Hans K. Reiter

Unvorhergesehenes

Mitwirkende:

Hermine Kupferschmied, Nachbarin

Genoveva Pechmacher, Ehefrau

Friedhelm Güllenhauser, Ehemann

Ein Mann, Beamter der Gemeinde

Andere, namentlich nicht näher benannt

Freitag, 14. Juni

„Grüße Sie, Frau Kupferschmied!“

„…äh…, wie, was, Entschuldigung…, bitte?“

„Gestatten, ich bin Friedhelm Güllenhauser. Ich, das heißt wir, meine Frau und ich, sind vor ein paar Tagen in das Haus gegenüber gezogen. Wir haben es gekauft!“

„Sie haben es… gekauft! Sie sagten, gekauft?“

„Ja, wieso, stimmt etwas nicht? Sie sagen das so merkwürdig.“

„Ja, wissen Sie denn nicht? Sie Unschuldslamm, Sie wissen es nicht, habe ich Recht?“


„Weiß ich was nicht?“

„Tatsächlich, Sie wissen es nicht. Mir soll’s recht sein. Ist ja Ihr Problem oder vielmehr das Ihrer Frau.“

Mehr war aus der Frau nicht herauszubekommen. Abrupt stockte sie plötzlich, murmelte ein machen Sie’s gut und bog um die nächste Ecke.

Samstag, 15. Juni

„He…, Sie!“, rief der Mann über den Zaun.

„Meinen Sie mich?“

„Ja, wen denn sonst? Sehen Sie noch jemanden außer sich?“

Langsam kam die Frau näher, wischte sich die Hände an der Gartenschürze ab, blieb an der Gartentüre stehen und schaute den Mann herausfordernd an.

„Was wollen Sie denn“, fragte sie unwirsch.

„Genoveva Pechmacher? Sind Sie Genoveva Pechmacher?“

„Ja, bin ich. Und nun?“

„Ich komme von der Gemeinde. Es geht darum…, aber wollen Sie mich nicht hereinlassen?“

„Nein, will ich nicht. Sagen Sie, was Sie zu sagen haben und dann stehlen Sie mir nicht weiter meine Zeit! Ich habe zu tun, wie Sie sehen.“

„Also gut, wie Sie wollen…“

„Ich will gar nichts, damit es hier keine Missverständnisse gibt. Sie wollen etwas, richtig?“

„Man sagt halt so. Es ist nicht spezifisch gemeint, verstehen Sie?“
„Verstehe ich nicht, aber weiter, lassen wir das. Also sagen Sie endlich, warum Sie hier sind!“

„Sie und Ihr Gatte, der Herr Friedhelm Güllenhauser, haben dieses Anwesen erworben und es ist nun an mir, zu überprüfen oder besser gesagt festzustellen, inwieweit Sie die bestehenden Auflagen erfüllen.“

„Die bestehenden Auflagen? Was denn für Auflagen? Können Sie sich überhaupt ausweisen? Da könnte ja jeder daherkommen!“, entgegnete Genoveva leicht erregt, um nicht zu sagen aufgebracht.

Umständlich zog der Mann einen Ausweis aus der Tasche und reichte ihn über den Zaun.

Kein Zweifel, wie Genoveva sehen konnte, der Mann kam tatsächlich von einer Gemeindebehörde.

„Ich entnehme Ihren Äußerungen, dass Sie von den mit dem Anwesen verbundenen Auflagen nichts wissen. Ist das richtig?“

„Das haben Sie sehr scharfsinnig erkannt. Im Notarvertrag steht nichts von Auflagen, sonst wüsste ich das selbstverständlich.“

„Dann werde ich es Ihnen erklären. Sollten wir nicht vielleicht doch ins…?“

„Nein, wir gehen nicht ins Haus. Schon gar nicht, wenn mein Mann nicht anwesend ist. Was fällt Ihnen ein?“

„Also, was wollen Sie mir denn unterstellen? Ich bitte Sie!“

„Hören Sie! Kommen Sie doch später, so in zwei, besser drei Stunden wieder, dann ist mein Mann zuhause und der kann Sie dann, wenn er es für richtig hält, hereinbitten.“

Für Genoveva Pechmacher war die Unterhaltung damit beendet, was sie unmissverständlich durch ihre Körperhaltung auch zum Ausdruck brachte.

