Helmut Wurm

Sokrates und der furchtbare Corona-Traum

Sokrates sitzt vor seinem Haus auf einer Bank, umgeben von einem Berg von Zeitungen. Das ist häufig so, denn er kann die Menschen nur verstehen und beraten, wenn er weiß, was gerade passiert. Diesmal ist es die Corona-Seuche, die ihn interessiert. Alle Zeitungen sind voll davon, voll von Informationen, Planungen, Verboten, Gefahren, Verharmlosungen,

geänderten Maßnahmen, Sorgen, Warnungen… Es ist so, als wenn es kaum noch anderes Wichtiges auf der Welt und in Deutschland gäbe… Dazu erinnert er sich an die Gespräche, Meinungen und Antworten zum Thema Corona-Seuche der letzten Tage, die er gehört und erlebt hat, Gespräche, Meinungen und Antworten von älteren Leuten, Schülern, Kindern, Frauen und Männern mittleren Alters, Migranten, Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Politikern… Langsam wird das alles ein Wust von Informationen, Gehörtem und Gedanken, die selbst Sokrates zu ermüden beginnen… Schließlich schläft er ein und hat einen sehr furchtbaren Traum…

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Sokrates träumt, er säße in einem Saal voller aufgeregter, erboster, besorgter und auch gefühlloser Menschen, die alle durcheinander reden, rufen, schreien, die auch ihm etwas zurufen, auf das er antworten soll.

Er träumt z.B., dass 2 Kinder auf ihn zu hüpfen, offensichtlich Kinder einer jener Laissez-faire-Familien, und ihm zurufen:

Die Kinder (sehr unleidig, schreiend): Die Schule hat geschlossen und alle Vereine haben geschlossen, auf unbestimmte Zeit geschlossen, der Musikverein, der Tennisverein, die Jungschar, der Judoclub, die Jugendfeuerwehr, die Pfadfinder… Da waren wir doch überall Mitglieder, da hat uns unsere Mutter immer überall hingefahren… Was sollen wir denn jetzt den ganzen langen Tag über tun... Das war doch so schön, dauernd etwas anderes geboten zu bekommen… Wir langweilen uns so… Wir können doch nicht den ganzen Tag zu Hause hocken und nichts tun…

Sokrates (beruhigend): Da hättet Ihr andererseits endlich mal die Zeit, Euch die Bücher in Eurem Bücherschrank vorzunehmen. Ihr habt doch sicher viele Jugendbücher dort stehen wie Tom Sawyer, Kim, Winnetou, das Fliegende Klassenzimmer, Moby Dick… Als Eure Eltern noch jung waren, haben sie diese Bücher alle gelesen. Und ihr könntet Touren mit dem Rad in die Umgebung machen oder mit anderen Freunden zelten gehen… Es gibt doch so viel an Möglichkeiten, selbst etwas Vernünftiges zu tun! Als ich noch jung war, ich hatte immer etwas zu tun, ich und meine Freunde damals… Ihr habt jetzt die Gelegenheit, Euere eigene Phantasie und Kreativität zu trainieren!

Die Kinder (unterbrechen ihn): So blöde Vorschläge können wir nicht mehr hören… Wir leben in einer anderen Zeit! Uns wird von den Erwachsenen viel zur Auswahl geboten - das ist unsere Jugendwelt, daran haben wir uns gewöhnt. Selber Ideen habe ist zu mühsam… Und wer liest denn von uns noch Bücher? Wir surfen mit dem Handy in der Welt herum, das reicht… Und mit dem Rad weiter weg fahren ist uns zu anstrengend, wir sind die Taxi-Mama gewöhnt… So ein Mist, diese Corona-Seuche. Hoffentlich ist das bald vorbei! Bloß weil ein paar alte Omas und Opas früher sterben ist dieses ganze Affentheater! Wir kriegen die Seuche ja nicht oder nur leicht… Warum müssen wir deshalb unter den Maßnahmen leiden? Wenn diese Sch…Zeit um ist, werden wir in noch weiteren Vereinen mitmischen und alles nachholen, was wir versäumt haben. Unsere Taxi-Mama wird dann zu nichts anderem mehr kommen als uns ständig von einem Verein zum anderen zu kutschen.

