Wolfgang Scholmanns

Ach Gott, was ist denn da passiert

Zögernd betritt er die Terrasse. Er hat die Tasse nur halb mit Kaffee gefüllt, seine zittrigen Hände hätten sonst wohl einiges verschüttet. Auf der kleinen Mauer stehen Blumenkästen mit bunten Blumen und der unter dem Küchenfenster angelegte Kräutergarten verströmt einen würzigen Duft.

„Sie mal, wie alles wächst. Es ist Frühling, unsere liebste Jahreszeit. Überall erwacht neues Leben.“

Antwort bekommt er nicht. Seine Frau war vor einem Jahr gestorben. Der Krebs, gegen den sie viele Jahre gekämpft hatte, war Sieger geblieben. Tapfer hatte er sie die ganzen Jahre begleitet, ihr immer wieder Mut zugesprochen.

Das Alleinsein war ein hartes Los. Immer hatten sie alles zusammen gemacht. Auch jetzt noch tat er oft so, als wäre sie noch bei ihm. Er erzählte ihr vom Garten, von Spaziergängen, las ihr aus der Zeitung vor. Manchmal nickte er, so als hätte sie geantwortet. Die Nachbarn hatten sich nie um das alte Ehepaar gekümmert, hatten wohl mit sich selbst genug zu tun. Einmal hatte er bei ihnen geklingelt, sie gebeten ihn und seine Frau zum Krankenhaus zu fahren.

„Rufen Sie besser einen Krankenwagen“, gab man ihm zur Antwort.

„Wir müssen jetzt in die Stadt, zum Einkaufen, wissen Sie.“

Früher hatten er und seine Frau manches Mal auf die kleine Sophie aufgepasst, wenn die Eltern etwas vorhatten. Das hatten die tollen Nachbarn wohl vergessen.

„Dieses Jahr werden wir nicht in den Süden fliegen, liebe Frau. Wir machen es uns hier, in unserem Zuhause, gemütlich.“

Er lacht, schüttelt den Kopf und sagt noch:

„Wir sind schon so oft verreist, haben die halbe Welt kennengelernt. Da ist es an der Zeit, die Sommermonate mal in der heimischen Natur zu verbringen, was meinst Du? Wir setzten uns auf`s Fahrrad und machen Tagesausflüge. So wie am Anfang unserer Ehe, weißt du noch? Da war das Geld knapp und ich noch ein kleiner Angestellter. Aber schön war es trotzdem. Oft haben die Leute uns zugelächelt, wenn wir so jung verliebt Hand in Hand am Fluss entlang spazierten oder eng aneinander geschmiegt auf einer Bank saßen.“

Sein Blick schweift am Himmel entlang. Er winkt und ein paar Tränen laufen dem alten Herrn die Wangen hinunter.

Es klingelt an der Haustüre. Seine Schwiegertochter bringt ihm das Mittagessen.

„Ich muss gleich wieder los. Das Altenheim am Dom hat vielleicht einen Platz für Dich. Muss jetzt dort hin, noch einige Formalitäten erledigen.“

Die Stirn des Alten runzelt sich aber sein Mund zeigt ein schelmisches Grinsen.

„So, einen Platz haben die für mich. Das mag ja sein aber wir bleiben hier, in unserem Heim. Haben doch noch so viel vor.“

Er stellt das Essen auf den Tisch, geht zum Küchenschrank. In einer Schublade sucht er herum, bis er plötzlich eine kleine Kapsel in der Hand hält, die er einer alten Streichholzschachtel entnommen hat.

„Ich bin gleich bei Dir, mein Liebes. Leg Dich schon mal ins Bett. Ich trinke noch einen Schluck.“

Abends sehen die Nachbarn einen Leichenwagen vorfahren.

„Ach Gott, was ist denn da passiert?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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