Christa Astl

Die Mauern des Reichtums

 

 

 

Dumpf schlug das schwere Tor hinter ihm zu. Endlich war er allein. Allein in der Sicherheit der dicken, ihn umgebenden Mauern, die ihn von allem abschirmten, was nicht seiner Gesellschaftsklasse angehörte.

Wieder einmal musste er spüren, dass Geld nicht glücklich macht, wie es so schön heißt. Und dabei hatten die Semesterferien so gut begonnen. Bei der Abschiedsparty hatte er Amelie kennen gelernt, die aus Israel hergekommen war um hier Abendländische Religionen zu studieren. Am meisten beeindruckten ihn damals ihre großen dunklen Augen, die von so viel Schwermut überschattet waren. Er versuchte mehrere Male, sie auf sich aufmerksam zu machen und in ein Gespräch zu verwickeln. Doch stets waren ein paar dunkle Männer um sie herum, die ihn mit lauernden Blicken verfolgten. Beim Hinausgehen jedoch glückte es ihm, ihr seine Telefonnummer zuzustecken.

Seither hatten sie einige Male telefoniert und er hatte sie zu der heutigen Party bei einigen Freunden eingeladen. Dieses Mal war sie allein gekommen und sie konnten den ganzen Abend zusammen verbringen. Doch es fiel ihm auf, dass sie hin und wieder vorsichtig zum Eingang lugte, sie wollte nicht, dass er es bemerkte, und deshalb sagte er auch nichts dazu. Durch ihre schwarzen, langen Haare, ihren zarten Körper, dessen wohlgestalte Formen durch das weich fließende bodenlange schwarze Kleid noch unterstrichen wurde, hatte sie es ihm, dem blonden Nordländer, besonders angetan und er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Er bewunderte ihre überdurchschnittliche Allgemeinbildung, bemerkte aber die vorsichtige wohlüberlegte Wahl ihrer Wörter und führte dies darauf zurück, dass sie die Sprache nicht so ganz sicher beherrschte. Sie erzählte von ihrer großen Familie in der Heimat, von Armut, Abwanderung und von der ständigen Angst vor Terror und Gewalt. Aber sie war auch eine gute Tänzerin, leicht und sicher lag sie in seinen Armen, schmiegte sich zeitweise eng an ihn, sodass sein Blut in Wallung geriet und er dachte schon, ob er sie dann mit in seine Villa nehmen könnte. - - Doch so weit sollte es nicht kommen.

Mitternacht war schon vorüber, manche Gäste hatten sich bereits verabschiedet. Auch Amelie sprach davon, müde zu sein und nach Hause zu wollen. Es tat ihm Leid, so gerne wäre er mit ihr beisammen gewesen. Er holte ihren Mantel, denn es war ein kalter regnerischer Tag gewesen, und geleitete sie ins Freie. Dankbar nahm sie sein Angebot an, sich von ihm heimbringen zu lassen. Sein Auto hatte er zwei Straßen weiter geparkt – aber was war das? Eine Schar Männer sprang dort herum, schrie und grölte durcheinander. Plötzlich klirrten Scheiben, ein Stein war in die Windschutzscheibe geschleudert worden. Er wollte Amelie fragen, was das zu bedeuten habe, doch Amelie war weg. Zwei Männer erkletterten jetzt das Dach des Sportwagens und hopsten darauf herum, plötzlich erspähte einer ihn, den Besitzer des Autos und Begleiter Amelies. Die anscheinend Betrunkenen sprangen auf ihn zu, versuchten ihn zu ergreifen. Und obwohl er einige Griffe der Selbstverteidigung beherrschte, dieser Menge konnte er nicht Herr werden. „Fürstensohn, her die Moneten, führ uns in dein Schloss…“ gellten die heiseren betrunken Stimmen, einer riss ihn zu Boden, weitere knieten sich auf ihn, betappten ihn am Körper, öffneten seine Hose, machten sich an ihm zu schaffen, bis er einen Tritt oder Schlag auf den Kopf bekam und von nichts mehr wusste.

Einige Zeit danach, - Stille, vorbei der Spuk. Mit schmerzenden Gliedern versuchte er aufzustehen, seine Kleider in Ordnung zu bringen, die Hosentaschen waren leer, Geldbörse und Papiere fehlten, auch der Autoschlüssel war weg. Mit dem Auto hätte er ohnehin nicht mehr fahren können, so schlimm war es zugerichtet. Doch wo war Amelie? Hoffentlich war ihr nichts geschehen! Um sie machte er sich die meisten Sorgen. Langsam ging er auf sein Auto zu. Stimmern ertönten, einige Männer- und eine Frauenstimme, eine fremde, ihm unverständliche Sprache. Und in seinem Wagen saßen sie: die Männer, die ihn das erste Mal so lauernd betrachtet hatten, und unter ihnen seine Amelie! Wut, Trauer, Enttäuschung über so viel Schlechtigkeit in der Welt ergriffen ihn, und er konnte nur macht- und hilflos dastehen, bis er sah, dass die Männer im Begriff waren, auszusteigen und ihn vielleicht nochmals anzugreifen. Doch da tönten laut und bestimmt Amelies Worte: „Nein, lasst ihn in Frieden, ihr habt genug angerichtet, und das in einem Land, das euch Asyl gewähren sollte!“

 

 

ChA 24.07.11

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christa Astl).
Der Beitrag wurde von Christa Astl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Christa Astl:

cover

Sie folgten dem Weihnachtsstern: Geschichten zu meinen Krippenfiguren von Christa Astl



Weihnachten, Advent, die Zeit der Stille, der frühen Dunkelheit, wo Menschen gerne beisammen sitzen und sich auch heute noch Zeit nehmen können, sich zu besinnen, zu erinnern. Tirol ist ein Land, in dem die Krippentradition noch hoch gehalten wird. Ich habe meine Krippe selber gebaut und auch die Figuren selber gefertigt. So habe ich mir auch die Geschichten, wie jede wohl zur Krippe gefunden hat, dazu erdacht.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Ernüchterung" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christa Astl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Heimgeschichten Teil 3 - Die Andere von Christa Astl (Lebensgeschichten & Schicksale)
Das verstopfte freie Netz oder wie freenet arbeitet. von Norbert Wittke (Ernüchterung)
Der Rosenstrauß von Uwe Walter (Wie das Leben so spielt)