendungen).

Dies ist Version II, da ich die erste Version aus einem Gefühl heraus sofort auf einem Stick abgespeichert hatte und diese Datei hernach nicht wieder öffnen konnte. Leider hatte ich dann im PC alles gelöscht. Da der Stick nicht mehr funktionierte, wurde die vorliegende Version völlig neu geschrieben. Merke: Kaufe keine billigen USB-Sticks... Man mag sich in etwa meinen Frust ausmalen, als ich gute 32 Seiten verschwinden sah. Den Mut, völlig neu anzusetzen, hatte ich erst nach über 2 Wochen der Trauer.


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Teil I - Die Reise (Journey)


Ihre Zugreise begann in Clayton, Missouri. Das Ziel würde in 2 Tagen und 2 Nächten erreicht werden, Oklahoma City, Heimat des Natur-Theaters Oklahoma. Karl war froh und sogar ein wenig glücklich darüber, Giacomo, seinen Freund aus der Zeit im Hotel Occidental in Ramses, bei und um sich zu haben. Wie ein Welpe hüpfte und sprang Giacomo, sah aus dem Fenster, zupfte Karl am Ärmel, wenn er etwas Aufregendes zu vermelden hatte, das gerade an ihnen vorbei zog, oder rannte im Gang, aufgeregt und kaum zu bremsen, auf und ab. Er flitzte und hüpfte, sprang und tobte herum, so dass Karl, nur unwesentlich älter als Giacomo, tatsächlich dachte: Die unbeschwerte Jugend, so unbekümmert, so gedankenlos frei und wild. Dich wird man auch noch zu zähmen wissen. Eigene, sehr trübe Erinnerungen türmten sich in seinem Hirne auf.

Karl Roßmann ließ die letzten Tage Revue passieren: „Sie sind angenommen!“ Das hatte er erst 3 mal in seinem Leben gehört: Zunächst als 16jähriger Liftjunge im Hotel Occidental, dann als persönlicher Diener der Sängerin Brunelda, und schließlich noch vom Personalchef der 10. Werbetruppe des Theaters von Oklahoma, der auch im Waggon saß, ganz vorne. Er residierte dort, umgeben von seinem Stab. Auch Karls alte Freundin Fanny saß vorn bei ihm.

Aller Papiere beraubt, hatte Karl sich ihm als „Negro“ vorgestellt. Und hatte selbst nicht die geringste Erklärung dafür, warum er dies getan und zudem noch, welchen Zweck er damit verfolgt hatte. Es konnte ihm doch nur späteren Verdruss bereiten. Wie der Personalchef schon sagte: „Wir können diese Angelegenheiten hernach alle prüfen.“ Diese spätere Prüfung würde doch ergeben, dass er nicht jener Herr Negro, sondern Roßmann ist. Karl Roßmann. Ohne jede Not gelogen zu haben, dies zwickte das Gewissen des jetzt fast 22jährigen sehr. Sicher, er hatte auch schon Polizisten belogen, war sogar von ihnen verfolgt worden. Sehr oft hat ihn die Polizei verachtet, denn die Verachtung der Polizei ist besser als ihre Aufmerksamkeit. Und nun - das Wissen, dass seine falschen Angaben einer Überprüfung nicht würden standhalten können, nagte beständig an ihm. Mutig streckte er sich, und bedeutete Giacomo, der noch immer vor Aufregung wie wild in den Gängen tobte, hier auf ihn zu warten, und ging zum Personalchef nach vorne. Höflich wartete er ab, bis der mächtige Mann mit gewaltigem Backenbart für ihn etwas Zeit zu erübrigen bereit schien, da er ja gerade einen Stoß Papiere durchsah, als Karl so plötzlich vorstellig wurde. Geduldig wartete Karl, sah ab und an zu Fanny hinüber, die aber auch stark beschäftigt zu sein schien, bis dann endlich Blickkontakt zum wichtigen Manne hergestellt werden konnte.

„Ja also, mein Herr? Was kann ich denn nun für Sie tun? Ich hoffe, es gibt keinerlei Beschwerden zu vermelden?“ „Aber nein“, beeilte Karl sich zu versichern. „Darf ich vielleicht kurz Platz nehmen. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.“ „Gern“, sagte, sehr freundlich, der etwa 50jährige. „Setzen Sie sich und schütten Sie mir das Herz aus. Was gibt es denn?“ „Ich“, begann Karl ein wenig stockend, „ich hatte mich bei Ihnen als ‘Negro’ vorgestellt, erinnern Sie sich?“ Der Allgewaltige nickte bedächtig, fingerte dann ein Papier aus dem Stoß heraus, betrachtete es kurz und meinte dann: „Negro, allgemeine technische Arbeiten. Konnte keine Papiere vorlegen. Angeblich gestohlen und/oder nicht auffindbar“. Murmelt, deutlich leiser: „Macht einen guten Eindruck, Mr. Negro war zuvor in einem Büro beschäftigt, ist derzeitig stellungslos.“

Richtete den Blick auf Karl. „Also gut, Mr. Negro. Das mit den Papieren können wir ja leicht in Oklahoma City regeln. Wir fordern aus dem Zentralregister Ihre Kopien an. Das ist ja überhaupt kein Problem.“ „Das ist es ja eben“, meinte Karl da, „Sie werden herausfinden, dass ich nicht dieser ‘Negro’ bin. Mein Name ist Karl Roßmann. Ich bin ursprünglich Deutscher, mittlerweile habe ich die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten, bin nun seit 5 Jahren in den USA. Dass die Papiere gestohlen wurden, ist richtig. Aber warum ich Ihnen gegenüber angab, ich sei dieser ‘Negro’, glauben Sie mir, ich habe diesen Namen erfunden und wüsste nicht, ob ich ihn jemals zuvor auch nur einmal gehört hätte, dies alles ist mir selbst ein sehr großes Mysterium.“ Fanny schien Karl noch nicht einmal bemerkt zu haben.

Der Personalchef sah ihn lange an. Scharf musterte er den gegenüber sitzenden, so jungen Mann. Karl schien dieser Blick nicht unbedingt abweisend oder abschätzig. Fanny indessen hatte überhaupt nicht zugehört. Sie war mit anderen, anscheinend sehr wichtigen Dingen beschäftigt, schaute nicht einmal hoch. Karl konnte sich eines plötzlich aufkommenden Gedankens nicht erwehren: Es stand nicht zum Besten. Ihm schien es, jäh und überfordernd über ihn hereinbrechend, für kurze Zeit so lähmend, so überaus aussichtslos, ein fruchtloser Versuch zu werden, den wichtigen Mann dort für sich einzunehmen, ihm etwas erklären zu müssen, das letztlich unentschuldbar zu bleiben hatte, ja, unentschuldbar und unwiederbringlich verloren schien. Zögerlich fuhr er fort, unsteten Blickes, leicht nach Fassung ringend (ging es doch um seine Zukunft, wieder einmal):

„Ich konnte mit dieser Scham und dem Wissen, Sie so dreist belogen zu haben, einfach nicht mehr weiter unbeschwert einer schönen Zukunft entgegen fahren, durch dieses wunderschöne Land (gerade fuhr der Zug durch den Mark Twain National Forest, Karl konnte nicht umhin, den Blick, ab und an, von den Augen des Personalchefs zu nehmen um, nur kurz, die Herrlichkeit dieses Naturschauspiels zu bestaunen; dann wieder zwang er sich, den Blickkontakt zum Gesprächspartner zu suchen, um nicht vollends unglaubwürdig zu wirken), mit den guten Aussichten für mich und meinen Freund Giacomo...“ Und Karl deutete, wie ungefähr, in die Richtung der hinteren Sitzreihen, wo allerdings der Angesprochene gerade nicht zu sehen war.

„Das ist mir ja eine schöne Eröffnung, Herr... Herr Roßmann. Ich muss erst einmal den Namen Negro aus dem Kopf bekommen. Was mag Sie da nur geritten haben, als Sie mir diesen Namen als den Ihrigen zu verkaufen suchten... Nun, wie auch immer es sich verhalten mag. Es ist nun einmal  passiert. Sie stehen dazu. Endlich (er schaut auf seine teure Armbanduhr), nach 6 Stunden Fahrt, haben Sie doch den Mut angehäuft, mich darauf anzusprechen. Und, junger Mann, das war gut so. In Oklahoma City hätten wir bereits nach 1 Woche herausgefunden, dass es diesen ominösen Herrn Negro nicht gibt. Die Entscheidung der Intendanz wäre, ganz ohne jeden Zweifel, gewesen, Sie, Herr Roßmann, wieder aus dem Dienst zu entlassen. Sagen Sie mir frank und frei: Sind Sie in allerlei Ungesetzlichkeiten und vielfältige Unregelmäßigkeiten verwickelt, junger Herr Roßmann? Laufen Sie vor etwas davon?“

„Aber nein, werter Herr. Ich versichere, dass mich weder illegales Handeln oder eine Flucht zum Natur-Theater von Oklahoma führten. Lediglich der Wunsch nach fester Arbeit, und einer Heimat, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich möchte ja nichts anderes, als endlich ankommen. Schon viel zu lange bin ich rastlos unterwegs, stets auf der Suche nach ein wenig Glück und Ruhe. Wie glücklich doch der Augenblick, da ich von Ihnen in die große Gemeinschaft der Mitarbeiter des Natur-Theaters, und ich darf sagen, überaus freundlich aufgenommen worden bin!“

„Nun, dann darf ich Ihnen zu Ihrem späten Mute durchaus gratulieren. Hätten Sie diese Courage nicht aufgebracht, so wären Sie binnen dreier Tage, in Oklahoma City, von der dortigen Intendanz wieder entlassen worden. Und die Zugreise nach Clayton hätte man Ihnen sicherlich nicht bezahlt.“

Karl war blass geworden bei dieser Rede. Schon zu oft war er Versäumnissen aller Art wegen entlassen worden in seinem doch noch so jungen, aber an Erlebnissen so reichen Leben. Sein Onkel, der schwerreiche Senator Edward Jakob, hatte ihn in unbekannte und unheilvoll dräuende, völlig ungewisse Zeiten entlassen. Und das nur, weil er eine Einladung angenommen hatte, bei der er eine Englischstunde, bei seinem Professor, hätte ausfallen lassen müssen. Dann die Entlassung im Occidental, als er nicht zum Dienst am Fahrstuhl erschienen war. Schließlich der Rauswurf bei jener gewichtigen Sängerin Brunelda, der er es hatte niemals recht machen können. Sie bekam ja bei jedem Fehler gleich Galle, wie einst auch der direkte Vorgesetzte aller Liftjungen im Hotel Occidental, Oberkellner Isbary, ein wahrlich cholerischer Mensch schlimmster Güte. Es sind schreckliche zwei Dienstjahre bei dieser dicken Brunelda gewesen. Zu dem grenzenlosen Geiz gesellten sich überdies ein noch gnadenloserer Sadismus und die Lust, den Niederen auf mannigfaltige Art und Weise zu quälen. All die Anschuldigungen: „Du hast mein Parfümfläschchen versteckt... Du hast Besteck und Tafelsilber gestohlen und heimlich verkauft. Du bist ein Nichtsnutz und ein fauler, elendig fauler Strolch. Geh mir aus den Augen, Faulpelz!“ Sie ist launisch, närrisch und über alle Maßen missgünstig gewesen, diese Brunelda. Aber im tiefsten Herzen auch eine arme, geplagte Seele. Sie gab nur weiter, was ihr selbst angetan worden war. Ein Opfer, das sich Opfer suchte.

Karl hatte das alles nur ausgehalten, weil Brunelda gut zu zahlen pflegte. Als Diener, nachdem die vorherigen entlassen worden waren, der Ire Robinson und der Franzose Delamarche, diese beiden gescheiterten Maschinenschlosser und Tagediebe, konnte er sich täglich eines halben Dollars erfreuen. Da er nicht dem Trunk ergeben war, nur sporadisch eine Pfeife zu rauchen pflegte, keinerlei Laster innewohnen hatte, wuchs sein Erspartes ganz ordentlich an. Dieses Geld sandte er, im Quartals-Turnus, an die gute Johanna Brummer, 20 Jahre älter als er selbst, einstige Dienstmagd im Hause Roßmann, mit der er einen Sohn, Jakob, hatte, jetzt 6 Jahre alt. Diese vom Vater lustlos „Vorfall“ benannte Geschichte hatte ja überhaupt erst die Umsiedlung nach Amerika begründet. Nur weg, so die Devise damals. Mag er beim Onkel, dem großen Senator weit überm Teich, einen Neuanfang wagen. Dort wird er es gut haben und eine exquisite Ausbildung genießen, im Kontor, bei den vielfältigen Geschäften des immens reichen Onkels Edward Jakob, dem wohl reichsten Speditionskaufmann in New York seit Entstehung dieser gewaltigen Stadt, 1609 von Holländern gegründet.

Seither sandte Karl das Geld an Johanna. Der tägliche Barber Half Dollar wurde ihm wöchentlich ausgezahlt. Kost und Logis hatte er frei, also konnte er im Quartal rund, zog man das Wenige für Tabak und die eine oder andere Süßspeise ab, etwa 40 $ in die alte deutsche Heimat schicken, nach Prag. Sein Sohn Jakob hatte mittlerweile den Geburtsnamen der Mutter angenommen, Bendelmayer. Dies schien, für seine Eltern, die bestmögliche Absicherung, rein rechtlich, für Johanna Brummer zu sein. Und die war´s zufrieden. Mit dem übersandten Geld konnte sie alle Auslagen für sich und ihr Kind decken, zudem blieb etwas übrig für die persönlichen Belange. Karl war so stark in die Vergangenheit abgetaucht, dass er vom Personalchef ermahnt werden musste: „Junger Mann, hören Sie. Ich sagte: Man hätte Sie entlassen müssen. Aber durch Ihren Mut, den Fehler zu beichten, werde ich mich für Sie einsetzen. Mein Rat ist, auch der Intendanz in OK City gegenüber so offen und ehrlich zu sein. Vielleicht vergibt man Ihnen die Unbedachtheit. Sagen Sie einfach, Sie wären enorm nervös gewesen. Dies war schon Grund für allerlei Unregelmäßig- und Unstimmigkeitkeiten. Sie waren schlicht nervös und etwas verwirrt. Das sollten Sie sagen. Aber mitteilen, doch, junger Mann, mitteilen muss ich diesen Vorgang der Intendanz selbstredend.“

Karl bedankte sich überschwänglich, schritt freien Herzens zurück zum Sitzplatz - und musste dort erkennen, dass Giacomo, sein alter Liftboy-Kollege, nicht vor Ort war. Beunruhigt sah Karl sich um. Dieser Springinsfeld. Kaum zu bändigen, wie ein Irrwisch, immer in Bewegung. Einst einer der besten Liftjungen, neben Renell, Beß und Roßmann selbst. Aber eben auch ein Unruheherd und hyperaktiver Bursche, sogar jetzt noch, mit fast 21 Jahren.

Karl fand ihn schließlich. Giacomo hatte lediglich die Toilette aufgesucht. Beruhigt brachte er seinen Freund zum Sitzplatz zurück und erzählte ihm dort alles über den mysteriösen Mr. Negro und wie ihm diese Lüge beinahe die Zukunft verhagelt hätte. Sein Freund bewunderte seinen Mut. „Das ist enorm, finde ich, einfach so, aus dem Hut gezaubert, einen neuen Namen für sich zu erfinden. Gerade dann, wenn einer der Offiziellen ihn zu hören wünscht. Ganz erstaunlich, Roßmann. Doch doch, damit wächst du sogar noch in meiner Achtung. Früge man mich, so wüsste ich mit ‘Herr Hagestolz’ zu antworten. Jawoll, so möchte ich heißen: Giacomo Rabo Hagestolz“.

Karl schmunzelte. Wie leicht Giacomo doch zu beeindrucken schien. Er sah wieder aus dem Fenster. Der Mark Twain National Forest barg so viel an Wunderherrlichem, dass er seinen Blick kaum abzuwenden in der Lage war. Auch Giacomo kam jetzt zur Ruhe und blickte lange aus dem Fenster. Erhabene Natur stellt Schweigen her. Dies wunderbare Land, dachte Karl. Es ist so groß, so unfassbar groß und wunderschön. Eine Träne rann, von ihm unbemerkt, über seine linke Wange. Sollte er denn endlich einmal Glück haben? Ankommen? Eine Aufgabe haben, der er gewachsen schien? Was hat das zu bedeuten? Technischer Arbeiter. Er war eingestellt worden für die kleineren  technischen Wartungen im Natur-Theater von Oklahoma, das ja, den wunderbaren farbigen Prospekten gemäß, riesig ausgelegt sein musste. 1,50 ha Fläche. Das musste man sich einmal vorstellen. Karl konnte es nicht. Er musste so etwas sehen, um es begreifen lernen zu können. So, wie er diesen wunderschönen National Forest hier, der an ihnen ohne jeden Halt vorüber schob, weiter, und immer weiter, einfach nicht begreifen, nicht einordnen konnte. Auch das wäre wohl, als reine Erzählung, eine unbegreifliche Welt. Sah man den üppigen Reichtum einer solchen herrlichen Landschaft, so konnte man es doch nicht in Worte fassen. Die meisten der Passagiere behalfen sich mit einem langgezogenen „Ah“ oder einem schlichten „Oh“.

Fanny, seine frühere Kollegin aus den Ramses-Zeiten, mit der er in der Pension Brenner zusammen gewohnt hatte, gesellte sich zu ihnen. Sie hatte Sandwiches dabei, sehr willkommen wurden diese begutachtet und hernach verspeist. Giacomo wollte unbedingt das Thunfisch-Sandwich, strahlte, als er es auch erhielt, Karl nahm, mit Freuden, das Truthahn-Sandwich. Fanny erzählte von ihrer Aufgabe in Clayton, als Werbe-Engel mit der Trompete. Während der Zeiten, da die 10. Werbetruppe in Clayton stationiert war, 3 Tage lang, hatte sie, auf dem hohen Podest, die Trompete gespielt. Einen sonderlichen Eindruck hatte das auf die Bewerber nicht gemacht. Karl schien es, als stieße die Aktion eher ab, denn Menschen anzuziehen. Hätte Karl da nicht, als erster überhaupt, die Hemmschwelle überschritten und wäre über Podium und Bühne drüber und hindurch marschiert, hätten möglicherweise nur sehr spärlich Bewerber vorgesprochen. Womöglich gar keiner. Es musste immer einen 1. geben. Vielleicht war es auch die Schuld eines Personalchefs, der seinem Engel Fanny die Trompete in die Hand drückte, wohl wissend, dass jene sie nicht zu spielen in der Lage war. Karl war zu ihr hoch geklommen, auf das große Podest, und hatte dann die Trompete gespielt. Gut und wunderschön hatte er sie gespielt. Voller Gefühl.

„Wir können Jeden gebrauchen, der guten Willens ist!“ So wurde proklamiert. Und tatsächlich, bis auf wenige Ausnahmen waren alle, die vorgesprochen hatten, auch angenommen worden. Und die Möglichkeiten waren mannigfaltig. Es wurden ebenso Bürokräfte benötigt als auch Arbeiter jeglicher Couleur. Es wurden Musiker eingestellt und Schauspieler, es wurden Maler und Näherinnen benötigt, angenommen wurden auch Köche/Köchinnen, Elektriker, Schlosser, Tischler und Dekorateure. Man macht sich keinen Begriff davon, wie groß dieses Naturtheater von Oklahoma überhaupt ist.

