Wolfgang Scholmanns

Das Grab am Oderschuppen

 

  1. Einen Korb trägt sie auf dem Rücken, mitte Zwanzig wird sie sein, dieses junge Mädel. Die Russen haben den Hof ihrer Eltern besetzt, die Mutter vergewaltigt und später erschossen. Den Vater hatten sie, bevor sie ihn töteten, geschlagen und gequält. Zwei ihrer Brüder sind in Russland gefallen. Der eine, der ihr noch geblieben ist, liegt irgendwo in einem Lazarett.

Sie ist unverheiratet, half den Eltern bei der schweren Arbeit auf dem Hof und auf dem Land.

Das kleine, schlesische Dorf, ist von den Russen besetzt, die durch grausame Taten ihre Herrschaft bekunden. Viele der Dorfbewohner wurden umgebracht, einige Kranke, Alte und Kinder aus dem Dorf geprügelt. Sogar den netten, gutmütigen Pfarrer, hatten sie am Kirchentor aufgehängt.

Anna, so ist der Name der jungen Frau, hat sich in einem Rübenkeller, der etwas abseits des Hofes liegt, versteckt. In der Nacht flieht sie in Richtung Breslau, schleicht aber vorher noch in die Scheune und holt den alten Lodenmantel des Vaters und dessen warme Landstiefel. Sie gibt die Sachen in einen Weidenkorb, legt noch ein paar Karotten dazu und marschiert dann, nachdem sie nachgeschaut hat ob die Luft rein ist, los. Durch das Fenster der guten Stube, sieht sie die russischen Soldaten tanzen. Sie scheinen betrunken zu sein.

Es ist kalt, achtzehn Grad minus. Gut, dass sie den Lodenmantel noch geholt hat. Ein Pferdegespann hält hinter ihr. Sie hat, ganz in Gedanken versunken, nicht gehört wie es sich ihr näherte. Erst als die Pferde dicht hinter ihr schnauben, erschrickt sie.

„Steigen sie auf, junge Frau, sie werden noch erfrieren.“

„Danke, ich will nach Breslau, bin auf der Flucht vor den Russen.“

„Wir auch mein Kind.“, sagt der Opa, der vorne auf dem Karren sitzt.

„Die Russen haben meine Schwiegertochter und unseren Enkelsohn erschossen. Mein Sohn kämpft an der Front, wenn er noch lebt. Uns Alten haben sie mit der Peitsche vom Hof gejagt. Ein wenig Brot, Wasser und Tee hat ein Nachbar uns noch mitgeben können. Der Pferdekarren hier stand außerhalb des Dorfes an einem Weidenbaum.“

Als Anna auf den Karren steigt, erkennt sie in den beiden Alten Opa und Oma Scholz aus dem Nachbardorf. Sie war ein paar Mal mit der Mutter auf dem Scholzhof gewesen um Gänseküken zu kaufen.

„Ach sag mal, du bist doch die Anna.“, sagt die Scholzoma. „Die Anna vom Josefshof, nicht wahr.“

 

„, Dem lieben Herrgott sei Dank, ihr seid es, die Scholzens. Da bin ich aber froh, dass ihr mich aufgelesen habt. Die Eltern sind tot, die Russen …. .“

„Ist schon gut, mein Kind.“ Oma Scholz nimmt ein Taschentuch und wischt Anna die Tränen aus dem Gesicht.

„Der Krieg schafft Tod und Elend. Grausam ist er und erbarmungslos. Mein Mann ist noch im ersten Weltkrieg gewesen. Hat zwei Bauchschüsse erlitten die ihn mitunter heute noch quälen. Ach, was hab ich um ihn gebangt, konnte so manche Nacht nicht schlafen aus Sorge um ihn. Aber es ging wieder aufwärts, mit ihm und mit dem Hof. Der Sohn hat gut geheiratet. Die Marie war ihm eine liebe Frau und hat ihm einen prächtigen Jungen geschenkt. Zwölf Jahr wäre der Bub nächste Woche wenn ……“ Sie kann nicht weiter reden, schluchzt jetzt ganz jämmerlich. Anna versucht sie zu trösten, aber auch ihr rinnen Tränen über die eiskalten Wangen. „Jetzt…, jetzt haben wir unser ganzes Glück verloren aber dir geht’s ja nicht besser.“

„Vor Tagerwachen müssen wir uns ein Versteck suchen.“, sagt der Scholzopa. Mal sehen wie es dann weitergeht.“

Als Anna erwacht, liegt ihr Kopf auf der Brust von Oma Scholz, die ihr eine Blechtasse mit Wasser reicht.