Aber derzeit sind zwar die Vereine zu, wir leben aber in einem freien Land, wo wir machen können, was wir wollen und wir lassen uns deswegen auch von den Krisen-Managern nichts vorschreiben. Wir fahren jetzt zu unserer Schule und spielen mit anderen auf dem Schulhof Fußball, da dürften viele andere Schüler auch schon sein. Und vor einem Bußgeld haben wir keine Angst – entweder zahlt die Strafe der Papa oder wir kriegen gar keine, denn in Deutschland gibt es so wenig Polizei, dass die uns gar nicht kriegen, wenn wir davon laufen…

Sokrates (für sich sehr traurig): Diese Kinder sind bereits völlig korrumpiert durch die verbreitete moderne Lebensweise, die moderne Angebotsvielfalt, eine moderne Erziehung, ein verantwortungsloses modernes Elternverhalten… Und sie haben schon die Erfahrung gemacht, dass der deutsche Staat gar nicht in der Lage ist, konsequent unbequeme Erlasse durchzusetzen. Aber jetzt könnten die Kinder gezwungen sein, wieder selbst kreativ zu werden. Das könnte eine pädagogische Chance sein. Ob die genutzt wird?

Sokrates träumt, dass ein junges Paar auf ihn zukommt, eines jener unverheirateten jungen Paare, die nur im Kopf haben, „wo ist etwas los“, wo kann man „Spaß haben“:

Das junge Paar (sehr ärgerlich): Alle Flüge sind abgesagt, alle Kneipen zu, wir sollen alle Besuche meiden, alle Veranstaltungen fallen aus… Was sollen wir denn jetzt abends, am Wochenende und im Urlaub tun. Unser Leben war bisher Spaß haben, hin und her fahren, mit möglichst vielen Leuten zusammen kommen, direkt kommunizieren, die ganze Welt als Urlaubsraum erkunden… Alles futsch, Stillstand, wir sterben vor Langeweile…

Wir haben deshalb nicht geheiratet, weil wir unabhängig bleiben und unseren Lebensspaß genießen wollen, wir haben bewusst keine Kinder, weil wir nur für uns das Leben gestalten wollen… Alles futsch, Stillstand, wir sterben vor Langeweile…

Wir können unsere Kontakte zwar per Handy, Smartphone und Telefon in Gang erhalten, aber persönlich sind diese Wege nicht. Wir brauchen direkte Kommunikation mit lebenden Menschen, Gespräche im Kneipenkreis, Urlaub in der Gruppe, auch gelegentlich Swinger-Abwechslung… Alles futsch, Stillstand, wir sterben vor Langeweile…

Sokrates (beruhigend): Sie müssen nicht zu Hause hocken und an die Decke starren… Sie könnten jetzt in Spaziergängen die Umgebung erkunden und Wandertouren in Deutschland machen, Sie könnten offene Museen besuchen, könnten endlich viel lesen und prüfen, ob es nicht Sinn macht, zu heiraten und Kinder zu haben. Familien haben es leichter, schwere Zeiten zu überstehen… Das hat die Geschichte immer wieder gezeigt!

Das junge Paar (unterbricht ärgerlich): Hören Sie mit diesen Vorschlägen aus einer längst versunkenen Zeit auf. Wir wollen nicht spazieren gehen und wandern, wir wollen keine Bücher lesen, keine Museen besuchen und nicht heiraten. Wir wollen möglichst bald wieder Trubel, hierhin und dorthin kutschieren, Kontakte und Kommunikation haben… Und bloß weil ein paar Omas und Opas und Sowieso-Geschädigte früher sterben ist dieses ganze Affentheater! Und ein ehrliches Wort zu diesem Problem: Es würde uns mobile, lebensfrohe Erwachsenen doch nur entlasten, wenn von diesen Alten und Dauerkranken ein Teil stürbe. Sie machen uns doch nur unnötige Mühen, es kostet doch nur einen Teil unserer Zeit, diese Alten zu besuchen, zu betreuen, für sie einzukaufen. Muss das sein? Und außerdem, wir bekommen die Seuche nicht so schwer wie diese Alten… Warum müssen wir deshalb unser bisheriges flottes, unser Hin-und Her-Leben so drastisch ändern? Wenn diese Sch…Zeit um ist, werden wir noch mehr aufdrehen…

Damit fangen wir schon heute Nacht an. Denn wir leben in einem freien Land und sind gewohnt, zu machen, was wir wollen. Und deswegen gehen wir heute Abend auf eine private Corona-Party. Vor einem Bußgeld haben wir keine Angst, denn wir kriegen keines, weil es in Deutschland so wenig Polizei gibt, dass die uns gar nicht alle protokollarisch aufnehmen können...

