Margit Farwig

Krieg und Frieden, doch wir spielten weiter 1. Fortsetzung

1. Fortsetzung:

So haben wir ihn in Erinnerung. Sollte er da schon tot gewesen sein? Auf Fotos lächelt er immer, wir drei Mädchen waren sein ganzer Stolz. Wie aus weiter Ferne klingen leise Töne eines Zitherspieles in meine Gedanken. Das war er. Wir wissen nicht, ob er ein Grab hat. Eine nochmalige Suchanzeige beim DRK 1985 hat nichts ergeben. „Er könnte auch bei Straßen- und Häuserkämpfen oder in Nachtgefechten den Tod gefunden haben, ohne dass es von überlebenden Kameraden bemerkt wurde. Aufgrund des Nachforschungsergebnisses ist es jedoch nicht möglich, eine Grablage zu ermitteln“, hieß es. Wenn einer in der Firma nicht gesagt hätte: „der Erich war noch nie weg“, wäre die Zeit nach dem Krieg einfacher für uns gewesen. Auf alle Fälle weiß ich, dass wir ein letztes Mal auf seinem Schoß sitzen durften bevor er ging. Ein Jahr wohnten wir noch in Schmiedeberg, warteten auf ein Lebenszeichen in der Hoffnung, Vater kommt zurück – irgendwann.

Wir drei Kinder spielten weiter. Meine Schwestern gingen weiter zur Schule. Manchmal hörten wir durch die offene Küchentür Berichte von Mutter und den Nachbarinnen von Gräueltaten, dass eine Frau oder ein Mann hinter eine Kutsche gebunden und mitgeschleift wurde, ohne dass es dafür einen Grund gab. Eines Morgens fuhr uns der Schreck in die Glieder, als jemand lautstark an unsere Wohnzimmertür klopfte und rief: „Aufmachen!“ Vor Angst schleuderten wir die alten Hüte – wir verkleideten uns mal wieder – in die nächste Ecke. R. und ich krochen hinter das Sofa, M. unter den Tisch. Nach dem zweiten Klopfen öffnete Mutter mutig, sah zwei Uniformierte von der russischen Miliz, die sich drei Häuser weiter im Gasthof „Zum Stern“ eingenistet hatte, und rief mit letzter Kraft und gespielt: „Ach, Sie sind’s!“ Vorsichtig hoben wir die Köpfe. Die Uniformierten blickten in die Runde, entdeckten uns und wurden etwas freundlicher. Mutter musste Strafe zahlen, weil sie nicht gleich geöffnet hatte. Ich sehe sie noch heute, wie sie hastig, aber erleichtert in ihrer Schürzentasche kramte, Geld abzählte, es überreichte. „Das nächste Mal machen Sie sofort auf!“ Mit dieser Verwarnung auf den Lippen drehten sie sich um, polterten mit schweren Stiefelschritten die Treppe hinunter. Nur langsam löste sich die Anspannung. „Glück gehabt!“

Im Juli 1946 bekam Mutter eines Abends von der Miliz den Befehl, am nächsten Morgen mit uns Kindern die Stadt zu verlassen. Die große Säuberung begann, die Polen sollten in unsere Häuser und Wohnungen einziehen. Sie waren schon unterwegs, von den Russen aus ihren Wohnungen fortgejagt. Dieser Teil Schlesiens sollte ja eigentlich unter polnischer Verwaltung stehen. Die polnischen Grenzen waren nicht festgelegt, sie konnten noch in der Schwebe bleiben. Sowjets und Polen hätten sich mit den deutschen Ostgebieten jenseits von Oder und östlicher Neiße zufriedengegeben. Die Polen nahmen sich, was ihnen in die Hände fiel.

Was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen. Brote, Wäsche und Kleidung verstaute Mutter in unserem Kinderwagen. Sie hat es wenigstens versucht. Die Nachbarn haben geholfen. Die Kontrolle drückte kein Auge zu, der Kinderwagen blieb leer. Meinen Teddy sah ich auch nicht wieder. Wir drei Mädchen waren krank. In Güterwaggons eingezwängt, rollten wir aus der Heimat, ohne zu wissen wohin. In Uelzen, so kann ich mich erinnern, hielt der Zug für längere Zeit an. Die Straße in die neue Heimat war gepflastert mit Zelten, einer Zeltstadt. Dort gab es nicht nur Essen und Trinken, unsere Kleidung, natürlich die am Körper, erhielt ihren Persilschein gegen Läuse. Mit Instrumenten, die Ähnlichkeiten mit Luftpumpen aufwiesen, durchpusteten weißgekittelte Helferinnen unsere Ärmel mit weißem Puder. Da hörte ich zum ersten Mal von der Existenz von Läusen. Im Stroh der Waggons hätten ja welche sein können. So entlaust erlebte ich den Schreck meiner sechs Jahre als ich hörte: „R. ist nicht da, der Zug fährt weiter.“ Sie hatte sich in den Schluchten der Zelte verlaufen. Natürlich fuhren wir nicht ohne meine Schwester, aber ich träumte noch später davon. „R. ist nicht da, …“

(c) Margit Farwig
Fortsetzung folgt

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