Liv Albers

Der Narr

Von allen verhaßt und von niemandem gekannt strich er einsam durch die Straßen des
Dorfes, das ihn noch nicht verstoßen hatte. Ohne Ziel vor Augen schlenderte er an den alten
Bauernhäusern entlang, vorbei an der Brotschmiede und über die schmale, unbeschäftigte
Hauptstraße, bis er sein Ziel erreicht hatte. Er betrat das Postamt würdevoll, mit breiten
Schultern, lotrechtem Kreuz und des Jokers Grinsen auf den Lippen.
“Schönen guten Morgen.”, begrüßte er die Dame am Schalter. Sie war ungefähr mittelalt und
glich im Anblick einem faltigen Peter Altmaier.
“Was brauchen Sie.”, antwortete der vermeintliche Minister. Ihre Worte lassen sich nicht als
Frage bezeichnen, da sie in solch einer monotonen, tiefen Stimme, ohne jeglichen Klang
gesprochen wurden, dass jedem, der sie hörte, sofort klar wurde, dass es sich hierbei um
einen, schon vor Jahren einstudierten Text des Postministers handelte. Diesen Text bekam,
ohne Zweifel, jeder zu hören, der es wagte, die Poststelle zu betreten und frevelhafter Weise
darauf hoffte, die Dienste der Dienstleisterin in Anspruch zu nehmen.
Doch der Narr, seinem Namen alle Ehre machend, erkannte diesen, bis zu Perfektion
geübten Abwehrmechanismus des Ministers nicht als solchen an. Vielmehr hielt er ihn für
eine höfliche Bitte, ihr sein Verlangen mitzuteilen.
“Ich würde gerne einen Brief erhalten.”, erklärte der Narr.
“Wer hat Ihnen den Brief geschrieben?”, wollte das Politikerdouble wissen.
“Ich hatte gehofft, dass Sie mir das sagen können.”.
Lange Pause.
“Wie heißen Sie?”, wurde die Pause seufzend unterbrochen.
“Gütiger Gott! Hat man heutzutage denn gar keine Privatsphäre mehr, die man allein für sich
beanspruchen kann!?”, entgegnete ein empörter Narr.
Zweite lange Pause.
“Ich habe meine Zweifel, dass jemand IHNEN einen Brief geschrieben haben soll.”.
“Ob dieser Jemand etwas geschrieben hat, ist mir doch egal, hauptsache er hat den Brief
verschickt.”.
“Meine Zweifel breiten sich aus.”, dachte der Minister nun laut.
Der Narr wusste nicht mehr, was er tun sollte. Er war zur Post gekommen, um einen Brief in
Empfang zu nehmen, aber jetzt schien es, als hätte niemand ihm einen Brief geschickt.
“Mir war nicht klar, dass hier bestimmte Bedingungen herrschen. Ich dachte, man kommt
zur Post und holt dort seine Briefe ab. So machen das alle. Wieso also sollte ich das nicht
auch können?”.
Der Narr erhielt für diese Worte einen Blick, der die Unglaubwürdigkeit der Postwächterin
über die, dem Anschein nach grenzenlose Dummheit ihres Kunden, perfekt ausdrückte.
“Wieviel würde es mich kosten, trotzdem einen Brief zu erhalten?”, erkundigte er sich.
“Wenn Sie nach bezahlten Bekanntschaften suchen, sind Sie bei uns falsch. Die Straße runter
das letzte Haus rechts an der Ecke.”.
“Was ist da? Wen kann ich da kennenlernen? Und was hat das mit meinem Brief zu tun?”.
“Da ist ein Puff. Da können Sie gegen Geld die Bekanntschaften vieler junger Damen
machen. Ich bin mir sicher, die freuen sich, wenn es sich bei Ihrem Wunsch, nur um das
Schreiben und Verschicken eines Briefes handelt.”, erklärte Frau Altmaier.
“Wenn es also möglich ist, dass ich Leute bezahle, damit sie mir einen Brief schreiben, dann
könnte ich ja auch Sie bezahlen und Sie schreiben mir dann einen Brief. Das wäre
unangenehm praktisch, denn Sie müssten ihn erst gar nicht verschicken, sondern nur zur
Arbeit mitbringen.”.
“Sie meinen ungemein?”.
“Nein.”.
“Hören Sie, ich arbeite im Verwaltungsabteil der Post und nicht im Puff, obwohl ich mir
sicher bin, dass es da viel zu verwalten gäbe.”.
“Wie wäre es mit einem Handel?”, schlug der schwierige Kunde vor. “Sie schicken mir einen
Brief, im Gegenzug schenke ich Ihnen einen Gefallen.”.
Letzte lange Pause.
“Na wenn das so ist,”, das Desinteresse war nicht zu überhören, “ würde ich Sie bitten, ein
anderes Postamt aufzusuchen. Ich bin mir sicher, dort werden Sie jemanden finden, der die
Kapazitäten hat, Ihnen weiterzuhelfen. Ich habe allerdings vor, heute pünktlich Feierabend
zu machen und meiner Erfahrung nach, ist der erste bescheurte Wunsch eines Kunden nie
sein letzter.”.
“Sie müssen ja bereits einiges erlebt haben, um genug Erfahrung zu haben, in die Zukunft
sehen zu können. Darf ich fragen wie alt Sie sind? Denn Sie haben vollkommen recht, meine
nächste Frage wäre gewesen: Wartet der Strom hinter der Steckdose? Schön öfter ist mir
aufgefallen, dass wenn ich ein Gerät in die Steckdose stecke, es sofort funktioniert. Weshalb
ist das so? Wartet der Strom dort etwa die ganze Zeit, oder kommt er gar so schnell vom
Kraftwerk zu mir nach Hause?”.
“Das Einzige, was ich noch nicht erlebt habe, ist der Selbstmord. Aber das lässt sich
nachholen. Was Ihr Stromproblem angeht, empfehle ich Ihnen, einfach mal den Finger in die
Steckdose zu stecken, natürlich nur um zu sehen, ob der Strom Ihren Finger genauso schnell
erreicht, wie die Gerätschaften.”.
“Wissen Sie was?”, begann der Narr abschließend,”das klingt für mich wie ein unsterblich
interessantes Experiment! Das teste ich sofort aus!”.
“Unsterblich würde ich es nicht nennen.”, entgegnete die Dame des Schalters noch, doch da
war der Narr bereits des Amtes entsprungen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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