Sokrates (für sich traurig): Die Beiden sind völlig korrumpiert durch die moderne Lebensweise, die moderne Angebotsvielfalt, die moderne Touristik, den modernen Egoismus, das moderne Sozialverhalten… Und sie haben schon die Erfahrung gemacht, dass der deutsche Staat gar nicht in der Lage ist, konsequent unbequeme Erlasse durchzusetzen… Aber jetzt könnten die beiden gezwungen sein, wieder selbst als altmodische Familie das Ganze zu bewältigen. Die Seuche könnte eine soziologische Chance sein. Ob die genutzt wird?

Sokrates träumt, dass ein Unternehmer auf ihn zukommt, einer jener kalten Unternehmer, für die das persönliche Leben nur ein großes Bilanz-Buch ist, das ständig positiv bezüglich Wachstum und Gewinn bilanziert sein muss:

Der Unternehmer (sehr schlecht gelaunt): Die ganzen Gewinne, die ganzen Investitionen können wir abschreiben, die neu erschlossenen Käuferschichten sind verloren. Denn wenn man Käufer nicht ständig bei der Stange hält, verliert man sie. Die vielen Mühen, die vielen Ideen, die guten Zukunftschancen… alles umsonst und verloren… Unser Leben und Streben sind das Kapital, der Verkauf, der Gewinn, der Umsatz, die Ökonomie. Das ist das Blut, das in uns fließt, die Luft, die wir atmen, der Boden, auf dem wir stehen, die Zukunft, für die wir planen... Alles umsonst, verloren, abgeschrieben. Wie lange wird dieser Stillstand noch dauern? Wie viel Unternehmen werden Pleite gehen?

Sokrates (beruhigend): Solch eine Krise kann man aber auch dazu nutzen, Strukturen zu straffen, sich von Ballast zu befreien, Innovationen zu entwickeln und zu testen, Mitarbeiter fortzubilden, die finanzielle Basis solider zu gestalten, sich auf die heimische Produktion zu besinnen… Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass Zeiten des ökonomischen Still-stands auch Zeiten der Besinnung und der Geburt von Neuem sein können, dass labile Betriebe zwar untergehen, stabile aber gestärkt daraus hervorgehen.

Der Unternehmer (sehr ungehalten): Was scheren mich Erfahrungen aus der Geschichte… Mein Leben ist das gleichmäßige Wachstum von Verkauf und Gewinn. Ich bin Ökonom und Kapitalist und alles, was auf diesen Wege stört ist Schaden, Verlust, Sozialismus… Und das alles, weil ein paar Omas und Opas und ein paar Sowieso-Geschädigte früher sterben, nur deshalb dieses ganze Affentheater! Die Gesellschaft soll doch froh sein, dass in den über-füllten Alten- und Pflegeheimen durch die Corona-Seuche endlich etwas Platz geschaffen wird… Und außerdem muss man das ganze Problem auch ökonomisch sehen. Die Alten und Dauerkranken sind ökonomisch nur Ballast, stehen in der Bilanz auf der Negativ-Seite. Sie tragen nichts mehr aktiv zum Sozialprodukt bei, sie kosten nur noch. Und sie kaufen am wenigsten von allen Sozialschichten. Weshalb also dieses Getue um einige Prozente Tote? Warum müssen wir Ökonomen, das Gerüst des modernen Lebens, eine solche unnötige Einschränkungs-Zeit durchmachen? Wenn diese Sch…Zeit um ist, werde ich meine Firma weiter vergrößern, die Qualität meiner Waren unauffällig mindern, Löhne drücken, Gewinne steigern, einige zusätzliche Verkaufs-Psychologen einstellen, die den Leuten vorgaukeln werden, dass sie alles das benötigen, was ich produzieren lasse, ha, ha, ha.

Aber ich lasse mich auch in dieser Krise nicht einschüchtern. Wir leben in einem freien Land, wo jeder Geld verdienen kann, wie er will, und ich werde gerade jetzt meine Läden über die erlaubten Zeiten hinaus offen halten. Vor einem Bußgeld habe ich keine Angst, weil es in Deutschland so wenig Polizei gibt, dass sie gar nicht alle Läden kontrollieren können.

