Sonja Soller

Der Geschichtenerzähler

In einem Dorf, nicht weit von hier, da steht ein Haus, klein und unscheinbar, ein Zauber auf diesem kleinen Häuschen liegt.
Wenn man die Schwelle der Haustür betritt, ein leises Summen man hört und die Türe wird aufgesperrt. Für die Besucher tut sich eine Welt der Wunder auf. Gegenstände aus aller Welt die Wände schmücken. Traditionelles, bunt und fremd, der Besucher nur so staunt. Dinge, wie man sie hier, in unserem Land nicht kennt. Krummsäbel aus fernen Landen, Schwerter wie die Soldaten sie getragen haben, aus längst vergangenen Tagen. Kanonenkugeln, sie können gottlob nicht mehr fliegen. Vielleicht saß auf einer sogar Münchhausen oben auf. Tücher, Helme und Hüte, Spielzeug aus Holz, alles schon sehr alt und etwas angestaubt. Die Aura der Vergangenheit liegt darauf. Der Raum in leichtes Dämmerlicht gehüllt, versetzt die großen und kleinen Besucher in eine bedächtige Stimmung.

Der Bewohner dieses kleinen Häuschens der Geschichtenerzähler ist, den hier im Dorf jeder kennt. Sein Kopf ist mit silberweißem Haar bedeckt und ein flauschiger Schnäuzer ziert sein Gesicht. Man wird ihn niemals ohne seine Joppe sehen, seine Filzpantoffeln dürfen auch nicht fehlen, ohne diese beiden fällt es im schwer, seine Geschichten zu erzählen.

Die Besucher werden weiter in einen anderen Raum geführt, wo ein großer Lehnstuhl mitten drin fast steht, schon ziemlich abgewetzt und in die Jahre gekommen. Auch hier leuchtet nur gebremstes Licht, das die Gäste in eine lauschige Atmosphäre einstimmt. Vor dem Lehnstuhl, im Halbkreis, liegen große und kleine Kissen auf dem Boden verstreut, zum Sitzen oder zum Liegen, ganz wie es gefällt. Dazwischen wurden Hocker mit kleinen Tellern darauf gestellt, diese mit selbstgebackenen Plätzchen gefüllt. Der Geschichtenerzähler möchte, dass seine Gäste sich wohl in seinem Häuschen fühlen, um seinen Geschichten mit Spannung zuzuhören.

Er hat ein besonderes Talent Geschichten zu erzählen, er liest nicht vor, er erzählt einfach aus seinem Leben. War in vielen Ländern gewesen und hat mehr erlebt, als man es sich vorstellen kann.
In dem Zimmer, wo der alte Lehnstuhl steht, eine ganz eigene Aura strömt, der Duft von Abenteuer in der Luft liegt. Auch hier sind die Wände geschmückt. Mit Bildern von den Reisen, wo der Geschichtenerzähler überall schon gewesen ist.
Man kann ihn sehen, wie er mit Affen klettert, auf einem Elefanten reitet oder mit einem Krokodil im Wasser kämpft.
Man sieht ihn mit Menschen, die hier noch niemand gesehen hat. Kleine Menschen, die kaum größer sind als ein Kind, die in Hütten wohnen, aus Bast und Bambus gebaut. Der Geschichtenerzähler hat die ganze Welt gesehen, er weiß wo die Eisbären wohnen, ging in der Arktis mit den Inuit Robben und Walrösser jagen, hat mit ihnen zusammengelebt. Man konnte ihn in wallenden Gewändern und mit Turban sehen. War bei Menschenfressern zu Gast und hat mit den Indianern getanzt. Die Bilder an den Wänden zeugen von einem aufregenden, abenteuerlichem Leben.

Die kleinen und großen Gäste sehen sich die Bilder mit Begeisterung an, sie können sich wünschen, von welchem Bild der Geschichtenerzähler die Geschichte erzählen soll. Keine der Geschichten wurde jemals aufgeschrieben, sie sind alle im Kopf des Geschichtenerzählers geblieben. Mit seinen Erzählungen reißt er seine Zuhörer so sehr mit, dass sie am Ende glauben, sie seien selber ein Teil dieser Geschichte gewesen. Und diese Plätzchen, diese Zauberplätzchen, alle Kinder lauschen und knabbern mit Genuss an dem Gebäck herum.
Auch der Geschichtenerzähler lässt es sich nicht nehmen, hin und wieder ein Plätzchen zu verputzen. Wenn er sich in den Lehnstuhl setzt und die Hörerschar begrüßt, wird es ganz still. Das Bild, von dem er erzählen soll, wurde von der Wand genommen. Er nimmt es in die Hand und fängt das Schmunzeln an, man sieht ihm die Freude an, gerade über dieses Bild zu erzählen:
"Da war einmal....... so fängt bei ihm jede Geschichte an.

 

11.03. 2020 © Soso

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