Markus Zinnecker

der Clown

An einem düsteren Herbsttag des Jahres 1820 betrat ein Mann die Praxis eines damals berühmten Arztes in London. Er trug einen neuen Straßenanzug, ein sichtlich teures Kleidungsstück, elegant ohne übertrieben modisch zu sein. Ein seltsamer Ausdruck, eine Mischung aus tiefer Erschöpfung und Trauer, lag auf seinem Gesicht.

Der Arzt betrachtete den Patienten einen Moment lang, dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück und fragte: „Was führt sie zu mir? Was fehlt ihnen?“ Der Mann schluckte, sah sich nervös um. Es fiel ihm sichtlich schwer, über seine Probleme zu sprechen. „Herr Doktor“ seine Stimme zitterte, obwohl er leise sprach „Seit längerer Zeit plagen mich entsetzliche Depressionen. Egal was ich versucht habe, ich schaffe es nicht sie zu überwinden. Manchmal glaube ich sogar, es sei besser, wenn ich dieses Leben so bald wie möglich verlasse.“ Zitternd vergrub er sein Gesicht in den Händen. Der Arzt überlegte einen Moment, was er sagen sollte. Die noch recht junge Wissenschaft der Psychologie sagte ihm nicht zu, er begriff ihre Konzepte nur unzureichend. Er war Chirurg in der Armee gewesen, hatte sich dann mit einer ruhigen Praxis zur Ruhe gesetzt. Was sollte er seinem Patienten nur raten? Dann fiel ihm ein Fall ein, der einige Zeit zurücklag. Einer seiner Patienten hatte einige üble Schicksalsschläge durchgemacht, war ebenfalls depressiv geworden. Ihm hatte er auch nicht helfen können, weshalb er sich wunderte, den Patienten einige Zeit später fröhlich gelaunt auf der Straße zu treffen. Dieser hatte ihm dann erzählt, dass er im Theater einen Auftritt des berühmten Clowns Joseph Grimaldi gesehen hätte, dieser habe ihn zum Lachen, aber auch zum besseren Nachdenken über seine Situation angeregt. Der Arzt beschloss, seinem neuen Patienten davon zu erzählen. Dieser hörte ihm ruhig zu, seufzte dann und sagte mit leiser Stimme: „Ich bin Joseph Grimaldi.“

Ob sich diese Begebenheit wirklich zugetragen hat weiß niemand sicher. Auch wenn Grimaldi selbst sie, wiederholt, berichtet hat. Sicher ist nur, dass Joseph Grimaldi, geboren 1778 in London, einer der berühmtesten Schauspieler, Komödianten und Clowns des frühen 19. Jahrhunderts war. Seine Arbeit prägt das Bild der Clownskunst bis heute. Vor allem bleibt er als jemand in Erinnerung, der den Humor nicht nur zur bloßen Unterhaltung einzusetzen wusste. Viele Jahre konnte er, aufgrund von gesundheitlichen Problemen, nur unter größten Schmerzen auftreten. Die wenigsten seiner zahlreichen Fans wussten dies, denn er verstand diesen Umstand auf der Bühne meisterhaft zu verbergen. Erst nach seinem Tod, als seine Memoiren erschienen, wurde allgemein bekannt, dass er durch Schmerzen und Lähmungserscheinungen teils so geschwächt war, dass er nach Auftritten von zwei Dienern nach Hause getragen werden musste. Die klassische Rolle der tragischen Gestalt, die er auf der Bühne oft genug verkörperte, spielte Grimaldi möglicherweise deshalb so glaubwürdig, weil er sie eben nicht spielen musste: Er war die tragische Gestalt.

 

Ohne es zu wollen, wurde Grimaldi dadurch zu einem Symbol für viele Menschen, sogar in zweifacher Weise. Denn zum einen wurde er früh von Menschen mit gesundheitsbedingten Problemen zu einer Vorbildfigur, zu jemandem der aufzeigte, was durch eisernen Willen und Disziplin möglich war. Gleichzeitig aber vor allem zu einer tragischen Gestalt, zu einem tiefsinnigen, oft schwermütigen Menschen, der sich hinter der scheinbaren Leichtlebigkeit seiner clownesken Bühnencharaktere verbarg. Ein Doppelleben, das eine schöne, von der Gesellschaft weitgehend akzeptiere und gefeierte, Zierfassade vor ein, zumindest vermeintlich, unerwünschtes Lebensbild stellt.

Grimaldi wirkt damit, nicht nur in der oft doppellebigen Welt der Humoristen, bis heute weiter. Denn zu kaum einer Zeit war der schöne Schein so wichtig wie heute. Wie viel wahres Leben und wahre Menschlichkeit, wird tagtäglich den scheinbaren Idealen von Schönheit und Glück geopfert? Es ist seltsam bezeichnend, dass ausgerechnet ein Zeitgenosse Grimalids eine Feststellung gemacht hat, die heute besonders dramatisch den Zustand der westlichen Zivilisation zusammenfasst: „Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um Leute zu beeindrucken, die man nicht mag.“

Wenn man nicht weiß, dass diese Worte vor beinahe zweihundert Jahren von Alexander von Humboldt formuliert wurden, so würde man sie wohl ohne Weiteres einem modernen Gesellschaftskritiker zuschreiben. Sie taugen aber, ihrem Sinn gemäß, auch als Überschrift über die Geschichte des tragischen Clowns. So können wir von Grimaldis Jüngern heute nicht nur das Lachen lernen, sondern in jedem von ihnen auch sehen, dass es falsch ist einen Menschen nach dem ersten Eindruck, nach der Fassade zu beurteilen. Es ist wichtig dahinter zu sehen, in die oft verborgenen Hinterhöfe des Lebens, in denen wir die wahren Menschen, das klare Bild der einzelnen Person, erkennen können. Etwas, wobei man oft erstaunliche Entdeckungen machen kann. Es lohnt sich, mit Humboldts Neugier auf eine Entdeckungsreise zu gehen, zu den Grimaldis unserer Zeit. In jedem Menschen steckt einer, ob er gut oder schlecht ist, das lässt sich auf den ersten Blick aber nicht sagen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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