„Also, also, so etwas! Das geht doch nicht. Ich bin doch nicht irgendwer. Ich bin schließlich Beamter, verstehen Sie? Das können Sie nicht machen!“

„Kann ich wohl“, bemerkte Genoveva launig über die Schulter. „Wie gesagt, kommen Sie, wenn mein Mann da ist. Wenn nicht heute, dann am Montag, aber bitte nicht vor zehn Uhr!“

Montag, 17. Juni

Der Samstag verlief ohne weitere Störungen.

Genoveva und Friedhelm verbrachten ein gemütliches Wochenende und hatten den Störenfried vom Samstag schon aus dem Gedächtnis verbannt.

Jedoch, ein Beamter ist nicht bloß ein Mensch wie du und ich, ein Beamter ist eine Respektsperson, schon qua Definition oder der mit dem Amt verbundenen Befugnisse oder weil es sich eben so entwickelt hat, in der Gesellschaft, im öffentlichen Leben. Ein Beamter ragt nun mal aus dem Heer der übrigen Zeitgenossen heraus. Selbstverständlich gilt Gleiches fast ausnahmslos auch für Beamtinnen, obwohl in der Praxis festzustellen ist, dass die Zahl der Amtsleiter, also der männlichen Beamten, deutlich überwiegt.

10:05 Uhr: Ging gong, ging gong!

Friedhelm, der gerade noch den letzten Schluck Kaffee hinunterwürgte, ging gemessenen Schrittes zur Tür.

„Guten Morgen Herr Güllenhauser!“, grüßte ein ihm unbekannter Mann, nachdem er die Haustüre geöffnet, aber, einem Impuls folgend, den Öffner der Gartentüre nicht gedrückt hatte.

„Gutem Morgen!“, erwiderte Friedhelm freundlich und blieb ansonsten abwartend unter der Türe stehen.

„Ich komme von der Gemeinde. Ihre verehrte Frau Gemahlin und ich hatten bereits am Samstag das Vergnügen. Wenn Sie mich vielleicht hereinlassen wollen?“

Friedhelm überlegte.

Was hatte der Mann gesagt, schoss es ihm durch den Kopf, er und seine Frau hätten bereits am Samstag das Vergnügen gehabt. Davon hatte ihm Genoveva allerdings nichts erzählt. Aus ihrem Munde klang die Begegnung mit dem Herrn alles andere als nach Vergnügen.

„Was berechtigt Sie zu der Annahme, meine Frau hätte die Begegnung mit Ihnen am Samstag als Vergnügen empfunden?“, fragte er deshalb sehr höflich.

„Nicht ein Vergnügen im eigentlichen Sinne des Wortes“, entgegnete der Mann, „ist nur eine Floskel, wie man sie halt so verwendet.“

„Aha“, bemerkte Friedhelm und fügte hinzu: „Was am Zweck Ihres Besuches würde sich ändern, wenn ich Sie hereinbitten würde?“

„Nun, am Zweck eigentlich nichts. Ich meinte nur, vielleicht wäre es irgendwie gemütlicher.“

„Dann lassen wir es doch so, wie es ist. Da ich Sie nicht kenne, liegt mir jegliches Bestreben nach Gemütlichkeit fern. Vielleicht später einmal, wer weiß?“

Der Mann an der Gartentüre wand sich etwas und es war offensichtlich, dass ihm die ganze Situation missbehagte.

Nun, wie sie wollen, wollte er gerade sagen, als ihm noch einfiel, dass selbige Redewendung schon am Samstag nicht gut angekommen war.

„Wissen Sie, es ist so, dass mit dem erworbenen Anwesen gewisse Auflagen verbunden sind, und darüber wollte ich mit Ihnen sprechen.“

„Nein weiß ich nicht,“ sagte Friedhelm um eine winzige Spur unfreundlicher. „Unsere Nachbarin von gegenüber hat anlässlich einer zufälligen Begegnung am Freitag eine ähnlich mysteriöse Andeutung gemacht, aber nichts näher erläutert. Sie sehen mich also tatsächlich unwissend bezüglich jedweder Auflagen.“

„Wollen wir nicht doch hineingehen?“

„Nein, wollen wir nicht. Kommen Sie also zur Sache!“, forderte Friedhelm sehr bestimmt.

Jede weitere floskelhafte Ausschmückung unterdrückend sagte der Mann deshalb nur lapidar: „Es ist…“

Im selben Augenblick knatterte ein Hubschrauber der Bundespolizei, des Militärs oder einer anderen Organisation mit einem Höllenspektakel im Tiefflug über das Haus.

Friedhelm zuckte mit den Schultern, gab mit der Rechten auf Höhe des rechten Ohrs ein unmissverständliches Zeichen, dass er nicht verstehen könne, was er, der Mann, sagte.

