Barbara Dvoran

Der Käfer

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, brauchte er einige Minuten, um zu sich zu kommen und Wahrheit und Traum voneinander zu unterscheiden. „Was für ein irrer, abstruser Traum!“, dachte er aufgebracht. „Das war schrecklich, dieser Kakerlak, der ich war, und da war noch irgendetwas mit einem fauligen Apfel. Igitt, heute kein Frühstück!“ Kurz dachte Gregor daran, seinen Freund und Psychologen in Wien, Herrn Doktor Leid, anzurufen, doch er kam von dieser Idee schnell wieder ab, es erschien ihm doch zu beschämend, diesen eigenartigen Traum aussprechen zu müssen und ganz allgemein den beschäftigten Mann wegen eines dummen Hirngespinstes anzurufen. Er würde ihn lieber bei nächster Gelegenheit bei einem Bier in einem der Prager Abendlokale, die Sigi Leid bei seinen häufigen Besuchen so gerne aufsuchte, befragen. Wenn er ihn denn zu Wort kommen ließe, denn Sigi liebte es, lange Monologe über Männer und Frauen zu halten. Ein Vaterkomplex, wie Gregor annahm.

    Gregor streckte sich und setzte sich mit einem Ruck auf und ihm entgegen starrte das hässliche Gemälde über seinem Bett. Es war einmal sein Lieblingsbild gewesen, nun konnte er es nicht mehr sehen. Auch das Bett war ihm zu klein geworden, sein Rücken schmerzte. Lächerlich, wieder bei den eigenen Eltern zu wohnen, nach so langer Zeit, das wusste er. Sogar seine jüngere Schwester Maggy lebte zurzeit, nachdem sie mit ihrer Freundin Schluss gemacht hatte und von Madrid zurückgekehrt war, bei ihnen. Es war beinahe wie früher. Doch die Scheidung hatte Gregor finanziell, seelisch und auch körperlich zugesetzt – es waren viele Liter Bier und Schnaps, die täglich flossen, um die wiedererlangte Freiheit zu feiern, wie er seinen Freunden und Kollegen einredete oder um, wie er nur selbst zu gut wusste, seinen Schmerz über das Versagen, das Scheitern des Konzepts Familie, zu betäuben. 

Auch seinen Job als Vertreter für Papierwaren hasste Gregor mittlerweile. 

Gregor verließ missmutig und ohne Frühstück das Haus und setzte sich ins Auto. Der eigenartige Traum hatte ihm zugesetzt, übernächtig und unrasiert betrachtete er sich im Rückspiegel. Es hatte irgendeinen Unfall gegeben, oder war es eine dieser unnötigen Demonstrationen, und nach nur wenigen Minuten, als er sich gerade vor der Justizvollzugsanstalt befand, stand Gregor bereits im Stau. Das Auto bewegte sich keinen Zentimeter vorwärts. 

„Haaa!! Uaaahhh!!!“, eine Frau mit wirrem Haar und langem bleichen Gesicht drückte plötzlich ihre Nase an sein Fenster und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie schrie irgendetwas, doch es war unverständlich. Bevor Gregor reagieren konnte, rannte sie an der Motorhaube vorbei, riss die Beifahrertür auf und setzte sich neben ihn – auf all die leeren Plastikflaschen und leeren Shinjuko-Noodles-Kartons. „Mist, ich sollte den Wagen absperren!“, dachte Gregor und drehte sich gereizt zu der offensichtlich verrückten Frau neben sich. „Was wollen Sie? Geld?! Sex? Bitte nicht. Was? Sprechen Sie!! Ich verstehe kein Wort!“

    Die eigentlich noch recht junge, verängstigte Frau wollte etwas sagen, stammelte und brabbelte vor sich hin, deutete in alle Richtungen, doch es kamen nur Laute hervor. Gregor verlor langsam die Geduld: „Was für ein Scheißtag!“, schrie er und fuhr fort: „Jetzt bin ich auch noch mit dieser Irren im Stau!! Gehen Sie weg!“ Doch die Frau klammerte sich verzweifelt an den Autositz und riss Augen und Mund auf. „Do you speak English?“, versuchte es Gregor etwas ruhiger, doch die Antwort war dieselbe wie zuvor. Gebrabbel.

