Liv Albers

1944

1943 sind 24 meiner Studenten an der Front gefallen. Ich werde von nun an Buch darüber führen wie viele dieses Jahr den Tod begrüßen werden, so dass ich Ende dieses Jahres genau sagen kann, wie voll der Sitzungssaal bei meiner nächsten Vorlesung sein wird. Zuhause ist viel los. Stets kommen fremde Besucher, bringen oder nehmen Essen, betrauern das zerstörte Heim und ziehen weiter. Gestern erst besuchte uns Professor Ulrich von der Mathematik. Er setzte sich auf das einzig heil gebliebene Möbelstück in meinem Haus, einen Sessel, und bat mich anschließend ihm eine Zigarre aus dem Humidor zu bringen. Ich machte ihn mit meinen neuen Rauchgewohnheiten vertraut, indem ich ihm erzählte, wie der Humidor samt all meiner Zigarren und Zigarillos verbrannt war. Daraufhin ist er wortlos aufgestanden und machte die französische Fliege. Es muss ihn schwer getroffen haben, denn es wird immer schwieriger an Tabakwaren zu kommen. Ich habe letztens gehört, dass er angefangen hat in die Kirche zu gehen; vielleicht um dort für mehr Tabak zu beten. Ich hatte schon immer so meine Differenzen mit Gott. Ich hab ihn jahrelang zu verstehen und zu rechtfertigen versucht aber alles was ich davon hatte war ein Krieg. Deshalb habe ich die durchaus enttäuschende Theologie verlassen und mich in die Literatur verguckt. Ich möchte immer noch an Gott glauben, kann es aber nicht, denn dann könnte ich nicht an das Elden auf der Welt glauben. Nur, dass das Elend mein Nachbar ist und ich ihm täglich winke. Wie soll ich denn da noch an Gott glauben?

Ich habe gehört, dass viele Geschäftsleute vom christlichen Glauben, über den Vogel-Strauß-Optimismus, hinüber zum hoffnungslosen Pessimismus konvertiert sind. Die Berliner Wirtschaft gibt es nicht mehr und ich glaube in den anderen Teilen Deutschlands sieht es nicht anders aus. Von außen sieht es so aus, als hätte sich ein surrealistischer Maler einen Scherz erlaubt. Die selben Leute, die noch vor sieben Jahren mit erhoben Häuptern über den Kurfürstendamm liefen, stolzieren jetzt auf genau diesem Boulevard mit ihren Anzügen am Leib und ihren Aktenkoffern in der rechten Hand entlang. Nur die Umstände haben sich geändert. An den Straßenrändern liegen überall heruntergefallene Ziegelsteine, verbrannte Überreste von Innenausstattungen, sowie der ein oder andere Mensch, der sich in seiner neuen chronischen Freizeit gerne auf den Straßen sieht. Das Beste jedoch ist, dass die Menschen, die man ganz allgemein als Geschäftsleute bezeichnen könnte, sozusagen mit unbekanntem Ziel verreisen. Ihre Arbeit gibt es schon lange nicht mehr, aber um den Zeitungen weiter die Gelegenheit zu bieten, über das fantastische Wirtschaftswachstum der letzten Jahre zu schreiben und die Artikel mit Bildern von schwer beschäftigen Leuten der Wirtschaft zu bestücken, tun sie alle so, als gingen sie irgendeiner relevanten Tätigkeit nach.

Levi und Gideon beobachten das Geschehen manchmal aus einem Versteck heraus. Levi empfindet dabei großes Mitleid, wie er mir sagt, aber Gideon findet das wohl furchtbar komisch und macht sich über die Menschen lustig. „Ich halte ihn für einen guten Menschen, er hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit aber er richtet befangen wenn es um die Deutschen geht.“, sagte Levi mal zu mir. Er ist eher der anhängliche Typ und ist seinem Freund immer treu bei der Seite. Ich hab mit der Zeit vergessen warum ich die beiden bei mir wohnen lasse. Aber ich glaube ich will der Partei den Gefallen einfach nicht tun sie ihnen auszuhändigen. Gideon war auch mal Student an der Uni an der ich unterrichte, aber sie haben ihn vor fünf Jahren rausgeworfen. Wie auch immer, es ist mir nie nach Langeweile zumute mit den beiden. Sie helfen mir im Haushalt, sofern man das imstande halten einer Ruine noch so nennen kann, versuchen zu reparieren was noch nicht vollkommen dem Erdboden gleich gemacht wurde und klauen meine Kleidung.Ich schätze mal, dass der Krieg in ein bis zwei Jahren vorbei sein wird, da werde ich ihnen wohl wieder kündigen müssen. Selbst wenn die Partei bis dahin noch nicht aufgegeben hat, stehen dann die Russen vor der Tür.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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