Thomas Klassen

Das Dimmen der Sterne

Bei einer der regelmäßigen Forschungsreisen, die der Oberste Sternenrat an den weiteren Rändern des bekannten Teils der Sterneninsel durchführen ließ, wurde ein System mit acht Planeten, davon zwei in der lebenstauglichen Zone, gefunden. Man nannte die Sonne Kr‘ahk. der dritte Planet schien Leben zu tragen. Der zweite kochte unter seiner Wolkenschicht vor sich hin. Es gab noch die üblichen Gasriesen, einer davon mit einem schönen Ringsystem.
Das erste Forschungsschiff, die Aurig‘lha‘w, näherte sich langsam, fand aber nur eine Primitive Kultur, die gerade die ersten Anzeichen einer Industrialisierung zeigte. Kommandant Uraq entschied, eine Nachricht zur Zentrale abzusetzen und weiterzufliegen. Üblicherweise dauerte es rund 100 Galaktische Generationen, bis hier die Raumfahrt einsetzte. Dabei krachte es manchmal gewaltig und die Zivilisation vernichtete sich oder blieb anschließend bei der Landwirtschaft. Oder sie wurden sich vorher einig und friedlich, wenn sie erkannten, welche Macht die Technik hatte. Die meisten Zivilisationen entwickelten sich friedlich. Der Oberste Sternenrat als Gemeinschaftsinstitution sorgte dafür, dass sie vorsichtig in die galaktische Gemeinschaft aufgenommen wurden.
Es war also genug Zeit und man entschied nach einiger Zeit nochmal aus der Entfernung nachzusehen und in einigen Generationen nochmal hinzufliegen und gegebenenfalls vorsichtig vorstellig zu werden. Nicht immer sind Fremde aus dem All willkommen. Manchmal dauerte die Bereitschaft dazu etwas länger, aber die Galaxis hat ja Zeit.
Eine Weile später erfolgte also die nächste Expedition. Man vermaß das System genauer. Dabei stellte man fest, dass zum Einen die Generationenfolge hier viel schneller ablief wie üblich in der Galaxis, zum Andern der Erfindergeist der einheimischen Intelligenzen sehr stark ausgeprägt war. Die ersten Verbrennungsmotoren wurden ungewöhnlich schnell nach der Dampfmaschine eingeführt.
Also entschied man, nach vier Galaktischen Generationen, das entsprach etwa 100 Sonnenumläufen, Kr‘ahk 3 einen weiteren Besuch abzustatten und hinterließ eine autonome Überwachungssonde im Orbit hinter Kr‘ahk zur Aufzeichnung.
Das Raumschiff, die Auhul‘ra, flog an den Rand des Systems, um von da die Überwachungsdaten abzufragen. Schon beim Austritt aus dem Kontinuum stellte man fest, dass hier einiges ungewöhnlich war. Sich in der Ekliptik annähernd entdeckten die Sensoren des Schiffes eine inaktive unbemannte Sonde, die fast in der Ekliptik das System verließ. Viel zu früh, eigentlich. Viel schneller, als geschätzt waren die Bewohner in den Weltraum vorgedrungen.
Nachdem man festgestellt hatte, dass die Sonde inaktiv war analysierten die Wissenschaftler sie. Die Steuerung und besonders die Energieerzeugung ließen Rückschlüsse auf den technischen Stand zum Start zu. Zur Energieerzeugung wurde die Zerfallswärme eines künstlich hergestellten radioaktiven Elements genutzt, man war dort also in einem Bruchteil der üblichen Zeit zur Kernspaltung gekommen. Das sorgte für Aufregung.
Die Sonde wurde umflogen. Kommandant Uraq II, Sohn des Entdeckers, war vorsichtig und beschloss eine langsame und ausführliche Beobachtung durchzuführen. Das Schiff flog aus der Ekliptik, nach oben. Und fand eine weitere Sonde, diesmal noch aktiv und Daten sendend.
Der Abstand zur Planetenebene wurde durch einen weiteren kurzen Flug im Kontinuum vergrößert. Kontakt zum Beobachter wurde hergestellt, Daten übertragen, Empfangssatelliten ausgebracht und weiter gelauscht.
Die empfangenen Informationen waren verwirrend. Der Beobachter hatte in seiner Autonomie beschlossen, einige kleine getarnte Sonden in den Orbit des Planeten zu bringen. Die empfangenen Sendungen waren, gelinde gesagt, verwirrend. In einigen wurde der Planet von zerstörerischen Gewalten heimgesucht. Brach auf. Wurde aus dem Weltraum bombardiert. Fremde landeten und wurden bekämpft. Kleine Raumschiffe starteten, große Raumschiffe flogen auf unglaublichen Planeten zu. Die Bewohner bomardierten sich gegenseitig, dann halfen sie sich. Andere Sendungen waren friedlich. Freundlich. Alles war gut, alle arbeiteten zusammen. Es gab echten Fortschritt.