Fanny erzählte beim Essen, es gab auch Holundersaft, der allen sehr mundete, dass weit über 9.000 Menschen insgesamt für das Theater tätig wären. Und ohne Zweifel genügte diese Anzahl an Beschäftigten nicht, den Betrieb in Gang zu halten. Daher waren, an insgesamt 6 strategischen Punkten in den USA, Werbeveranstaltungen abgehalten worden, alle zeitgleich, und zwar in Clayton, Missouri, in Salt Lake City, Utah, in Austin, Texas, in Springfield, Illinois, in Harrisburg, Pennsylvania und auch in Nashville, Tennessee. Man hoffte auf weitere etwa 2.000 - 3.000 Kräfte, die man auf diesem Wege anwerben hatte wollen. Die Gesamt-Aktion war nun, seit heute morgen erst, beendet worden. Mit dem Aufbruch, von allen Seiten der Staaten, in das schöne Oklahoma City, würden die neuen Kräfte dem riesigen Naturtheater beigeordnet und eingemeindet werden. Die gewaltige Vorfreude konnten jetzt alle in höchstem Maße auszuschöpfen suchen, da doch das eine große Hindernis, von dem Karl bereitwillig auch Fanny erzählte, allerdings unter schamroten Wangen, ausgeräumt schien. Der Personalchef würde sich für ihn einsetzen, bei der General-Intendanz in OK City. Die gute Fanny, sie schien über diese Geschichte ergötzt, keineswegs verärgert, traurig. Sie schmunzelte und wiederholte versonnen den Namen: Negro, Negro. Dann lachte sie laut auf: „Du bist doch ein gar spaßiger Kauz, Roßmann. Langweilig wird es mit dir niemals.“

Fanny war außergewöhnlich gut gelaunt. Sie holte alsbald die Trompete, bat Karl, der sie doch so schön zu bedienen wusste, ein Lied zu spielen. Karl spielte, frei aus dem Kopf, „Stenka Razin“, eine alte, russische und sehr traurige Melodei, zu Tränen und zur inneren Einkehr rührend. Die Textzeile „Wolga, Wolga, liebe Mutter, Wolga, du russischer Strom, du hast noch kein Geschenk gesehen von einem Don Kosaken! Und damit keine Zwietracht herrsche unter freien Menschen, Wolga, Wolga, liebe Mutter, wegen eines schönen Mädchens - nimm du es!“ Wissend, dass die schöne Prinzessin, der Wolga geopfert, über Bord eines Schiffes geworfen worden war. Es ist so traurig, so unfassbar traurig, dieses Stück. Warum musste Karl es jetzt, an diesem doch eher ausgelassen-fröhlichen Orte spielen? Dreier bedeutungsvoller, sehr geheimer innerer Zeichen wegen. Da war zunächst die Sehnsucht nach der Heimat, die für immer verloren schien. Dann die stille Wehmut, seines doch noch so kleinen Jungen wegen, der sicherlich auch den Vater, nicht nur die Obhut der Mutter, brauchte. Ach Jakob, seufzte Karl in Gedanken, und beim Spielen rann ihm, erneut, eine sanfte Träne über die Wange. Dieses Mal hatte sie sich die rechte Seite Karls ausgesucht. Alle waren hoch ergriffen, als sie den Bläser weinen sahen, während des Spiels. Keiner begriff. Alle dachten wohl: Die Melodei ist´s, diese melancholisch schöne, getragene und sentimentale alte Weise. Doch sie irrten. So sehr Karl Stenka Razin auch liebte, heimlich liebte er auch Fanny, diesen süßen Fratz mit der kessen Kurzhaarfrisur. Nur ein einziges Mal hatte er in ihrem Schopf kurz wühlen dürfen. Ein Kuss nur ward ihm vergönnt. Eher aus Übermut entstanden, aus der Laune heraus. Und dies war also die dritte, zarte Sehnsucht, die Karl beim Spielen erschauern ließ.

Herrlich war es in Butterford. Vollmond. Eine magische Nacht. Auf einem Volksfest hatten sie sich amüsiert, endlich einmal raus aus Ramses, hatte Fanny gerufen. Da hatten sie sich einst geküsst. Nur ein einziges Mal. Beide waren danach erschrocken auseinander gefahren, fast entsetzt. Äußerst befangen und schamvoll hatten sie sich angesehen. Danach. Fanny beeilte sich zu sagen, dass es ein einmaliges „Malheur“   gewesen sei. Er müsse doch an seine Verlobte denken, die Johanna Brummer, und seinen Sohn Jakob. Karl sah das ebenso. Und dennoch. Seit dieser Zeit des einen Kusses, da wurde ihm das Herz ganz leicht, erblickte er die süße, kecke Fanny. So leicht kann ein Herz doch sein. Und doch ja auch so schwer, bedenkt man denn die Unmöglichkeit des Ansinnens. Die nahe und dennoch unendlich ferne Fanny. Schwer das Herz, damals, gleich nach dem Kuss, und...

eben wie jetzt so schwer, da er Stenka Razin spielte. Als er geendet hatte, stand ein sehr russisch aussehender Passagier auf und klatschte begeistert Beifall, frenetisch: Krasivyy, Spasibo, Spasibo (phonetisch: Spasiba), [Übersetzung: Schön! Danke, danke!] brüllte der Mann, der entfernt an den alten Oberportier im Hotel Occidental,  Feodor, erinnerte, diesen grausamen Mann, der Karl so zu quälen verstanden hatte, sogar noch nach seiner Entlassung durch den argen Oberkellner Isbary. Ein weiterer, mutmaßlich russischer Mensch drängte sich an den Karl heran und umhalste ihn, bot Wodka aus einer schmuddligen Glasflasche an. Dieser erinnerte ihn wiederum an den Rumänen Schubal, den Obermaschinisten der Hamburg-Amerika-Linie, der auch Karls Koffer auf dem Schiff gefunden hatte, für den er sich so stark verwenden hatte müssen. Karl R. musste sich des Mannes erwehren, um nicht auch noch von ihm abgeküsst zu werden. Fanny und Giacomo wehrten den Herrn sehr freundlich ab, man möge den Künstler doch jetzt bitte in Ruhe lassen, damit jener seiner inneren Erregung Herr werden könne, in Abgeschiedenheit und Stille. Dies leuchtete dem leicht trunkenen Manne ein. Die Künstlerseele ist dem leidenschaftlichen Russen eine heilige Angelegenheit. „Alles, was der junge Herr braucht... Alles, was er nur braucht...“ Sich mehrfach verbeugend, entfernte sich „Schubal“, nahm auch seinen Freund „Feodor“ mit. Karl atmete erleichtert auf. Noch viermal hörte er „Spasibo“.

Sie passierten auf ihrer Reise, von Missouri ausgehend, die Staaten Arkansas und Texas. In Fort Worth, Texas, gab es einen längeren Aufenthalt von fast 6 Stunden. Dann ging es auf, zur letzten Teilstrecke. Auf nach Oklahoma City. Die Reisenden waren es müde, die Landschaft zu betrachten. Nicht, dass diese jeden Reiz bereits verloren hätte. Nein, es war eher eine Abnutzungserscheinung angesichts all dieser Schönheit. Siehst du nur mehr Unfassbares, kannst du das „Ah“ und „Oh“ am Ende kaum noch glaubhaft vermitteln. Karl fasste sich wiederholt mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand an die Nasenwurzel. Weder die ausgelassenen Streiche seitens Giacomo, noch die Besuche der schönen Fanny, nichts konnte ihn so richtig erfrischen. Er sehnte sich so sehr nach der Ankunft. Endlich in Oklahoma City ankommen! Endlich die neue Stelle antreten. Endlich dort sein, wo der Himmel und ein Regenbogen sich vereinen, wo Milch und Honig fließen, wo die Bäume in den Himmel wachsen - das Natur-Theater von Oklahoma, das Gelobte Land! Auf geht´s.

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Teil II - Die Ankunft (Arrival)

Am 15. Juli 1890 gegründet, hatte sich Oklahoma City im viktorianischen Stil schnell zu einer größeren Stadt gemausert. Das Kapitol grüßte, imposant, aus der Ferne. Es waren überall hastende und eilig voran strebende Menschen zu sehen, eine Fähre auf dem nahen Oklahoma River hielt energisch aufs Ufer zu, die Stadt machte auf Karl einen dynamischen, beachtlich strebsamen Eindruck. Unweit der zoologischen Anlage befand sich der große Amtrak Bahnhof, in den die Passagiere nun langsam einfuhren. Der Personalchef forderte die Reisenden aus, sich in aller Ruhe aus dem Zug zu bewegen, auf dem Vorplatz zu sammeln, um sich dann, nach einer Zählung, in Marsch zu setzen, den Gaylord Boulevard entlang, direkt zum Natur-Theater OK. Die meisten hatten kaum, einige sogar keinerlei Gepäck. Karl trug nichts weiter als eine leichte Tasche bei sich. Eine Straßenbahn fuhr, erstaunlich schnell, an diesem Pulk vorbei, der sich langsam zu sortieren schien.

Die Zählung ergab keinerlei Unstimmigkeiten. Also setzte sich die Gruppe von gut 120 Personen in Bewegung, der Chef der 10. Werbetruppe immer vorneweg, mit einer gut sichtbaren roten Fahne, die ihn als die Autoritätsperson auswies. Das mit „Deep Deuce“ bezeichnete Gebiet, ein Distrikt in Downtown OK City, dies war das „Gelobte Land“. Hier erstreckte sich, in kaum vorstellbarem Rahmen, das gewaltige Natur-Theater, groß wie die Fläche des Petersdoms in Rom. Ein großes Schild am Eingang wies darauf hin, dass die Menschen sich jetzt am Zelia Breaux’s Aldridge Theater befanden. Der Personalchef ließ nochmals abzählen. Dann erhielten alle Anwesenden, in kleinen Gruppen, Einlass, und wurden sehr freundlich gleich dort, wo sich ein riesiger Saal erstreckte und in gut 4 Dutzend Türen mündete, begrüßt. Jeder mit Handschlag. Karl errötete, da ihm eine zarte, junge Frau sehr kräftig die Hand zu schütteln wusste, bis er diesen Handschlag, von seiner Seite her, beendete. Zu sehr erinnerte sie ihn an Klara, Macks Verlobter, die ihn in einem Kampf mit dem Jiu Jitsu- Kampfstil zu bändigen gewusst hatte. Noch heute war ihm diese Niederlage peinlich. Daher hatte er, nicht unfreundlich, aber doch relativ abrupt, den Handschlag beendet.

Der Fußmarsch hatte gute 45 Minuten gedauert. Jetzt waren alle Reisenden leicht bis mittelschwer erschöpft, verlangten nach Kaltgetränken, einer warmen Mahlzeit und, natürlich, nach dem Bett. Der Personalchef verschob alle Formalitäten auf den neuen Tag. Es würde ein Donnerstag sein. Am Montag hatten sie Clayton verlassen. Nun also begann die neue, die aufregend neue Zeitrechnung für Karl und alle hier, teils mit offenem Munde stehenden Neuankömmlinge. Karl Roßmann musste an Green, an Pollunder und an jenen Mack denken. Was sie wohl sagen würden, könnten sie ihn jetzt sehen? In diesem riesigen Theater? Das selbst für New Yorker Verhältnisse ganz exorbitant groß ausfiel. Und gab es nicht die unfassbarsten Wunder in diesem New York? Die höchsten Gebäude, die schnellsten Aufzüge, die Metro, Metropolitan Life Tower oder die Freiheitsstatue, den Central Park, Times Square, das Herzstück Manhattans, die Brooklyn Bridge oder die New York Public Library, und nicht zuletzt das Grand Central Terminal NY. Am Woolworth Building und am Bank of Manhattan Building wurde gerade gebaut (241 und 283 Meter hoch). Doch nichts kam dem hier gleich, in Oklahoma City. Dem Natur-Theater. Ein Mammut-Projekt.

Huschende Schatten im Hintergrund, da und dort eine kostümierte Gestalt. Bald war jedem klar, man befand sich nun in des Künstlers ureigener Seele, in der gewohnten Umgebung eines Schauspielers, eines Komödianten, eines Musikers, Kapellmeisters, eines Intendanten oder Inspizienten. Viele wagten auch nur zu flüstern, so Ehrfurcht gebietend schien dies Gemäuer. An den Wänden waren sie alle aufgereiht, die größten Mimen, die hier bereits ihre hohe Kunst feilgeboten hatten, ja, in diesem Theater. Karl fragte sich, warum es ein „Natur-Theater“ war? Weil es wohl das 8. Weltwunder darstellte? Ein Natur-Phänomen? Bald schon sollte ihm dieses Rätsel entschlüsselt werden. Er hatte ja bislang lediglich das Vestibül gesehen, ein Foyer gigantischen Ausmaßes. Wunderschön in die Wand eingelassene Karyatiden oder Kanephoren bildeten, jeweils eine andere Skulptur zeigend, die Portal-Verzierungen.

Alle mussten ein Papier unterschreiben, hernach wurden sie in die Zimmer geführt, die sich in einem Nebengebäude befanden. Dort schliefen, besonders zu den Zeiten einer Mammut-Vorstellung, alle Komparsen, Bühnenarbeiter, Lichttechniker, Boten, Lehrlinge und Zuträger. Die Mimen selbst waren im Skirvin Hilton untergebracht, je Schauspieler eine Suite. Karl verabschiedete sich noch von Fanny: „Bis morgen, du holde Fee, schlafe besonders gut!“ Und zu Giacomo gewandt: „Nun hoppse nur nicht so leidenschaftlich auf der Bettstatt herum, kleiner Geselle, sonst muss man bei dir auch noch das Bett austauschen, mitten in der Nacht!“ Giacomo aber grinste nur.

Auf dem Tischchen in seinem Zimmer, das nicht größer als rund 12 qm zu sein schien, standen Früchte bereit. Und eine Kanne Tee. Ingwer-Tee. Karl goß sich ein und genoß eine Apfelsine. Dann legte er sich, noch vollständig bekleidet, aufs Bett und träumte ein wenig von großen Erfolgen. Natürlich wollte er auf keinen Fall ein einfacher technischer Arbeiter bleiben. Er würde auf seine Chance lauern. Schon lange hatte er Ambitionen. Und die gingen in Richtung Schauspielkunst. Hier war er doch letztlich am richtigen Platze. Ergo musste nun auch die richtige Karriere her.

Aber alles zu seiner Zeit. Ihn erfrischte der Ingwer-Tee. Diese ganz besondere Note, mit leicht scharfem Nachgeschmack, betörte ihn. Er trank gleich 3 Tassen davon. In tiefer Genugtuung sprach er zu sich selbst: Mein Getränk der Zukunft habe ich jetzt und heute gefunden. Es mag der Ingwer-Tee sein. Für immer.

Einige Jahre würde er den niederen Dienst verrichten, einfache Arbeiten, elektrisch, oder als einfacher Handwerker, beim Kulissenbau vielleicht. Hernach würde er die Bühne erklimmen. Er wollte bereits während seiner nunmehr beginnenden Tätigkeit heimlich Schauspiel-Unterricht nehmen, um dann, eines Tages, Fanny und all die anderen zu beglücken, zu entzücken und auch zu entrücken, mit hoher, intensiver und unvergleichlich guter Schauspielkunst. Dazu wollte er auch versuchen, seinen immer noch starken deutschen Akzent abzulegen. Er war zwar in den 5 Jahren in Amerika schwächer geworden, aber das „th“ brachte er immer noch nicht zustande wie es eben ein Engländer oder Amerikaner spricht. Karl hatte festgestellt, dass die Briten es sehr genau nahmen mit ihrem „th“, aber ein Amerikaner es doch deutlich verwaschener, lässiger aussprach. Er nahm sich vor, den „american way of life“ zu wählen. Dies sollte auch für die Sprache gelten. Es gab naturgemäß größere, sehr oft sogar große Abweichungen im Sprachgebrauch. So hatte er bald schon nach seiner Ankunft in Amerika feststellen müssen, dass man hier nicht ‘Prison’ zum Gefängnis sagt, sondern Jail. Dies hatte ihn, gleich am ersten Tag, der Englisch-Professor Troy erzählt. Karl war das wie ein schlechtes Omen vorgekommen. Ihn dünkte gar, es sei wohl vorbestimmt, dass er eines Tages, daran schien gar kein Weg vorbei zu gehen, in einem solchen amerikanischen Gefängnis würde landen müssen. Gestohlen hatte er bereits, auch gelogen, seinen Oheim aufs Bitterste enttäuscht, er hatte sich auch wiederholt Vorteile verschafft, durch falsche Angaben. Zuletzt, und das stieß ihm so bitter auf, hatte er gar den Personalchef so schmählich belogen.

Doch vorbei sind die Negro-Tage, dachte Karl. Vergnügt gab er sich der Wäsche hin. Gründlich wusch er sich, der Bottich hatte, bemerkenswerter Weise, lauwarmes und sehr frisches Wasser aufzubieten. Alles nach seinem Gusto. Roßmann überkam das anheimelnde Gefühl von Heimat, von Freude pur. Hätte er jetzt auch noch die Fanny im Arm... Ach was, solche Schrullen, schalt Karl mit sich selbst. Was bist du doch für ein Träumer. Immer diese Fanny. Besser wäre es allerdings für ihn und seinen guten Seelenfrieden gewesen, hätte er das Mädchen nicht wiedergesehen, wiedersehen müssen. Und dann noch als Engel. Besser für alle Beteiligten wäre wohl gewesen, er wäre Fanny nicht mehr begegnet. Wie es oft so spielt im Leben. Wie war er von der Kleinstadt Ramses nach Clayton gekommen? Und wie war es Fanny gelungen, den selben Weg nach Clayton zu finden, zum Natur-Theater, letztlich sogar in Oklahoma zu landen? Nun war man schon mal zusammen hier, nun musste sich arrangiert und vertragen werden. Ohne Gefühlsduselei. Ohne jegliche Aussicht auf eine Liebschaft.

Und an der Wand bemerkte Karl einen Spruch, in Latein. Es stand dort geschrieben: omne initium est difficile. Er musste an seinen Lateinprofessor denken, den alten Dr. Krumpal. Der stand mit dem Stock hinter ihm und gab, im Takt, den Rhythmus vor, in welchem er die lateinischen Verse eines Plinius oder Vergil zu skandieren hatte. Wie er doch die lateinische Metrik gehasst, verabscheut hatte. Während im deutschen Vers Wortakzent und Versakzent immer übereinstimmen, weichen sie in lateinischen Versen häufig voneinander ab. Dies hatte ihm den Unmut des Krumpal zugezogen, der ja gerade die Metrik in den Mittelpunkt seiner Übungen stellte. Natürlich fand es Karl leicht, den Spruch zu übersetzen. Seine Latein-Kenntnisse, ansonsten, konnten sich sehen lassen. „Aller Anfang ist schwer“, das war kein Problem, dies sofort und ad hoc zu übersetzen. Allerdings hatte er so viel Zeit mit dem Englisch-Studium seit der Ankunft in New York verbracht, dass sein Latein langsam, aber doch auch stetig verkümmerte. Ohne Ende hatte er Vokabeln einpauken müssen. Manche, vor allem die kaufmännischen Begriffe, gingen Karl nur sehr schwer ins Hirn hinein. Ihm schien das kaufmännische Englisch die wohl schwerste Sprache der Welt zu sein. Vielleicht mit Ausnahme von Mandarin, der Muttersprache von etwa 70 % der Han-Chinesen.

