Enno Ahrens

Ein extremes Wunderkind (B)

Mama: „Junge, du bist ein Phänomen.“

Das erste Mal war sie sprachlos gewesen, als Poschl vom Wickeltisch in die Biotonne gestürzt war, und er urplötzlich Kauderwelsch sprechen konnte. Zuvor hatte er keine zusammenhängenden Silben herausgebracht. Nun plötzlich waren es ganze Wörter. Weil keiner genau sagen konnte, welche Sprache es denn sei, nannten sie es Kauderwelsch.

Ein paar Jahre danach. Poschl stand kurz vor der Feier seines siebten Geburtstages und war aufgeregt, weil diesmal der Sohn eines arabischen Scheichs zu Besuch kommen sollte. Mama hatte ihn eingeladen. Poschl fuhr mit seinem neuen Fahrrad, einem Geschenk von Tante Adele, die schon in der Frühe angereist war, gegen den nächsten Laternenpfahl, und konnte augenblicklich fließend Arabisch sprechen. Mama war vor lauter Freude minutenlang stumm geblieben, mit Tränen der Rührung in den Augen. Eigentlich hatte er sich nur ein paar Brocken Arabisch angeeignet gehabt, aus einem Fremdsprachenlexikon, um den Scheichjungen zu überraschen.

Später konnte er prompt fließend Tschechisch, obwohl er lediglich einige Sprachfetzen von fluchenden tschechischen Panzergrenadieren aufgeschnappt und sie nachgeäfft hatte, als er neugierig einen ihrer Panzer inspizierte und ihm die Einstiegsluke auf den Schädel gefallen war.

Dann kam er in die Pubertät, eine schwierige Phase für einen schüchternen Jungen wie ihn. Bis zu seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr hatte Poschl kein Mädchen heimgeführt, ja, nicht einmal angesprochen. Ihm fehlten die richtigen Worte. Zu seinem vierundzwanzigsten Namenstag hatte Mutti eine Überraschung für ihn. In seinem Zimmer sollte sie liegen. Er war aufgeregt. In seinem Bett lag ein unbekanntes Fräulein, splitterfasernackt. Er bekam einen Schock, musste ins Krankenhaus, war stumm geworden. Nur Mama plapperte in einer Tour.

Nach dem überwundenen Schock stellte Poschl aber zu Mamas Glück fest, dass er auf einmal die Worte drauf hatte, um Mädchen imponieren zu können und Mama lud gleichzeitig zwei Girls ein in ihr Heim, die eine aus der mährischen Walachei gebürtig, die andere aus Syrien.

Den beiden fremdsprechenden Damen gegenüber war Poschl sprachlos geblieben. Der erlittene Schock hatte ihn der tschechischen wie auch der arabischen Sprache beraubt. Darüber war er so erschrocken, dass er auch noch seine Muttersprache verlor. Er verstand einzig nur noch Kauderwelsch. Papa klagte: „Jetzt haben wir ein verblödetes Genie in der Familie.“

Als Poschl ungeachtet dessen sein Kauderwelsch ins Internet reinstellte und viel Beifall erhielt, fand Mama es wiederum phänomenal, was er an ihrem erhobenen Daumen erkannte, ihrer extra für ihn erlernten Zeichensprache. Im Netz verständigten sie sich ebenfalls damit. Waren wohl auch behindert, dachte er so bei sich. Allerdings war sein Kauderwelsch in Wirklichkeit eine ganz normale Sprache eines total durchschnittlichen Jungen gewesen. Aber daran mochte Mama nicht denken.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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