Wolfgang Scholmanns

Zen - der Weg zum freien Geist

Viel gelesen hatte er, über den Zen Buddhismus und vor diesem Weg hatte er großen Respekt. Was müsste er nicht alles loslassen und wohin würde ihn, den labilen, schüchternen jungen Mann, dieser Weg wohl führen? Würde er sich am Ende nicht sogar lächerlich machen, dann wenn er aufgeben und in den alten Trott fallen würde?

Traumatisiert durch das Einwirken des Vaters, der ihn, von Kindheitsbeinen an, einen Versager schimpfte, hatte er es in vielen Lebensbereichen nicht einfach gehabt. Sein mangelndes Selbstbewusstsein hielt viele Türen verschlossen und die, die sich ihm öffneten, führten auf schlechte Pfade. Er hatte sich dem Alkohol zugewandt, trank immer regelmäßiger. Dadurch kam er mit entsprechenden Leuten zusammen und sank schließlich soweit ab, dass er in einer Anstalt landete die ihm, erst nach zwei Jahren, wieder die Tür öffnete.

Ein neues Werk kann nicht geschrieben werden, solange noch ein alter Text durch unser Hirn schwebt.

Worte des evangelischen Gemeindepfarrers die sich, vor einiger Zeit bei einer Sonntagspredigt gehört, in seinem Kopf breit machten. Ja, unsere tollen Wahrheiten sind das Ergebnis aller Konditionierungen, denen wir bis heute ausgesetzt waren.

Mehr als zehn Jahre war es her, dass er das erste Buch über Zen Buddhismus aufgeschlagen hatte. Er las es zunächst nur flüchtig war aber bald von einigen Passagen so angetan, dass er wieder von vorn anfing um Zeile um Zeile langsam auf sich wirken zu lassen. Nach und nach verschlang er dieser Art Bücher und schon bald gab sich seinen Freunden und Bekannten, eine deutliche Veränderung seines Verhaltens zu erkennen. Er wirkte ruhiger, hatte begonnen zu meditieren und versuchte seinen Kopf frei zu bekommen. Frei vom verirrten Denken, das den menschlichen Geist zu betören versucht aber letztendlich auf Irrwege führt.

Der Buddha sagte, dass das Begehren die Ursache allen Leidens sei. Damit konnte er sich immer mehr anfreunden. Nicht nur materielle Dinge sollen wir loslassen, sondern auch immaterielle Dinge wie unsere berufliche und gesellschaftliche Position, persönliche Überzeugungen, Weltanschauungen usw. Auch das Bild, das wir von uns selbst haben, sollen wir loslassen. Ein Weg, der absolute Disziplin verlangt.

Er hatte seinen Fernseher verschenkt, sein Motorrad gegen ein Fahrrad getauscht und hielt seine Kleidung, seit einiger Zeit ziemlich schlicht. Früher hatte er viel Geld für Kleidung ausgegeben, war immer mit der Mode gegangen.

Beim meditieren saß er im halben Lotussitz. Morgens und abends fünfundvierzig Minuten. Soweit hatte er es schon gebracht. Die Unbeweglichkeit der müden Sehnen, die in den letzten Jahren nur wenig beansprucht worden waren, hatte er durch regelmäßiges üben überwunden und brauchte somit die anfänglichen Schmerzen nicht mehr aushalten.

Was jedoch blieb war, die Unmittelbarkeit der Probleme, der Zweifel aber auch die Neugier.

Eines Tages beschloss er, sich für zwei Wochen in ein Kloster zurückzuziehen, um Exerzitien zu praktizieren. Diese spirituelle Versenkung in völliger Abgeschiedenheit war, wie er später berichtete, sein bisher beeindruckenstes Erlebnis.

Ein kurzer Wendepunkt in seinem Leben war Marie, seine Nachbarin. Schon als er ihr das erste Mal im Treppenhaus begegnete, fielen ihm ihre wunderschönen Augen auf. Sie gefiel ihm, und er ihr wohl auch, denn sonst hätten sie sich nicht schon so bald verabredet. Er erzählte ihr von seinem Weg, vom Zen und vom Loslassen. Es schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken, denn sie stellte weder Fragen, noch hörte sie interessiert zu. Einige Wochen sah man sie zusammen. Sie fuhren Motorrad, sahen Fern, gingen ins Kino, zum Tanzen oder in die Stadt um sich schick einzukleiden. Der buddhistische Weg blieb während dieser Zeit auf der Strecke. Diese Frau hatte ihm den Kopf verdreht. Er war total verliebt. Lange jedoch hielt diese anfangs harmonisch scheinende Beziehung nicht. Er hatte sein halbes Hab und Gut schon in ihrer Wohnung untergebracht, wollte nur noch in ihrer Nähe sein und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, dachte er. Als sie ihm dann eines Tages mitteilte, dass sie an einer festen Beziehung mit ihm nicht interessiert sei, fiel er in ein tiefes Loch.

Heute sehe ich ihn manchmal meditierend auf dem Balkon sitzen. Als ich ihn einmal im Cafe traf, war ich überrascht. Seine Augen, sein ganzer Gesichtsausdruck hatten etwas Besonderes. Er schien der Freiheit des Geistes näher gekommen zu sein.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Scholmanns).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Scholmanns auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.03.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Wolfgang Scholmanns:

cover

Gedankenreisen (Anthologie) von Wolfgang Scholmanns



von Mona Seifert, Markus P. Baumeler und 16 weiteren Autorinnen und Autoren,

Worte rund um das Leben und die Liebe mit wunderschönen handgezeichneten Skizzen zu Texten, Gedichten und Gedanken. Werke von 18 Autoren und Künstlern des Forums Gedankenreisen (http://31693.rapidforum.com) in einer zauberhaften Anthologie.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lebensgeschichten & Schicksale" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Scholmanns

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Erinnerung an Wanja von Wolfgang Scholmanns (Trauriges / Verzweiflung)
Adieu kleiner Tippi... von Rüdiger Nazar (Lebensgeschichten & Schicksale)
Befreiungsschläge von Elke Lüder (Lebensgeschichten & Schicksale)