Noch immer hatte er ein Merkbüchlein bei sich, mit den wichtigsten Begriffen aus den Kontoren seines Oheims, des Senators. Obschon er damit heute ja rein gar nichts mehr anzufangen wusste. Rein aus der Nostalgie heraus bewahrte er es dennoch. Man konnte nie wissen. Eines Tages würden ihm diese Vokabeln vielleicht hilfreich zur Seite stehen. Karl schlief alsbald ein, träumte von vorbei ziehenden Landschaften und, ganz plötzlich, von einem ihm sehr bekannten Gesicht. Es war dies jener Freund aus den Zeiten der Überfahrt, von Hamburg nach New York, dem Franz Butterbaum. Diese Schiffsbekanntschaft war ihm bislang verloren gegangen. Nun tauchte jener Butterbaum plötzlich wieder auf, in einem wüsten Traum. Es gab ein Trinkgelage, und inmitten des Trubels sah er Butterbaum, wie sich dieser in grotesk verdrehter Haltung, an der Decke baumelnd, gerade erhängt hatte. Und Karl, am Klavier sitzend und wild lachend, spielte eine gehetzte Polka. Auffällig schien ihm das rote Gesicht. So blutrot und wild hatte er sein Gesicht bislang noch nie im Spiegel sehen müssen. Nun aber, in dieser Kaschemme am Hafen, dort saß Karl, mit magentarotem Gesicht, und spielte eine wilde Polka. Tchaikovsky, wüst und trunken. Nach solchen Nächten ist es oft am anderen Morgen gar nicht so leicht, ins Leben zurück zu finden. So auch Karl. Er fühlte sich matter als beim Niederlegen, wenig erfrischt durch die Wäsche. In einem starken Kaffee suchte er die Erlösung. Also wandte er sich rasch zur Tür, und strebte dem Nebenhause zu. Hier gab es das große Buffet für alle neuen Mitarbeiter.

Der Kaffee war stark. Er grüßte nach rechts und links, nahm sich 2 Hörnchen, etwas Marmelade und Honig, und setzte sich neben den heftig winkenden Giacomo. „Ah, so komm nur, Roßmann, keine Müdigkeit vorschützen, setz dich und speise mit mir. Es soll dir munden, mein Freund und Kupferstecher. Lass uns danach recht froh unser Tagwerk an neuer Stätte beginnen. Kein Lift muss bedient werden, sondern das Licht und die Takelage - oder wie das beim Theater heißt. Wir werden es sicher erlernen. Meine Aufgabe wird es zunächst sein, so stand es am Personal-Brett, in der Küche auszuhelfen. Ich bin´s zufrieden.“ Das Personal-Brett hatte Karl noch nicht gelesen.

Schließlich mussten sich alle, nach dem Frühstück, bei der Intendanz melden. Die Reihenfolge wurde durch den Nachnamen bestimmt. Freundlicherweise hatte doch der Personalchef der 10. Werbetruppe den Karl nicht bei „N“ einsortiert, sondern nun bereits, wie sich Roßmann das auch gewünscht hatte, bei „R“. Das klang doch schon sehr nach Aussöhnung und einem friedlichen Abschluss der Gespräche. Einen Brief hatte er noch bei sich, vom Onkel, der ihm damals im Landhaus, um Mitternacht, ausgehändigt worden war, die hochnotpeinliche Entlassung vom Dienst, auch die Entlassung aus der Obhut des Senators. Darauf stand: An Karl Roßmann, ihm um Mitternacht auszuhändigen! Persönlich! Dies war die einzige Möglichkeit, seinen Namen zu bestätigen. Zudem hatte er noch Fanny und Giacomo, die bestätigen konnten, dass er jener Karl Roßmann sei - und kein anderer, mag er auch noch so exotisch heißen. Doch gleich darauf dachte er auch, ein solch peinliches Schriftstück zu übergeben, dies könne ihm sehr schlecht ausgelegt werden. Lieber würde er den Brief nicht als stützenden Beweis seiner Existenz heran ziehen. Als die Reihe dann endlich an ihm war, das Mittagessen war schon lang vorbei, der frühe Abend mochte sich bereits anmelden, hatte er sich entschlossen: Es sollte ohne diesen Brief gehen.

Der Intendant, ein grundgütiger, stets lächelnder, älterer Herr mit einem imponierend langen Bart, schlohweiß, und völlig zerfahrenem, wirrem Haupthaar (ganz der Chef dieser Künstler-Anstalt, dachte Karl), bat Roßmann, Platz zu nehmen. Er hatte eine Notiz vorliegen, die jene besonderen Umstände in knappen Sätzen umrissen, die den Karl nun als Roßmann auswiesen, und nicht als Herrn Negro. Er lächelte mild, sagte, betont freundlich: „Nun, das kleine Missgeschick wollen wir mal ganz schnell unter den Tisch fallen lassen, junger Mann. Bleiben Sie uns gewogen, dann bleiben wir es auch Ihnen gegenüber. Wie kam es denn nun zu diesem phantasievollen Namen, Sie junger Mensch? Was haben Sie sich denn dabei bloß gedacht?“

Karl meinte, wenn einer so begänne: „Das kleine Missgeschick wollen wir mal ganz schnell unter den Tisch fallen lassen“, dann müsse es eigentlich nicht weiter erörtert werden, das Problem. Also antwortete er, ein wenig zu trotzig angelegt: „Es gab da verschiedene Hindernisse!“ Der etwa 65jährige Mann antwortete: „Aber die gibt es doch bekanntlich immer, mein Herr!“ Auf solche Reden hörte Karl eigentlich schon seit geraumer Zeit kaum noch, denn ein jeder nützt ja seine Machtstellung aus, und beschimpft, beschmutzt oder demütigt den Niedrigen. Ist man aber erst einmal daran gewöhnt, klingt es aber gar nicht mehr anders als das regelmäßige Ticken eines sehr leisen Uhrwerks. Karl war es müde, sich rechtfertigen zu müssen. Zumal er wusste: „Es ist unmöglich, sich zu verteidigen, wenn der gute Wille fehlt!“

Würde der alte Mann ihm nun also seine Missetat vergeben? Oder würde er weiter darauf herum reiten? Da ihm viel an dieser neuen Stellung lag, wollte er noch einen versöhnlichen Anlauf nehmen. „Sehen Sie, ich war verwirrt. Aus reiner Boshaftigkeit entlassen, stand ich mittellos auf der Straße. Da kam ich an dem Plakat vorbei, das besagte: „Wir können Jeden brauchen, wenn er nur guten Willens ist!“ Ich schöpfte Mut und dachte mir: Hier bist du gut aufgehoben. Plötzlich, ein Narr mag mir das ins Ohr geflüstert haben, überkam mich die grobe Lust, mich Negro zu nennen...“

Da unterbrach ihn der Intendant. „Mehr muss ich nicht wissen! Sie sind guten Willens und wollen arbeiten. Sie sind jung und stark. Also, versuchen wir´s miteinander. Dies ist Ihre große Chance, junger Karl Roßmann. Es bieten sich Ihnen in unserem guten Hause ungeahnte Möglichkeiten. Ergreifen Sie sie! Sie sind angenommen und somit werden Sie von mir ganz herzlich beglückwünscht! Nun gehören Sie dem großen, unvergleichlichen, phänomenalen Naturtheater von Oklahoma an. Willkommen, der junge Herr, herzlich willkommen! Aus dem Zentralregister lasse ich Ihre Aktenkopie kommen. Solange diese nicht vorliegt, verbürgt sich der Herr Personalchef der 10. Werbetruppe sehr ordentlich für Sie! Meinen Glückwunsch!“ Wie in Amerika üblich, wurde die Hand sehr lange und nachdrücklich geschüttelt. Karls Meinung war, viel zu lange. In nahezu unanständiger Manier. Das ist eben der amerikanische Stil, so Karl.

Karl hatte feuchte Augen, als er dem Intendanten so lange und ausgiebig die Hände schüttelte. Das war gerade noch mal gut gegangen. Dem Herrn Personalchef sei Dank. Als der General-Intendant dann endlich Karls Hand entließ, war es ihm, als öffne sich der Himmel und eintausend Geigen spielten ihm zuliebe ein Ständchen aus der Heimat. Ein feines Klavier unterstützte die zarte Melodei im Hintergrund. Die für ihn größten Hindernisse hatten sich, wie von selbst, entfernt, gleich nachdem es, nach übermäßig langem Schütteln, gelungen war, sich von der Hand des Chefs von sicher jetzt 12000 Untergebenen zu lösen.

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Teil III - Arbeitstage (Working days)

Die Arbeit fiel Karl nicht sonderlich schwer. Oftmals musste er sehr früh aufstehen, immer dann, wenn eine Vormittags-Vorstellung (Matinee), oder eine Nachmittags-Aufführung, und dann noch eine Abend-Veranstaltung auf dem Programm stand. Wenn er um 4:20 Uhr von seinem kompromisslosen Wecker in die Höhe getrieben wurde, ward es ihm sehr schwer, den Dienst zu verrichten. Um diese unchristliche Zeit bereits frisch und sehr munter agieren zu können, bedurfte es jeder Menge sehr, sehr starken Kaffees.

Den wusste die Kantine allerdings bereitzustellen. Bereits um 4 Uhr in der Früh hatte die Kantine geöffnet. Mit all den „morning workers“ zusammen stand Karl an, um ein knuspriges Baguette oder einen Donut zu ergattern, zusammen mit dem höllisch heiß servierten, immer wieder nachgeschenkten starken Kaffee. Um 5 Uhr bereits hatte es Karl schon an die Arbeit an der trägen Gleitmechanik berufen. Es mussten viele, und sehr langwierige Tätigkeiten erledigt werden, um den immens schweren Vorhang aus dem Hauptraum der Bühne langsam, schwirrend, zu den Seiten zu bewegen. Immer wieder aufs Neue verblüffte Karl diese Mechanik. Es dauerte gute 6 Minuten, bis so ein Vorhang sich zur Gänze raffte, und den Blick auf eine imposante, riesige Fläche frei gab. Groß wie ein Fußballfeld. Der Sichtbereich war völlig aus Glas gestaltet, es konnte alles sehr genau betrachtet werden, was sich hinter der gewaltigen Glasfläche befand. Und das war eine weitere, gespiegelte Bühne. Und auch die bot weiteren, gut 5.000 bis 6.000 Zuschauern Platz. Die saßen jetzt quasi, gespiegelt, dem Sitzbereich der eigentlichen Hauptbühne gegenüber. Hier konnten, zusammen, immerhin doch gut 12.000 Menschen dem Handlungsverlauf auf der Doppel-Bühne folgen. Da die Bühne II sich im Außenbereich des Theaters befand, hatte die Intendanz vor vielen Jahren beschlossen, sich Natur-Theater von Oklahoma zu nennen. Und dies ergab durchaus Sinn, betrachtete man diese Außenbühne. Gewaltig, fast unüberschaubar. Und so viele Sitzplätze, dass auch bei Mammut-Veranstaltungen, mit zum Beispiel wilden Tieren, wie Tigern, Löwen, Elefanten und Giraffen, kein Zuschauer jemals die Befürchtung haben musste, er könne etwas versäumen.

Mal spielte sich das Geschehen auf der Bühne II, gleich hinter jener Glasfläche, ab, und ein anderes Mal gab es das Geschehen auf der Hauptbühne, vor der Glasfläche. Die insgesamt 99 schweren Lautsprecherboxen konnten mühelos jedes gesprochene oder geflüsterte Wort in die beiden Zuschauerräume transportieren. Es wurde nicht ein einziges Wort verpasst, und diese Trennscheibe war gleichzeitig ein tragendes Glaselement und somit auch ein konstruktiver Glasbau der modernsten Bauart. Die Vertikalverglasung in diesem Hause gehörte zu den modernsten Anlagen überhaupt in ganz Amerika. Auch bei schlechtem Wetter, Regen, Wind und sogar Sturm, war der Spielbetrieb auf Bühne II gesichert. Eine massive Abdeckung sorgte dafür, dass man sich in der freien Natur, und dennoch aber sehr wohl auch im Theater wähnte.

Karl war immer wieder beeindruckt von all der Technik. Wenn der über 90 m breite Vorhang sich langsam, stetig, leise schnurrend, mit einem feinen Wischen über das Parkett bewegte, staunte Karl Roßmann stets aufs Neue. Und auf den Punkt genau konnte dieser gewaltige Vorhang, ein schwer entflammbar ausgerüsteter Baumwoll- Velours, massiv und träge, mitten in einer Abend-Vorstellung, die Sicht frei geben - auf eine weitere Spielhandlung jenseits des Glases. Meist spielten die Sequenzen zusammen, ergänzten sich, oder hatten unterstützend eingeschobenen Charakter eines Zusammenspiels, aber es gab auch Aufführungen, bei denen 2 Spielszenen an- und zusammen dargeboten wurden. Diese sehr raffinierten Stücke mussten für die Bühnenarbeiter eine Herausforderung darstellen. Karl hatte oftmals, über viele Stunden, schwer zu schuften, um die Vorgaben seiner Intendanz exakt und minutiös zu befolgen. Er war für 30 Tage zu der Soffitten-Brigade abkommandiert worden. In dieser hohen Kunst der Dekorations-Gestaltung musste Karl schwindelfrei agieren, oben, vom Schnürboden aus, der in diesem Theater besonders hoch angelegt war.

Seine hauptsächliche Aufgabe bestand darin, die komplizierte Obermaschinerie und die Gleitmechanik mit den Soffitten, wunderschön bestickt, hängend zu verdecken. In den ersten Tagen machte ihm die enorme Höhe zu schaffen. Aber mit der Zeit hatte er die Gefahr fast vergessen. Mit all der geleisteten Arbeit empfand er auch Stolz auf sich und die Crew. Man kam gut voran, kümmerte sich nun wohl, da er sich bereits jetzt der Zufriedenheit seines Chefs bewusst sein durfte, auch um die Gassenschals, also die parallel aufgehängten Bühnenvorhänge an den Seiten, die den Zuschauern kaum Einblick in den hinteren Bühnenbereich, in dem sehr leise auch während einer Vorstellung unermüdlich gearbeitet wurde, gewährten. Ja, die Vorhangzugmaschine durfte er sogar zum Abschluss seiner Zeit bei den „Soffitten“, wie sie kurz genannt wurden, bedienen. Es war ihm eine große Ehre. Diese Mechanik würde er niemals verstehen, zu kompliziert erschien sie ihm. Nach seiner einmonatigen Arbeitszeit bei den Soffitten freute er sich aber doch, wieder zurück zu seiner eigentlichen Tätigkeit am Theater zu kommen.

Er arbeitete unter einem erfahrenen Bühnenmeister, einem Dankwart Hinterfelden, er kam ursprünglich aus der Schweiz. Sein Akzent war sehr ausgeprägt, aber dennoch konnte man den Mann doch gut verstehen. Denn er sprach langsam und bedächtig. Die Fachkenntnis war enorm. Karl arbeitete sehr gern in seiner Schicht. Er gab seine Befehle immer glasklar, versuchte nie, einen Untergebenen zu überfordern, fragte stets nach, ob alles begriffen worden sei, und schickte dann erst den Mann an die Front, zum Einsatz. Karl sprach ab und an auch Deutsch mit Hinterfelden. Das hat beiden stets viel Freude bereitet. Endlich mal wieder die Heimatsprache zu sprechen. Das machte Laune im fremden Land. Gern nutzte Hinterfelden das Wort „brutal“. Oft auch in ergötzlich falschem Bild. Zum Beispiel: „Es ischt ja ganz brutal kalt heute, du. Findescht du es nicht auch, Roßmann, brutal kalt? Die Winter in Oklahoma haben es wahrlich in sich...“ Dieser Schweizer Singsang begeisterte Karl. Er liebte den Dialekt.

Hinterfelden war zudem ein begeisterter Leser. Ab und an tauschten sie gute Lektüre aus. Karl gab ihm deutsche Autoren, Hinterfelden reichte ihm typisch schweizerische, in der Regel ihm unbekannte Autoren, so z.B. Simon Gfeller und Jakob Bosshart. Der Friedrich Glauser wurde ihm, unter den angebotenen Schriften, der liebste Autor aus der Schweiz. Und Heinrich Theodor Fontane gefiel dem Schweizer am besten. Beide ließen sich in den Mußestunden gerne über ihre Lieblings-Schriftsteller aus. Da auch Karl seinen Fontane sehr liebte, gab es oft hitzige Gespräche, so auch über seine Romane Die Poggenpuhls oder den Stechlin. Karl schätzte Dankwart Hinterfeldens Sachverstand, dieser mochte Karls leidenschaftliche Referate, wenn es da um einen Erzählband von Bosshart ging, „Im Nebel“. So wurden sie, trotz eines relativ großen Altersunterschiedes, schnell zu Freunden, die sich auch außerhalb der Arbeit trafen.

In seinem kleinen Zimmer hatte sich Karl wohnlich eingerichtet. Mittlerweile hing auch ein nettes Bild, eine Ansicht Prags, über seinem Bette. Es zeigte den Hradschin und die Karlsbrücke, gemalt von Heinrich Tomec, von 1863. Wenn er es, bei einer Pfeife, langanhaltend betrachtete, konnte es schon einmal vorkommen, dass ihn die völlige Sentimentalität überkam und er zu schluchzen begann. Ach, Prag, Johanna, Jakob, die Eltern... Er drückte diese schwermütigen Anwandlungen nieder. Schließlich galt es ja, hier und heute zu bestehen. Seiner Aufgabe gerecht zu werden. Den tausend Anforderungen gegenüber, hellwach bleibend, die Stirn zu bieten. Er war ja lediglich auf dem Wege - hin zum Künstler auf der Bühne. Einem begnadeten Mimen, vor aller Augen. Einem Schauspieler, von dem zu reden sein würde. Dereinst.

