Claudia Lichtenwald

Freiheit

Ich wurde erst durch ihr lautes, verzweifeltes Summen und Surren auf sie aufmerksam, und durch das klackende Geräusch, das sie erzeugte, wenn ihr Kopf mit der frisch polierten Glasscheibe zusammenprallte.
Sie war zuerst in meinem Traum aufgetaucht, wie sie lautstark Anlauf nahm und wie ein kleiner Propeller, im besten Kamikaze-Stil auf das Fenster zujagte. „Klack". Ich konnte hören, wie sie erschöpft auf der verstaubten , braunen Holzleiste, die das Fenster in vier quadratische Zellen teilte, liegenblieb. Dann sah ich vor meinem inneren Auge, wie sie sich mühsam aufrappelte und erneut ihr sinnloses Unterfangen von vorn begann.
In meinem Traum war sie eine schillernde Libelle, mit langen, grazilen Flügeln, und großen, bunten Augen.
Als mein Kopf sich gequält entschloss, so könne er nicht weiterschlafen, und mich unsanft in die Wirklichkeit zurückkatapultierte, war sie nur noch eine unscheinbare, schwarze Stubenfliege, mit winzigen Stummelflügeln und einem abenteuerlich behaarten Körper.
„Klack", machte es wieder, und noch einmal, als sie zu Boden fiel. Ich stand auf und gähnte, Mittagsschläfchen waren mir einfach nicht vergönnt. Mühsam unterdrückte ich den Impuls, ihr mit einem geschickt plazierten Schritt ein Ende zu machen und noch einmal in mein warmes Bett zurückzukehren. Nach diesem gemeinsam verbrachten Traum standen wir uns einfach zu nah.
„Surr", machte es wieder, und „klack". Ich holte ein Glas aus der aus der Küche, und ein Blatt, und kam mir sehr barmherzig vor, als ich das Glas über sie stülpte und sie damit fing, indem ich ihr das Blatt unter den Hintern schob, so daß sie zwischen Glas und Papier festsaß. Sie taumelte ein bißchen, doch sie schien noch ganz intakt. Ich betrachtete sie noch kurz, doch da sie keine Libelle war, wurde es mir bald langweilig und ich entließ sie durch die Eingangstüre in die Freiheit.
Ich sah ihr kurz nach, als sie davonflog und widmete mich noch einen kurzen Moment meinen Blumen im Vorgartenbeet.
Als ich zurück ins Haus kam, sah ich sie, wie auch sie zurückflog, über meinen Kopf hinwegbrummte, und unsanft gegen das Küchenfenster knallte.
„Klack", machte es, und mir wurde bewußt, daß sie die Wärme im Haus der Freiheit vorgezogen hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.11.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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