Margit Farwig

Krieg und Frieden, doch wir spielten weiter

Krieg und Frieden, doch wir spielten weiter

Ob dreißig Jahre oder sieben Jahre, Krieg bringt Elend in Familien, halbiert sie, löscht sie aus, setzen sich Trauer und Angst oft genug auf einen einzelnen Überlebenden, der von einer haushohen Welle im Meer der Hoffnungslosigkeit erschlagen wird und als Treibgut im Hafen „Kriegsopfer“ anlandet.

Die dunklen Schatten des 2. Weltkrieges überrollten auch unsere Familie, schüttelten sie von Grund auf durch, nahmen uns die Heimat und entließen uns als Torso.

Vater musste als letztes Aufgebot zum Volkssturm, vorher nähte er bereits Uniformen, war angemeldet, seinen Meister als Schneider zu machen. Er schrieb uns, machte uns Mut und schilderte die Ereignisse. Vom 21. 1. 45 datierte die erste Nachricht: „Mein liebes Muttichen und Mädels! Will euch nur schnell mitteilen, dass wir heute noch in Hirschberg in der Oberschule hausen. Morgen früh geht es auf Breslau zu um 6 Uhr. Liebe Mutti, Du kannst dich etwas beruhigen, bin bei der Stabs-Komp. als Schneider eingeteilt!“

Am 24. schrieb er den nächsten Brief: „Liebe Mutti und Kinderchen! Waren am Montag nachts um 12.15 in Ohlau ausgestiegen. Da haben wir in einer Kaserne Einzug gehalten. Dienstagvormittag wurde Ohlau von feindlichen Panzern beschossen. Wir bekamen in unsere Kaserne auch so ein Ding. Von der Wehrmacht war ein junges Kerlchen gleich tot. Im Laufe des Nachmittags ging es zurück ins übernächste Dorf. Hier sitzen wir nun bei einem Bauern und warten, was werden soll. Nebenbei hören wir das Donnern der Geschütze. Leider geht keine Post fort. Wenn wir weiterkommen, schreibe ich weiter. M. aus Erdmannsdorf wird eben entlassen, weil er nichts essen kann. Ich gebe ihm den Brief mit. Herzliche Grüße und Küsse von Eurem Vater.“

Am 27. 1. erreichte uns ein letzter Brief: „Liebe Mutti und Mädels! Liege hier im Dorf vor Ohlau, jeden Tag woanders. Die vorige Nacht waren wir in Zetlitz an der Oder. Konnten den Iwan nicht aufhalten, da habe ich manches erlebt. Das Dorf mussten wir unter Leuchtspurbeschuss verlassen
und wurden versprengt. L. E. ist hier bei unserer Kompanie noch nicht eingetroffen. Wir hatten allerhand Verluste. Zucker-Sch. aus Hirschberg ist tot. Heute abend werden wir wohl wieder eingesetzt werden. Bin hier mit W. K. aus Oberschmiedeberg in einem verlassenen Haus und kochen uns gerade eine Henne. Für Essen müssen wir allein sorgen, es hat ja auch noch genug hier, was die Leute im Stich ließen. Die Nacht wird wohl Ohlau unser Kampfgebiet sein. Nun, Ihr Lieben, vielleicht besorgt jemand die Briefe nach Strehlen, damit Ihr etwas hört von uns. Bis jetzt bin ich noch gesund und munter. Die herzlichsten Grüße und Küsse von Eurem Vati.“

Der Brief kam durch. Doch auf dem Schriftstück hatte eine fremde Handschrift hinterlassen. Sein Geburtsdatum war vermerkt: „Geboren am 15.9.1911. In T. in Schlesien.“ Weitere Wortfetzen: „glückhafte Mitte, keine Kampflinie, sehr beliebt, hält aus, keine Reibung, ein stiller guter Charakter u. wartet – hier entscheiden die politischen Geschehen.“
(c) Margit Farwig
Fortsetzung folgt

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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