Christa Astl

In luftiger Höhe

 

 

Dieser Tage dürfen wir die Wohnung, das Haus nicht verlassen. Vom Garten wird nichts gesagt, also halte ich mich bei schönem Frühlingswetter dort auf. Ich bin allein, die Nachbarn sind nach allen Seiten mindestens 10 Meter entfernt.

Frühjahrsarbeit steht an: das Schneiden der Obstbäume. Eigentlich heißt es ja, das sei Männerarbeit. Doch wenn kein Mann Zeit hat oder zugegen ist? Also – selbst ist die Frau!

Seit einigen Jahren mache ich es selber, und noch ist kein Obstbaum eingegangen. Im Gegenteil, die Früchte werden größer, wenn sie nicht gar zu üppig wachsen müssen. Meine ersten derartigen Erfahrungen durfte ich an unserem alten Weinstock machen. Mutter kappte einfach die Spitzen, als Folge trieben im nächsten Jahr dichte Ruten aus, er glich dann wie ein Besen. Ich entfernte die alten Ranken weit unten, damit sie vom Stamm aus neu trieben.

Dass es aber auch eine anstrengende Arbeit ist, merke ich erst am Abend. Am Morgen ist alles noch leicht. Erst mal schaue ich schon vom Fenster, was weg muss, aus näherer Entfernung, wenn ich davor stehe, überlege ich, wie weit ich ohne Leiter kommen. Dann erst hole ich die Baumscheren und beginne unten bei den leicht erreichbaren Ästen. Die kleine Gartenschere, die ich in der Gesäßtasche meiner Jeans habe, entfernt erst mal dünne Äste in einfacher Reichweite. Als nächstes ist die stärkere Astschere, schon wegen ihrer langen Griffe, angesagt. Mit ihr kann ich  dickere Äste abschneiden, allerdings braucht man beide Hände dazu. Irgendwann sind auch die längsten Arme und die längsten Griffe zu kurz, die Leiter muss her. Das ist die erste Schwerarbeit, die von Jahr zu Jahr anstrengender wird. Wird die Leiter schwerer oder ich schwächer? Mit größter Anstrengung bekomme ich sie von der Aufhängung an der Wand, obwohl ich den obersten dritten Teil schon gar nicht mehr dran habe. Zweiteilig, als A-Leiter reicht die Höhe, der obere Rest muss halt bleiben, die Vögel haben ihre Freude und belohnen mich mit ihren herrlichen Frühlingsgesängen.

Die Leiter habe ich zum Baum geschleppt, nun brauche ich den Platz sie sicher aufzustellen. Der ist in meinem Grundstück nicht leicht zu finden, es gibt keinen einzigen ebenen Fleck! Mein Grundstück ist Berg- und Talbahn und Buckelpiste. Aber man muss sich zu helfen wissen. Ich lege jeweils ein Brett unter. Das ist auch nötig, der Boden ist noch etwas feucht und dementsprechend weich, vor allem wo Moos ihn bedeckt. Und da Äste nicht gerade hinauf wachsen, sich zahlreich verzweigen, brauche ich den geeigneten Zwischenraum,  erstens um die Leiter mit ihrer Spitze durchzuschieben, und zweitens, dass ich auch noch hinauf steigen kann. Die Kapuzenjacke war sehr von Nachteil, also weg damit. Es wird mir schon warm werden.

Nochmals will ich vorsichtig die Standfestigkeit der Leiter prüfen und kontrollieren, ob sie fest auf den Brettern steht. Nun erst hinauf, die ersten zwei oder drei Sprossen. Wo beginne ich, was muss weg? Verflixt, die Astschere ist unten geblieben. Also vorsichtig auf den Boden, mit der Schere vorsichtig wieder hinauf. Ein anderer Blickwinkel, schon sehe ich andere Äste und Zweige, die weg müssten.

Aber einen Baum schneiden ist wie einen Deutsch-Aufsatz korrigieren, der eine sieht das, der andere jenes als Fehler. Wichtig ist letztendlich, dass sowohl der Baum als auch ein geschriebener Aufsatz in sich stimmig ist. Mir ist eine trotz allem noch die natürliche Baumform wichtig. So wie für den Aufsatz der Inhalt stimmig sein muss.

Nun also stehe ich oben, kontrolliere nochmals, ob ich wirklich sicheren Stand habe, denn nun habe ich keine Hand mehr mich einzuhalten. Manchmal kann mich ein anderer Ast stützen. Immerhin muss ich mich oft sehr recken und strecken, darf aber dabei nie eine mögliche Gefahr außer Acht lassen. Viele, gerade ältere Menschen sind vom Baum gestürzt und haben sich schwer verletzt. Diese Bilder halte ich mir vor Augen. Aber diese Vorsicht habe ich schon bei meinen Bergtouren gelernt.

Ast für Ast wird von unnötigen kleinen Ästchen befreit, ich drehe und wende mich von meinem hohen Stand aus, so viel wie möglich zu erreichen.

Irgendwann heißt es doch wieder hinunter steigen, einen neuen Standpunkt für die Leiter suchen, wieder eine rechte Plagerei. Die Leiter auszubalancieren, aus den Ästen herauslösen, an anderer Stelle wieder einfädeln, ohne viele Knospen zu beschädigen, und sie wieder öffnen. Meist stellt sie sich erst mal quer, verklemmt sich und erst nach mehreren Versuchen gelingt es mir. Und wieder hinauf, mich durchzwängen, manchmal sind Körperverrenkungen nötig, auch wenn ich nicht extrem dick bin.

Und wieder in schwindelnder Höhe, und wieder schauen, schneiden, manchmal auch sägen. Säge und Astschere hängen immer griffbereit an Ästen.

Allmählich bekommt der Baum „sein Gesicht“, der Boden ist mit Schnittgut bedeckt. Ein letztes Mal steige ich ab, genug für heute. Der müde Rücken darf sich nun bücken, alles auflesen und zum Weiterverarbeiten an einen anderen Platz tragen.

Gehäckselt wird am nächsten Tag. Müdigkeit und Hunger machen sich bemerkbar.

 

 

ChA 17.03.20

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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