Sokrates (für sich traurig): Manche Unternehmer sind in ihrer ökonomischen Sicht, ihrem globalen Kapitalismus, ihrem kalten Egoismus so befangen und verkrustet, dass sie nicht mehr die menschliche Seite der Corona-Krise sehen, sondern nur noch ihre Bilanz-Seiten… Und auch dieser Unternehmer hat schon die Erfahrung gemacht, dass der deutsche Staat gar nicht in der Lage ist, alle unbequemen Erlasse durchzusetzen. Sicher, die Corona-Seuche ist eine ökonomisch schwere Zeit, aber sie könnte wieder zur Besinnung auf andere Werte als Verkauf, Geld und Gewinne führen. Ob das genutzt wird?

Sokrates träumt, dass ein Politiker auf ihn zukommt, einer jener Politiker, für die die Welt nur eine Bühne ist, auf der sie für sich Beachtung, Anerkennung und Macht anstreben:

Der Politiker (sehr verärgert): Politik lebt von der medialen Offenheit einer Gesellschaft, von der Möglichkeit, dass sich jeder Vollblut-Politiker jederzeit in der Öffentlichkeit zeigen und demonstrieren kann, dass jeder Wähler jederzeit erreicht und beeinflusst werden kann. Denn wir Politiker machen ja nicht, was die Menschen wollen, sondern wir versuchen, die Menschen zu beeinflussen, damit sie machen, was wir wollen. Das bricht jetzt alles weg. Keine öffentlichen Veranstaltungen mehr, keine Parteiversammlungen mehr, keine Wahlen, keine Medienauftritte, keine öffentlichen Reden… Aber dafür leben wir doch, das ist unser Auftrag, das ist unsere Befriedigung… Nur einige Tage ohne öffentliche Auftritte sind für mich wie eine Gefängnisstrafe. Keiner redet derzeit von uns Politikern, man redet nur noch von der Corona-Seuche. Wie sollen wir die Menschen glauben machen, dass wir eine freie Demokratie sind, dass alle Macht vom Volk ausgeht (wobei das Volk doch nur das Stimm-Vieh bei Wahlen ist, ha, ha, ha), wenn nichts mehr ist mit Auftritten und Wahlen!

Sokrates: Eine solche Krise kann aber auch eine Möglichkeit sein, in der Politiker zeigen können, dass es ihnen wirklich nur um das Wohl der Gesamtheit geht, in der sie sich als echte „Volks-Diener“ profilieren können. Eine solche Krise kann auch wieder Ruhe in die unruhige Politik bringen, weil jeder Politiker seiner Aufgabe nachgehen muss, ohne an die öffentliche Bühne zu denken… Eine solche Krise kann…

Der Politiker (schneidet Sokrates arrogant das Wort ab): Wir leben davon, die Leute zu beeinflussen, glauben zu machen, sie lebten in einer Demokratie und wir wären für sie da… Dabei stört uns eine solche Krise erheblich. Die Leute denken jetzt an Anderes als an uns… Und das alles nur, weil ein paar Omas, Opas und Dauer-Kranke früher sterben könnten!... Man sollte doch froh sein, wenn von diesen ein paar Prozente sterben. Denn diese Alten sind aus politischer Sicht doch nur Ballast im politischen Fortschritt. Sie sind konservativ, mit ihnen kann man neue Ideen und Ziele nicht umsetzen. Wenn diese Sch…Zeit vorbei ist, werde ich noch einen Polit-Psychologen mehr als Beeinflussungs-Helfer einstellen und mich noch mehr bemühen, das Volk zu lenken statt von den Wählern gelenkt zu werden…

Und jetzt fange ich schon damit an. Wir leben in einem freien Land, wo besonders wir Politiker machen können, was wir wollen. Und deswegen organisiere ich jetzt mit ein paar Freunden eine Demo gegen die übertriebenen Corona-Beschlüsse. Angst vor einem Bußgeld habe ich nicht, denn der deutsche Staat ist gar nicht in der Lage, unbequeme Beschlüsse durchzusetzen, z.B. um eine größere Demo aufzulösen. Dafür hat er zu wenig Polizei…

Sokrates (traurig und beunruhigt): Der deutsche Staat ist tatsächlich nicht in der Lage, unbequeme Beschlüsse konsequent durchzusetzen. Das haben wir der Politik zu verdanken. Und manche Politiker halten sich für den Nabel der Welt, sind reine kaltherzige Demagogen auf der öffentlichen Bühne. Dabei könnten sich die Politiker in dieser Krise als „Diener des Volkes“ bewähren. Jetzt braucht Deutschland besonnene Politiker, die die Entscheidungen treffen und die Politiker der anderen Parteien nicht als Konkurrenten, sondern als Verbündete sehen. Ob das genutzt wird?

