Markus Zinnecker

Hoppel im Regenbogenland

„Da hinten, da wo der Himmel die Erde berührt, was ist da?“ Hoppel sah seine Mutter neugierig an. Es interessierte ihn wirklich sehr, was da war, wo sich Himmel und Erde berührten. Die Mutter sah für einen Moment in die Ferne. „Da beginnt das Regenbogenland.“ Hoppel sagte nichts, aber Regenbogenland, das klang spannend. Da wollte er unbedingt einmal hin. Darum machte er sich am nächsten Tag, ganz früh am Morgen, als alle anderen noch schliefen auf den Weg. Leise schlich er an seinen sechszehn Geschwistern vorbei und an Mama und an Papa, die alle ruhig schliefen. Im Kaninchenbau, unter der Wiese des Bauern. Vorsichtig spähte Hoppel aus dem Eingang, der Mond leuchtete hell am Himmel und alles war ruhig und friedlich. In der Ferne, da wo sich Himmel und Erde berührten, war schon ein dünner Lichtstreifen zu sehen. Im Regenbogenland war die Sonne wohl schon aufgegangen.

Jenseits der Wiese lag der Wald, den Hoppel bisher nur aus der Ferne gesehen hatte. Denn seine Familie verließ die Wiese normalerweise nicht. „Sicher ist sicher“ sagte Papa immer und ermahnte die Kinder jeden Tag, sich nicht zu weit von einem der zahlreichen Eingänge des Kaninchenbaus zu entfernen. Die Bäume schienen immer höher zu werden, während Hoppel sich ihnen näherte. Als er den ersten von ihnen erreicht hatte, blieb er einen Moment stehen und sah nach oben. Wahnsinn, der Baum schien mit seiner Spitze die Wolken am Bauch zu kitzeln. Vielleicht, so überlegte Hoppel einen Moment, verhindern die Bäume auch, dass der Himmel auf die Erde fällt. Wäre ja möglich, oder? Aber woher sollte so ein kleines Kaninchen das schon wissen. Vorsichtig hoppelte Hoppel weiter, immer tiefer in den Wald hinein. Hier standen die Bäume so dicht, dass fast kein Licht am Boden ankam. Ein kleines bisschen Angst hatte Hoppel hier schon, so ganz alleine, im unbekannten, dunklen Wald. Mitten im Wald, dort wo es ganz besonders dunkel war, lag ein großer Felsen herum. Vorsichtig umrundete Hoppel den mit Moos und Farnen überwucherten Klotz, als plötzlich zwei riesige Augen aus der Dunkelheit auftauchten. Links und rechts der Augen ragten riesige Fangzähne hervor, genau auf das kleine Kaninchen gerichtet. Das war ganz bestimmt der fürchterliche Waldschrat, der aus den Märchen, die die Tante den Kindern manchmal erzählte. Hoppel wollte fliehen, brachte es, vor lauter Angst, aber nicht fertig sich zu bewegen. Langsam kam der Waldschrat näher, genau auf Hoppel zu. Doch dann, der Schrat hatte ihn fast erreicht, blieb dieser plötzlich stehen. „Gleich wird er sich auf mich stürzen und mich fressen.“ Dachte Hoppel, von der Angst noch immer gelähmt. Das Kaninchen schloss die Augen und hoffte, dass es nicht allzu schlimm werden würde, als plötzlich eine sanfte Stimme sagte: „Was machst du hier im Wald? Kaninchen gehören doch auf die Wiese.“ Vorsichtig öffnete Hoppel die Augen und erkannte, dass ihn die Dunkelheit getäuscht hatte. Die Fangzähne waren in Wahrheit die Geweihäste des Hirschs, der an den Farnen geknabbert hatte. „Uff.“ Hoppel seufzte erleichtert, dann antwortete er: „Ich bin auf dem Weg ins Regenbogenland.“ Der Hirsch sah ihn erstaunt an: „Das Regenbogenland? Wo ist das?“ Fragte der Hirsch. „Da wo sich Himmel und Erde berühren.“ Sagte Hoppel. „Ich wünsche dir viel Glück auf deiner Reise.“ Sagte der Hirsch leise und ging weg, verschwand im dunklen Wald.

