Christa Astl

Sehnsucht

 

 

 

Die dritte Woche nun eingesperrt, Ausgangssperre, isoliert von Nachbarn, sogar von der Familie.

Die erste Woche war es etwas Neues, ein Umdenken, wie komme ich mit der Situation zurecht. Der Gedanke ans Einkaufen schreckt mich ein wenig. Viel brauche ich ja nicht, Mehl, Zucker, Reis, Grieß, Nudeln, … auch Klopapier habe ich, frisches Obst, Gemüse, Brot und Milchprodukte fehlen allerdings. Ich wollte in die nächste Stadt fahren, doch am Sonntag erging bereits die Aufforderung, die eigene Gemeinde nicht, oder nur in ganz besonderen Fällen, zu verlassen.

Mein Lebensmittelmarkt liegt am unteren Ende des Dorfes. 15 Minuten Gehzeit abwärts, zurück mit schwerem Rucksack wohl 25. Gleich am frühen Morgen gehe ich, da werde ich nur wenige Menschen treffen, unterwegs war niemand auf der Straße, nur wenige durchfahrende Autos, die meisten hatten etwas zu liefern.

Ich genieße den Weg, das flotte Gehen tut mir gut. Die Morgensonne scheint mild auf meine Haut, den Anorak ziehe ich bald aus. Erkälten will ich mich aber auf keinen Fall!

Der Parkplatz vor dem Geschäft ist etwas weniger belegt als an normalen Werktagen, vielleicht auch nur der frühen Uhrzeit wegen? Auch drinnen ist es mäßig ruhig, kein Gedränge oder Streit um diverse Artikel, wie ich gehört habe. Nur: Es gibt kein Mehl, auch keine Hefe, wie mir eine andere Einkäuferin mitteilte, aber immerhin noch jede Menge Obst und Gemüse. Doch davon kann man keine größeren Vorräte anlegen! Kaffee gibt es noch genug, für mich tröstlich zu wissen, doch im Moment brauche ich ihn noch nicht, nur auf Vorrat zu kaufen, das will ich nicht. Da die Lieferungen angeblich aufrechterhalten bleiben, mache ich mir keine Sorgen. Da ich kein Fleisch und keine Wurst esse, brauche ich Käse und Eier, und stand vor einem leeren Regal. Ganz unten entdeckte ich 2 Sechserpackungen, aber gekochte, gefärbte Ostereier! Fürs erste enttäuscht. Vielleicht in ein paar Tagen?

Einige Leute stehen wie üblich dicht an der Kassa, ich versuche Abstand zu halten, doch die nächsten schieben mich weiter. Die Kassiererin arbeitet mit Einweghandschuhen, mit denen sie Geld nimmt und herausgibt. Froh gelaunt macht sie ihre Späße mit den Kunden. Jedem gibt sie den Wunsch mit: „Bleib gesund!“

Rucksack und Tasche sind schwer, aber was soll’s, ich warte nicht auf den Bus. Wer weiß wie lang man noch auf die Straße darf.

Den Rest des Tages verbringe ich wie immer bei Schönwetter im Garten. Manchmal denke ich kurz an die veränderte Situation, ich merke nichts davon.

Am nächsten Morgen besucht mich eine Nachbarin, aber nur an der Fichtenhecke. Sie übergibt mir einen Blumenstock, den die andere Nachbarin wegwerfen wollte. Ich freue mich sehr, nehme ihn ohne Angst oder Bedenken und pflanze ihn in die Erde. Die Blumen sind doch unschuldig! Wieder grabe ich im Garten herum, eigentlich sollte ich Holz vom Wald bekommen, es muss leider warten. Die Sonne strahlt wieder vom wolkenlosen Himmel, die Gipfel meiner Hausberge locken. Nein, die Gipfel nicht direkt, aber ein Stück hinauf möchte ich schon gerne. Warten, vielleicht in ein paar Tagen…

Nur gut, dass ich im Freien sein kann, durch mein Grundstück sind die Nachbarn mindestens 10 Meter entfernt, aber in Rufweite. Ein munterer Gruß, ein Fragen nach der Gesundheit und eventueller Arbeit verbinden uns.

Lese abends den neuesten Stand der Corona-Infizierten/Erkrankten, die Zahlen erscheinen mir nicht besorgniserregend, auf die Gesamtbevölkerung der Gemeinde, des Bezirkes, des Landes umgelegt. Ja, aufpassen, sich nicht anstecken lassen, das heißt es auch bei jeder Grippewelle. Doch die immer härteren Maßnahmen und Gesetze geben mir zu denken. Ist es wirklich so gefährlich?

Die Tage vergehen schnell, abends bemerke ich, ich habe den ganzen Tag ein Wort gesprochen, nicht einmal ein Telefon hat geklingelt. Isoliert, allein, vergessen? Sehnsucht, ein paar Worte zu hören, zu sprechen, kommt auf. Aber ich bin auch sonst oft allein, also muss ich es auch jetzt aushalten.

Wetterumschwung ist gemeldet. Schlafe ich deshalb so schlecht? Ich beeile mich, vorgenommene Arbeiten zu erledigen, kalter Wind kommt auf. Die letzten Sonnenstrahlen genieße ich noch an einem geschützten Platz im Liegestuhl. Still, Ruhig, doch irgendwie anders, leicht beklemmend, als ob etwas das Atmen erschwerte.

 In der Nacht Wind, Regen, Abkühlung, der nächste Tag ist für Innenarbeiten gedacht. Es gibt immer etwas zum Sortieren, Ein- oder Umräumen oder die Wohnung zu putzen. Auch wäre es nicht schlecht, mal Brot zu backen. Ich habe ja noch Mehl und Hefe zu Hause. Eine angenehme, wohlschmeckende Arbeit, die mich die Epidemie vergessen lässt. Hier bin ich sicher, geschützt, warm und geborgen.

Den Sonntag verbringe ich nur lesend, rücke meinen Stuhl so, dass ich immer in der Sonne bin und mich nicht um ein Feuer kümmern muss.

Doch am nächsten Tag wieder ein Tramwetter, nur der kalte Wind stört, am Morgen ist dickes Eis auf der Regentonne.

Hinaus, doch wohin? Im Garten ist nichts mehr zu tun. Fühle mich nicht eingesperrt, aber doch abgegrenzt. Der Wald lockt, ich darf ihm nicht folgen. Kein Telefon, heute auch keine Mails, kein Mensch zu sehen. Leichte Sehnsucht kommt auf, nach einem Gespräch, einem Gegenüber. Isoliert, gesund, doch gemieden.

Wie war es eigentlich mit Tschernobyl? Doch noch schlimmer, da hieß es ja, schon das Atmen, das Berühren einer Pflanze sei gefährlich, damals hatte ich mehr Angst. Auch jetzt, - untätig warten, abwarten in den eigenen Wänden, niemandem nahe kommen,

Nun ist es schon die dritte Woche, die ich abgesondert von der Familie allein hier verbringe. Nur einige Telefonate, die mich beruhigen, allen geht es gut.

Ich warte in Geduld, verbringe die Tage dem Wetter entsprechend in der Sonne im Garten oder im Haus vor dem Ofen, den ich ständig mit Holzscheiten füttern muss.

Irgendwann vergeht auch die längste Zeit, irgendwann wird alles wieder gut, das sage ich mir wie ein Mantra, und daran glaube ich. Immer noch. Und die Sehnsucht lässt mich geduldig ausharren, bis irgendwann….

 

 

ChA 31.03.20

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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