Margit Farwig

Ein Tag im Leben eines Fürsten

 

Siebenuhrdreißig! Ich muss aufstehen, Kuchen backen. Vorbereitungen für ein Mittagessen stehen auf dem Programm. Frühstücken. Der Kaffee duftet schon. Dafür lohnt es, aufzustehen. Nein, nicht in den Bademantel, heute ist es ernst. Um elf Uhr kommt Martin, vierte Klasse. Er ist der wahrhafte Herrscher über ein Miniimperium. Mit Charme, Witz und kleinen Unverschämtheiten, kunstvoll gestreut, hält er seine Sippe an Fäden, die aus der Wiege gesponnen wurden. Manchmal bleibt Martin stehen, verhält sich still. Er horcht, ob seine Fäden schwingen, das filigrane Netz intakt ist. Es ist!

Seine Eltern und die Schwester haben sich im Laufe der Jahre eingelebt. Am Anfang gab es immer wieder Kompetenzschwierigkeiten. Die Großen wollen nicht begreifen, dass ein Tag und jeder andere viel spannender und abwechslungsreicher abläuft, wenn dieser seinen Stempel trägt. Besonders die Schwester war ein harter Brocken. Sein Blick, vergleichbar mit dem eines Hirtenhundes, huscht über die Herde. Er kann zufrieden sein. Die Zeit der Störungen ist fast vorbei. Als Wadenbeißer fungiert er noch mehrfach am Tag. Ganz ablegen wird er dies wohl nie, seine Wünsche und Hoffnungen sollen ja in Zukunft auch erfüllt werden. Diesen Burschen werde ich fürstlich empfangen. Wie es sich für einen Fürsten gebührt, kommen seine Lieblingsspeisen auf den Tisch, seine Meinungen werden angehört und seine Wünsche erfüllt.

Das Frühstück verläuft ruhig. Die bedeckte Apfeltorte erweist sich wieder einmal als Renner unter den Obsttorten. Ich weiß, dass Martin gern Pizza isst. Das Schleckermäulchen mag sogar Thunfisch darauf. Also liegt auf mindestens einem halben Blech Thunfisch gestreut. Es gibt Mischpizza. Zwei Bleche wollen gefüllt werden. Zum Schluss kräftiges Streuen von Oregano. Der Apfelkuchen drängt aus dem Ofen. Seinen Platz nehmen die schon jetzt verführerisch duftenden Pizzableche ein.

Es klingelt. Ja, sie sind da. Wo ist die Schwester? In aller Stille verzichtete sie auf unbeschwerte Stunden an der Seite ihres Bruders. Sie gehören nun uns. Hallo, herzlich willkommen. Ein Feuerwerk an Umarmungen prasselt auf uns alle nieder. Es tut gut zu wissen, dass ein Wiedersehen die angenehmste Nebensache der Welt bedeutet und wir einen Teil des Tages mit Erzählen, Essen und Trinken, Lachen, Fröhlichsein verbringen dürfen. Lukullische Gerüche dringen aus der Küche. Martin eilt herbei, hilft Bestecke auflegen, Teller mit heißer Pizza auftragen, ist immer gerade da, wenn ich ihn brauche. Was ist er doch für ein liebes Kerlchen. Er räumt leegeputzte Teller vom Tisch, balanciert Nachtischschälchen, ohne dass sie überschwappen. Ruhigen Blickes verteilt er Schale für Schale an die richtige Stelle, für ihn bleibt nur noch das prallgefüllteste Schälchen übrig. Er opfert sich. Um mein Porzellan muss ich nicht bangen. Umsichtig, auf samtenen Sohlen, nimmt er Hürde für Hürde, stellt das abgetrocknete Geschirr ab, holt Nachschub, bis ich alles im Schrank einsortiert habe. Natürlich begleiten ihn meine bewundernden Blicke. Seine Augen strahlen.