Nach kurzem war klar, dass die Bewohner hier eine unglaubliche Phantasie besaßen und sich mit allerlei erfundenen Geschichten die Zeit vertrieben. Soweit nichts ungewöhnliches, aber es war viel und intensiv. Und es war ein Problem herauszufinden, was echt war und was nicht. Die Aufzeichnungen halfen hierbei natürlich. Das Bald, das sich abzeichnete, war ganz und gar nicht das erwartete.
Eruk‘h, Anthropologe und Chefwissenschaftler der Expedition, kam zum Kommandanten. Er war etwas angespannt, das merkte Uraq II sofort.
„Habt ihr die Phantasie von den echten Fakten getrennt und wisst, wie die Bewohner ticken?“ fragte Uraq II.
„Ja, zumindest denken wir es.“ Der Anthropologe war erfahren und ruhig, schließlich hing von dieser Expedition extrem viel ab: Der weitere Umgang der galaktischen Gemeinschaft mit den Bewohnern des Kr‘ahk – Systems. „Sie sind im Moment mit sich selbst beschäftigt und auf ihren Planeten gebunden. Aber es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie diese Schranke überwinden und aus ihrem Sonnensystem kommen. Höher, als dass sie sich gegenseitig umbringen.“
„Hmm...“ der Kommandant nickte sinnierend „soweit nichts wirklich Ungewöhnliches, bis auf die Geschwindigkeit ihrer Entwicklung.“
„Nunja, hier haben wir ein Problem. Möglicherweise.“ Eruk‘h sah Uraq an. „Unsere Projektionen zeigen fast alle, dass diese Spezies ein hohes kriegerisches Potential hat. Sie üben seit Jahrtausenden mit sich selbst ohne sich auszulöschen. Die meisten sind jedoch friedlich. Ein kleiner Teil von Ihnen wird immer versuchen, andere Rassen zu unterjochen. Ihre Regierungen arbeiten oft gegen das Volk, irrational und aus dem Bauch heraus. Und das obwohl es vielen ihrer Bewohnern bewusst ist. So ein Verhalten endet in aller Regel mit der Erfindung der Massenvernichtungswaffen.“
„Aber, wenn sie es nicht getan haben, sollten wir nicht annehmen, dass sie die nötige Reife erreicht haben!“
„Nunja. Schon. Chemische Waffen wurden erfunden und verboten. Aber: Nachdem Atomwaffen entwickelt wurden, wurde an biologischen Waffen geforscht. Und es gibt Hinweise, dass auch im Geheimen an den chemischen Waffen weiter gearbeitet wurde, sogar dass diese eingesetzt wurden.“
Der Kommandant rutschte unruhig auf seinem Sessel herum „Das ist allerdings ungewöhnlich. Zu welchem Schluss kommt Deine Gruppe?“
„Dass sie möglicherweise so bleiben, wenn sie ihr Sonnensystem verlassen. Unsere Simulationen wurden mit 100 Jahren Daten gefüttert und sind nach allen Regeln valide.“
Die große Besprechung im Schiff wurde einberufen und man beschloss, keinen Kontakt herzustellen. Die Ergebnisse wurden dem Obersten Sternenrat vorgestellt. Sie wurden wie üblich umgehend von zwei weiteren Gruppen ausgewertet und die Ergebnisse diskutiert. Das war das Standardvorgehen.
Als Ergebnis beschloss der Oberste Sternenrat, das System Kr‘ahk für mindestens 25 Generationen zu isolieren. Und danach nachzusehen, wie sich die Bewohner des Systems entwickelt haben. Es gab zwar genug Platz für alle, aber wenn eine Spezies zu aggressiv war und mit Ausbreitung drohte, wurden Maßnahmen beschlossen zum Schutz aller anderen. Dies war in der langen Geschichte des Rates das zweite Mal, dass ein System mit einer Quantenfeldbarriere abgeriegelt werden sollte. Danach würde das System aus der Entfernung als große, im Infraroten diffus strahlender Fleck auftauchen und durch das Gitter nur einen verwaschenen Blick auf das System bieten. Alle Völker wüssten sofort, dass hier ein System eingeschlossen ist, und das geschah nicht ohne guten Grund.
Umgehend wurden die benötigten Frachter und Replikatorschiffe produziert. Als genug vorhanden waren, flogen die Mannschaften hin und begannen eine Quantenfeldbarriere um das System Kr‘ahk zu weben. Der Vorgang würde mehrere Generationen dauern, selbst für die gigantischen Replikatorschiffe mit ihren Massekonvertern.

Auf Kr‘ahk 3 schaut ein Astronom in den Himmel und meint zu seinem Begleiter: „Komisch, Beteigeuze hat aber stark an Helligkeit verloren!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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