Wolfgang Scholmanns

Wenn Vater vom Krieg erzählt

Weinend sitzt ein kleiner Junge in einem Trümmerfeld. Der Staub, einer vor ein paar Stunden bombardierten Häuserreihe, schwebt in der Luft. Ab und zu hustet der Kleine.
Bei einem Bombenangriff der Alliierten, sitzt er ängstlich in einem der Luftschutzbunker in den ihn seine Mutter geschickt hatte. Sie kann nicht mitkommen, da eine Fußverletzung ihr zu schaffen macht.
Letzte Woche noch war der Bunker, nach einem Bombentreffer, nicht mehr zugänglich gewesen. Bürger der Stadt hatten die Treppe und den Eingang mühselig wieder freigelegt.
„Die Decke hat auch schon Risse“, sagt ein älterer Herr, der neben dem Jungen hockt. „Den nächsten Treffer wird sie nicht überstehen.“
Ein armamputierter Mann in Uniform meint:

„Wer oder was wird diesen schrecklichen Krieg überhaupt überstehen?“
Die Fliegerstaffel der Alliierten ist von der linken Rheinseite aus gestartet und lässt ihre Bombenteppiche auf das niederrheinische Städtchen Wesel fallen. Jedesmal, wenn der Bunker unter dem herabfallenden Tod erzittert, schreit der Junge ängstlich und klammert sich an den Alten. Der hält ihn fest, streichelt ihm übers Haar und flucht: „Scheiß Pack, soll euch der Teufel holen.“
Erst Stunden später gibt es Entwarnung. Irgendwann öffnet jemand die schwere Stahltüre. Ein paar Betontrümmer liegen auf der Treppe, sind aber kein großes Hindernis auf dem Weg in die „Freiheit“.
Nach diesem Angriff ist die einst stolze Hansestadt mit ihrer Altstadt, der ehemaligen Mathenavorstadt, dem Schillviertel und fast sämtlichen Kirchen, nahezu vollständig zerstört. Die Bomben der Alliierten haben ganze Arbeit geleistet.
Der Kleine will schnell nach Hause, zu seiner Mutter. In den Stunden die er im Bunker gesessen hatte, musste er immer an sie denken. Hoffentlich war ihr nichts passiert.
Ganze Straßenzüge stehen in Flammen und ab und zu vernimmt er das Knallen explodierender Tanks. Schwer hängen Rauch und Staub in der Luft, erschweren die Sicht und das Atmen. Er klettert über Trümmer, tritt manchmal auf Tote oder Verwundete, die überall herumliegen, bis er schließlich seine Straße gefunden hat. Ihr Haus steht noch, zumindest Teile davon. Von den angrenzenden Häusern scheinen nur noch die Frontmauern und ein paar andere Wände zu existieren. Unter einem der Fenster liegen sein Freund Karl und dessen Oma oder besser, das, was von ihnen übrig ist. Er erkennt sie an ihrer Kleidung.
Er ruft nach seiner Mutter. Winkend steht sie am Fenster und ruft ihm zu, er solle das Haus nicht betreten, da es jeden Moment einstürzen könnte.
Sie schließt noch das Fenster, dann wird sie unter dem einstürzenden Gebäude begraben.



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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