Der Herbsttag lädt ein zum Ausfahren. Geplant ist ein Besuch im Märchenwald in I. Vielleicht wagt Martin sogar eine Schlittenpartie auf den Schienen? Im Auto, wir bekommen den Zuschlag, vergnügen wir uns mit Spielen wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Die Fahrt ist viel zu schnell vorbei. An den Hang mitten in den Wald gebettet, erwarten uns märchenhafte Freuden. Erst staunen wir, was für Kinder so alles getan wird. Nebenbei fällt uns ein, dass  wir hier schon als Kinder diese Freuden erleben durften, wenn auch nicht so üppig. Eine Rutschpartie auf der Sommerrodelbahn ist angesagt. Wer muss mit? Natürlich ich. Gern begleite ich unseren kleinen Gast auf schwindelnde Höhen. Mir ist in Erinnerung, dass auf der kurzen Strecke eine saftige Fallhöhe eingebaut wurde. Souverän gleiten wir in die Tiefe. Weil letztendlich Herbst ist, die Schienen nicht mehr wie geschmiert blank sind, rucken wir die letzten Meter ins Ziel. Martin rennt noch einmal nach oben, fährt allein.

Die kleine Bimmelbahn fährt gerade ein. Schnell löse ich Karten. Wir Großen dürfen auch einsteigen. Sie nimmt Fahrt auf und führt uns durch verwunschene Welten, lässt uns zu Kindern werden. Nur nicht lange aufhalten, der Märchenwald lockt, Schneewittchen und die Sieben Zwerge, Hänsel und Gretel, Hans im Glück, alle erzählen uns bereitwillig von ihren Schicksalen, wenn man nur den richtigen Knopf drückt. Sie nicken mit dem Kopf oder unterstreichen den Ernst der Lage mit Handzeichen. Wie schön zu erfahren, dass Märchen für gute Menschen immer ein glückliches Ende bereithalten. Ganz beeindruckt wechseln wir hinüber zu den Fontänen am Teich. Aber wie denn, was denn, weg sind sie. Dabei schütten Zwerge Wasser in Kannen, Kannen gießen in Eimer, ein lustiges Zusammenspiel von kleinen und großen Fontänen. Schnell krame ich nach einer Mark, denn unscheinbar, aber fordernd wacht ein Münzschlucker über geregelte Wasserspiele. Gebannt, verzaubert verfolgen wir den Lauf des Wassers. Noch zweimal füttern wir den stählernen Rachen. Trotz der vielen Erlebnisse raten wir im Auto weiter. „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und zählen PKW nach Farben geordnet.

Am Herd spult Martin erneut Fähigkeiten ab, die gut und gern Erwachsenen zugeordnet werden dürfen. Zum Abendbrot brodelt und dampft es in Töpfen mit Lieblingsgerichten: Spaghetti-Bolognese. Die Nudeln müssen gelockert werden, das Gehackte wartet auf Rühren. Unermüdlich zieht Martin Kreise auf dem Grund des Bodens mit diversen Löffeln bis das Werk vollbracht ist. Bissproben geben Aufschluss über al dente. Wir haben es gern ein bisschen weicher. Martin kostet und kostet. Teller fliegen wie von Geisterhand auf die Plätze. Gabeln, Messer und Löffel schmiegen sich um die Teller. Die kleinen Hände umfassen Schüsseln, die Zunge schaut vorn mit der Spitze heraus. Geschafft! Die Wangen glühen, die Augen sind größer als der Magen, Martin langt zu. Wenn einer sein Essen verdient hat, dann ist er es. Rote Bolognesespuren schmücken die Breitengrade rund um den Mund, Spaghettistummel kleben am Pullover, Freude leuchtet ungebrochen aus dem ganzen Gesicht.

Erschöpft und gestärkt nähert sich der Abend seinem Ende. Wie immer ist Martin als Erster an der Tür. Er hüpft die Treppen hinunter, kommt wieder herauf, schlingt seine Arme um mich und meint: „Tante Margit, das eine kann ich dir sagen, dich werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen.“ Dafür habe ich ihn ganz tüchtig gedrückt. Noch heute wärmen diese Worte mein Herz. Das werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen, Martin.

© Margit Farwig  2020

Steht in meinem Buch „Gezeiten ritzen Haut“ 2001

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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