Bald wurden Karl die Geheimnisse offenbart, die jedem, der am Theater arbeitet, nun einmal bewusst werden müssen, früher oder später. Ihm hatte also Hinterfelden, sein Vorarbeiter, eine Lektion erteilt, so, wie sie jedem Mitarbeiter, der mit der Bühne zu tun hatte, erteilt worden war, seit Anbeginn an. Karl wusste nun, dass kein Mensch mit einem Hut auf dem Kopfe über die Bühne gehen durfte. Es war strengstens und vehement verboten. Einen fehlenden Knopf darf man nicht am Körper eines Mimen annähen. Pfauenfedern sind grundsätzlich nicht erlaubt. Das provoziert den „bösen Blick“. Das berühmte Toi Toi Toi wird erst dann gewünscht, wenn der Schauspieler bereits im Kostüm ist. Privatkleidung auf der Bühne bringt großes Unglück. Daher ist, in Anlehnung an den 1. Satz, zu sagen: Trage niemals den eigenen Hut oder auch den eigenen Mantel auf der Bühne, vor einer Vorstellung. Man isst und trinkt nicht im Theaterraum. Man zieht demütig seinen Hut vor demjenigen, der über einem steht. Und sei es der Bühnentechniker auf dem Schnürboden. Der Aberglaube beherrscht das Theater-Geschehen komplett. Wer hier nicht ganz genau aufpasst, zieht sich den Unmut des Theater-Volks zu. Und ist dann, für immer, unten durch. Vorarbeiter Hinterfelden gab auch ein Beispiel an, bezüglich Hut und Mantel auf der Bühne. Er sagte: „Früher wurden fristlose Kündigungen seitens der Intendanz immer mit Hut und im Mantel ausgesprochen. So drückte sich die „Allmacht der Verantwortlichen“  aus; seither gilt es als böses Omen, kommt einer mit dem Hut auf dem Kopf und mit dem Mantel an auf die Bühne. Merke dir das, Roßmann, wenn du hier zu überdauern versuchen möchtest, hier am Natur-Theater von Oklahoma, dem größten der Welt!“

Gern sah sich Karl, in seiner knapp bemessenen Freizeit, die Stadt an. Meist ging er nur Richtung Downtown. Eines Tages kam er an ein großes Plakat, das ihn ziemlich beeindruckte. Er las: „I was feeling like an one legged man in an ass kicking contest.

Lange überdachte Karl den Sinn dieser Aussage. Es war eine Werbung für eine sehr starke Schädelweh-Tablette. Ihm war zwar die Aussage viel zu drastisch, aber auch, das konnte er kaum leugnen, reichlich verwegen und frech. Letztlich, so entschied er hier, gefiel ihm dieser „american way of life“, diese ganze Art, diese Entschiedenheit und die leicht drastische Art der Präsentation eines Problems. Auch die Zeitungen, es gab so viele davon in Amerika, schrieben völlig anders als zuhause in Deutschland. In jedem Fall musste umgedacht werden. Alles war größer, gewaltiger und so viel riesiger ausgelegt. Man war gezwungen, in Amerika, in ganz großen Maßstäben zu denken. Blieb man, in Gesinnung und Ausrichtung, deutsch, so konnte man hier auf gar keinen Fall bestehen. „Denke groß!“ So hatte sich der Onkel ja bereits am ersten Tag an Karl gewandt. „Denke riesig! Und selbst das ist noch zu klein“, hatte er gesagt und dabei geschmunzelt. Als er ihm dann Bilder vom Grand Canyon zeigte, da wurde Karl ganz klein und stumm. Nun wusste er, was „BIG“ bedeutete. Auch New York hat diesen Spitznamen erhalten, „the big apple“. Ohne jeden Zweifel war dies die größte Stadt aller Zeiten, die Karl Roßmann jemals zu Gesicht bekommen würde.

 
Gewaltigen Erfolg hatten viele Erfindungen und Entdeckungen, die aus diesem so riesigen Lande kamen. Ein gewisser John Stith Pemberton hatte 1886 ein Gebräu erfunden, das er Cola nannte. Ursprünglich wollte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vertreiben. Gemixt mit Sodawasser, entstand so ein erfrischendes Getränk. Es hatte Karl auf Anhieb gemundet, als er es zum erstenmal probierte. Dieses Cola benannte Getränk wurde in Soda-Bars für 5 Cent pro Glas angeboten. Und Karl war narrisch darauf, wirklich völlig enthusiasmiert, wenn er Coca Cola trank. Als es in Flaschen angeboten wurde, kaufte er sich regelmäßig welche. Er wollte privat keinen einzigen Tag mehr ohne seine Cola sein. Ihm war, als hätte dieses Getränk Sucht-Charakter.

Ein kleiner Zettel schob sich, unter der Tür, in sein Zimmer. Er liebte diese kleinen Scherze, die Giacomo da trieb. Karl wusste, dass jeweils ein neuer Witz auf diesen Zetteln geschrieben stand. Giacomo war der Küchen-Brigade zugeteilt worden. Und dort ging es, dem Vernehmen nach, sehr rau und lustig zu. Man erzählte sich viele Witze, manche oft derb und grob. Diese mochte Karl nicht gar so sehr. Er war nun einmal eine „empfindliche Seele“, etwas sensibel. Aber wenn es ein guter Witz war, dann hatte auch Karl seine Freude. Heute las er: Petey fragt Yenée: Willst du meine feste Freundin sein? Yenée sagt, kurz angebunden: Hab schon einen Freund! Petey: Waaaaas? Du hast schon einen Freund? Yenée: Ja, wieso, ist das denn wirklich so erstaunlich? Petey: Aber ja, du bist doch so potthässlich, da wäre ich im Traume nie drauf gekommen! Yenée: Ja, diese Aussage erhöht deine Chancen bei mir natürlich in nicht unbeträchtlichem Umfange, mein lieber Petey! Petey: Wie jetzt? Ich bin wohl in deiner Gunst gesunken, Yenée? Yenée: Nein, du hast dich niemals meiner Gunst wirklich erfreuen dürfen! Aber immerhin weißt du nun, was Zynismus ist! Karl lachte. Nicht gerade laut, aber er lachte. Und dachte sich in den Unterlegenen hinein, Petey, und entdeckte manche Gemeinsamkeit. Schon musste er an Klara Pollunder denken.

In einer unruhigen Nacht träumte ihm von einem Mr. Negro Wonderfresh, der seinen alten Hund im Garten zu begraben beabsichtigte. Doch dieser sehr alte Hund lebte noch. Karl wollte den Greis darauf hinweisen: „Hören Sie, Ihr Hund lebt ja noch, das dürfen Sie nicht. Lassen Sie das!“ Doch der Greis antwortete: „Wann ich meine alte Töle zu begraben wünsche, geht ja Niemanden etwas an. Und Sie schon gleich gar nicht! Halten Sie sich aus Ihnen fremden Dingen heraus, junger Mann!“ Immer und immer wieder bat Karl diesen Mr. Wonderfresh, den Hund, dessen Schwanz wedelte, der ohne jeden Zweifel lebte, zu verschonen. Doch jener uralte Mensch führte diese entsetzliche Tat aus. Und Karl konnte nichts dagegen unternehmen. Schließlich ward der arme Hund unter einer dicken Schicht von Erde begraben. Und Karl weinte bitter, versuchte noch, nachdem der Mann gegangen war den Hund mit den Händen wieder auszugraben. Aber je mehr er sich bemühte, je heftiger er grub und grub, desto tiefer sank der Hund ab, und schließlich gab es keine Rettung mehr für ihn. Ein letzter und arg zu Herzen gehender Klagelaut, dann erstarb das klägliche Jammern des Hundes. Karl konnte für die restliche Zeit der Nacht keinen Schlaf mehr finden. So grausam schien ihm das Verhalten des schrecklichen Greises. Warum hatte er das getan??

Und warum musste Karl solch einem Traumgebilde anheim fallen?? Was liegt dem zugrunde? Worauf weist solch ein Traum hin? Welche Lehren sind daraus zu ziehen, welche Moral leitet sich daraus ab? Die schiere Angst um das Leben des ja so alten Hundes hatte Karl letztlich aus dem Traum gerissen, ihn geweckt. Schweißnass lag er im Bett, und konnte hernach keinen Schlaf mehr finden. Mich dünkt, ich träumte, dass mir träumte, ich sei selbst dieser Hund gewesen, so Karls Fazit. Erschreckend.

Unruhig ging er auf und ab, in seinem winzigen Zimmer. Trank Cola, rauchte auch noch eine Pfeife, und beschloss dann, den Konsum dieser neuartigen Coca Cola, so erfrischend das Getränk auch war, deutlich einzuschränken. Einen solchen Traum mochte er nicht noch einmal träumen müssen. Am folgenden Tag, in der Freizeit, ging er zur OK City Bücherei, um in einem Traumbuch nachzuschlagen, was dieser merkwürdige Albtraum denn nur zu bedeuten hätte. Er las, erschüttert: Unglück für einen nahen Freund. Und Karl versuchte, den Gedanken sofort wieder aus seinem Kopf zu tilgen.

Die Zeit schritt voran. Und eines Tages war Karl nun selbst ein Vorarbeiter für einige der leichteren Aufgaben im technischen Bereich der Bühnenarbeit. Ihm unterstellt, so erfreulich das auch war, schienen allerdings ausgerechnet die schwierigen, langsam arbeitenden und äußerst begriffsstutzigen Burschen zu sein. Es waren Jock, Milton, Stryde, Mason, Klayton, und Keller Thompson. Letzterer war als Aufwiegler und als Tunichtgut bekannt. Es gab nicht selten größere Probleme mit diesem Thompson. In all der Zeit, die Karl nun schon technischer Arbeiter am Theater war, hatte er bereits von vier Vorfällen gehört, in die Keller Thompson verwickelt gewesen sein sollte. Die Intendanz hatte ihm eine letzte Chance eingeräumt, da er ja, an und für sich, keine Arbeit ablehnte, immer pünktlich anrückte, niemals betrunken zum Dienst erschien.

Der ausgleichende und freundliche Charakter des Roßmann, so schien es, war nun die letzte Möglichkeit für Thompson, sich zu bewähren. Sollte es hier, unter Karl, nun auch zu einem Eklat, zu einer Unstimmigkeit kommen, dann würde man diesen Mr. Keller Thompson zu entlassen wissen. Karl hatte so seine Probleme mit dem Mann. Doch letztlich rauften sie sich alle zusammen. Hinter vorgehaltener Hand machten sich alle sechs schon ein wenig lustig über Karls Aussprache, und den gestelzten, arg gespreizten Sprach-Stil, aber man erkannte auch die Fähigkeiten des Arbeiters, die hohe Kunst im Bereich aller Arbeiten, zum Beispiel der diffizilen Arbeit vor allem im Schnürboden, an. So verdiente sich der Neu-Amerikaner Roßmann seinen Respekt bei seinen Untergebenen, er lobte fleißig, wenn es gut lief, und er konnte durchaus auch mahnende Worte erbringen, wenn einer der Männer sich etwas zuschulden kommen ließ. Alles in allem war Karl ein sehr angenehmer Vorarbeiter. Mit der neuen Stellung gab es auch deutlich mehr Gehalt. Karl konnte jetzt aber nicht mehr so viel Geld an Johanna und Jakob übersenden. Er hatte deutlich höhere Ausgaben. Doch darüber wird gleich noch zu berichten sein. Es waren jetzt nur mehr 30 $ im Quartal. Aber auch das reichte noch immer, um die gewichtigsten Bedürfnisse des Kindes, und seiner Mutter, zu befriedigen. All die Briefe, die er von Johanna, aus Prag, erhielt, bewahrte er in einer großen Holzkiste auf. Es war bereits ein dickes Bündel.

Er selbst schrieb eifrig nach Hause. Zunächst den Eltern, dann Johanna, schließlich auch einem Freunde, den er wirklich sehr vermisste. Mitunter bedauerte Karl es sehr, dass die Daheimgebliebenen leider nicht in dieser Währung zurück zahlen wollten - oder konnten, was die Briefleidenschaft betraf. Schrieb er nahezu wöchentlich, erhielt er nur 1 x im Monat eine Antwort. Vom Freunde sogar nur 1 x im Quartal. Er frug die Johanna auch danach, denn seine Eltern wollte er nicht darauf ansprechen. Und die sagte ihm frank und frei, seine Briefe seien wahre Kunstwerke, die zu lesen schon sehr viel „Grips abnötigten“ (die gute Johanna, dachte Karl), man könne unmöglich solch schöne Briefe schreiben, in der Heimat. Daher belasse man es bei dem einen oder anderen Antwort-Brief, hoffend, er möge dennoch das Briefeschreiben niemals unterlassen. Als Karl das las, wurde es ihm leicht ums Herz. Dann las man also die Briefe von ihm mit großem Vergnügen, mit aller Begeisterung? Nun, dann wollte er sich nun noch mehr anstrengen. Gern beschrieb er das „amerikanische Leben“, das er ja, als Amerikaner, nun führte. Er schrieb von seiner Arbeit, von den Aufführungen und natürlich auch von der Stadt, Oklahoma City. Als ihn Johanna bat, ihr offen zu sagen, ob es da nicht vielleicht auch „eine Maid an seiner Seite gäbe“, konnte er der armen Johanna Brummer, die ja selbst ebenfalls ohne jeden Lebensgefährten geblieben war, teils aus der Hoffnung heraus, Karl könnte sie und das gemeinsame Kind eventuell nach Amerika holen, teils aus dem Bewusstsein heraus, dass nur ein Fehler reiche, um sich das ganze, komplette Leben völlig zu ruinieren, in aller Ehrlichkeit mitteilen, dass es keine Frau in seinem Leben gäbe. Johannas Meinung nach hatte sie kein Glück an der Seite eines guten Mannes verdient. Auch die Mutter Roßmanns ist niemals auch nur im Ansatz gewillt gewesen, Johanna Brummer Hoffnungen auf eine Zukunft mit Karl zu machen. Immer wieder, sehr geschickt, erwähnte sie den großen Altersunterschied von 20 Jahren. Dann senkte Johanna das Haupt, knickste vor der Arbeitgeberin und entfernte sich rasch, mit Tränen in den Augen. Der Enkel indes, er wurde heftig geliebt, von allen. Dies wusste Karl, und er war sehr froh darum. Solche Liebe hätte er seinem Sohn sehr gern auch zuteil werden lassen. Sehr oft verfiel er genau deswegen in trübe Stimmungen, in Melancholie und Schwermut. Und oftmals überkamen ihn diese Phasen ganz überraschend, mitunter sogar mitten in einer der vielen Feierlichkeiten, die sich im Theater boten, denn nahezu täglich gab es einen Umtrunk nach der Schicht, weil wieder einmal einer der Arbeiter Geburtstag feierte.

Die Briefmarken waren hoch im Kurs. Er konnte sie immer mit einem Sammler aus der Küchen-Brigade tauschen. Für Karl gab es dann die eine oder andere Leckerei, die ihm sonst niemals zuteil geworden wäre, und für den Unterkoch war es einfach großartig, die seltenen deutschen Briefmarken sammeln und einkleben zu können.

Nachdem Karl R. nun deutlich mehr Gehalt erhielt, begann er, sich die diversen und vielfältigen Angebote anzusehen, die es im Umfeld des Natur-Theaters gab, was die Ausbildung zum Mimen anbelangte. Manche Komparsen und Kleindarsteller rieten ihm, unbedingt die Akademie der Azimuth „Blip“ Wind ins Auge zu fassen. Blip habe stets den besten Ruf gehabt, und die aus ihrer Akademie entlassenen Mimen seien allesamt, ohne jede Ausnahme, auch hier am Theater übernommen worden. Azimuth selbst ist zuvor eine gefeierte Schauspielerin gewesen, war nun seit 10 Jahren im Ruhestand. Und seither lehrte sie die hohe Schauspielkunst. Dieser Nickname Blip faszinierte Karl. Allein dieses Namens wegen wollte er sich von ihr ausbilden lassen. Wer Blip heißt, der muss doch über ausgezeichnete Erfahrungen und natürlich die besten Verbindungen verfügen, der muss doch das Schauspiel mit der Muttermilch eingesogen haben. Für Karl stand es fest. Er wollte dieser Akademie beitreten. Und tatsächlich, an einem schönen Morgen im frühen Herbst sprach er dort vor. Er bekam „Blip“ allerdings in den ersten 8 Monaten überhaupt nicht zu Gesichte. In dieser Zeit hatte er es nur mit diversen Lehrern zu tun, die Sprechen und Bewegung vermittelten und natürlich die Dramaturgie. Szenen- und Rollenstudium sollte dann die Meisterin übermitteln. Aber erst nach dem 9. Monat der Ausbildung, wenn Disziplin, vor allem auch die Belastbarkeit, in ausreichendem Maße vorhanden schienen. Theaterrecht und Filmgeschichte wurde gelehrt, für Karl unwesentliche Fächer, Gesang und Tanz mochte er schon deutlich lieber. Artist Diploma, der Akademie-Brief, sollte am Ende der Lohn all dieser Mühe sein. Erst nach 12 schweren Monaten sollte es überhaupt zu einem ersten Auftritt kommen, endlich unter der Aufsicht der Azimuth „Blip“ Wind, der sehr berühmten Staatsschauspielerin, emeritiert. Die Auswahl erfolgte. Und Karl war bei denen, die vor den gestrengen Augen der Akademie-Chefin bestanden, und nun unter ihrer Regie ein Stück (Novizen-Ball nannte sie es scherzhaft) einzuüben hatten. Im 15. Monat seiner Ausbildung sollte Karl R. dann endlich, in einer großen Rolle, auf der Bühne agieren dürfen. Welches Stück würde die Mimin aussuchen?

Die Kosten für diesen 3jährigen, umfassenden Akademie-Lehrgang, hier Semester benannt (ein Halbjahr = 1 Semester), waren beträchtlich. Karl schrieb unter Tränen an seine Johanna, dass er die Verschickung des Geldes zu halbieren habe, diverser unerfreulicher Unannehmlichkeiten wegen. Ihm wurde schriftlich beschieden, es sei schon in Ordnung. Er habe doch bereits über all die Jahre schon so viel Geld an sie und den Jungen übersandt, da könne man jetzt auch mit der Hälfte auszukommen versuchen. Und wieder lag ein neues Bild des kleinen Jakob anbei. Auch eines von Johanna, in der er noch immer die tugendhafte, sehr ansprechend aussehende und so gewissenhafte Mutter des gemeinsamen Sohnes sah. Mitunter herzte er das Foto, manchmal wünschte er sich, die beiden könnten hier, bei ihm, sein, und wohnen. Er sah sich um. Nun, diese 12 qm würden für eine Familie nicht taugen. Das ward ihm wohl bewusst. Und er konnte sie auch jetzt nicht über den großen Teich holen, da er ja noch mitten in der Ausbildung war. Aber eines Tages, da wollte er es wagen. Alle sollten sie kommen. Seine Eltern, Johanna und Jakob, der Freund - und gerne auch die eine oder andere Bekanntschaft aus Amerika, nämlich dann, wenn er seinen 1. großen Auftritt haben würde, unter den gestrengen Augen der Azimuth „Blip“ Wind.

Mit großem Eifer studierte Karl. Wie er diesem Akademie-Brief entgegen fieberte...
Niemals zuvor hatte er sich für eine selbst gewählte Aufgabe so sehr engagiert. Nie.

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Teil IV - Die Wiedervereinigung (Reunion)

Die Doppelbelastung, tagsüber Vorarbeiter im Bühnenarbeits-Prozess, abends dann die Akademie, bis mitunter spät in die Nacht hinein, setzte ihm schwer zu. Giacomo erkundete sich öfter, mitunter in dramatischen Worten, was denn nur mit ihm los sei. Er habe schwarze Ränder unter den Augen. Ob er dem Trunke ergeben sei? Da hat Karl gelacht und ihm scherzhaft auf das Kinn geboxt. „Nein, Freund Giacomo, nein, das hat seine Gründe, dass ich übernächtigt aussehe, aber diese Gründe sind nicht gerade dramatischer Natur. Sie werden sich schon recht bald wieder in einem normal zu benennenden Ablaufe finden. Nur keine Bange, mein junger Freund... Weder der Liebe noch dem Trunke habe ich mich ergeben. Zur rechten Zeit will ich dir berichten und du wirst sehen, bester Freund, du wirst es sehen: Alles findet sich dann!“

Giacomo hatte es dabei belassen. Er wusste nichts von der Ausbildung. Und auch sonst keiner. Weder die Intendanz noch seine direkten Vorgesetzten auf der Arbeit. In all den jetzt 35 Monaten seiner Tätigkeit für das Natur-Theater Oklahoma hatte er es keinem gesagt: Ich werde bald ein wirklicher Schauspieler sein. Ich werde, so Gott will, eines Tages auf der Bühne stehen und vielleicht einen Shakespeare-Charakter zu spielen haben, möglicherweise auch Goethe oder Schiller-Figuren verkörpern und spielen dürfen. Ja, eines guten Tages. Im Stillen dachte er: Ich arbeite daran. Sehr hart. Wenn ihr nur wüsstet. Ihr werdet noch alle von mir überrascht sein, eines Tags.

