Margit Farwig

Krieg und Frieden, doch wir spielten weiter Schluss

I. sollte unsere zweite Heimat werden. Wir lebten in einem Raum – früher Wohn-Esszimmer -, richteten uns ein. Nachbarn halfen spontan, brachten Eimer mit Kartoffeln, Schüsseln mit Eiern oder Gemüse. Zum Glück lag das herrschaftliche Wohnhaus wie verwunschen zwischen Heide, Mischwald und Wiesen. Wir Kinder eroberten die große Wiese vor dem Haus, spielten im angrenzenden Wald und zogen von Wiese zu Wiese, die von Margeriten und Hahnenfußgewächsen überwuchert waren, ein Kinderparadies. Hinter einer Häuserreihe, Gärten und einer Apfelplantage wartete doch tatsächlich ein Steinbruch darauf, uns in halsbrecherischer Weise in die Fertigkeiten von Kletterkünstlern einzuweihen. Wir bewegten uns in kürzester Zeit wie Seiltänzer auf Drahtseilen. Eine abschüssige Wiese mit zwei Riesenbuckeln in nächster Nähe, sorgte für Winterfreuden. Meiner Liebe zur Natur wurde in diesen Jahren der Grundstein gelegt, lauschend, wenn der Rhythmus der Jahreszeiten einen neuen Ton anschlug.

Im ersten Winter nahm Mutter uns mit auf die Kohlenhalde. I., die Stadt der Kohle, für uns Rettung im Winter. Wie viele heiße Ziegelsteine steckte sie uns, in Zeitungspapier gewickelt, in die eiskalten Betten. Im Morgengrauen marschierten wir los, halfen ziehen und schoben den geborgten Leiterwagen. Zur Stromgewinnung wurden Unmengen von Kohle im Kraftwerk verheizt, die Schlacken auf Halde gekippt. Dort türmten sich Berge von manchmal nur halb oder weniger verbrannter Kohle. An den Hängen verglühten die Schlacken, flammten wieder auf, qualmten und rochen nach Schwefel. Was schwarz schimmerte warfen wir auf einen Haufen und schleppten anschließend alles auf den Leiterwagen. Wir waren dort nicht die einzigen.

Nicht weit von unserer Wohnung entfernt, zwischen Heide, Birken, Wiesen, fuhr mehrmals täglich die Zechenbahn vorbei, transportierte Kohle zur Kohlenwäsche nach P. und fuhr leer zurück. Wir, eine Koppel Kinder, spielten rund um die Gleise, hüpften auf einem Bein um die Wette über Bohlen, balancierten auf Schienen, um zu ermitteln, wer sich am längsten oben halten konnte. Dabei entdeckten wir immer wieder Kohlenstücke zwischen dem Schotter. Ganz selbstverständlich nahmen wir sie mit und freuten uns schon, was Mutter wohl dazu sagen würde.

Dann fing unsere Mutter an zu kränkeln. Sie lag oft im Bett, es waren Gallenbeschwerden. Nach jeder Kolik war sie geschwächter. Gute Medikamente waren rar. Als sie dann endlich ins Krankenhaus gebracht wurde, war es zu spät. Verwachsungen und 268 kleine Gallensteine hatten sie zum hoffnungslosen Fall und drei Kinder zu Vollwaisen gemacht.

Auf dem Grabstein stand geschrieben:         Gest. am 1. 1. 1950   und ein

                                                                          + STILLES GEDENKEN +   

                                                                                          an Vater.

Aus unserem Heimatort reisten Großtante und Großonkel an und versorgten uns liebevoll. Großonkel leitete den Tischlereibetrieb des nach Amerika emigrierten Besitzers, falls die Zeiten wieder besser würden. Sie wurden nie besser. Endlich bekamen wir ein Zimmer dazu auf dem Boden. Onkel richtete sich dort auch ein mit der Tischlerbank und einem Werkzeugschrank, der beim Arbeiten offenstand akkurat gefüllt mit Werkzeugen aller Art. Eine Pracht.  Manchmal setzte ich mich auf die Bank am Schornstein und sah ihm zu. Bis es mir langweilig wurde und hüpfte wieder runter nach draußen.

Still verhalte ich mich, wenn Menschen beim Heimgang eines alten Elternteils klagen, er oder sie hätte gut noch ein paar Jahre leben können. Dann denke ich nach, wie schön es gewesen wäre, wenn mein Vater zusammen mit meiner Mutter wenigstens dieses Alter hätte erreichen können. Ich weiß aber auch, dass wir nur Nebendarsteller auf einer Riesenbühne mit Ebbe und Flut, Sommer und Winter, Krieg und Frieden sind. Der Mensch muss sich daran halten.    

(c) Margit Farwig 2020               

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