Monika Jarju

Im Zug

Im Zug eine Gruppe von Kindern, die ich hören, aber nicht sehen kann. „Meiner ist hellblau, meiner pink“, rufen sie. „Ich sehe etwas, was du nicht siehst und das ist orange“, höre ich eine Frauenstimme sagen. Im Abteil gegenüber spielt eine Familie. Sie lachen. Abwechselnd legen sie die Handflächen übereinander, ziehen sie abrupt weg und klatschen sie obenauf. Der Junge strahlt. Bis in meine Kindheit reichen die Spiele zwischen den Stationen, während ich sitzend am Erpetal vorbeirolle.Der Junge, nun außer Rand und Band geraten, schlägt seine Handflächen gegen den Körper der Mutter. Klatschen, patschen, bis auch der Vater den Jungen kaum noch bändigen kann und das Spiel abbricht. Da werde ich aus meinem Schauen herausgerissen. „Stell dir vor, einer baut eine Atombombe“, sagt ein anderer Junge und ich bemerke, wie verwundert ein Mädchen ihn ansieht, aber die Kinder lachen in der Spiegelung der Scheibe. „Im Internet habe ich gelesen, wie man eine Atombombe baut.“, erzählt der Junge. Ich ziehe mein Notizbuch aus der Tasche und schreibe unauffällig mit. „Stell dir vor, die Atombombe geht los, dann sind die Häuser kaputt und das halbe Baumhaus!“ – sagt er mit vor Faszination geweiteten Augen. Mir stockt der Atem. Keines der Kinder kennt den Krieg, auch ich nicht. Beim nächsten Halt erscheint mir vor dem Zugfenster das Wohnzimmerfenster, an dem ich als Kind stand und auf die Straße, auf die einbeinigen Männer an Krücken schaute, auf die düstere Fassade gegenüber, die Einschüsse und den Trümmerplatz nebenan. „Stell dir vor“, redet der Junge weiter, „jahrelang hat einer ein Haus gebaut, dann die Atombombe – und das Haus ist weg – und das halbe Baumhaus!“ – Kichern, Schreck, albernes Gelächter.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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