Claudia Savelsberg

Die moderne Geschichte von Aschenputtel II

Belinda kam aus sehr einfachen Verhältnissen. Ihr Vater und ihr Bruder arbeiteten in einer Fabrik am Band, ihre Mutter ging putzen, um das Haushaltsgeld aufzubessern. Belinda hasste den ganzen Mief der trüben Vorstadtsiedlung, nie war genügend Geld da, die Familie musste sparen.

Beim Friseur las Belinda gerne in Zeitschriften die Geschichten über die „Schönen und Reichen“, die sich alles leisten und kaufen konnten. Ein Leben in Luxus, davon träumte Belinda. Ihre Mutter hatte ihr einmal das Märchen von Aschenputtel vorgelesen. Ein armes Mädchen, das seinen Prinz fand, der sie auf sein Schloß holte. Irgendwann würde sie auch einem Prinzen begegnen, der sie aus dieser grauen Vorstadtsiedlung in sein Schloß holte, dachte Belinda immer wieder. Einmal würde auch sie in die Welt der „Schönen und Reichen“ gehören. Es war ihr größter Traum. Manchmal schämte sie sich für ihre arme Familie.

Belinda war nicht besonders klug, und sie war auch nicht besonders fleißig. Aber sie wusste, dass sie eine sehr hübsche Frau war. Blonde lange Haare, große blaue Augen und eine wohlgeformte Figur. Daraus könnte sie sicher Kapital schlagen. Sie arbeitete als Kellnerin im einem Bistro, das gerade sehr angesagt war. Vielleicht würde sie hier ihren Prinzen treffen. Weil sie hübsch war, bekam Belinda viel Trinkgeld. Viele männliche Gäste flirteten mit ihr, wollten sie privat einladen. Belinda lehnte ab. Was hatten diese Kerle ihr schon zu bieten? Sie wartete auf ihren Prinzen.

Ihr Job im Bistro langweilte sie recht schnell, immer die gleichen Leute, die ihr Komplimente machten und reichlich Trinkgeld gaben. Ihren Prinzen würde sie hier nicht finden. Jetzt arbeitete sie bei einem Catering-Unternehmen, zu dessen Kunden auch die „oberen Zehntausend“ gehörten. Belinda mochte die Empfänge und die Gartenparties, die ihr Chef für seine wohlhabende Kundschaft ausrichtete, und sie war gerne dabei. Sie konnte sich für einen Augenblick in der Welt der „Schönen und Reichen“ bewegen.

Wieder einmal ging sie mit ihren Tablett von Tisch zu Tisch und bot den Gästen einer exklusiven Party den Jahrgangschampagner an. Ein Herr hatte sie nicht bemerkt, stieß sie aus Versehen an, das Tablett fiel zu Boden. Er bückte sich danach und entschuldigte sich bei Belinda. Sie erkannte ihn sofort, es war der millionenschwere Unternehmer Richard Altenberg, dessen Fotos sie oft in Magazinen gesehen hatte. Richard Altenburg hatte eine ausgeprägte Vorliebe für junge Frauen, und Belinda gefiel ihm auf den ersten Blick. Er lud sie für den nächsten Abend zum Essen ein, als kleine Wiedergutmachung für das Malheur. Belinda lächlte ihn kokett an und bedankte sich artig.

Beim Essen in einem exklusiven französischen Restaurant sagte Belinda nicht viel. Sie beschränkte sich darauf, Richard Altenburg bewundernd anzuschauen, was seiner Eitelkeit extrem schmeichelte. Sie verabredeten sich jetzt immer öfter, und Belinda gab sich alle Mühe, den millionenschweren Unternehmer in ihren Bann zu ziehen. Sie ging mit ihm in die Oper, obwohl sie keine Ahnung von klassischer Musik hatte. Sie begleitete ihn zum Empfängen und Cocktail-Parties und freute sich, wenn sie mit ihm fotografiert wurde. Die Garderobe für diese gesellschaftlichen Anlässe hatte Richard Altenburg ihr natürlich geschenkt. Er hatte sich tatsächlich in Belinda verliebt und machte ihr nach acht Wochen einen Heiratsantrag, natürlich mit einem Diamant-Ring als Verlobungsgeschenk. Belinda war glücklich, sie war am Ziel ihrer Wünsche.

