Sabine Brauer

Der barmherzige Samariter


Angelo wirft einen Blick zurück in die Vergangenheit. Ein schmerzhaftes Lächeln begleitet sein Tun. Wie naiv er gewesen war, zu glauben, er könne ein Segen für die Menschheit sein, wenn er im weißen Kittel seinen Dienst tat. Mitgefühl und Herzenswärme waren hier im Krankenhaus nicht gefragt. Dazu fehlte die Zeit. Dafür wurde nicht gezahlt. Möglichst viele Patienten in größtmöglich kurzer Zeit abarbeiten, das war die Realität.
Und nun kam die Pandemie noch dazu. Grauenvoll zogen sich die Tage dahin, eingehüllt im Ganzkörperkondom und Mundschutz, um ja keinen Keim abzubekommen. Dazu die gestaute Hitze in den überfüllten, schlecht gelüfteten Zimmern. Menschen mit Atemnot blickten hilfesuchend in seine Richtung. Nun gingen auch die Beatmungsgeräte aus und die vorhandenen wurden zwischen zwei Betten geschoben, um den Menschen dort abwechselnd ein bisschen Luft zukommen zu lassen. Doch alles Bemühen half nichts, man wurde der infizierten Kranken nicht mehr Herr, es fehlte an allen Ecken und Enden. Angelo brach in Tränen aus. Wie sollte er das machen? Der Befehl von Oben, die hoffnungslosen Fälle auszusortieren um den anderen, die noch eine Chance hatten, ein Leben nach Corvit-19 zu geben, ging über seine Kräfte. Er betete: „Vater im Himmel hilf mir, zeige mir einen Weg, diesen Menschen ein würdiges Ende zu gestatten!“
Es vergingen noch weitere Tage und die Einsamkeit der Patienten, die keine Besuche empfangen und keinen körperlichen Kontakt haben durften, konnte er nicht mehr ertragen. Vorgestern wurde wieder ein Test bei den Klinikmitarbeitern gemacht. Einige hatten sich angesteckt, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Sein Ergebnis bekam er heute. Jemand reichte ihm einen Umschlag. Zitternd öffnete er ihn. BEFUND: POSITIV.

Der Druck und die Belastung der letzten Wochen fielen von dem jungen Mann ab und statt Verzweiflung und Angst machte sich eine tiefe Freude in seinem Innern breit. Er riss sich lachend die Schutzbekleidung vom Körper, wusch sich und machte sich auf den Weg zu den hoffnungslosen Fällen. Die Liebe zu diesen Menschen trieb ihn. Abgezehrt und matt lag ein Greis im feuchten Kissen, der Atem hatte schon einen moderigen Geruch, so als würde er den Abend nicht mehr erleben.

Der Arzt sah seinem Patienten voller Herzensgüte in die Augen: „Du bist nicht allein, Jesus liebt dich und in kurzer Zeit wird er dich von deinem Leiden befreien. Ich bleibe hier und halte deine Hand.“
Er richtete Fernando auf und wiegte ihn in den Armen, küsste und tröstete ihn, wie eine Mutter ihr krankes Kind. Und ein glückliches Leuchten lag auf den Zügen des Sterbenden.


© Sabine Brauer

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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