Sokrates träumt, dass ein Lehrer, einer jener Gutmenschen-Besserwisser, schreiend auf ihn zustürmt und ruft:

Der Lehrer (verzweifelt): Keine Schule offen, kein Unterricht, keine Beeinflussung der Jugend mehr zum besseren Menschen. Jetzt ist die heranwachsende Generation wieder den dilettantischen, erziehungsunfähigen Eltern ausgeliefert. Die Kinder werden zwar von Eltern geboren, aber dann sollten sie zur Erziehung uns Lehrern, den Schulen übergeben und zu richtig denkenden und richtig gebildeten Menschen geformt werden. Das ist der neue richtige Weg… Und nun sind unsere ganzen idealistischen Bemühungen unterbrochen, oh weh, oh weh… Und das alles nur wegen Omas und Opas, die zwar an dem Corona-Virus schwerer erkranken als wir Jüngeren, aber von unserem neuen Schulwesen keine Ahnung haben und noch die überholte Familie bevorzugen. Aus pädagogischer Sicht sollte man froh sein, wenn von diesen Erziehungs-Bremsern eine größere Anzahl sterben.

Sokrates (beruhigend, aber Einspruch erhebend): Schule ist zwar wichtig, aber Erziehung sollten Eltern und Schule gemeinsam leisten. Kinder und Jugendliche brauchen Geborgenheit, eine Familie, ein Zuhause. Und in der Familie kann auch Bildung vermittelt werden, Eltern und Großeltern können bis zu einem gewissen Grad mit den Kindern gemeinsam lernen.

Der Lehrer (höchst aggressiv): Kinder und Jugendliche brauchen eine Familie? Eine kleine dumme, unpädagogische Familie? Und Eltern und Großeltern könnten auch mit den Kindern lernen? Also die alte Nachhilfe zu Hause? Welche eine veraltete Pädagogik! Wir Lehrer und unsere neuen Schultypen sind die richtigen Familien und leisten die richtige pädagogische Erziehung. Auch Du Sokrates bist ein Bremser, ein Rückschritt in der Pädagogik, Dich sollte man aus Deutschland verjagen! Und das werde ich jetzt tun.

Mit diesen Worten kommt der Lehrer, einen Stock schwingend, auf Sokrates zugeschritten.

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Da wacht Sokrates auf. Er ist nass geschwitzt, auf seiner Brust lastet es wie ein Stein und er muss sich erst einmal besinnen. Dann stellt er fest, dass alles nur ein schlimmer Traum war.

Sokrates (erleichtert): Das wäre ja furchtbar, wenn das Wirklichkeit gewesen wäre. Aber solche Kinder, solche jungen Paare, solche Unternehmer, solche Politiker, solche Lehrer… sind nicht die Regel. Einige wenige Fällen mag es jeweils geben, aber die meisten Kinder sind besser erzogen, die meisten jungen Erwachsenen vernünftiger und weniger selbst-süchtig, die meisten Unternehmer weniger kapitalistisch-egoistisch, die meisten Politiker keine reinen Akteure auf öffentlichen Bühnen, die meisten Lehrer keine fanatischen Gut-menschen... Gerade in Krisen beweist sich das, gerade in Krisenzeiten werden die oft schlummernden wertvollen Eigenschaften in den Menschen wieder geweckt. Selbstlose, vorbildliche Menschen schießen in solchen Zeiten oft wie Pilze aus dem Boden. Vielleicht erleben wir das jetzt wieder. Die heute Älteren haben früher die Jüngeren groß gezogen, ernährt und auch erzogen. Sie verdienen jetzt unsere uneingeschränkte Solidarität.

Damit steht er von der Bank auf und erzählt diesen Traum anschließend, noch einmal schaudernd, seinen Freunden. Die schaudert es auch bei dem Gedanken, dass solche Meinungen, wie Sokrates sie geträumt hat, Wirklichkeit sein könnten.

(Aufgeschrieben im März 2020 vom discipulus Sokratis, den es auch geschaudert hat bei dem Gedanken, dass solche Meinungen Wirklichkeit sein könnten)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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