    Da schien die Frau eine Idee zu haben, sie kramte in ihrer abgewetzten, unordentlichen Tasche und zog ein gelbes Portemonnaie hervor. „Hmmmhaaa!“, grinste sie plötzlich mit verzerrtem Gesicht und deutete mit einem langen Zeigefinger auf einen auseinanderfallenden Führerschein. Gregor schaute zuallererst, er war schließlich ein Mann und außerdem Teil der Generation Instagram, auf das Ausweisfoto der Frau, auf dem sie sehr gut aussah, sie trug ihr blondes, damals glänzendes, schön frisiertes, nun eher aschgraues, Haar offen, war geschminkt und besaß einen hübschen Kirschenmund. Nun kamen jedoch ungeduldige Beschwerdelaute aus einem vertrockneten, hellrosa Mund. Wütend zeigte der lange Finger auf ihren Namen auf dem Dokument: Mag. phil. Julie Wohricek. „Julie also, was?“, sagte Gregor, für den der Tag mittlerweile gelaufen war. Die Frau nickte eifrig und faltete ihre Hände zusammen wie zum Gebet. Kurz darauf fingerte sie an ihrem Smartphone herum und gab eine Adresse in Google Maps ein, sie befand sich in einem entfernt gelegenen Stadtteil. „Hraa-ten Hraa!“, stammelte die Frau und versuchte Gregor scheinbar dazu zu bringen, dort hinzufahren. Gregor schüttelte genervt den Kopf und überlegte, wie er diese Irre ohne allzu viel Gewalt loswerden könnte. „Ich muss zur Arbeit! Arbeit, verstehen Sie?? Ich bin eh schon viel zu spät, da geht nichts weiter, schauen Sie!! Schauen Sie!!“ Doch die Frau ließ nicht von ihrem Vorhaben ab und Gregor meinte entnervt: „Gut, warten Sie, ich rufe an, dass es heute später wird. Spiel ich halt Taxi, haben Sie Geld dabei zumindest? Ich brauch einen Kaffee!“ Er griff in ihr Portemonnaie und zog einen Fünf-Euro-Schein heraus. Verärgert stieg Gregor aus dem Auto, ohne den Motor auszumachen, die verrückte Frau konnte immerhin nicht weit kommen. Er schritt hastig in ein Straßencafé. „Einen Doppelten, bitte“, bestellte er und überlegte einen Moment lang, auch der eigenartigen Frau einen Kaffee mitzunehmen, doch dann schüttelte er diesen absurden Gedanken ab, trank gierig den Kaffee, schwarz, ohne Zucker, und stampfte zurück zum Auto. Die Frau darin winkte bereits wie wild, der Stau hatte sich ein wenig aufgelöst und es ging endlich weiter.

Gregor nahm ihr, nachdem er sich hingesetzt hatte, das Handy aus der Hand, drückte auf „Route“ und eine nervende Computerstimme begann, ihnen den Weg anzusagen. 

Die Frau sah ihn an, drückte dankend Gregors Hand und obwohl sie eine stammelnde, gerade nicht sehr attraktive Fremde war, die ihn wohl für einen gratis Uber-Fahrer hielt, ließ ihn diese zarte Berührung erschaudern und zum ersten Mal nach vielen Monaten überkam Gregor wieder ein schönes, intensives, warmes, ja beinahe herzerwärmendes Gefühl. 

Nach einer halben Stunde, in der die Frau weiterhin kein normales Wort mit ihm sprach und er sich in der ungewöhnlichen und verstörenden Situation, so gut es ging, auf den Verkehr konzentrierte, kamen sie bei einem Haus an, in dem sich im Erdgeschoss ein Kindergarten befand. 

Bei diesem Anblick fing die Frau wild zu schluchzen an, heiße Tränen rannen über ihr Gesicht und wenige Augenblicke später brach sie in markerschütterndes Weinen aus. Gregor konnte es nicht mitansehen. Auch ihm kamen die Tränen bei diesem Anblick, was ihn wütend werden ließ, und er schrie: „Was ist denn?? Was ist denn passiert??!“ 

Die Frau versteckte ihre Augen hinter den Händen mit den langen, feinen Fingern und zitterte am ganzen Leib. Mit einer langsamen, beinahe liebevollen Bewegung griff sie in ihre Handtasche und zog einen kleinen, süßen Stoffkäfer, ein Tupperware mit kleingeschnittenen Apfelscheiben und ihr Portemonnaie heraus. Sie drückte Gregor das Stofftier und die Jause in die Hand, öffnete ihre Geldbörse und deutete auf ein Foto. Das Foto eines kleinen, blonden Mädchens, mit frechem Grinsen und einem bunten Marienkäfer-Kleid, kam zum Vorschein. 

Gregor verstand nicht, wieso er das für sie erledigen sollte. „Gehen Sie doch!“, wollte er sagen, doch dann sah er es ein, in dem Zustand, in dem sie sich befand, konnte die Frau, die kein Wort herausbrachte, unmöglich einen Kindergarten betreten, sie würden sofort die Polizei rufen!

Doch die Polizei war schon da. 

Als Gregor den mit riesigen Stickern beklebten, sonnengelben Vorraum des Kindergartens betritt, sieht er eine entsetzte Kindergärtnerin, daneben das kleine, verängstigte Mädchen und eine junge, blonde Polizistin, die, eher den Kollegen als die Kindergärtnerin ansehend, langsam die Worte: „Die Mama von der Kleinen, Frau Julie Wohricek, ist leider heute Morgen vor etwa einer Stunde bei einem tragischen Verkehrsumfall ums Leben gekommen“, ausspricht. 

„Ich bin sprachlos“, entgegnet die Kindergärtnerin, die mit den Tränen kämpft und dem kleinen Mädchen, das in rot-schwarz gepunkteten Kinderschuhen neben ihr steht, über das Haar streicht.

    Gregor geht ein paar Schritte auf das Mädchen zu und überreicht ihm den Stoffkäfer und die Jause. 

    „Sag der Mami danke“, flüstert das kleine Mädchen. Und Gregor glaubt fast, eine warme Hand zu spüren, wie die zuvor im Auto, die ihm dankbar auf die Schulter greift. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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