Die Eltern in Prag wussten nichts davon, Johanna nicht, und auch der ferne Freund, er hatte keine Ahnung davon, dass Karl heimlich seine Interessen voran zu treiben wusste. Endlich war es auch soweit, Azimuth selbst griff ins Geschehen ein, sichtlich erfreut sondierte sie ihre Klasse, erfreute sich der Fortschritte, prüfte und ließ alle die erforderlichen Schritte und Bewegungen ausführen, die sie die „Grundmechanismen“  nannte. Beim Gesang musste Karl sich selbst ein kleines Manko eingestehen, jedoch waren Haltung, Bewegung (das Schreiten), Ausstrahlung und Attitüde so ganz nach dem Geschmack der großen Mimin. Da gab´s deutlich schwächere Akademieschüler, das fand auch Karl. Seine Aussprache bemängelte die Akademie-Chefin etwas. Sein Akzent sei ja ganz in Ordnung (sie fand ihn sehr charmant, ein wenig wienerisch), die schleppende Sprechweise, das leichte Nuscheln jedoch, das beanstandete sie aber doch. Ja, Karl arbeitete daran. In den einsamen Nächten, inmitten seines so winzigen Raumes, betrachtete er das Tomec-Bild von Prag und rezitierte ohne Unterlass, über viele Stunden, die erforderlichen Sprech-Übungen. Nach dem 3. Semester lobte ihn die allgewaltige Chefin. Er habe überdeutliche Fortschritte gemacht. Karl erglühte vor Stolz. Ein Lob aus solch gewaltigem Munde ließ ihn heftig erröten. Mittlerweile waren die Charaktere auch eingeteilt: Die Kokotte, der Liebhaber, die Muse, der arme Poet, die Buhlerin und der Geck. Wer für das Gesinde abkommandiert wurde, hatte es, aus der Sicht der Akademie-Chefin, nicht geschafft. Der Liebhaber oder die Muse, ja, die erfreuten sich der großen Zuneigung Blip Winds. Karl hatte es zum Liebhaber, damit auch zum Durchbruch, geschafft. Der Stolz schwellte ihm sogar ein wenig die Brust.

Er hatte es auch selbst bereits bemerkt. Sicherer in seiner Art, selbstbewusster und deutlich souveräner bewegte er sich auf den Brettern, die für ihn die ganze Welt zu bedeuten schienen. Er glänzte in den Fächern Dramaturgie und Rollenspiel, er lernte rasch und gut, auch die „großen Rollen“, sehr umfangreich im Text. Eines Tages hat die große Künstlerin dann eine Ankündigung zu machen: „Am Samstag, meine Dame (an die einzige Dame im Ensemble gewandt, die von der Anfänger-Klasse leider nur mehr übrig geblieben war) und meine Herren, werden wir das erste Stück vor einem fachkundigen Publikum aufführen. Wir geben den Amphitryon, von Molière. Alkmene werde ich selbst spielen, den Jupiter gibt unser junger Freund hier, Karl Roßmann.“

Es schien Roßmann, als müsse er jetzt und sofort in Ohnmacht fallen. Welch Freude, welch unfassbare, überschäumende, tiefe Freude! „Die Cléanthis wird von unserer bezaubernden jungen Dame hier gespielt (Blip zeigte auf die einzige Frau in dieser Gruppe), und die weiteren Rollen spreche ich nun im Einzelnen den Herren zu. Als da wären....“ Während die große Mimin die Rollen und ihre Vergabe besprach, hatte Karl Tränen in den Augen. Was für eine Herausforderung. Er würde den Jupiter zu spielen haben. Und, leicht errötend, dachte er daran, dass es eine Liebesnacht zu spielen galt, zwischen der Alkmene und dem Jupiter. Was würde wohl Johanna zu solch einem Treiben sagen? Könnte sie den hehren Wert erfassen, wüsste sie, dass es sich hier lediglich um eine Kunst-Darstellung handelte, die keinerlei Bezug zu der realen Welt außerhalb des Theaters aufzeigte? Würde sie das Stück wertfrei und ohne galligen Gefühle  genießen können, wissend, dass zwischen Karl und dieser Blip nicht das Geringste an Liebeshändel vonstatten ging? Weder vor noch nach dieser Aufführung? Zumal Blip Wind ja auch mit Anfang 60 um fast 20 Jahre älter war als Johanna, gar 36 Jahre älter als Karl. Sicher schien Roßmann aber, er würde es Johanna nicht so zu erklären wissen können, dass sie es in ihrer kindlich-naiven Seele auch vollinhaltlich würde begreifen lernen.

Karl wischte diese Gedanken rasch beiseite. Es ging nun darum, die sicherlich sehr wichtigen Damen und Herren im Publikum zu überzeugen. Sofern er dies schaffte, war ihm auch der Abschluss sicher. Der Akademie-Brief. Sein Diploma! Und genau darauf kam es ihm an. Er wollte bestehen. Vor Gott und der Welt, vor aller Augen. Diesen Damen und Herren vom Fach-Publikum wollte er einen Jupiter geben, wie sie ihn so schnell nicht wieder vergessen würden. Sein ganzer Körper streckt sich durch. Wenn einer eine Chance verdient hatte, nach all diesen Mühen und Plagen, dann der dauerübernächtigte Roßmann. Den Rollentext lernte er so schnell und mühelos, dass er sich den Spaß erlaubte, auch alle anderen Sprechrollen zu studieren. Das konnte ihm, bei einer Text-Unsicherheit eines Protagonisten, durchaus hilfreich sein: „Wolltet Ihr nicht vielleicht dies hier sagen...?“ Flott eingeschoben, könnte es einen „Hänger“  eines Mimen schnellstens reparieren helfen. Es kam nun darauf an. Denn auch die Presse, nicht nur die aus Oklahoma City, würde anwesend sein bei dieser Premiere.

Ja, der Beruf eines Schauspielers erschien ihm das Erstrebenswerteste überhaupt im Leben, vielleicht neben dem eines US-Präsidenten. Derzeitiger Präsident war der von Karl sehr verehrte William Howard Taft. Der 27. US-Präsident. Aber für dieses hohe Amt kam Karl Roßmann ja leider nicht in Frage. Dazu musste man zwingend auch in Amerika geboren worden sein. So nahm er also sein Schicksal an. Ein Schauspieler, und zwar ein recht guter, das wollte er sein. Einer, von dem zu reden war. Über den geschrieben werden würde. Nicht nur in Oklahoma City.

Der „Daily Oklahoman“ erging sich in wahren Lobeshymnen nach der Uraufführung des „Amphitryon“, auch die „Tulsa World“ nannte die Premiere „außerordentlich und sehr gelungen“. Man freute sich immer, die große Charakterschauspielerin, oft auch Staatsschauspielerin genannt, wieder einmal auf der Bühne erleben zu dürfen. So ist es denn mehr der großen Mimin in der Rolle der Alkmene zu verdanken, dass Presse und auch einige der Landesmedien auf das Stück auf der angemieteten Nebenbühne des Natur-Theaters von Oklahoma aufmerksam wurden, denn die hohe Kunst des K. Roßmann, eines Novizen, der in der Rolle des Jupiter „brav neben der großen Mimin zu bestehen wusste, wenngleich die Liebesszene, dem so großen Altersunterschied geschuldet, ein wenig zu hölzern und beinern ausgefallen schien“, wurde leider nicht in all dem Maße, wie es sich der junge Protagonist gewünscht hätte, gewürdigt. Sein eigenes Empfinden war: Er hatte herausragend gespielt. Doch wenn solch ein Novize diese göttliche Schauspielerin neben sich wusste, konnte er ja nicht anders als seiner Akademie-Chefin den Vortritt zu überlassen, was Lob und Aufmerksamkeit, seitens der mächtigen Presse, betraf. Vornehmlich bezogen sich alle Kritiken auf Madame Wind. Nur selten, und nur am Rande, wurde Roßmann erwähnt. Die beste Zeile in einer Kritik las sich dergestalt: „Der erst 25jährige Karl Roßmann gab einen recht brauchbaren Jupiter, das weitere Ensemble brachte kaum mehr als vielerlei recht schweifwedelnde Spalierenthusiasten zustande, Staffage für die große Blip Wind. Und mit einigem Talent ausgestattet, wie auch der ‘Jupiter’: Die junge Cléanthis.“

In anderen Tageszeitungen kam er nicht so gut davon. Viele Artikel erwähnten ihn nur am Rande. Er habe „der großen Mimin brav zugearbeitet und seinen Text ohne Holpern und Haspeln sehr fein daherzusagen gewusst, wenngleich auch mit einem recht deutlichen europäischen Akzent, allerdings war seine Bühnenpräsenz brillant.“

Karl machte sich nichts daraus. Er war Anhänger der These, es sei immer besser, schlechte Publicity zu haben als überhaupt keine Publicity. Zudem war sein Name in nur einem Atemzug mit dieser begnadeten Schauspielerin genannt worden, Jupiter und Alkmene, für immer vereint. Es gab insgesamt sechs große Artikel, und daneben noch 3 kleinere, die Roßmann alle sorgfältig ausschnitt, in ein kleines Büchlein sehr gerade und ordentlich einklebte, und hernach die Ausschnitte noch mit Informationen aller Art zur Aufführung und zur Veröffentlichung der Kritik, vor allem auch, in welcher Zeitung und an welchem Tage, ergänzte. Er fand es schade, dass alle Fotos immer nur Madame Wind zeigten, auf 2 Fotos war das Bühnenbild mit einigen Komparsen zu sehen, aber keines davon mit ihm persönlich. Gelobt wurde, dass Blip ihre Kunst so zu vermitteln verstand, dass ihr hohes Talent auch durchaus auf die Novizen der Akademie abstrahlte. Dies machte die Akademie-Leiterin nicht unerheblich stolz. So würden weitere, zahlungskräftigere Schüler vorsprechen. Sie würde demnächst ihre Semester-Gebühren deutlich anheben können. Bessere Ausstattung, prächtige und wunderschöne Kostüme im Fundus, größere Räumlichkeiten, Blip Wind rieb sich die Hände. Dieser Molière hatte der Akademie sehr gut getan. Und Roßmann hatte Ehre eingelegt. Auch die Cléanthis konnte sich sehen lassen. Die Chefin war es zufrieden.

Sie hielt nicht zurück mit ihrem Lob. Den Roßmann umhalste sie sogar. So etwas ist eben nur am Theater möglich. Eine heftige, nahezu stürmische Umarmung zwischen einer 62jährigen und einem nun 25jährigen. Auch für die Cléanthis gab es sehr nette Worte, aufmunternden Applaus von der großen Mimin. Ich habe mich nicht getäuscht in meinen Schäfchen, sprach sie, mit sprühender Lippe, jedes von euch Kinderlein wird den Weg des Erfolges beschreiten. Einige werden sich gedulden müssen und weiter sehr fleißig daran zu arbeiten haben, das Talent besser zu entwickeln. Aber einigen von euch (und sie sah dabei den Jupiter und die Cléanthis an) prophezeie ich eine glänzende Zukunft im Show-Business. Sie kürzte das Wort ab, sagte Show-Biz.

Karl war fasziniert davon. Wenn er nach Hause schrieb, nutzte er nur noch dies Wort und konnte gar nicht genug davon erzählen. So, dass eines Tages Johanna prompt nachfragte: „Du schreibst oft von diesem Show-Biz. Du wirst der Verlockung doch nicht etwa selbst erliegen, in diesem Rummel mitzumischen?“ Karl schrieb entrüstet zurück, solche Flausen könne er sich nicht erlauben. Er habe eine seriöse Handwerk- Tätigkeit auszuüben. Da sei kein Platz für diese Glitzerwelt, für Glanz und Glamour. Er habe mit seinem Fachwissen dafür zu sorgen, dass die Aufführungen gelängen, nicht dafür, selbst auf der Bühne zu glänzen. Zumal ihm dazu, verschmitzt lächelte er bei der Niederschrift dieser Zeilen, allemal das Talent fehle. Er bewundere eben nur, wie viele hier in Amerika, Show-Biz und Star-Rummel. Er sehe sich auch manche der Aufführungen an. Manche gefielen ihm sehr, bei anderen habe er, seien sie politisch- anarchistischer Natur, hernach kein Wort des Gefallens gefunden, finden können. Er log so gut, dass ihn selbst, las er seine Briefe erneut durch, verwunderte, warum er denn nur, in aller Welt, ein Schauspieler sein wolle. Karl war durchaus bewusst, dass er eine gewisse Affinität zur Lüge aufwies. Ihm kam wieder sein Pseudonym Negro in den Sinn. Warum hatte er den Leiter der 10. Werbetruppe belogen? Warum manche Polizeimacht in Gestalt eines Uniformierten? Warum auch die Oberköchin? Er würde das im Auge zu behalten versuchen. Und zusehen, dass er diese Notlügen auf ein Minimum beschränkt. Ohne jede Not zu lügen, sollte ihm nicht mehr passieren. Hier war ihm der Mr. Negro ein mahnendes Beispiel. Um ein Haar, hätte er diesen Vorfall nicht gerade noch rechtzeitig während der Zugreise von Clayton nach Oklahoma City gebeichtet, hätte es ihn auch diese, vermutlich wohl allerletzte Chance, gekostet.

Was dann geworden wäre, mochte sich Roßmann gar nicht erst ausmalen. Wieder auf der Straße, erneut ohne Ziel und Hoffnung, erwerbs- und mittellos. Es ist wirklich unfassbar schwer, immer und immer wieder, erneut von null beginnend, den Anfang zu wagen, den harten Neubeginn. Ihm kam es so vor, als sei, seit der Entscheidung, dieser wichtigen Beichte, sein Leben in geordneten Bahnen verlaufen. Er hatte seine Chance genutzt. Er ist fleißig gewesen, aufmerksam, hatte hinzu gelernt, die Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit des Bühnenmeisters und der Intendanz gemeistert, und in all den jetzt doch immerhin drei Jahren am Theater so viel Anerkennung gewonnen, dass er auch Untergebene hatte, die er gut zu behandeln wusste. Ja, man berief ihn weiterhin auch gern in andere Brigaden, in denen wichtige Kräfte ausgefallen waren. So konnte Karl sehr bald einen großen Einblick in das ‘große Ganze’ gewinnen, die „gewaltige Maschinerie dahinter“, wie sich der Bühnenmeister so gerne ausdrückte.

Er kannte nun fast alle Abteilungen, außer der Schneiderei, der Kostümbildner- und der Küchen-Brigade. Er hatte im Fundus gearbeitet und gestaunt. Für jeden Bereich ein eigenes Kleid, eine Robe, ein Anzug, ein Gewand oder ein Wams. Jede Art von Hut gab es dort, auch exotische Gewänder und reich verzierte Kleider für Prinzen, Prinzessinnen und Königinnen. Nicht selten hatte er das eine oder andere Gewand heimlich anprobiert. Er stand als Mohr von Venedig vor nahezu blinden Spiegeln und er gefiel sich als Kaufmann Jermolaj Alexejewitsch Lopachin aus dem Kirschgarten von Tschechow. Die meisten Gewänder waren mit kleinen Schildchen ausgestattet, so konnte man leicht erkennen, für welches Stück welches Gewand gedacht war. Er hatte seinen Spaß darin gefunden, so manches Schild einem anderen Gewand quasi zuzuteilen. Dies würde für erhebliche Verwirrung sorgen, wenn der Kaufmann von Venedig das Gewand mit dem Dorfrichter Adam aus Der zerbrochene Krug tauschte, Shylock gegen den Richter, beide völlig anachronistisch bekleidet. Es würde sicher eine Zeit benötigen, den Umstand zu bemerken, dass hier „etwas faul war im Staate Dänemark“, um Shakespeare zu bemühen, den Karl Roßmann mit wachsender und nie zuvor gekannter Aufmerksamkeit las. Verschlang. Aus der Heimat ließ er sich die Reclam-Hefte schicken, für nur 2 Silbergroschen. Erst den Faust, hernach Wilhelm Tell und schließlich alles von W. Shakespeare. Der Leipziger Verleger Anton Philipp Reclam hatte das Potenzial sofort erkannt, eine wohlfeile Unterhaltungsbibliothek für die gebildete Lesewelt zu erschaffen, Populäres billig unters Volk zu bringen. Mit nur 21 Jahren hatte der Buchhändler-Sohn seine eigene Druckerei gegründet, Goethes Faust, Lessings Nathan der Weise und schließlich Shakespeares Romeo und Julia, so begann Reclams Erfolgsgeschichte im Jahr 1867; am 10. November gab es den 1. Band überhaupt. Bis Ende 1868 waren es schon 110 Nummern, nach den ersten 10 Jahren sogar knappe 1000. Karl imponierte Reclams Werdegang sehr, er ließ sich aus der Heimat vom Freunde, der ihm leider nur 1 x pro Quartal schrieb, alles genau darüber berichten. Ihm schien es so, als sei ja auch er berufen, ähnliches zu leisten, nur eben auf anderem Gebiete. Er wollte die gedruckten Sätze sprechen, ja er wollte die Charaktere mit Leben erfüllen, die, platt gedrückt, zwischen zwei Deckeln, auf all die Leser warteten. Er wollte den Romeo spielen, unbedingt. Und er wurde in diesem Fall auch nicht enttäuscht. Karl hatte sich ein Portefeuille zugelegt, eine Bewerber- Mappe, mit allerlei Fotos aus der Zeit des Studiums an der Akademie. Es kam jetzt die Zeit, diese Mappe einigen wichtigen „Theater-Leuten“ vorzulegen, damit, dies wusste Karl von Azimuth Wind, sein Name sich in das Gedächtnis der Mächtigen einbrannte. Das Konvolut hatte ihn viel Geld gekostet. Er war sehr stolz auf das seiner Meinung nach sicher großartige Ergebnis. Auch zeigte ein Bild die große Schauspielerin selbst, Madame Wind, mit ihm zusammen, Karl Roßmann, in der unbestritten sehr guten Amphitryon-Vorstellung. Es sollte dem ziemlich großen Foto nichts passieren, daher beließ er es im Portefeuille, hängte es nicht an die Wand zu seinen Schätzen, den 7 Bildern von Jakob, den beiden von Johanna, und den fünfen, die seine Eltern zeigten. Dennoch, das ihm liebste Bild blieb natürlich das Prag-Bild.

Nachdem er einen Umtrunk zum 4jährigen Dienst-Jubiläum am Theater, in seinem Kollegenkreis, hinter sich gebracht hatte, auch die Intendanz hatte ihm einen Brief hierzu geschickt, mit einem Billett für eine Uraufführung, auf den teuren Plätzen, gab es die nächste Überraschung: „Romeo und Julia“, mit ihm als Romeo, sollte nun der große Schritt in die richtige Richtung für ihn bedeuten. Die ehemalige Cléanthis war nun, plötzlich, eine „Julia“. Azimuth Blip Wind wollte oder konnte hier nicht als Julia agieren. Die große Zeit der Mimin war dahin, eine Julia konnte sie nicht mehr geben. Karl war darüber mehr als erfreut. Endlich mehr Schlagzeilen für ihn und die wahrlich entzückende Julia, die sich ebenfalls sehr gut entwickelt hatte. Auch er hielt Madame Wind mittlerweile für zu dick, um die Julia geben zu können. Ein zartes Persönchen, das war´s, was die Rolle verlangte. Und die ward sehr bald gefunden, eben diese Ex- Cléanthis. Blass, schlank und wunderschön. So hatte Karl sich auch während seiner erstmaligen Lektüre die Julia vorgestellt. Irgendwie erinnerte ihn die Akademie-Chefin sehr nachdrücklich an die Oberköchin des Hotels Occidental, aus Salzburg, die Grete Mitzelbach, einst etwa 50 Jahre alt. Brunelda, Wind und Mitzelbach, das war nun in der Phantasie des Karl Roßmann eine Gewichtsklasse: Extrem dick. Die gemütlichen Dicken aber machten ihm Freude. Wer war es noch gleich, der gesagt hatte: Lasset wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen, die des Nachts gut schlafen?

Der Cassius dort hat einen hohlen Blick.
Er denkt zuviel: Die Leute sind gefährlich.

Richtig, es war William Shakespeare. Und er ließ es den großen Julius Cäsar sagen.
Dicke Menschen wollen dir kein Leid antun, sie sind meist verträglichen Charakters.

Hatte in früheren Zeiten Karls Herz für Fanny geschlagen, zusätzlich zur stetig gleich gebliebenen Zuneigung zur Kindesmutter Johanna, erbebte es nun für die wunderbar leicht agierende, wunderschön anzusehende Julia. Den Proben war es bereits recht deutlich anzumerken: Die Chemie stimmte zwischen den beiden, denn auch die süße Ex-Cléanthis zeigte leichtes Erröten, näherten sie sich einander an während des oft intensiven Spiels um die zarte Liebe, die von den verfeindeten Eltern nicht geduldet wird. Viel wurde gemunkelt, aber letztlich war es, wie eigentlich immer, Karls zartes Gemüt in dieser Hinsicht, das eine heillose Verstrickung in „Liebeshändel“ untersagte und verhinderte. Er spürte bei all den vielen hundert Proben, dass ihm eine unbändig große Leidenschaft entgegen getragen wurde. Ergriff er die zarten Hände der Holden (und blickte ihr dabei geradewegs in die herrlich blauen Augen), sagte er ihr all diese wunderschönen Sätze, die ein jedes Herz zu berühren wussten, vor allem aber das einer liebenden Schönheit, dann war ihm so, als gäbe es nur das Jetzt und Hier, kein anderes Leben, fern in Prag, bei Jakob und Johanna, keines als Bühnenarbeiter, und erst recht keines als Schauspiel-Schüler. Es gab, in diesen seltenen Momenten, und hier hatte die Akademie-Leiterin auch deutlich Tränen in den Augen vor Rührung, nur diesen Romeo und diese Julia, einander näher als der Zeige- und der Mittelfinger der Hand. Untrennbar verbunden bis zum bitteren Ende, dem gemeinsamen Selbstmord, Romeo durch Gift, Julia durch einen Dolch. Der Ausgang der tragischen Geschichte, für Karl absolut unfassbar. Das hätte doch verhindert werden können, dachte er bei der Lektüre, unter Tränen. Das hätte doch nun wirklich nicht sein müssen.

Karl unterdrückte diese „innere Hitze“, wie er es in seinen sporadischen Tagebuch- Aufzeichnungen seit Beginn seiner Tätigkeit beim Theater in Oklahoma City nannte, so gut es nur ging. Oftmals ging er weite Strecken, bis in die entlegensten Stellen von OK City, um den Kopf frei zu bekommen. Dann wieder rauchte er eine Pfeife nach der anderen, um bei einem guten Buche Zerstreuung zu finden. Und vielfach, tatsächlich, gab es die Erlösung beim Studium der hohen Shakespeare’schen Kunst. Weniger während all der Marathon-Strecken-Läufe, die er, um rasch zu ermüden, in rasender Eile betrieb. Nicht selten sahen sich Passanten nach ihm um, da er schnell und dennoch ziellos umher wanderte, eiligst, aber doch nicht bestrebt, einen klaren Punkt zu erreichen. Überhaupt war Karl zwar grundsätzlich sehr beliebt bei all seinen Kameraden und Mitarbeitern, auch bei den Untergebenen, vielleicht nicht so sehr bei Keller Thompson, aber vielen war sein Verhalten außerhalb der Arbeit auch suspekt.

Giacomo zum Beispiel, mittlerweile aufgestiegen zum Demi Chef de Rang, mit sehr viel mehr Gehalt als zuvor. Nun suchte er Karl bisweilen mit der einen oder anderen Leckerei auf. Dann schlemmten sie, tranken Wein, rauchten und unterhielten sich - und immer wieder stieß ihm dabei merkwürdig auf, wie Karl sich verhielt (so geziert), wie er redete (so gestelzt), welch großen Wert er auf gute Aussprache und auf ein fehlerfreies Englisch legte. Er hatte die Angewohnheit, Giacomos Fehler direkt und auch ein wenig unhöflich zu verbessern. Dies gefiel dem Freund nicht, und so fielen die Besuche bei Karl immer spärlicher aus. Was Roßmann aber nicht störte. Für ihn waren die Besuche eine willkommene Abwechslung zum tristen Alltag geworden. Es gab für ihn ja nur die Arbeit, das Studium und das Briefeschreiben. An seiner Wand klebten 7 Bilder des stetig wachsenden Jakob und der fröhlich blickenden Johanna. An ihnen und dem Bild von Prag ergötzte sich sein Herz, wenn es ihm schwer ward. Aber als Giacomo immer häufiger ausblieb, auch keine Witze mehr unter seiner Tür durchschob, um Karl aufzuheitern, konnte unser Roßmann deswegen aber keinerlei Traurigkeit über diesen Umstand bei sich ausmachen.

Jener meinte, in seiner Brigade, wenn die Rede auf Karl kam: „He´s my sentimental friend. He actually don´t need one...“ Mittlerweile hatte sich Giacomos Englisch zwar verbessert, sonst hätte er auch die neue Stellung nicht bekommen, aber der Fehler gab es noch genug, so dass es vielleicht gerade daran scheitern mochte, warum er auch in den Folgejahren nicht zum Chef de Rang befördert wurde. So endete dann, versickerte die Freundschaft zu Giacomo. Karl R. entschloss sich in einem strengen Winter, die Antiderapants (Schneeketten) befanden sich nun bereits an all den vielen Fahrzeugen auf OK Citys Straßen, in Oklahoma City sind die Sommer sehr heiß und schwül, die Winter sind sehr kalt und windig, und es ist das ganze Jahr über teilweise bewölkt, nur zwischen Juni und September konnte man das Wetter als hocherfreulich bezeichnen, nunmehr dem fernen Freunde, Franz, vom Ende der Ausbildung an der Akademie zu berichten. Er absolvierte gerade das letzte Semester, alle waren voll des Lobs bezüglich des jungen Schauspieler-Anwärters, da hatte er die Eingebung, endlich wenigstens einem Menschen davon zu berichten, dass er die Akademie mit einem Diploma würde verlassen können, um endlich hauptberuflich Schauspielkunst zu zeigen, an öffentlichen Bühnen, am liebsten natürlich auf der weltweit einzigartig konstruierten doppelten Riesenbühne des Natur-Theaters von Oklahoma, mit dieser Vorhang-Gleitmechanik, die ihresgleichen suchte. Und die er selbst bereits so oft zu bedienen hatte. Es konnte, nach Karls Meinung, gar nicht schaden, wenn man zuvor hinter der Bühne gearbeitet hatte, um dann schließlich auf ihr selbst zu landen. Unter völlig anderen Vorzeichen. Franz sollte die Wahrheit erfahren. So schrieb er ihm also einen langen Brief, mit eng beschriebenen 9 Seiten, und teilte dem Freunde mit, dass er bald ein fertig ausgebildeter Schauspieler sein werde. Durchaus mit Aussicht auf ein Engagement an einer namhaften Bühne in Amerika. Als jugendlicher Liebhaber.

Auf diese Rolle hatte er sich nun einmal festgelegt, unterstützt durch Instituts-Chefin Azimuth B. Wind.

Nun war Franz Kummerbund der einzige Mensch überhaupt, den er mit der Wahrheit betraute, dem er radikal alles erzählte, was es mit dem hohen Ziel auf sich hatte, der Schauspielerei. Er schrieb, abschließend: Man werde sicherlich noch von ihm hören. Und siehe da, Franz schrieb ab sofort häufiger. Er sprang auf dieses Thema stark an, die Interessen deckten sich, daher wurde der Briefverkehr anregender, ausführlicher, deutlich geprägt von der Neugierde des Freundes hinsichtlich der überwältigenden Theaterlandschaft in Amerika. Kummerbund stellte viele Fragen, bat um Auskünfte, mal über diesen großen amerikanischen Mimen, dann wieder über jene Actress, die er im Kino in Deutschland gesehen hatte. Er fragte nach den Gepflogenheiten, die an der Bühne vorherrschten, hatte Fragen zur Ausbildung, wollte unbedingt gern wissen, welche Verdienstmöglichkeiten ein Jung-Schauspieler in Amerika hatte, bei zunächst kleinem Engagement. Nun schrieb auch Karl eifriger, bemühter, sichtlich zufriedener, es gab nichts zu bereuen, Franz K. in sein Geheimnis eingeweiht zu haben. Karl hat von Madame Wind erfahren, dass die „neuen Kräfte an der Bühne“ erst einmal fürs Tournee-Ensemble gebucht werden würden. Und diese Tourneen würden Roßmann durch das ganze Land führen, in alle Staaten. Er möge wissen, so Wind, dass diese Tourneen kräftezehrend, enervierend lang und mitunter auch sehr zäh seien. Immer nur ein und dasselbe Stück zu geben, an jedem Abend, an Sonntagen vielleicht zwei Mal sogar, das verlange ihm viel ab. Vor allem aber die unbedingte Liebe zur Bühne und zum Theater an und für sich. Karl versicherte, diese Liebe in sich zu tragen. Ja, er bestand darauf, der großen Mimin anzuvertrauen, es könne gar keine besseren Lehrzeiten geben als die Jahre an einer Wanderbühne. Ein grundsolides Handwerk erfordere eben Erfahrung. Und die hole er sich über das Tournee-Ensemble. Wind schien erfreut. Hier kamen Enthusiasmus und ein gehöriger Idealismus sehr deutlich zum Tragen. Keine schlechten Voraussetzungen für eine gewaltige Bühnen-Karriere.

Wie würden seine früheren Kollegen, der Bühnenmeister, die Intendanz, staunen, so er eines Tages auf der Hauptbühne den Romeo gab? Würde er die begeisternden Jubelstürme der Presse auch nach Hause senden? Zu den Eltern, an Johanna und den Sohn? Vielleicht sogar an den Senator? Wohl wissend, dass sich jener sehr für die zeitgenössische Schauspielkunst interessierte. Und immerhin 2 x waren sie ja auch zusammen im Theater gewesen. Sie hatten den „Zerbrochenen Krug“ gesehen und, keine 6 Wochen später, Heinrich von Kleists „Penthesilea“. Zu jener Zeit hatte Karl noch erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit der altertümlichen englischen Sprache gehabt. Das war heute kein wie auch immer geartetes Problem mehr. Sein Englisch hätte besser kaum sein können. Der Akzent war fast vollständig vergangen und auch das schleppende, leicht nasale Sprechen hatte ihm die Akademie letztlich abgewöhnt. Seine Ausbildung hatte sich gelohnt. Es hatte aber auch viel Kraft, und, vor allem, sehr viel Ausdauer, Leidenschaft und großen Mut gebraucht, diese Hürde zu nehmen. Nach anfänglichen lässlichen Unstimmigkeiten gab es, zur Mitte der Ausbildung hin (wie lange ihm diese Zeit bereits völlig aus dem Gedächtnis entschwunden war, sehr seltsam), eine sanfte Befriedung, und nun, am Ende der Studienzeit angelangt, ward ihm das Wissen zuteil, „er habe es ausreichend gut gemacht“. Perfektion sprach die Leiterin der Akademie keinem zu, sie sprach auch nie von „überragend“ oder auch von „phänomenal“, doch alle wussten, „eine ausreichend gute Leistung“ reichte alle Male aus, um der großen Staatsschauspielerin (emeritiert) sehr zu gefallen, den für die Leistungen erhofften Beifall dann auch zu erhalten.  

Manch Kummertrunk umging der immer noch recht junge Karl, indem er sich in die Arbeit warf, tagsüber. Mit dem Rollenstudium, die halbe Nacht, und seinen Studien an der Akademie, ergab sich zusammen ein Arbeitspensum, das nur schwerlich zu bewältigen schien. Irgendwie schaffte es Karl jedoch, obschon er mitunter wahrlich wie bleiern in die Kissen sank. Es folgte ein nahezu bewusstloser Schlaf, traumfrei. Gar keine Träume zu haben, erschien ihm unnatürlich. Arbeitet der Geist nicht des Nachts alle Sorgen und Probleme auf, kämpft mit ihnen und entlässt sie dann wohl in die Freiheit? Besiegt? Jedenfalls für diese Nacht? Sollte nicht ein Traumgebilde den Schlaf veredeln helfen? Karl hatte sich in früheren Zeiten, vor allem auch im Hotel Occidental, sehr stark an seine nächtlichen Träume erinnern können. Manche hatte er auch aufgeschrieben, zu bizarr erschienen sie ihm am nächsten Morgen. Manche Träume hatten ihn verängstigt, aber die meisten schienen Schabernack mit seinem mentalen Zustand zu treiben, ein Possenspiel der besonderen Art. Mitunter hatte er sogar fliegen können im Traum. Gerade diese „Flug-Träume“ hatten ihn besonders erfreut, erfrischter als sonst war er nach solchen Traum-Vorstellungen, die ihn hoch hinauf, in schwindelnde Höhen, geführt haben, erwacht. Wohl gelaunt, präpariert für den schweren Dienst als Liftjunge. Immer höher hinaus. Ja, das gefiel Karl Roßmann (und er genoss jeden einzelnen dieser leider seltenen Flug-Träume sehr!).

An einem Freitag, dem 13., erfuhr er von einem schrecklichen Unfall am Theater. Es wurde ihm berichtet, dass ein sehr junger Mann vom Rollenboden, direkt über dem Schnürboden gelegen, gefallen sei und sich das Genick gebrochen habe. Da ja auch Karl sehr oft hoch oben auf dem Seil- und auch dem Rollenboden herum geturnt war, überfiel ihn sogleich ein gewaltiger Schrecken, ihn schauderte so sehr, dass dieses Zittern jedem auffallen musste, der sich gerade in seiner Nähe befand. Karl wusste, und dies instinktiv, dass es einen ihm bekannten Menschen getroffen hatte. Er fragte nach und erfuhr, dass ein ehemaliger Mensch aus der Küchenbrigade sich beim Chef der Bühnenarbeiter-Brigade beworben hatte und angenommen worden war. Sichtlich unzufrieden mit seinem niedrigen Rang dort in der riesigen Groß-Küche hatte dieser junge Mann dann zugestimmt, mitzuhelfen, einige Züge von der Bühnendecke herab zu lassen, sie verlaufen von der Bühnenwand über den Schnürboden. Und leider, bei der Befestigung an der Seitenwand, ausgerechnet am Schlitten Nr. 13, hatte sich der Jüngling an einem schweren Gewicht, zur Kompensation der Masse der Dekoration, gestoßen - und war, nahezu bewusstlos, vom Rollenboden gestürzt. „Wie heißt der arme junge Mensch?“ Das fragte Karl Roßmann bangen Herzens. Und es wurde ihm gesagt: „Das war ein gewisser Giacomo. Der wäre wohl besser in der Küchenbrigade geblieben!“ Karl fand das „disgusting“ und wandte sich ab. Tränen flossen über seine Wangen. Er trauerte lange um den ehemaligen Freund, erinnerte die mitunter schwer zu ertragenden Zeiten, da sie beide Liftboys im Occidental waren. Nun wurde ihm so hart bewusst, dass Giacomo ein guter Freund gewesen ist, ein naher Freund. Seine Tränen flossen unaufhörlich. Und erstmals überhaupt sehnte er sich nach Umarmung und der Nähe eines geliebten Wesens, vielleicht der Mutter, vielleicht auch Johannas oder Fannys Trost. Niemals seit den schweren Zeiten, da er ohne festen Wohnsitz in New York unterwegs und umher geirrt war, hatte er sich so trostlos und so entsetzlich einsam gefühlt. Ihm fehlte die Nähe eines liebenden Menschen, all die Wärme, auch ein freundliches Wort zur rechten Zeit. Nun erst, seit dem tragischen Tod des immer so springlebendigen Giacomo, wurde ihm deutlich, wie einsam er schon seit so vielen Jahren gewesen ist. Einsam, seit er den Onkel hatte verlassen müssen.

Die Bühnenarbeiter, genau so abergläubisch wie die Schauspieler selbst, befanden, es sei ein böses Omen, dass an einem Freitag, dem 13., ausgerechnet am Schlitten Nummer 13, sich ein Unfall am Schnürboden ereignet hatte. Man schrieb den 13.06. 1913, und er ging in die Historie des Natur-Theaters als Unglücks-Tag ein. Entfernt wurde der Schlitten Nr. 13, auch fand an diesem Freitag keine einzige Vorstellung statt. Alle trauerten um Giacomo Barbieri. Die Küchenbrigade ebenso wie all seine neuen Kollegen von der Bühne. Über 100 Menschen sind zu seiner Beerdigung auf dem Riverside Gardens Cemetery in der Nähe des Forest Parks gekommen. Nicht weit entfernt: Der Oklahoma City Zoo. Bei dieser Wahl hatte Karl maßgeblichen und hohen Anteil, wusste er doch von Giacomo, dass dieser Tiere sehr liebte und zudem die Natur. So war er in unmittelbarer Nähe zum Zoo und zum Park. Er konnte selbst entscheiden, wohin er seine Seele wandern ließ, zu den Tieren oder in die geliebte Natur. Die halbe Küchenbrigade war angerückt, stand Spalier. Ein Dudelsackspieler intonierte „Amazing Grace“, und wirklich allen standen die Tränen in den Augen. Man hatte gesammelt, und es war viel Geld zusammen gekommen. Es hatte, da Giacomo nicht einen Verwandten oder Bekannten in Amerika gehabt hatte, ausgereicht, einen sehr schönen, aber dennoch schlichten Grabstein anfertigen zu lassen. Karl, als der beste Freund des Verblichenen, durfte die Inschrift aussuchen. Er entschied sich für eine italienische Beschreibung: Una vita molto breve ma piena (ein sehr kurzes, jedoch erfülltes Leben), denn der Freund war ursprünglich Italiener gewesen. Die Bühnenarbeiter hatten einen riesigen Kranz gestiftet, und der Sprecher der OK City Theater-Gewerkschaft hielt eine kurze, dennoch sehr bewegende Rede. Doch der Hauptredner sollte Roßmann sein. Ihm versagten die Nerven. Er kam leider nur bis zu den Tagen im Hotel Occidental, dann brach er weinend ab. Er konnte nicht mehr, ihn überwältigte die Trauer. Fanny führte ihn, die Gute, vom Rednerpult weg, nahm ihn tröstend in den Arm. Das tat unendlich gut. Er wollte eigentlich noch seine Trompete erklingen lassen, für den Verstorbenen. Doch er ließ es sein.

Es war genau diese Umarmung, nach der er sich ja letztlich so sehr gesehnt hatte, die ihn endgültig davon überzeugte, dass sein Engel Fanny die richtige Frau an der Seite eines künftigen großen Schauspielers sein würde. Glücklich und traurig, alles im gleichen Augenblick, das erfuhr Karl hier, abseits der bewegten Menge. Als der Sarg in Hausdachform, weiß, und mit wunderschönen Messing-Griffen ausgestattet, schließlich in den Boden gelassen wurde, stand Karl Hand in Hand mit Fanny dort, lauschte den Klängen des Dudelsacks, gedachte des toten Freundes, und weinte hemmungslos. Ab und an fühlte er Fannys Hand. Sie drückte die seine, so, als sei das unsichtbare Band zwischen ihnen untrennbar. Karl drückte zart zurück. Jedoch sah er Fanny nicht an. Sein Herz schlug so schnell wie selten zuvor. Ja, er war jetzt doch sehr verliebt. Und er verbot sich gleichzeitig dieses Aufschluchzen des Herzens (da doch eben erst der Sarg seines Freundes der Erde überantwortet worden war, es war noch keine Viertelstunde seither vergangen), denn heute war doch die Zeit des Trauerns, nicht aber die Zeit der Freude und der sich zufliegenden Herzen. Dennoch ließ er die kleine Hand der Fanny nicht los. Noch bis kurz vor Beendigung der Rede des letzten Vorarbeiters, unter dessen Kommando Giacomo gestanden, und unter dem er ja leider auch den Tod gefunden hatte, hielt er die zarte Hand der hübschen Fanny. Nun wurde noch ein gewaltiger Kranz der Intendanz gebracht, die ebenfalls zwei Vertreter abgestellt hatte, um den jungen Mann entsprechend zu ehren. Diese Wertschätzung hätte Giacomo B. sicher sehr gefallen, dem eine gewisse, allerdings recht harmlose Eitelkeit nachgesagt wurde. Sie bezog sich im Wesentlichen auf die pechschwarze Haarpracht, die zeit seines Lebens kaum zu bändigen gewesen war.

Wieder in die Spur zurück zu finden, wieder dem Alltag die Stirn zu bieten, nach all dem, das fiel Karl sehr schwer. Auch hatte er seit der Beerdigungs-Zeremonie kein Wort von Fanny vernommen. Er selbst hatte sich nicht getraut, sie aufzusuchen. In aller Unschuld hatte er ihr, in tausend Variationen, seine Liebe gestanden, jedoch nur in seiner Phantasie. Realiter schien ihm das Unterfangen ein unmögliches zu sein, er scheute sich, überhaupt einen Anlauf zu nehmen. Wie würde sie reagieren? Ist es für sie nur ein Akt der Menschlichkeit gewesen, etwa gute 25 Minuten lang seine Hand, in allen Ehren, gehalten zu haben? Dies war ja auch bemerkt worden, von sehr vielen Anwesenden. Doch keiner fragte nach, und auch Fanny ließ sich nicht mehr blicken.

Das war nun fast 3 Wochen her. Und gerade jetzt hatte Karl auch ganz andere, viel größere Probleme. Er sollte den Romeo spielen. Zum Abschluss der Akademiezeit, endlich - den Romeo! Das größte Projekt, gleich das Königs-Projekt. Er fühlte es tief in sich: Er würde dieser großen Aufgabe gewachsen sein! Er würde es Madame Blip Wind beweisen, ihr und ganz Amerika! Zuvorderst Oklahoma City.

Nur wenige Nächte danach hatte Karl erneut diesen fürchterlich real wirkenden, so deprimierenden Traum vom Greis, der seinen noch lebenden Hund im Garten zu begraben suchte. Wieder warf es Roßmann in seinen Kissen hin und her, diesen Albtraum empfand er als einen Fingerzeig. Am Morgen danach, und Karl war völlig verschwitzt und desorientiert erwacht, erinnerte er den Eintrag aus dem „Buch der Träume“: Unglück für einen Freund! Nun wusste er es: Das Schicksal hatte seinen Freund Giacomo auserwählt, die Erde deutlich früher als gedacht zu verlassen. Es gab klare Signale, die darauf hingedeutet hatten. Diese Zeichen auch zu erkennen, das ist die Aufgabe des Menschen. Hinweise gibt es derer viele. Doch meist sind die Menschen blind, so sie auf den Wink des Schicksals stoßen. Entweder wollen sie die Zeichen nicht erkennen, vor allem dann, wenn diese strikt negativ ausgelegt werden könnten, oder sie wiegeln ab: Das ist doch der reine Zufall, das hat weiter nichts zu bedeuten. Gib gut auf deine Träume acht, sagte Karl zu sich selbst, sie vermitteln in der Regel klare Tendenzen, mitunter auch deutliche Zeichen künftiger Ereignisse.

Dem Akademie-Abschluss-Mammut-Projekt, Romeo und Julia, fieberten alle mit heißer Stirn entgegen. Ein geschäftiges Summen und Brummen durchfuhr diese altehrwürdigen Hallen und Gemäuer des Natur-Theaters von Oklahoma, denn für dies besondere Event sollte, wie alle 3 Jahre, die große Hauptbühne zur Verfügung gestellt werden. Die Generalintendanz verbeugte sich mit dieser großen Geste vor Madame Wind, die regelmäßig für den Nachwuchs sorgte. Und manch Talent hatte bereits die „ganz große Bühne“ erklommen, nach dem Abschluss bei Blip. Natürlich profitierte das Natur-Theater an erster Stelle, nach entsprechender Auswahl durch die Akademie-Chefin, nur wenige Talente wanderten an andere Bühnen im Land ab. Die Empfehlung der begnadeten Schauspielerin: Den Romeo unbedingt übernehmen und auch die Julia ins Stamm-Ensemble aufzunehmen. Beide hätten das Zeug zur langfristigen Karriere im Schauspiel-Gewerbe. Die General-Intendanz war deshalb auch vor Ort, als die Diplome vergeben wurden. Es war ein erhebender, schöner, besonderer Augenblick, da die „Kinderlein der Madame Wind“ einzeln aus der Reihe tretend nach vorne kamen, um das begehrte Dokument überreicht zu bekommen. In jedem der Fälle hatte die Akademie-Leiterin ein freundliches Wort, ein Lob oder eine kleine Ansprache aufzubieten. Die meisten gingen denn auch mit Stolz im Blick, und mit gerötetem Gesicht seitlich ab. Später gab es ein Gruppenfoto mit den Gewinnern, wie sich Blip ausdrückte: „Ihr seid alle Gewinner! Es waren großartige 6 Semester - so viele Talente... Ich bin überwältigt. Selten hat mir eine Studienzeit solch großes Pläsier bereitet. Vor allem möchte ich den Karl Roßmann loben. Er hat ohne Zweifel den größten Fortschritt innerhalb dieser 3 Jahre gemacht. Anfänglich hätte ich nicht gedacht, dass daraus solch ein Charakter-Schauspieler werden könnte. Doch durch deinen Fleiß, deine Beharrlichkeit und deinen Mut hast du, Roßmann, aufgezeigt, wie es gehen kann, wenn man nur an sich glaubt und niemals aufgibt. Eine klare, schöne Stimme, kein Nuscheln mehr, fast kein Akzent, du, mein Roßmann, hast mich sehr, sehr stolz gemacht!“ Und sie schüttelte, nach amerikanischer Art, sehr lange Karls Hände, flüsterte dabei: „Mein Meisterschüler!“ Karl erglühte, musste sich anstrengen, jetzt nur nicht zu weinen vor lauter Glück. Dankbar sah er Blip Wind an. Dieser Frau hatte er alles zu verdanken. Hernach wurde die neue Julia hoch gelobt und ebenfalls mit dem Diplom versehen, in beiden Fällen (es sind auch die einzigen in den Jahren des Studiums zwischen 1911 - 1913 gewesen) ein Master-Diplom summa cum laude, wenngleich dieser Zusatz lediglich inoffizieller Natur sein konnte. Aber genau dieser Zusatz half erstaunlich schnell in den Sattel eines edlen Rosses, das auf den Namen Erfolg hörte. Dionysos stand, als Nachbildung der berühmten römischen Statue, wohl entstanden zwischen 117 und 138 n. d. Z., ausgestellt im Museo Nazionale Romano, Palazzo Massimo Alle Terme, im Wachsausschmelzverfahren hergestellt, neben den Feierlichkeiten und bewachte die Zeremonie, quasi als oberster Dienstherr. General-Intendanz und ein nicht näher bezeichneter Mäzen hatten die Figur gestiftet, und sie wurde Madame Wind erstmals für dieses Diplomüberreichungs-Ritual zur Verfügung gestellt. Stolz ließ sich die Instituts-Leiterin daneben ablichten.

Karl Roßmann war jetzt ein echter, ausgebildeter, amerikanischer Schauspieler mit einem summa cum laude-Diploma. Ihm stand die Welt des Theaters offen. Nicht lange nach dem letzten Tag an der Akademie kam das erste Angebot vom Natur-Theater, ihn fest zu verpflichten, zunächst, wie Karl ja schon wusste, fürs Tournee- Ensemble zu engagieren, auf schließlich 2 Jahre fix. Nach dieser Zeit der Bewährung sollte es dann in Oklahoma City für ihn auf die große Bühne gehen. Hier würde sich Karl zu bewähren haben, hier würde sich zeigen, ob er auch wirklich das Zeug zum „großen Mimen“ hatte, oder ob er in der 2. Reihe stehen würde, den Stars zusehend, ihnen zuarbeitend, als Butler, Portier, Bauer oder Arbeiter sein Auskommen fristend. Wie es Blip Wind gern sagte: „In der zweiten Reihe dahin vegetierend, ohne jemals eine Chance zu haben, die tragende Rolle zu spielen.“

Karl hatte seiner Intendanz gleich nach dem erfolgreichen Abschluss an der Wind- Akademie die Kündigung als Vorarbeiter im technischen Bereich überbracht. Seine Vorgesetzten staunten nicht schlecht, als er ihnen offenbarte, dass er ein nun neues Kapitel aufzuschlagen gedenke. Er werde seiner Bestimmung folgen und ein Actor werden/sein. Die Brigade verlor einen guten Arbeiter, die Intendanz erhielt jetzt den hervorragend ausgebildeten, neuen Star am Schauspieler-Himmel. So sprach es der General-Intendant aus. „Legen Sie als Romeo Ehre ein, und Sie werden sehr sicher einen guten Vertrag von uns erhalten, Herr Roßmann. Seien Sie uns als Spitzenkraft im hart umkämpften Jahrmarkt der Eitelkeiten sehr herzlich willkommen. Wann diese Karriere startet, liegt ganz bei Ihnen. 2 Jahre Wander-Theater, das ist die ganz harte Schule, mein junger Freund, danach geht es zurück nach OK City, in die Heimat, auf die große Bühne daheim. Na, was meinen Sie? Ist das ein Angebot?“

Und wieder wurden Hände geschüttelt, extrem lange, und wieder erglühte Karl vor Stolz. Angenommen... Wie gern er dieses Wort hörte. Sofort schrieb er lange und quasi mit glühender Nadel gestrickte Briefe. Er schrieb Franz Kummerbund zuerst, hernach den Eltern und dann Johanna und Jakob. Alle lud er ein, nach Oklahoma zu kommen, ihn auf der gewaltigen Bühne des Natur-Theaters zu sehen, als „Romeo“. Dazu wolle er die Hälfte der Kosten einer Überfahrt mit dem Schiff beitragen, schrieb er heiteren Gemütes. Vom Tode seines Freundes Giacomo schrieb Karl keine Zeile. Jetzt galt es, positiv auf das weitere Leben zu blicken. Jetzt galt es, optimistisch in die Zukunft zu sehen. Kein Blick zurück, kein Gedanke an Tod und Trauer, jetzt ist es endlich soweit, sprach Roßmann zu sich selbst, jetzt steht dir endlich die Welt offen!

Der Generalintendant hatte ihm versichert, dass die Diplom-Auszeichnung cum laude quasi der „Türöffner“ gewesen sei. Denn noch nie zuvor in der Historie des Theaters habe es so etwas schon einmal gegeben: Ein Bühnenwerker wird zum Schauspieler. Azimuth Wind habe ihm, dem Intendanten, versichert, dass sie bislang lediglich neun mal diese besondere Auszeichnung verliehen habe. Und jeder dieser, bislang, hoch gelobten Akademie-Abgänger hätte es im Schauspielberuf zu hohen Ehren gebracht. Das „Institut für darstellende Kunst Azimuth Wind“ freue sich, sogar einen Preisträger hervor gebracht zu haben. Und der Intendant nannte einen bekannten Namen, sogar Karl kannte ihn auf Anhieb. „Diese Fakultät genießt einen exzellenten Ruf, daher war es gar keine Frage, lieber Roßmann, dass wir Sie und Jenna Lockhart [Cléanthis und Julia] sehr gern für unser Tournee-Ensemble übernommen haben. Später möchte ich Sie aber unbedingt einmal hier, auf der Mega-Bühne, erleben, Roßmann. Wie ich so höre, geben Sie demnächst den Romeo?“ Karl bejahte. „Dann wünsche ich für diese Vorstellung bereits jetzt toi toi toi...“ Karl dachte bei sich: Als Chef dieses gewaltigen Apparates sollte er wissen, dass er mir das nur dann sagen sollte, wenn ich bereits in Maske und Kostüm vor ihm stehe. Andererseits: Vielleicht ist der Mann auch viel zu weit vom eigentlichen Geschehen entfernt. Möglich auch, dass ihm Administration und der Blick auf den Gesamt-Haushalt die Sicht auf das Wesentliche verstellt - das Theater. Das Geschehen am und rund um das Theater. Die Aufführungen. Natürlich auch die Schauspielerinnen und Schauspieler. All die Beteiligten. Wir reden hier von 12000 Menschen, die den Betrieb voran treiben, ihn am Laufen halten. Irgendwo hat er es gehört, das geflügelte Wort: The show must go on! Unter allen Umständen und auch dann, wenn, wie in dieser Phase, der Welt ein Krieg droht. Und lediglich 3 Jahre später sollte auch Amerika in diesen Weltkrieg eingreifen. Gerade jetzt, gerade hier - in Amerika, lechzten die Menschen nach Abwechslung und Zerstreuung. Die Theater waren gut besucht, zunehmend gab es auch Konkurrenz durch die Lichtspiel-Häuser.

Die bereits im Vorfeld groß angekündigte „Romeo und Julia“-Aufführung sollte das Spektakel überhaupt des Jahres 1914 sein, das nun angebrochen war. 6 Monate hatte man Zeit. Fleißig wurde am Bühnenbild gearbeitet, die Kostüme genäht, alle Details ausgearbeitet, am Konzept gewerkelt, eine Strategie entwickelt, das große, gewaltige Projekt auf die Bühne zu bringen. Alle waren gespannt. Wie immer, hatte Karl nicht die geringste Mühe, sich den Text recht schnell anzueignen. Rollenbuch und das Stanislawski-System (der Vorgänger zum Method Acting) prägten Roßmann in dieser Phase sehr stark. Er fühlte sich als Romeo, er litt und durchlebte alle diese Qualen einer Liebe, die ohne ein Happy End bleiben würde. Die Tragik durchströmte den jungen Schauspieler, umgab ihn, floss gleichsam durch seine Adern. Gramvoll der Blick, er übte das über Stunden vor einem Spiegel, dann wieder heiter unbesorgt, wenn es um die seligen Stunden der süßen Zweisamkeit ging. Hier reichte es meist, an seine Julia zu denken. Das pure Entzücken zeichnete sich alsbald auf Roßmanns Gesicht ab. So liebreizend und schön sie war, diese Julia, so unnahbar aber auch in den Pausen, nach den Proben, bei der Kostüm-Anprobe, beim Smalltalk neben der Bühne, beim Umtrunk nach anstrengender und angestrengter Arbeit. Eigentlich hieß die schöne junge Frau Jenna, aber für Karl blieb sie, in Gedanken, immer die ‘Julia’.

Die Kostümproben gaben bereits einen guten Einblick, ohne Zweifel würde das eine phänomenale Aufführung werden. Blip hatte alles unter Kontrolle. Die Zeit drängte ja auch nicht. Noch immer waren es 2 Monate bis zur Uraufführung. Das Bühnenbild an der gewaltigen Hauptbühne schuf eine perfekte Illusion der norditalienischen Stadt Verona, rund um 1597, es war wahrlich berauschend schön. Am 4.7.1914 sollte die Premiere sein, das war auch der amerikanische Nationalfeiertag. In diesem Jahr fiel er auf einen Samstag.
 
Die Reaktionen aus Prag ließen nicht lange auf sich warten. Man habe sich beraten, und alle vier wollten die Überfahrt in 4 Wochen wagen, mit der Hamburg - Amerika- Linie, wie einst auch Karl selbst. Es gäbe auch Kontakt zum Freunde, Kummerbund, der sich ihnen anschließen werde. Man wohne, alle fünf, in einer günstigen Pension, direkt in Downtown Oklahoma City, nicht weit entfernt vom Theater. Karl freute sich. Es würde endlich ein Wiedersehen mit Jakob, seinem Sohn geben. Er war bereits in der 4. Klasse. Die Zeit verfliegt so rasch, dachte Karl. Er würde Johanna und die Eltern sehen. Aber am meisten freute er sich auf den kleinen Jakob. Den hatte er vor über 10 Jahren zuletzt sehen dürfen. Seither gab es nur Bilder von ihm. In jedem Jahr ein Bild. Alle hingen bei ihm im kleinen Zimmer an der Wand. Die Eltern hatten eingeplant, über die Gala-Vorstellung hinaus noch eine Woche in OK City zu bleiben. Er könne also ausreichend Zeit mit Sohn und Kindesmutter verbringen, und ihnen, den Roßmanns, die große Stadt Oklahoma City zeigen. Für alle Anreisenden war dies natürlich der erste Besuch überhaupt in Amerika. Alle waren sehr aufgeregt.

Karl, weil er nicht wusste, ob ihm seine Eltern gram sein würden, da er ja diesen ehrenwerten Beruf aufgegeben hatte, um einer „unsoliden, ungewissen Zukunft entgegen zu taumeln“, wie es der Vater einst in einem mahnenden Briefe, relativ besorgt, geschrieben hatte. Das war nach der Entlassung aus dem Occidental der Fall. Karl hatte stets alle wesentlichen Fakten in seinem Leben wahrheitsgetreu an die Eltern vermeldet. Die unwesentlichen ließ er geflissentlich aus. Niemand wollte wissen, so Karl, warum er aus dem Occidental geflogen war. Und niemand musste wissen, dass er bei einer chaotischen, psychisch kranken Persönlichkeit als Butler und Leibeigener untergekommen war. Damals hatte er geschrieben: Ich bin so eine Art Privatsekretär einer betuchten älteren Dame. Völlig inkorrekt war das eigentlich nicht. Es ist aber auch nicht die lautere Wahrheit gewesen, das sah Karl, durchaus selbstkritisch, ein. Er wollte sich alles von der Seele reden, alles wahrheitsgemäß berichten, alles sagen. Nämlich, wie es sich wirklich abgespielt hatte. Nichts mehr verheimlichen, keine Tricks anwenden, nichts zurück halten. Er wollte den reinen Tisch machen. Dazu war jetzt die Gelegenheit. Johanna hatte sich bitter beklagt: Solch ein Schuft kannst du sein, schrieb sie ihm. Erst schreibst du mir, wie wenig dieser Schauspielberuf dich lockt, dann lese ich, ganz plötzlich, jetzt bist du einer davon, mitten drin im Show-Biz. Johanna hatte „Bizz“ geschrieben, und Karl hatte schmunzeln müssen. Sie würde sicher noch stolz auf ihn sein, wenn sie ihn erst auf der gewaltigen Bühne agieren sah. Johanna hatte sich, um vorbereitet zu sein, das Reclam-Heft gekauft, und das Drama ganz gelesen. All diese wunderschönen Worte, all diese Tragik einer unmöglichen Liebe, Johanna hatte viel geweint bei der Lektüre. Sie vergaß dabei völlig, dass die Aufführung in englischer Sprache stattfinden sollte. Man war ja nicht in Prag. Doch keiner, außer Kummerbund, beherrschte das Englisch so gut, dass er einen Shakespeare’schen Text im Englisch des späten 16. und des frühen 17. Jahrhunderts so gut verstand, dass er auch mühelos der Handlung auf der Bühne folgen konnte. Zwar hatte man das Stück der modernen Sprache angepasst, jedenfalls annähernd, aber für einen Zuschauer mit Schul-Englisch-Kenntnissen war das eine sehr große Herausforderung.

2.400 km betrug die Entfernung von New York nach Oklahoma City. Karl konnte die 5 Besucher nicht in New York vom Hafen abholen. Er steckte mitten in den General- Proben für das Stück. Niemand hätte es verstanden, wenn er jetzt nach New York gereist wäre. Er hatte brieflich um Verständnis geworben. Letztlich kam es ihm so vor, dass sowohl die Eltern, als auch Johanna, dieses Verständnis aufbrachten. In solch einer wichtigen Phase, kurz vor der Uraufführung, könne man das auch ganz gut nachvollziehen, schrieb die Mutter. Das war hilfreich, denn Karl hatte sich ein schlechtes Gewissen eingeredet. Wie konnte man nur verlangen, dass nun alle nach Amerika kommen, um ihn auf der Bühne zu bewundern, wenn er noch nicht einmal anwesend war, um sie entsprechend in Empfang zu nehmen? Er half bei der Suche nach der Zug-Verbindung, er organisierte die komplette Rückreise, ging auch zur Pension und zahlte bereits im Voraus alle Kosten für die insgesamt vierzehn Tage Aufenthalt seiner fünf Besucher. Die Aufregung hätte kaum größer sein können. An jedem Tag versuchte Karl sich auszurechnen, wo das Schiff sich gerade befand. Er musste sich jedoch konzentrieren. Oklahoma City sollte den besten Romeo dieses noch jungen Jahrhunderts zu sehen bekommen.

Azimuth Wind teilte am Tag der Ankunft der Eltern, Johanna und Jakob plus Franz Kummerbund im Schlepp, mit, dass der größte Mäzen des Natur-Theaters, auch ein sehr persönlicher Freund ihrer „Wenigkeit“ (das sagte sie tatsächlich, obschon jeder wusste, dass sie eindeutig narzisstisch veranlagt war), bei der Gala-Vorstellung am kommenden Samstag um 20 Uhr anwesend sein würde. Sie bitte sich aus, gerade diesen Mäzen, „der bereits viele Millionen in das Projekt Natur-Theater hineingesteckt habe“, ganz und gar freundlich und ausgesucht höflich zu behandeln. Man möge ihm alle Fragen beantworten und seinen Wissensdurst in jeglicher Hinsicht stillen. Seinen Namen nannte Madame Wind nicht, aber sie sagte, dass es ein schwerreicher Mann mit großem Einfluss sei, der vielleicht sogar als Gouverneur für den Staat New York infrage kommen könnte, schon bei der nächsten Wahl. Genau dieser Mäzen habe ja auch, man erinnere sich, dem Institut die wunderschöne Dionysos-Statue übereignet.

Das Wiedersehen, die Tränen flossen reichlich, war so herzlich und ergreifend, wie es sich Karl ausgemalt hatte. Keiner machte ihm Vorwürfe. Man lobte sein Aussehen, er war zu einem stattlichen Herrn heran gereift, man erfreute sich an seiner Art, dem Stil, der vornehmen Sprache, die der Vater „weltmännisch“ nannte, Karl musste dabei schmunzeln, und man spaßte und scherzte gemeinsam beim Mahl in einem wirklich guten Restaurant in Downtown OK City. Karl herzte und küsste Jakob, der gar nicht so recht wusste, wie ihm geschah. Dieser für ihn nahezu fremde Mann, sein Vater? Der 11jährige scheint befangen, ein wenig fremdelnd, meinte die Mutter. Das aber wird sich bald geben, so auch Johanna. Immerhin sei sein Vater ja bald ein großer Mime, der auf einer gewaltigen Bühne stehen würde und die Lorbeeren einheimste für die Kunst der schauspielerischen Darstellung einer großen Figur von Shakespeare. Der Freund, Franz, hatte ihn sehr heftig umhalst. „Eine Ewigkeit später sehen wir uns in Amerika wieder“, freute sich Kummerbund, „es ist irgendwie gar nicht so recht zu fassen, Karl. Hier stehe ich, in Oklahoma City, und begegne dir, dem alten Freund, den ich zuletzt in Prag gesehen habe, und dem ich für die Reise nach Amerika viel Glück wünschte, damals. Ich weiß noch, wie du mit deinem bescheidenen Koffer in der Hand, etwas verloren, die Fahrt nach Hamburg, zum Schiff, angetreten hast. Ich hatte damals gar kein gutes Gefühl, dich betreffend, sei mir nicht gram. Aber du hast dich durchgebissen, ein kleiner Fisch in einem Haifischbecken, du hast nicht nur die Zeiten überlebt, nein, du hast sie sogar gemeistert. Ich bin sehr stolz auf dich, Karl.“

Roßmann standen die Tränen in den Augen. Er wollte die Hand seines Jungen gar nicht mehr loslassen. Immer wieder drückte er sie sacht, der Knabe sah zu seinem Vater auf und wunderte sich, um wie viel jünger der doch war, betrachtete er seine Mutter Johanna. Aber natürlich sagte er nichts. Überhaupt sprach Jakob nur wenig. Seine Scheu konnte er in so kurzer Zeit kaum ablegen. Zumal die Eindrücke, dieses große Amerika, sehr nachhaltig auf den kleinen Mann einwirkten. Seine kleinen Kameraden in der Schule würden ihn ganz gewiss beneiden. Für längere Zeit würde Jakob direkt im Mittelpunkt stehen. Und das freute ihn nicht gerade wenig.

Man ging aus, Karl zeigte mit einigem Stolz auch nahezu jeden Winkel des Theaters, erklärte seine früheren Aufgaben, und ließ, in einem geeigneten Augenblick, auch die Vorhang-Maschinerie arbeiten. Sanft glitt der gewaltige Vorhang zurück, gab ihn frei, den Blick, auf die pompöse Doppel-Bühne, dieses Spektakel der besonderen Art. Da standen allen die Münder offen, und Jakob konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Da war es, das erste Wunder seines Lebens. Er wird diesen Eindruck nie wieder, davon war der Junge überzeugt, vergessen können. Diese Bühne, dieses Theater, und der Vater war ein Teil der riesigen Maschinerie, ein Teil des imposanten Ganzen. Jetzt glänzten seine jungen Augen, wenn er den Vater betrachtete. Jetzt wurde der Griff gleichsam fester, wenn seine Hand in der des Vaters lag, nun schaute der Knabe sehr viel öfter auf, in das Gesicht des Vaters, der ihm glücklich zulächelte. Johanna bemerkte es sofort. Karl hatte das Herz des gemeinsamen Kindes gewonnen. Nicht auszudenken, wenn der Sohn den Vater abgelehnt hätte. Aber dadurch, dass sie in all den Jahren nicht einmal schlecht von Karl gesprochen hatte, blieb der Vater, leicht schemenhaft, aber doch durchaus angenehm, im Geiste des kleinen Knaben stecken und kleben. Natürlich hatte Johanna ihm Fotos gezeigt. Aber das war ja nichts gegen das, was Jakob dann zu sehen bekam. Karl Roßmann im Kostüm, den Romeo über alle Maßen vortrefflich darstellend. Der Sohn selbst würde bei der Premiere natürlich nicht anwesend sein. Aber während der Führung durch das Theater, beim Fundus im Keller angekommen, hatte es sich Roßmann nicht verkneifen können, in sein Kostüm zu schlüpfen und einen kleinen Monolog aus dem Stück zu sprechen. Artig spendete die kleine Gruppe Beifall. Und Kummerbund rief gar „Bravo! Bravissimo!“ Dies hielt der junge Künstler jedoch für absolut übertrieben.

Der große Tag war gekommen. Unabhängigkeitstag, Nationalfeiertag, Premiere. Karl ist noch nie zuvor jemals so aufgeregt gewesen. Er kannte den Begriff Lampenfieber natürlich, in Amerika nannte man das „Stage fright“, aber so, wie es ihn jetzt gepackt hatte, so war es zuvor noch niemals aufgetreten. Denn um 19 Uhr, also eine Stunde vor der Uraufführung, raunte ihm Blip zu: „Der Senator ist eben eingetroffen. Ja, der Mäzen, von dem ich dir berichtete, er ist jetzt da. Der Senator Edward Jakob. Bitte, gib alles, mein Meisterschüler. Wenn du Ehre einlegst, werden die Sponsor-Gelder fließen. Ich bete zu Gott, dass du und Jenna Höchstleistungen auf die Bühne zu bringen in der Lage sein werdet, ich bete dafür. Enttäusche mich nicht, Roßmann!“

Karl lugte vorsichtig durch den schweren Vorhang in den Zuschauerraum. Und es stockte ihm der Atem, das Herz schlug wie irrsinnig. Dort saß der Senator, es war sein Onkel. Und er unterhielt sich mit Karls Eltern. Ihm wurde augenscheinlich auch Kummerbund und Johanna vorgestellt. Was Karl nicht wusste: Im Vorfeld hatte es eine Begegnung zwischen dem schwerreichen Kaufmann und seinem Großneffen gegeben, die sehr erfreulich verlaufen war. Somit war der Onkel friedlich und recht gut gestimmt. Noch vor dem 1. Gong kam er in die Garderobe, zu Karl. Raschen Schrittes kam er auf den bereits fertig geschminkten und kostümierten Romeo zu: „Lieber Neffe, lass uns vergessen, was einst geschehen ist. Ich hoffe inständig, du weißt auch heute noch, dass ich nicht anders zu handeln vermochte. Jetzt aber sei all das der Vergangenheit anheim gestellt, wir sollten den Mantel des Vergessens darüber decken. Ich freue mich, dass du etwas aus dir gemacht hast, Karl. Und ich bin, als Kunst-Mäzen und -Förderer, ganz außerordentlich beglückt darüber, dass es dich in die Gefilde der darstellenden Kunst getrieben hat. Eine außerordentliche und mutige Entscheidung. Wenn du gut bist, werde ich dich gerne fördern.“ Herzlich und sehr freundschaftlich fiel der Händedruck aus. Entgegen der amerikanischen Sitte, die Hände sehr lange zu schütteln, lösten sie sich schon bald wieder. „Du hast jetzt andere Sorgen, mein Neffe. Du solltest allein sein und dich vorbereiten. Ich wünsche toi toi toi.“ So ist´s richtig, dachte Karl. „Ach, dies noch. Ich habe aus New York auch Pollunder, Green und Mack mitgebracht, Klara Pollunder ist auch im Publikum. Man fiebert der Premiere entgegen!“ Die Aussöhnung mit dem Senator, das Wissen um das illustre Publikum (Klara würde ihm zusehen!), die große Chance, die sich ihm hier bot, all das überwältigte Karl, doch überkam ihn, nach dem 2. Gong, eine sehr tiefe, innere Ruhe.

Und mit dem Frieden in der Seele konnte der große Vorhang endlich aufgehen, und alle Zuschauer ins Verona des Jahres 1597 entführen. „The show must go on!“ Karl war bereit. Der Text saß, Jenna hatte sich ebenso gut vorbereitet, die Generalprobe war, wie gewünscht, leicht missglückt, so schien alles bereit, um Oklahoma City und ganz Amerika eine der besten Premieren der letzten Jahre und sogar Jahrzehnte zu bereiten. Wie der Schauspieler gern sagt: Wenn die Generalprobe missglückt, wird die Premiere großartig! Es gab viele „Hänger“ auf der Generalprobe, daher schien die Premiere gerettet. Sie würde großartig werden!

Nach Beendigung der Vorführung gab es 24 Vorhänge, stehende Ovationen, auch  laute Bravo-Rufe. Immer und immer wieder mussten sowohl der Romeo als auch die Julia, erst einzeln, dann zusammen, auf die Bühne kommen. Man war begeistert. Später bezeichnete man die Julia als hinreißend, den Romeo als epochal und sogar exorbitant. Jeder weitere Romeo, der auf einer Theater-Bühne steht, müsse sich an diesem hier messen lassen, so die Presse. Begeisterung allerorten, der Senator Edward Jakob ließ sich nicht lumpen und spendete dem Wind-Institut eine ganze Million Dollars. Nach diesem Triumph konnte man Karl nicht mehr ins Ensemble für das Tournee-Theater stecken. Das war unmöglich. Man bot ihm an, gleich auf die Hauptbühne zu wechseln. Nathan der Weise sollte aufgeführt werden, und Karl war für die Rolle des Curd von Stauffen vorgesehen, des Tempelherrn. Edward Jakob kaufte für Karl eine kleine, aber ungemein schmucke Eigentumswohnung in OK C., und er bot an, auch für Johanna und Jakob zu sorgen. Johanna übrigens konnte im Theater eine Anstellung als Näherin/Kostümbildnerin erlangen. Karl Roßmann sah sie und seinen Sohn regelmäßig, aber eine Liebesbeziehung mochte er nicht mehr zu Johanna aufbauen. Sie verstand das auch, fand später einen netten Amerikaner, der sich liebevoll um sie und das Kind bemühte. Karl schien es recht zu sein. Sein Sohn würde ja für immer auch sein Sohn bleiben. Mochte Johanna nur den Joseph heiraten, dagegen hatte er nichts. Sein eigenes Liebesglück aber fand Karl niemals bei Fanny oder bei Jenna.

Wie der Zufall so spielt. Nach der Premiere hatten sich alle ihm bekannten Besucher der Uraufführung zusammen gesetzt. Dabei kam Karl direkt neben Klara zu sitzen. Voller Bewunderung sprach sie von seinem Talent, seiner wunderbaren Präsenz auf der Bühne, von seiner trefflichen Art, einen solch großen Charakter zu verkörpern. In diesen 2 Stunden, da die Runde schmauste, lachte, trank und plauderte, in genau diesen 2 Stunden verliebten sich die beiden ineinander. Mack, einstiger Reitlehrer des damals blutjungen Karl, war schon lange nicht mehr Klaras Verlobter. Sie hatte es ihm am Tisch erzählt. „Wir sind längst auseinander“, zischelte sie ihm zu. Dabei drückte sie ihr Bein sehr sacht an das seine. Pollunder, der seine Tochter gerne mit Karl Roßmann zusammen sah, nickte freundlich, als Karl ihn einmal mit suchendem Blick ansah. Es gab keinerlei Vorbehalte gegen den jungen Künstler. Da auch Klara eine Künstlerseele innewohnte, konnte man hier von einer schicksalhaften und sehr besonderen Fügung sprechen. Zwei freie Herzen, die einander nach nur sehr kurzer Zeit bereits zugetan waren. Für Karl war diese Entscheidung, für Klara, folgerichtig. Schon damals, in Pollunders Landhaus, schien er dem Reiz der jungen Frau erlegen zu sein. Hätte sie ihn nicht mit Jiu Jitsu auf das Kanapee geworfen, wer weiß, damals hätte er sich ganz bestimmt sofort in sie verliebt. So dauerte es eben sieben Jahre.

Klara zog nach Oklahoma City, wurde Karls Frau. Den Sohn wollte er nach seiner Eheschließung nicht zu sich nehmen. Die Mutter hatte das Sorgerecht, und jener Stiefvater Joseph sorgte gut für den Jungen. Also beließ Karl es bei dieser sicher für alle Beteiligten sorgenfreien Konstellation. Bald hatte das Paar eigene Kinder. Klara liebte ihren Gatten sehr, die Bewunderung für seine hohe Kunst ließ auch mit den Jahren nicht nach. Sie hatten jetzt zwei Töchter, Lara und Lana. Und Karl? Jedes Stück, in dem er brillierte, wurde zu einem großen Erfolg. Sein Name wurde bald in ganz Amerika genannt. Ab und an gab er Gastspiele, kam auch nach New York, wo sein Onkel, der jetzige Gouverneur, sich sehr freute, wieder einmal Zeit mit seinem Neffen verbringen zu können. Karl hatte es geschafft. Er wurde neben Mary Pickford und Warner Baxter, Marlene Dietrich und George Arliss genannt, und da war dieser Karl Roßmann noch nicht einmal 40 Jahre alt. Klara blieb ihm eine liebende Ehefrau, die beiden Töchter und sein Sohn, sie alle machten ihm viel Freude. Ab und an sind die Eltern gekommen, zu Besuch, und nie wurde Karl müde zu erwähnen, dass hier, in Amerika, alle Chancen gegeben seien, die Möglichkeiten zu entdecken. Benötigt würden lediglich ein sehr scharfer Blick und die Geistesgegenwart, die Chancen dann auch zu ergreifen. Natürlich gehört, so schmunzelnd Karl, auch eine gehörige Portion Glück dazu. Dies sei unbestritten. Er habe, und dabei sah er auf seine Frau und die beiden Mädchen, dieses Glück ganz sicherlich gehabt. Dafür erhielt er einen Kuss auf die Stirn von Klara, die jetzt Roßmann hieß.



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>Da Dr. Franz Kafka bereits 1924 verstorben ist, betrachtet S. Fischer seine zu Lebzeiten und innerhalb der gesetzlichen Schutzfrist veröffentlichen Gesamt-Werke inzwischen als gemeinfrei. Wir erteilen daher keine Genehmigungen und untersagen auch keine Nutzungen mehr zu Kafkas Werken.


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Doris Mall
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