Wolfgang Scholmanns

Platt und platt

Nichts als Asylanten und so´n Scheißpack sieht man hier noch. Früher gab es so etwas nicht."

Ein Herr um die sechzig schiebt sein Fahrrad an einer Hochhaussiedlung entlang. Der Hinterreifen ist platt.

„Wird wohl wieder eines dieser Asylantenblagen gewesen sein. Stechen einem die Reifen platt, dieses Gesindel. Rausschmeißen diese Brut. Was haben die hier zu suchen, diese Sozialschmarotzer?“

Ein paar Kinder tanzen um ihn herum, schneiden Grimassen und lachen. Sie scheinen südländischer Abstammung zu sein, was ihr dunkler Teint und die schwarzen Haare verraten.

„Verschwindet, ihr Rotznasen.“

In dem an die Hochhaussiedlung angrenzenden Park scheint es ruhig zu sein. Eine alte Dame sitzt auf einer Bank und füttert Enten. Auf einer anderen Bank sitzen zwei Jungen, wahrscheinlich ausländischer Herkunft. Sie haben ihre Fahrräder ordentlich abgestellt, hinter der Bank. Manchmal werden die Räder einfach auf dem Weg abgestellt oder in die Blumenbeete geschleudert.

„Na, haben Sie nen Plattfuß?“

Die ältere Dame sieht den Herrn fragend an.

„Nee“, erwidert dieser. „Ich schiebe mein Fahrrad nur so zum Spaß neben mir her.“

„Ach so einer sind Sie“, sagt die Dame.

Sie schüttelt den Kopf, steht auf und geht.

„Nun seien Sie mal nicht gleich eingeschnappt. Sieht man doch, dass der Hinterreifen platt ist. Was soll diese blöde Fragerei dann noch?“

Die Dame geht weiter ohne sich noch einmal umzuschauen. Die Jungen haben das Gespräch verfolgt. Sie gehen auf den Mann zu, grüßen und sehen sich den Hinterreifen an.

„Können wir Ihnen helfen?“, fragt einer von ihnen.

„Was wollt Ihr denn, mein Fahrrad klauen? Haut ab oder ich rufe die Polizei.“

Er kramt sein Handy aus der Tasche.

„Nun mal halblang“, erwidert einer der Jugendlichen.

„Wir haben nur angeboten Ihnen zu helfen, das war ernst gemeint. Flickzeug haben wir in unseren Satteltaschen. Wir würden uns freuen, Ihnen behilflich sein zu dürfen.“

Der grimmige Herr ist erstaunt.

„Das würdet Ihr für mich machen? So etwas gibt´s doch nicht. Wie komme ich denn zu der Ehre?“

Sie holen Schraubenschlüssel und Flickzeug aus ihren Satteltaschen, bauen das Hinterrad aus und finden schnell die undichte Stelle.

„Na“, habt Ihr den Einstich gefunden?“

„Wieso Einstich?“, sagt einer der Jungen. „Der Schlauch ist porös, und das an mehreren Stellen. Wir haben ihn geflickt und ne Weile wird er noch halten, aber Sie sollten sich bald einen neuen besorgen.“

Der Herr bedankt sich bei den freundlichen Helfern, verschwindet dann gebeugten Hauptes.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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