Hoppel hoppelte weiter, quer durch den Wald, bis er die andere Seite erreicht hatte. Er war wohl das erste Kaninchen von der Wiese, das die andere Seite des Waldes gesehen hat. Dort sah es fast genauso aus wie auf der Seite mit der Wiese. Ein sanftes Tal, mit Feldern und einem Dorf, außerdem eine Wiese. Auf der Wiese bewegte sich etwas, ein Etwas, das geradewegs auf Hoppel zukam. Er überlegte kurz, ob es nicht besser wäre, sich wieder in den Wald zurückzuziehen. Vielleicht war es ja ein Fuchs, der da auf ihn zukam. Doch dann erkannte er, dass das Etwas sich ganz ähnlich bewegte wie er es selbst tat. Es hoppelte! War es ein anderes Kaninchen? Ja, beinahe, es war ein Hase, der hier auf der Wiese lebte. Neugierig sah er sich Hoppel an, legte den Kopf etwas schief und fragte: „Wer bist du? Was machst du hier?“ Ein wenig schüchtern antwortete Hoppel: „Ich bin Hoppel und ich suche das Regenbogenland.“ „Das Regenbogenland?“ Antwortete der Hase „Wo ist das denn?“ Hoppel seufzte, die anderen Tiere hatten ja wirklich keine Ahnung. „Da wo der Himmel die Erde berührt.“ Da begann der Hase zu lachen. „Warum lachst du?“ fragte Hoppel. „Weil es so einen Ort nicht gibt. Der Himmel ist immer da oben, ganz weit weg und die Erde immer hier unten, unter unseren Füßen.“ „Dann gibt es das Regenbogenland gar nicht?“ fragte Hoppel enttäuscht. „Doch“ sagte der Hase „Aber nicht irgendwo in der Ferne, sondern hier ganz in der Nähe.“ Sanft stupste er Hoppel an die Stirn. „Da drin, in deinem Kopf, da wo deine Fantasie wohnt, da ist auch das Regenbogenland. Denn du kannst von allem träumen, von dem du träumen willst.“ Für einen Moment sagte Hoppel nichts, doch dann bedankte er sich beim Hasen und machte sich auf den Weg zurück nach Hause.

Im Wald begegnete ihm wieder der Hirsch und sah ihn erstaunt an: „Schon wieder zurück? So weit weg kann das Regenbogenland ja nicht sein.“ Hoppel wurde für einen kurzen Moment zornig, doch dann verstand er, dass der Hirsch wohl zu denjenigen Tieren gehört, die keine Fantasie hatten. Darum sagte er: „Ich war in die falsche Richtung gelaufen, das Regenbogenland ist woanders. Zum Glück ist mir jemand begegnet, der den Weg kennt.“ „Du hast den Hasen getroffen, nicht wahr?“ Sagte nun der Hirsch, worüber Hoppel sich sehr wunderte „Der Hase ist weise und kennt viele Dinge die andere nicht verstehen. Ich wünsche dir wieder viel Glück auf deinem Weg.“ Nach diesen Worten verschwand er wieder im Dickicht und Hoppel überlegte, ob der Hirsch vielleicht doch nicht so fantasielos war, wie er gedacht hatte.

Als Hoppel zu Hause, auf der Wiese des Bauern, ankam, fand er seine Familie in heller Aufregung. Sie hatten alle Gänge des Kaninchenbaus und das waren ziemlich viele, nach ihm durchsucht und nichts gefunden. Jetzt drehten sie jeden Grashalm auf der Wiese einzeln um, doch sie konnten ihn noch immer nicht finden. Als sie Hoppel dann aus dem Wald kommen sahen, rannten sie, so schnell es nur irgendwie ging, zu ihm. Mama drückte ihn fest an sich und sagte: „Wo warst du denn? Wir haben uns furchtbare Sorgen gemacht.“ Dann erzählte er ihnen alles, auch vom Hirsch und vom Hasen. Alle hörten ihm zu, bis er ausgeredet hatte, dann sagte Papa: „Der Hase hat wohl recht, du kleiner Abenteurer. Aber bitte, jag uns keinen solchen Schreck mehr ein.“ Mama drückte ihn noch mal und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Gut, dass du das Regenbogenland gefunden hast. Du bist ein großer Abenteurer, kleiner Hoppel.“

 

All dies ist viele Jahre her, Hoppel verließ seine Wiese nie wieder. Die Kaninchen, die heute dort leben, sie sind die Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelkaninchen von Hoppel, erzählen sich noch immer diese Geschichte. Denn sie haben nicht vergessen, dass Fantasie ein großer Schatz ist, wertvoller als alles Gold dieser Welt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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