Chiara Fabiano

Die schwarzen Stiefel

        Habt ihr schon einmal ein geliebtes Paar Schuhe weggeworfen und dabei gedacht, dass mit diesem einen Paar Schuhe auch ein Teil eures Lebens vorbeizieht?

Männer: „Typisch Frau!“   

Frauen: „Vorurteile!“

Na gut, dann lasst es uns auf den allgemeineren Bereich wertvoller Dinge beziehen. Habt ihr schon einmal einen Gegenstand in der Hand gehalten, der unglaublich viele Erinnerungen barg und ihr euch dennoch dafür entschieden ihm auf Wiedersehen zu sagen? Denn in einem speziellen Fall waren es ein paar Schuhe. Schwarze Stiefel. Ich habe meinen Schrank ausgemistet, und aus den weiten Tiefen dieses ungewissen Schrankes zog ich dann plötzlich ein paar Schwarze Stiefel hervor, bei deren näherer Betrachtung ich lächeln musste. Es ist nicht so, als habe ich diese Schuhe jeden Tag getragen und abgöttisch geliebt, und dennoch: Als ich sie in der Hand hielt zogen die letzten sechs Jahre meines Lebens, wie ein Film an mir vorbei. Ich sah den Moment, als ich diese Stiefel kaufte, weil sie mich so sehr an den Film „Die Bücherdiebin“ erinnerten. Damals war ich vierzehn und habe die gefütterten Stiefel bei dreiunddreißig Grad im Sommer getragen. Tag ein, Tag aus. Dann sprang ich zu dem Moment, an dem ich wusste ich würde die Schule wechseln und mein ganzes Leben hatte sich innerhalb von sechs langen Momenten verändert. An meinem ersten Schultag an der neuen Schule schnürte ich mir morgens mit vor Aufregung zitternden Händen die schwarzen Stiefel. Dann, als ich endlich sechzehn wurde trug ich die schwarzen Stiefel zu einem roten Tüllkleid und war ganz stolz auf den winzigen Teil dazugewonnene Freiheit. Plötzlich sah ich mich an dem Morgen, als ich das erste Mal nach London flog, die Stiefel an meinen Füßen und das laute Klackern der winzigen Absätze auf dem Asphalt vor dem Houses of Parliament. Ich erinnerte mich an das Glück, welches sich in diesen wertvollen Momenten in mir ausbreitete, an die Freude, die ich spürte, an die Veränderungen, die ich in den letzten Jahren durchlebt habe und wie sie mich geprägt haben. Dann sah ich mich mit den Stiefeln an meinem ersten Tag an der Universität, wie ich vollkommen aufgeregt zum Hörsaal ging und auf dem Weg bemerkte, dass sich die Schnürsenkel gelöst hatten. All diese Erinnerungen, all diese Emotionen verspürte ich, während ich nur ein einziges Paar Stiefel in meinen Händen hielt. Und mir wurde klar, dass dieses Mädchen, welches sie damals aus dem simplen Grund gekauft hatte, dass sie sie an ihren Lieblingsfilm erinnerten, auch heute noch ein Teil von der Frau ist, zu der sie geworden ist in den letzten sechs langen Jahren. Doch ich entschied mich Abschied zu nehmen und legte die Stiefel sanft zu den sonstigen aussortierten Sachen, von denen jedes einzelne Teil ein Fragment von losgelassenen Erinnerungen war. 

Für viele bergen bestimmte Gegenstände Erinnerungen, die wir immer wieder abrufen, wenn wir denn den Gegenstand in unseren Händen halten. Nun war es für mich dieses paar Stiefel, welches mich auf einer Episode meines jungen Lebens begleitete und in ein paar Jahren, wer weiß, da könnte es ein Schal sein, ein Parfum, ein Buch, ein Kamm, vielleicht auch eine Kette, die mich an mein jetziges ich erinnert, so wie mich die Schuhe an ein längst vergangenes Ich erinnerten. Ich entschied mich dafür die Schuhe gehen zu lassen und mit ihnen eine Version von mir, die es einmal gab und die mich zu der Person gemacht hat, die ich jetzt bin. Es ist mir etwas bewusst geworden, denn trotz, dass die Stiefel nun nicht mehr in den Tiefen meines Schrankes auf mich warten, tun es meine Erinnerungen ganz bestimmt. Und jedes Mal, wenn mir nach Ausmisten zu mute ist, kann ich sie hervorholen und sie betrachten, als wären sie ein abgelegtes Paar Stiefel.   

     

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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