Der Mann nickte und schickte sich an, mit seinen Ausführungen von vorne zu beginnen, kam aber nicht weiter als beim ersten Versuch.

Friedhelms Mobiltelefon schlug im selben Moment an und er bedeutete dem Mann, zu warten, griff das Telefon, drückte auf Empfang, nannte seinen Namen und lauschte angespannt der Stimme des Anrufers.

„Tut mir leid“, sagte Friedhelm, „mein Vater. Eine wichtige Familienangelegenheit! Kommen Sie doch morgen wieder oder noch besser, rufen Sie mich einfach an. Meine Nummer steht im Telefonbuch.“

Sagte es, machte kehrt, entschwand im Haus und die Tür fiel mit einem satten Flop ins Schloss.

Solches war dem Mann aus der Gemeinde in seiner bisherigen Laufbahn noch nicht passiert. Aber es half nichts, er musste unverrichteter Dinge abziehen, zum zweiten Mal, unglaublich!

Dienstag, 18. Juni

Vollkommene Ruhe! Genoveva und Friedhelm arbeiten ein wenig im Garten, genießen den wunderbaren Sonnentag und sind mit sich und der Welt im Reinen.

Mittwoch, 19. Juni

Nichts hat sich geändert, Ruhe und Vollkommenheit, so empfinden die beiden es, und vergessen den Mann aus der Gemeinde.

Donnerstag, 20. Juni, usw.

Friedhelm hat damit aufgehört, Notizen in sein Tagebuch zu schreiben. Niemand ist seither von der Gemeinde erschienen, um ihn und seine liebe Frau zu stören, etwas von einer Auflage zu erläutern oder anderes vorzutragen.

Die Nachbarin von Gegenüber grüßt stets freundlich, aber auch nicht mehr.

Freitag, 18. Oktober

07:00 Uhr. Ging gong, ging gong! Pause Ging gong, ging gong!

 Verschlafen schlürft Friedhelm zur Tür, öffnet, den Morgenmantel übergeworfen, und traut seinen Augen nicht.

„Was…, was ist denn hier los?“

Zufrieden lehnt der Mann aus der Gemeinde an der Gartentüre, hinter ihm ein Streifenwagen, dem zwei Polizisten entsteigen, noch weiter dahinter steht ein Kranwagen der Feuerwehr und nochmals dahinter ein Sattelschlepper mit schwerer Last und gleich vorne zwischen dem Mann und der Polizei der Wagen einer örtlichen Baufirma.

„Was…, was…?“, mehr brachte Friedhelm, zu dem mittlerweile Genoveva sich gesellt hatte, nicht hervor.

„Ich wollte es Ihnen ja bereits im September erklären“, sagte der Mann an der Gartentüre mit einem breiten, aber falschen Grinsen, und damit Sie mir dieses Mal den Zutritt nicht verweigern, die Polizei, wie Sie sehen!“

Samstag, 19. Oktober

Der schöne Vorplatz im Garten, zertrampelt.

Knappe 10 Meter vor dem Haus zur Rechten, wo man um das Haus herum in den hinteren Teil des Anwesens gelangt, steht ein stolzer Kirmesbaum, wenigstens an die 15 Meter hoch, festlich geschmückt, und vor dem Gartenzaun auf der Wiese jenseits der Zufahrt ein Zelt, ein großes Zelt.

„Im Zelt wird, wie jedes Jahr, der Kirmesmarkt stattfinden!“, sagt der Feuerwehrkommandant mit tiefer Stimme, lächelt freundlich und gibt das Zeichen zum Aufbruch.

Sonntag, 20. Oktober

Kirchweih

Gäste von Nah und Fern bestaunen den Baum, stapfen auf dem Grundstück herum, begeben sich ins Zelt, kommen wieder heraus und lassen sich auf einer der zahlreichen Bänke an den langen Biertischen nieder. Aus Buden und Ständen duftet es nach Steckerlfisch, nach Brathendl, nach gebrannten Mandeln, nach Bier und vielem mehr.

So eine Kirchweih ist ein schönes Fest, das bis spät in die Nacht hinein dauert, wo auch mal, aber eher selten, die Fäuste fliegen, wo getrunken und gegessen wird, bis keiner mehr kann. Dann torkeln sie nach Hause oder zu ihren Autos, aber die Frauen gewinnen meist die Oberhand und so bleiben die Kübel stehen.

Friedhelm Güllenhauser und Genoveva Pechmacher werden sich daran gewöhnen müssen, sagen die Nachbarn, sagen alle in der Gemeinde.

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