Wolfgang Scholmanns

Wanja weint

 

Wanja weint, er vermisst den Duft seiner Heimat, seine Freunde und die Großmutter.

Sie wollte nicht mit, wollte in Polen bleiben. Hier hatte ihr Leben begonnen und hier wollte sie auch einst die ewige Ruhe finden. Der Krieg hatte ihr altes Schlesien von Deutschland getrennt. Sie war damals erst acht Jahre alt, erinnerte sich aber noch an die schlimmen Szenen, die der Krieg in ihr Dorf gebracht hatte.

Die Oma hatte Wanja oft von ihrem Vater, seinem Urgroßvater erzählt, von diesem lieben, fleißigen Mann, der stets für die Familie und auch für Nachbarn und Bekannte da war. Trotz harter Arbeit auf dem kleinen Bauernhof, hatte er stets ein offenes Ohr für seine Mitmenschen. Die Russen hatten damals den Hof besetzt und den alten Herrn erschossen. Manchmal liefen der Oma Tränen die Wangen hinunter, wenn sie von ihrer Kindheit erzählte.

Vor zwei Jahren hatten Wanjas Eltern beschlossen Polen zu verlassen, um in Deutschland, ein „Neues Leben“ zu beginnen. Sie waren arm, Vater verdiente in der Fabrik nicht viel. Die Mutter jobbte hier und da, half bei der Ernte, putzte und verkaufte manchmal selbst gestrickte Strümpfe, Schals und Mützen. Wanja war ihr einziges Kind und wurde von den Eltern behütet wie ein rohes Ei. Er sollte es mal besser haben. Das war einer der Gründe, warum sie diesen Schritt gewagt hatten.

Ein Jahr waren sie jetzt hier, in dieser fremden Stadt. Geändert hatte sich nicht viel. Der Vater hatte einen Halbtagsjob und Mutter ging putzen. Na Klasse, der „Goldene Westen“, von dem sie sich so viel versprochen hatten. Eine Sozialwohnung mit feuchten Wänden, einen Balkon den man nicht betreten durfte, weil er baufällig war und ein Treppenhaus, dessen Wände mit Sprüchen beschmiert waren -„Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“.

Nur der Opa, der unten im ersten Stock wohnte, hatte immer ein freundliches Wort für die junge Familie.

„Wanja, was ist den los, warum weinst Du denn, mein Junge?“

„Ach Sie sind es, Opa Munk. Ich bin so traurig. Hier ist immer noch alles so fremd, die meistens Leute meiden uns. Arbeitsscheues Gesindel, das uns auf der Tasche liegt, sagen manche.“

„Lass die Leute nur reden, sie sind nichts Besseres. Aber sag mal, alle sind sie doch nicht so, oder?“

„Nein, nein, alle nicht. Da gibt es auch welche, die nett zu uns sind. Die Mutter von Marie, einer Klassenkameradin, hat uns schon besucht und uns bei den vielen Anträgen und Behördengängen geholfen. Aber ich muss immer an unsre Heimat denken, an die Oma und alles was ich so lieb hatte. Hier fühle ich mich nicht wohl, alles ist so eng und trostlos. In meinem Dorf gab es viele Bauernhöfe. Oft habe ich beim Onkel Josef auf dem Hof geholfen. Da war immer was los. Melken, Füttern, bei der Ernte anpacken und vieles mehr.“

„Ach Junge, wirst Dich schon an die Stadt gewöhnen. Ich hab auch lange Zeit auf dem Land gewohnt. In Pommern bin ich geboren, aber der Krieg ….. .“

Der Alte Herr schluckte.

„Alles haben wir damals verloren, den Hof, die Tiere. Mit den anderen Dorfbewohnern sind wir vor den Russen geflüchtet. Meine Eltern haben die Strapazen nicht überlebt. Ich bin mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester von einer lieben Familie aufgenommen worden. Sie haben uns viele Jahre wie eigene Kinder erzogen, uns Schule und Ausbildung ermöglicht. Meine Schwester lebt mit ihrem Mann im Süden der Stadt. Sie haben ein altes Bauernhaus, Katzen, Hunde und noch so einige Viehcher. Ich wohne mittlerweile schon dreißig Jahre in diesem Haus, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Aber sag mal, habt ihr nicht bald Ferien?“

Wanjas Mund verzog sich zu einem Lächeln.

„Ja, nächste Woche beginnen die Sommerferien und dann fahren wir nach Hause, zur Oma. Ich werde nicht wieder zurückkommen und mich verstecken bis Mutter und Vater wieder nach Deutschland zurückfahren. Aber sie dürfen nichts verraten, Opa Munk.“

Der Opa lachte, wusste er doch, dass Wanjas Eltern nicht ohne ihren Sohn nach Deutschland zurückkehren würden.

Der erste Ferientag kam und Wanjas Eltern waren mit dem Packen der Koffer beschäftigt. Morgen sollte es losgehen und in Erwartung auf die bevorstehende Reise und das Wiedersehen mit Oma und der alten Heimat, schlief Wanja in dieser Nacht nur wenig. Er stand früh, mit den Eltern zusammen auf und half, dass Reisegepäck im Auto zu verstauen.

Der Tank war gefüllt, Reifendruck und Ölstand überprüft und bald fuhren sie auf der Autobahn, Richtung Berlin.

„Sechs Stunden werden wir ca. benötigen“, sagte Wanjas Vater zum wiederholten Male. „Du fragst mir noch ein Loch in den Bauch, mein Sohn.“

Jetzt mussten sie alle lachen und Wanjas Mutter, die neben ihm auf der Rückbank saß, streichelte ihrem Sohn liebevoll übers Haar.

In dem kleinen polnischen Dorf wartete die Großmutter. Sie hatte ein Festessen zubereitet, extra für ihre Lieben. Doch es wurde Abend, und …….

Opa Munk , der, als er am nächsten Morgen die Zeitung aufschlug, zitternd und totenbleich in den Sessel sank, hatte gerade folgenden Artikel gelesen:

 

Auf der Stelle tot waren am Mittwochmorgen der siebenundvierzig Jahre alte Fahrer eines PKW, seine einundvierzig Jahre alte Frau und der zwölfjährige Sohn.

Nach Angaben der Polizei, war der der PKW in Richtung Berlin unterwegs, als er gegen elf Uhr unter einen LKW rutschte, der plötzlich abbremste. Die Autobahn musste für mehrere Stunden gesperrt werden.


Text & Foto c by Wolfgang Scholmanns

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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