Patrick Rabe

Ostern steht vor der Tür - und ihr wollt drinnen bleiben!?

Ostern steht vor der Tür - und ihr wollt drinnen bleiben?

 

eine kleine Palmsonntagspredigt
für Outsider und Insider

 

Bald ist Ostern, und die Politiker sagen, es müsse ausfallen. Draußen erwacht die Natur, und wir bibbern in einer Quarantäne, die aus reinem Verdacht heraus erhoben wurde. Wir waschen uns andauernd die Hände und desinfizieren sie mit Sterilium rissig. Wir tragen Mundschutz und erinnern uns dunkel an Michael Jackson und Frauen in Burkas.

 

Die Sünder von heute:

 

Frigide Frauen und enthaltsame Männer.  Fastende noch in Zeiten der Not. Sich zurückhaltend in Sexualität,  Genuss beim Essen und Trinken, sich aus Angst vor Viren und Bakterien in ihren Wohnungen verschanzend. Die Symbolik unserer Zeit lässt die Botschaft der Bibel in ganz neuem Licht erstrahlen.

 

Ist es wirklich nur die momentane Angst vorm Coronavirus, die uns umtreibt? Ich sage: nein. Die Tendenz zu Isolation und Vereinzelung, dem Hocken in der Wohnung vor dem Fernseher oder Computer, übertriebener Wetterfühligkeit, der Scheu voreinander, vor lustvollen Umarmungen, liebevollem Streicheln, wildem Sex, ehrlichem Austausch von Gefühlen und Gedanken, die haben wir schon viel länger.

 

Wenn ich hier schreibe und aus dem Fenster sehe, wie sich die Bäume begrünen, höre, wie die Vögel zwitschern, den blauen Himmel und die ziehenden Wolken sehe, rieche, wie frisch und würzig die Luft riecht, bei offenem Fenster den Wind spüre und mich vor Sehnsucht kaum auf dem  Platz halten kann, dann schäme ich mich. Gar nicht mal so für mich. Aber auch. Eben für uns Menschen generell, dass wir es fertig bringen, vor einer so schönen Natur zu sitzen, und dann noch zu sagen: "Bäh, es ist kalt. Bäh, ich hol mir den Tod. Bäh, ich fange mir Viren ein. Bäh, ich könnte auf eine Zecke treten. Bäh, mich könnte eine Wespe stechen. Bäh, andere Menschen könnten mich mit ihrer guten Laune anstecken. Oder mit ihrer Traurigkeit. Oder mit ihrer Art zu denken. Oder mit ihrer Art, sich zu kleiden."

 

Viele stehen vor einem Obstbaum mit wunderschönen Früchten.  Sehen sie an, trauen sich nicht zuzugreifen, reden sie schlecht, ohne sie probiert zu haben. Und schauen sie analysierend jeden Tag aufs Neue an, bis sie schrumpelig werden, und vom Baum fallen.

 

Die Zeit, wo eine christliche Kirche noch die Enthaltsamkeit und die Gefährlichkeit der Natur predigen konnte und durfte, ist vorbei. Heute muss uns klar sein, dass wir Gott beschämen, wenn wir uns seiner Schöpfung enthalten. Die Erde, Flora, Fauna und der Mensch sind so krank geworden, nicht, weil man sich zuviel nahm, nicht, weil man zuwenig gab, sondern, weil man sich enthielt.

 

Weil man nicht miteinander lachte, weinte, Schmetterlinge auf die Hand nahm, