Klaus Stoll

Neuananfang

Klaus A.H. Stoll

Tschüss Abschied, Moin Neubeginn

Sprachbeobachter erkennen in dieser Überschrift das Norddeutsche, abgeleitet vom französischen adieu. bzw. vom englischen (Good-) Morning. Sag‘ bloß einer, die Menschen im Norden seien nicht international geprägt. Und in der Bibel kennen sie sich auch gut aus, sagen sie, und argumentieren, dass am Anfang das Wort stand und nicht die Sicht. Denn, so das Buch der Bücher, zu sehen gab es nichts, und der Abschied vom Dunklen fiel denn auch sehr bescheiden aus. Als der Herr aber endlich sprach Es werde Licht…war das ein wahrer, echter Neubeginn. Es war der Hammer, würde man heute sagen, ein Neuanfang ohne Gleichen.  Plötzlich konnte man das drohende Geräusch, das ständig nachts aus der Wüste zu hören war, als das eines Löwen einordnen, ebenso wurde den Menschen bewusst, dass das unangenehme hohe Summen am Ohr von einem Tier namens Mücke stammte, das man ohne schlechtes Gewissen erschlagen konnte. Ich muss die zeitlich korrekte Reihenfolge der Ereignisse mal in der Bibel nachschlagen, aber Adam erkannte auf einem Mal, was Eva für ein hübsches Mädchen war. Die Folgen dieser Erkenntnis sind uns allen wohl bekannt.

Die Neuanfänge, die wir Älteren alle erlebt haben, waren die Tage und Wochen nach Kriegsende. Auch hier beschäftigte sich keiner mit einem Abschied, sondern freute sich am friedlichen Neubeginn. Die Währungsreform war der nächste Anfang einer erfolgreichen Geschichte, und die Menschen freuten sich darüber, dass die steinharten Brötchen beim Bäcker aus Maismehl verschwanden und durch leichte, luftige Bachwaren aus kanadischem Weizenmehl ersetzt wurden. Abschied feiern von was? Kaum zu beißenden gebackenen Tennisbällen? Das Tschüss von der Reichsmark fiel manchem schon etwas schwerer, denn auf den Konten und in den Geldbörsen verwandelten sich die Scheine über Nacht in D-Mark, womit sich die Anzahl der Scheine, die jeder zur freien Verfügung hatte, stark verringerte. Dann kam die große Abschiedstrauer – aus der guten deutschen Mark wurde der Euro! Jetzt haben wir endgültig den Krieg verloren und alles wird „Teuro“, sagten die Alten. Aber der Wechsel erwies sich als ein weiterer wirtschaftsfreundlicher Neuanfang. Ein noch größerer Neubeginn war überhaupt die Europäische Union. Mein Großvater hat im 1. Weltkrieg noch auf Franzosen geschossen, mein Vater im 2. Weltkrieg auch. Und die haben zurück geschossen. Heute können wir ohne Gefahr, außer der, die von Taschendieben ausgeht, über den Place de la Concorde wandeln und in leckere Baguettes beißen.

Einige Abschiede, die meist unangenehmen, werden wissentlich herbei gesehnt. Vom Kanal her weht uns der laute Ruf „Good bye Brussels“ herüber. Da geht es um einen bedauerlichen, anderswo meist überholten, Nationalstolz von Leuten, die dem einst weltumfassenden Imperium nachtrauern. Die meisten Abschiede stimmen eh‘ traurig. Ein Abschied von einem geliebten Menschen ist so ziemlich das Schmerzlichste, das einem widerfahren kann, zumal ein Neuanfang sehr oft ausbleibt. Was bleibt ist aber immer die Hoffnung auf ein Ende der Trauer und die Freude über ein neues Beginnen.

Hinfallen, Aufstehen, Krönchen richten, Staub abschütteln, Weitergehen. Wer das beherrscht, ist schon einen ganzen Schritt näher am Neuanfang.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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