Der Plastik- Kurt
Es war am Ostersamstag, Ende der 50er Jahre, als ich ihn zum ersten Mal sah. Ich war noch so klein, dass der Osterhase ein fester Bestandteil meines Kinderglaubens war. Nun, Kurts Erscheinen hatte nicht unbedingt etwas mit dem Osterfest zu tun, er hatte nur Urlaub und sich gedacht, alte Freunde aus der Kriegszeit mal wieder zu besuchen. Damals war er Schuster gewesen und zog über Land um den Leuten die Schuhe zu besohlen oder auch ganz neue zu erschaffen. Kurt war ein Unikat und bekannt wie ein bunter Hund. Doch das erfuhr ich erst Jahre später.
In meinem Kopf purzelten die Gedanken durcheinander. So einen geschniegelten Herrn hatte ich ja noch nie gesehen. Ganz glatt rasiert war das Gesicht und der dunkle Anzug verlieh ihm Würde. Das war mindestens ein Pastor, oder ein noch viel was Besseres. Nach seiner Reisetasche zu urteilen, hatte der nicht vor, gleich wieder zu gehen. Und so war es auch.
Er eroberte sich einen Platz in unserer Familie und war ein paar mal im Jahr für einige Tage unser Gast.
Ich liebte es, wenn er und Papa Döntjes (lustige Geschichten) aus ihrer Jungendzeit erzählten und sich die Wahrheit so zurecht bogen, dass sie interessant blieb.
Doch was mir an diesem Mann besonders gefiel, war der Plastik. Er arbeitete in einem Versuchslabor. Dort wurden alle Arten von Kunststoffen hergestellt. Es war fast so wie Weihnachten, wenn Kurt Dinge aus seiner Tasche zauberte, die uns in Staunen versetzten. Einmal brachte er Mama eine Nachttischlampe mit, in deren Ständer ein in Kunstharz gegossener riesiger Seestern saß. Für uns vier Mädchen gab es echte Seepferdchen, auch in diesem Material gegossen, an einer Kette, die wir um den Hals tragen konnten. Sie ähnelten Bernsteinketten. So etwas gab es damals noch nirgends zu kaufen. Auch verschiedene Formen von Plastikschüsseln, Tellern, Messern, Gabeln, Löffeln, Bechern durften wir nach einiger Zeit unser Eigen nennen. Welch eine Errungenschaft! Wie stolz war ich, so einen Menschen zu kennen, der uns so überreich mit seinen Gaben bedachte.
Einen besonderen Effekt hatten diese Teile auch. Man konnte sie nicht kaputt werfen. Was Mama zugute kam, die manchmal recht aufbrausend war. Dann holte sie die Teller aus dem Schrank und depperte sie Papa vor die Füße. Was er allerdings mit einem breiten Grinsen, was sie noch rasender machte, abtat. „Für das gute Geschirr haste dich nicht getraut, das habe ich mir gedacht; hahaha!“
Was für mich in meiner Kindheit ein Segen zu sein schien, ist mit den Jahren ein Fluch geworden. Ein Stoff, der vielseitig eingesetzt werden kann. Die Entsorgung jedoch wird immer problematischer und unsere schöne Erde und die Meere damit zugemüllt. Das hätte sich Kurt damals auch nicht träumen lassen.
© Sabine Brauer
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2020.
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