Helmut Wurm

Sokrates und die Sehnsucht nach einem starken Politiker

Sokrates sitzt in einem kleinen Cafe am geliebten Mittelmeer, genauer in einem kleinen Multi-Kulti-Cafe, wie es sie schon immer im Mittelmeerraum gab. Denn der Mittelmeerraum war schon immer ein Multi-Kulti-Raum. Früher trafen sich dort Kreter, Griechen, Karthager, Römer…, dann Italiener, Sarazenen, Normannen… heute Touristen aus der ganzen Welt. Da gibt es in solchen Cafes interessante Gespräche. In welcher Sprache diskutiert wird, das tut hier nichts zur Sache, Multi-Kultis verstehen sich immer irgendwie. Und auch wer hier alles sitzt, ist unwichtig, nur die Gesprächsteilnehmer sind interessant. Und auch wie dieses Gespräch begonnen hat, ist unwichtig. Man hat wohl damit begonnen, das man über die gegenwärtige Politik führender Politiker verschiedener Meinung ist. Sokrates sitzt froh und nachdenklich zugleich dabei und lässt die erlebten Jahrhunderte an sich vorbei ziehen.

Ein US-Bürger (etwas unglücklich): Das ist nicht mehr das Amerika, das ich in der Vergangenheit so unterstützt habe, dass nämlich alle für alles individuell selbst verantwortlich sind, dass Amerika ein Staat der Individualisten und individuellen Lebens-Absicherung ist und dass Presse und Gerichte über den Politikern stehen. Denn wenn es keine allgemeine staatliche Fürsorge und keine staatliche Rente gibt, dann sorgt jeder für sich so vor, dass er selber möglichst wenig bezahlen muss. Das nützt wiederum dem ganzen Staat…

Ein anderer US-Bürger (heftig): Gerade das habe ich und viele andere leid. Wir sind nicht mehr die Generation der Pioniere, die für sich im weiten Land siedeln und alles für sich alleine gestalten wollen… Wir brauchen einen starken Mann an der Spitze, der alles für alle regelt. Ich will mich nicht mehr um alles kümmern müssen. Der gegenwärtige Präsident Trump ist noch nicht dieser starke Politiker, aber er ist auf dem Weg dorthin… Den wähle ich wieder!

Ein türkischer Bürger: Unser Erdogan ist auch ein Politiker ähnlich wie Trump. Er ist auf dem Weg zu einem starken Mann an der Spitze. Ich möchte jemanden an der Spitze haben, der für mich denkt und alles Wichtige vorbereitet, damit ich mich um die Kleinigkeiten meines Lebens besser kümmern kann. Solch ein Staatsverständnis gehört auch zu unserer muslimischen Tradition. Wir haben keine demokratische Tradition. Über meiner Familie steht die Großfamilie, darüber die Clan-Familie und darüber der Staat… Der Demokratie-Fimmel der westlichen Länder passt nicht zu uns und wird langfristig bei uns scheitern.

Ein russischer Tourist: Ich kann dem nur zustimmen, was mein türkischer Gegenüber gesagt hat. Diese westlichen Staaten mit ihrem Demokratie-Fimmel… Wie soll denn ein geografisch so großes Reich wie Russland demokratisch regiert werden können. Das gäbe doch nur ein Diskutieren in Moskau und ein Eigenleben in all der verschiedenen Landesteilen… Putin ist der richtige Mann an der Spitze für uns, er könnte noch etwas mehr autokratisch sein…

Ein chinesischer Tourist: Und man stelle sich einmal vor, unser zahlenmäßiges Riesenreich mit 1,5 Mia. Menschen solle sich demokratisch regieren... Das ginge doch gar nicht… Das kann man einfach keinem Europäer erklären… Wir hatten in den letzten Jahren schon zu viel Freiheit und Selbstbestimmung… Das wird mit Recht gerade zurückgefahren. China braucht einen starken Politiker an der Spitze… Lassen wir doch die Europäer sich "zerdiskutieren, in politische Grüppchen zerfallen, sich gegenseitig blockieren"… Für uns ist das nichts.

Ein deutscher Tourist (empört): Demokratie ist die bester aller Staatsformen, sicher nicht ideal und zur Zufriedenheit aller, aber immer noch die unbedenklichste. Welches Unglück starke Politiker über ein Land bringen, haben wir an Kaiser Wilhelm und Hitler erlebt. Und Putin und Erdogan führen doch auch andauernd kleine Kriege… Wir müssen die Demokratie hoch halten, wir brauchen keine starken Politiker!

Ein anderer deutscher Tourist (etwas nachdenklich): Diktatoren taugen nichts, aber die Demokratie ist auch kein Ideal… Das sehen wir gerade in der Gegenwart, an der Krise der SPD und CDU, an den wohlklingenden Erklärungen der Kanzlerin und der schwammigen Realität danach… Ich wünsche mir einen stärken Politiker an der Spitze, eine Einschränkung der Demokratie…Ich weiß, das ist eine politische Gradwanderung zwischen Diktatur und Zerfall in Diskutier-Gruppen… Was meint denn Sokrates dazu, der hier unter uns sitzt?

Sokrates (etwas verlegen): In diesem politischen Spannungsverhältnis stand zu meiner Zeit schon Athen. Nach der ionischen Einwanderung entstanden in Athen zuerst diktatorisch-autoritäre Systeme. Da sehnten wir uns nach Mitsprache und nach Mitregieren und erfanden die Demokratie. Doch bald zerfiel unser Stadtstaat in sich immer mehr blockierende politische Diskutier-Gruppen. Da sehnten wir uns wieder nach einem starken Mann an der Spitze und gaben die Macht zuerst an Männer, die durch ihr Charisma regierten, und dann an immer autokratischer und diktatorischer regierende Politiker. Und dann sehnten wir uns wieder nach der Demokratie… Ob im 21. Jahrhundert der richtige Mittelweg gefunden wird?...

Damit trank Sokrates seinen Kaffee aus und ging nachdenklich an den Strand.

(Aufgeschrieben im Februar 2020 vom Discipulus Sokratis, der mit dabei saß und auch nachdenklich war)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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