Sonja Soller

Begegnung mit einem alten Mann

Raus aus dem Bett, Frühstück, ins Büro, Feierabend, Abendessen, Klotze, rein ins Bett.
Raus aus dem Bett......., jeden Tag das gleiche Spiel, Tag für Tag, Thore hatte das Gefühl ein Roboter zu sein. Den Knopf gedrückt und schon setzte er sich in Bewegung.

Davon hatte er jetzt genug, er wollte etwas anderes, ein spannenderes Leben. Zwar unternahm er mit Familie und Freunden genug, am Ende war es dann aber wieder nur eine Fortsetzung von dem täglichen Kreislauf. In seinem Kopf rumorten und kreisten die Gedanken. So richtig konnte er es gar nicht benennen, was er eigentlich wollte, nur eins, er wollte aus diesem Räderwerk des Alltags heraus, abbiegen, ein anderes Ziel anvisieren. Er wusste, wenn er nichts gegen diesen gleichbleibenden Alltagstrott unternahm, ein anderer würde es nicht für ihn tun, er musste selber etwas ändern.

Im Büro war Schluss, es war Feierabend. Bis zu seiner Wohnung war es nicht weit. Thore ging den Weg von jeher zu Fuß, doch heute ging er nicht nach links, sonder schlug den Weg nach rechts ein. Wollte hier und jetzt beginnen, etwas in seinem Leben zu verändern. Er ging diesen bekannten, aber von ihm nur selten benutzten Weg entlang, da blinkte etwas zwischen dem Kopfsteinpflaster, er bückte sich, es war ein Centstück; was hatte die Mutter noch gesagt, dreimal drauf spucken, das bringt Glück. Also spuckte er auf das Centstück und steckte es in die Jackentasche. Ging weiter den Weg entlang und erreichte eine kleine Parkanlage, Thore sah schon von weitem, dort auf der Bank saß ein Mann. Als er näher kam, sah er, dass es ein sehr alter Mann war, Falten durchzogen sein Gesicht, er hatte ein dunkles Cape um seinen Körper geschlungen. Thore fragte, ob er sich dazusetzen dürfe. Der alte Mann rückte noch etwas zur Seite und lud ihn mit der Hand ein, Platz zunehmen.

Du siehst nicht glücklich aus“, sprach der Alte ihn an. Etwas verwundert antwortete Thore, „ja, Sie haben recht, jeden Tag, Tag für Tag tue ich dasselbe, Jahr für Jahr, ich möchte etwas ändern, möchte aus dieser Mühle heraus. Dieses Leben nach Plan raubt mir meine ganze Energie, ich halte es einfach so nicht mehr aus.“

Thore konnte überhaupt nicht verstehen, warum er ausgerechnet diesem alten Mann sein Leid klagte.
Der Alte nickte und fasste sich ans Kinn.

Was du mir hier schilderst, kann ich nachvollziehen, war mal in einer ähnlichen Situation. Hast du denn schon herausgefunden, was du wirklich willst, was dich glücklich macht, was dir wichtig ist?“
Thore musste überlegen, „wichtig ist mir meine Familie, meine Freunde, auch die Arbeit ist mir wichtig. Es ist alles nur so eingefahren, irgendwie trist.“
Der alte Mann sah Thore ernst in die Augen, „ unsere eigene Vorstellung oder Erwartung ist eine Jacke, in die wir uns manchmal zwängen, ohne das sie uns richtig passt. Der Blick des Verstandes fängt erst an scharf zu werden, wenn der Blick der Augen an Schärfe verliert.
Jeder hat eine andere Vorstellung, eine andere Erwartung von den Dingen, vom Leben. Gib den Menschen nur ein bisschen mehr als sie erwarten, Liebe, Respekt, Lob und Anerkennung. Du wirst sehen, dass die Menschen dir dann genau so gegenübertreten. Denk einmal darüber nach. Als du dich zu mir setztest, hast du sehr traurig und unglücklich ausgesehen, so als hättest du lange schon nicht mehr gelacht. Lachen oder Lächeln bedeutet, etwas gern zuhaben, zu lieben. Ohne Lachen sollte niemand leben.“

Von dem, was sein Gegenüber gesagt hatte, war Thore verblüfft und erstaunt. Es stimmte, gelacht hatte er tatsächlich schon lange nicht mehr. Seine Tage waren so grau, wie die Stimmung, mit der er jeden Morgen aufstand. Konnte es sein, dass dieser alte Mann ihn aus seiner Lethargie herausholte.
Thore wollte sich zu dem Mann umdrehen, von dem er nichts wusste, außer, dass er ein weiser Mann sein musste.

Erschrocken sah Thore sich um, er saß allein auf der Bank, konnte es gar nicht fassen, wo war der alte Mann hin? Gab es diesen alten Mann überhaupt? Oder hatte er ihn sich bloß eingebildet, sich den Alten nur her geträumt?

Verwirrt und nachdenklich erhob sich Thore, er ging nicht sofort nachhause, er ging auf diesem Weg weiter und genoss die Natur, die Menschen und alles andere um sich herum, er nahm auf einmal seine Umgebung viel intensiver wahr.
Hörte
die Kirchturmuhr, wie sie die Stunde schlug, das Zwitschern der Vögel, das Säuseln des Windes.
Es war wie, als hätte sich in seinem Buch ein neues Kapitel aufgetan.

Er spürte, wie etwas wunderbares mit ihm geschah, die Enge in seiner Brust löste sich, ein Gefühl von Freiheit erfasste ihn. Thore atmete tief durch und machte sich mit einem guten, zufriedenem Gefühl auf den Heimweg.

17.03.2020 © Soso

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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