Wolfgang Scholmanns

Am Fluss der Wiederkehr

Zartschillerndes Orangerot kündigte das Erwachen des neuen Tages an und lächelnd verabschiedete sich das Gesicht des Mondes. Die frühen Lieder verschiedener Vogelarten erklangen, und in den Lindenbäumen labte sich eine Hundertschar summender Bienen an dem süßen Nektar der im Morgenlicht leuchtenden Blüten. Unten am Fluss begrüßten die Fische mit eifrigen Sprüngen den erwachenden Morgen und vielleicht auch den alten Mann, der oft den ganzen Tag hier am Flussufer verbrachte. Er kam immer mit einem alten Fahrrad, hatte einen kleinen Klappstuhl in seinem Gepäck und machte noch einen ziemlich rüstigen Eindruck. Ich hatte mich schon des Öfteren zu ihm gesellt und ein paar Worte mit ihm gewechselt, aber immer hatte ich den Eindruck, dass er sich von meiner Anwesenheit gestört fühlte. An diesem Morgen wollte ich ihn danach fragen. Langsam ging ich den kleinen Hügel zum Ufer hinunter, grüßte und setzte mich neben ihn auf einen Stein, dessen Oberfläche ich erst ein wenig säubern musste, denn eine Ente hatte wohl kurz vorher ihr Geschäft auf ihm verrichtet.
"Sind Sie eigentlich jeden Tag hier am Flussufer?"

"Nicht jeden Tag aber wenn es mir gut geht und die müden Knochen es erlauben, hält mich nichts mehr in meiner Wohnung."

Er hatte mir vor einiger Zeit erzählt, dass seine Frau vor zwei Jahren gestorben war und sein Zuhause seit dieser Zeit das Licht und den Duft des milden Frühlings verloren habe. Die Einsamkeit wäre jetzt dort eingezogen, und in deren Anwesenheit fühle er sich nicht wohl. Dies alles erzählte er mir mit einer Ruhe und mit einem Blick, in dem ich die Schatten der Vergangenheit und der Wehmut vergeblich suchte. Es ging eine wundersame Kraft von ihm aus, die mich ganz in ihren Bann zog.

"Stört es Sie, wenn ich hier bei Ihnen sitze?"

"Wenn es mich stören würde, hätte ich es gesagt, mein Junge. Bei Dir bemerke ich das Gefühl der Naturverbundenheit. Klar und rein lesen deine Augen die Wunder der Natur."

So hatte ich mich geirrt, meine Anwesenheit störte ihn also nicht. Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander und lauschten dem Lied des Flusses, dessen Noten von kleinen Wellen in die Ferne getragen und doch an gleicher Stelle immer wieder neu geboren wurden.

"Auch wir werden eines Tages in diesen Fluss steigen, und er wird uns in ein Land bringen das jenseits des Horizontes liegt.", sagte der alte Mann.

"Es ist das Land, von dem die Wellen erzählen, dass dort die Liebe und der Frieden wohnen und in dem das ewige Licht die Seelen der Menschen empfängt. Meine Frau ist schon vorausgeschwommen und wird dieses Land bestimmt schon erreicht haben."

Ich wusste genau was er meinte und sagte: "Das ist das Land, in dem wir uns irgendwann alle wiedersehen werden, stimmt`s?"

„Ja, irgendwann! Meine Uhr ist auch bald abgelaufen und es sind nur noch wenige Sandkörnchen, die mich von meiner Frau trennen."

Ich schaute ihn an: "Sind Sie etwa krank?"

Er lächelte.

"Als ich gestern hier am Flussufer saß, klangen die Töne anders als sonst. Sie hatten etwas Einladendes. Der Fluss sang vom Ziel, und dass es nicht mehr weit sei. Dann vernahm ich, aus der Ferne, die Stimme meiner Frau und sah wie ihre Hand mir winkte."

Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, hüllte er sich in tiefes Schweigen. Eine Weile saß ich noch in Gedanken versunken neben ihm, zog es aber dann doch vor ihn in seiner Stille allein zu lassen.

"Ich geh dann jetzt.", sagte ich zu ihm.

Seine klaren Augen schienen müde.

"Mach`s gut mein Junge und bleib so wie Du bist. Das Leben wird Dir manche Hürde bauen aber vertraue ihm und der Natur und bewahre stets deine Liebe zu ihr."

An den zwei folgenden Tagen sah ich ihn noch unten am Flussufer sitzen, dann blieb der Platz leer. Der alte Mann war der Einladung des Flusses gefolgt.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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