„Trink einen Schluck, mein Kind.“

„Wo sind wir denn nur, Oma Scholz?“

„Das ist ein kleiner Schuppen fürs Vieh, den hat mein Mann heute Früh entdeckt. Der Karren mit den Pferden steht hinter dem Schuppen. Hoffentlich bemerkt uns niemand. Hier hast Du noch etwas Brot.“

Die Oma reicht ihr etwas Brot und spürt wie gut der jungen Frau diese Stärkung tut.

Als Anna sich nach einer Weile erhebt und sich ein wenig die Füße vertreten will, fasst Opa Scholz sie am Arm und zeigt mit dem Finger in Richtung Breslau.

„Ich weiß ja nicht was da auf uns zukommt aber wir sollten besser weiterziehen. Es können natürlich flüchtende Zivilisten sein, vielleicht auch deutsche Soldaten, aber…….“

Der Opa zuckt mit den Schultern.

Der kalte Winter des Jahres 1945 hat die Oder völlig zufrieren lassen und das Eis ist so dick, dass es das Gespann wohl tragen würde.

„Heh, hallo“, hören sie plötzlich eine Stimme. Ein Junge von dreizehn oder vielleicht fünfzehn Jahren, läuft auf sie zu. „Zitternd zeigt er auf den Horizont. „Da, da flüchten sie. Dieses Schwein von Stadtkommandant hat Frauen, Kinder, alte Menschen und andere Zivilisten aus der Stadt geworfen. Tausende sind davon betroffen. Die Leute, die seiner Meinung nach noch zur Verteidigung Breslaus taugen, durften dableiben. Ich hab mich krank gestellt und bin nun mit den Eltern und den anderen auf der Flucht. Will mal sehen wie dick das Eis der Oder ist und ob man sie wohl überqueren kann. Die Russen werden die Stadt bald erreicht haben und dann geht das Gemetzel los. Was sich uns da nähert ist der riesige Treck verzweifelter Menschen, die nun, auf den verschneiten Wegen, nach Westen ziehen. Schon in der ersten Nacht sind eine Menge Kinder und alte Menschen erfroren.“

„Das ist ja furchtbar.“, ruft Anna. „Sollen wir nicht warten und uns ihnen anschließen?“

„Vielleicht hast Du Recht. In der Gemeinschaft ist es vielleicht einfacher durchzukommen. Aber, wir wollen schon mal versuchen den Fluss zu überqueren. Wer weiß, wie lange das Eis der Last von tausenden von Menschen und deren Viechern standhält. Komm Mutter!“, ruft er seine Frau. „Wir müssen weiter.“

 

Er holt das Gespann und fährt vor den Unterstand.

„Seid ihr soweit?“

Ein herzzerreißender Schrei dringt an sein Ohr. In dem Schuppen findet er Anna, die sich, in Tränen aufgelöst, über den leblosen Körper der Scholzoma bückt.

„Sie ist tot, sie ist tot!“, schreit sie.“

Der Opa kniet sich still neben seine Frau und hält ihre Hand.

„Jetzt hat er mir auch noch Dich genommen, meine gute Frau. Das alles hat Dein krankes Herz nicht verkraftet. Ganz leise und ohne ein Wort bist Du den Kindern gefolgt. Was soll ich jetzt noch auf dieser Welt, ohne Dich, ohne euch? “

Am nächsten Morgen erreicht der Treck das Oderufer. In der Nacht waren wieder hunderte von Kindern, Alten und Kranken dem strengen Winter zum Opfer gefallen. Einige der Flüchtlinge suchen für einen Moment Unterschlupf in dem kleinen Schuppen.

Zu ihren Füßen liegen drei Leichen. Ein Junge von dreizehn, vielleicht auch fünfzehn Jahren kniet halberfroren neben Ihnen.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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