Axel Nässe

Armer Hund und Gift ist auch noch drin

Auf der Brücke zum Einkaufscenter sitzt immer eine Obdachlose mit ihrem Köter. Ich nehme an, dass sie Obdachlos ist, denn sie hält ein Schild vor sich auf dem steht, Habe keine Wohnung, habe Hunger und Hund auch. Habe kein Geld. Haben sie etwas Kleingeld für mich? Ich bitte sie ...“. Den Rest kann ich von hier oben nicht lesen, ziemlich klein und krickelig geschrieben. Weil mir der stinkende Klumpen irgendwie Leid tut, in diesem Fall der mit Fell, entschließe ich mich kurzerhand, der Frau mit einigen klugen Ratschlägen zu helfen und somit auch dem Getier.

Ich beuge mich zu Frau und Hund herunter, deute auf das Schild und erläutere ihr, „Inhaltlich wie formal eine glatte sechs. Haben, Haben, Haben, so wird das nichts. Habe Armut, wie klingt denn das. Armut hat man nicht, man ist arm.“

Während ich spreche zittert die Frau wie ein geköpfter Aal. Um auch das Kleingeschriebene zu lesen, entnehme ich ihr das Schild und bemerke beiläufig mit einem feinsinnig moralischem Unterton, „Wir haben Sommer gute Frau, warum zittern sie denn so? Wohl zu wenig Glug Glug.“

Zaghaft kullern einige Tränen aus den blutunterlaufenen Glubschaugen der scheinbar Ertappten.

„Wird schon wieder. Jetzt aber mal zum Wesentlichen, wir schweifen ab, sie alte Quasseltante“, heitere ich ihr Gemüt etwas auf und lese auf dem Schild das Kleingeschriebene.

„Kein Wunder, dass sie Krebs haben. So wie sie hier Tag ein Tag aus an Ort und stelle herum krebsen“, analysiere ich kurz und bündig, „Ihnen kann keiner mehr helfen aber was hat ihnen der arme Hund bloß angetan? Das arme Geschöpf wird elendig verrecken, das ist vorprogrammiert. Möchten sie das ich ihn mitnehme und einschläfern lasse?“ Die Frau klammert sich, jetzt noch stärker zitternd, an den Hund. 

„Ich Dummerchen, sie haben ja kein Geld. Nun gut, die Tierarztkosten würde ich, als Mensch- und Tierfreund gleichsam, gänzlich übernehmen.“

Der Frau wird blass wie ein Totentuch, kalter Schweiß läuft ihr über die Stirn und sie erbricht sich auf dem Hund. Dieser winselt freudig mit dem Schwanz und leckt sich das Fell. Mir wird jetzt auch übel und ich erbreche mich auf der Frau. Ich nehme ein Paket Papiertaschentücher aus meiner Hosentasche, wische meinen Mund ab und lasse ein paar Taschentücher direkt vor ihr zu Boden fallen, „Wischen sie damit mal den Hund ab. Der Gestank ist ja nicht zum aushalten.“

Die Frau regt sich nicht mehr. Ein Mann mittleren Alters mit zwei Einkaufstaschen in seinen Händen bleibt neben uns stehen und fragt, “Alles in Ordnung? Kann ich helfen?“

„Ich glaube die Frau stirbt gerade. Kennen sie sich in Mund zu Mund Beatmung aus? Ich bin Asthmatiker, äußerst kurzatmig und somit nicht in der Lage den Rettungsakt durchzuführen“, lüge ich ihn an, wobei ich die Unwahrheit unterstützend in kurzen unregelmäßigen Schüben nach Luft schnappe und mein Mobiltelefon hervorhole „Ich rufe inzwischen den Krankenwagen.“

Der Mann zögert. Ekel überkommt ihn beim Anblick und Geruch des Erbrochenen. Ich erfülle unterdessen den meinen Teil unserer Ersthilfegemeinschaft, wähle 110 und ermahne ihn zur Eile: „Machen sie schon! Wahrscheinlich ein Infarkt, jede Sekunde zählt.“

Ohne weiter zu überlegen, legt der Mann die Frau in eine geeignete Lage, beginnt mit der Mund zu Mund Beatmung und drückt dabei rhythmisch auf ihren Brustkorb.

„Das machen sie großartig“, ermutige ich ihn voll des Lobes.

Das eindringliche heulen einer Krankenwagensirene nähert sich uns.

„Mausetot“, stellt der Notarzt nach kurzer Untersuchung fest, wobei ihn der Hund in all seiner Ekelhaftigkeit anhechelt. Der Notarzt wendet sich angewidert von dem Hund ab und mir und dem Zweithelfer zu, „Danke, sie haben alles richtig gemacht. Der Frau war nicht mehr zu helfen.“ Emotionslos zeigt er auf den Hund und sagt: „Den werden wir wohl einschläfern lassen müssen.“

„Sag ich doch“, fühle ich mich bestätigt und scherze, „Aber sie zahlen.“ Der Notarzt lacht und erwidert, „Das bisschen Gift ist auch noch drin“.

Ein Blick auf meine Armbanduhr drängt mich etwas zur Eile und ich verabschiede mich ohne viel Aufsehens, „Meine Hilfe wird ja jetzt nicht mehr benötigt. Ich muss dann auch mal weiter. Ihnen noch einen schönen Tag.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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