Die Hochzeit wurde groß in einem Schloßhotel gefeiert, und natürlich waren auch die Vertreter der Medien eingeladen. Belinda hatte das so gewollt. Es wurde viel spekuliert. Über den Preis des Designer-Brautkleides, über das Diamantencollier, das die Braut trug. Und vor allem über das Brautpaar selbst. Richard Altenburg war 75 Jahre, Belinda war 25 Jahre. Sie hätte seine Tochter sein können. Man hätte annehmen können, dass sie nur auf seine Millionen aus war. Belinda warf sich gekonnt in Positur und sprach von einer „Liebesheirat“. Immer wieder erzählte sie das Märchen von „Aschenputtel“: Richard war der Prinz, der sie aus dem Vorstadtviertel in sein Schloß geholt hatte. Es klang aus ihrem Mund so naiv-verliebt, dass man es einfach glauben musste. Eine romantische Geschichte, ganz nach dem Geschmack der Medien.

Nach der Hochzeit zogen sie in Richards Villa am Stadtrand, die luxuriös eingerichtet war. Belinda ging von Raum zu Raum, jetzt war sie am Ziel. Sie war die Ehefrau eines Millionärs. Belinda gab das Geld ihres Mannes mit vollen Händen aus. Teure Garderobe, Handtaschen, Schuhe, Pelze. Sie wollte alles, was man mit Geld kaufen konnte, und Shopping wurde zu ihrem Lebensinhalt. Richard ließ ihr freie Hand; denn er wollte, dass seine junge Frau glücklich war. Und Belinda war glücklich, wenn sie Fotos von Richard und sich in Hochglanzmagazinen sah. Als Gattin von Richard Altenburg war sie berühmt. So dachte sie jedenfalls.

Einige Zeit später kam die Anfrage eines bekannten Männer-Magazins, ob Belinda sich fotografieren lassen wollte. Richard war nicht begeistert von der Vorstellung, dass andere Männer seine Frau halbnackt in diesem Heft sehen würden, aber Belinda setzte ihren Kopf durch. Damit könnte sie ihre eigene Karriere starten und ihr eigenes Geld verdienen, betonte sie immer wieder. Belinda glaubte, was sie sagte. Natürlich stürzten sich jetzt die Medien auf sie. Eine Millionärs-Gattin, die sich halbnackt ablichten ließ, war ein gefundenes Fressen. Belinda gab gerne Interviews. Dass sie nicht besonders intelligent war, störte nicht weiter; denn sie servierte immer noch naiv-verliebt das Märchen von „Aschenputtel“ und betonte, dass sie ernsthaft an einer eigenen Karriere arbeitete. Sie sah sich schon als Medien-Liebling, aber irgendwann ließ das Interesse an ihrer Person nach.

Belinda langweilte sich zunehmend. Sie war jetzt fast vier Jahre mit Richard Altenburg verheiratet, war von Luxus umgeben. Sie hatte alles, was man mit Geld kaufen kann. Jetzt wusste sie mit sich und den Millionen ihres Mannes nichts mehr anzufangen. Es war einfach öde. Und auch die Ehe mit Richard war nicht mehr so prickelnd. Insgeheim hatte Belinda gehofft, dass der sexuelle Appetit ihres fünfzig Jahre älteren Mannes mit der Zeit nachlassen würde. Aber offensichtlich war sie für ihren Mann eine Art „Jungbrunnen.“ Also kam Belinda ihren ehelichen Pflichten nach, Richard hatte sie ja schließlich aus der grauen Vorstadtsiedlung in sein Schloß geholt. Dafür war sie ihm dankbar.

Belinda hatte gerade in einem Lifestyle-Magazin gelesen, dass viele reiche und berühmte Frauen einen „Personal Coach“ engagierten, der mit ihnen ein gezieltes Fitnessprogramm absolvierte. Das lag jetzt groß im Trend. Also engagierte Belinda auch einen solchen Mann. Richard hatte wie immer nichts dagegen. Ihr Coach war 30 Jahre und sah einfach umwerfend aus, Typ Latin Lover. Belinda entwickelte schnell einen sportlichen Ehrgeiz und trainierte täglich, was Richard verwunderte. Am liebsten ging Belinda mit ihrem Coach joggen. Es gab so schöne abgeschiedene Waldwege …!

Belinda verzichtete schnell auf das Joggen und begann eine Affäre mit ihrem Coach. Als Richard durch Zufall davon erfuhr, reichte er die Scheidung ein. Belinda bekam zwar Unterhalt, aber für ihre verwöhnten Verhältnisse war es eher eine bescheidene Summe. Das Märchen vom „Aschenputtel“ war zuende.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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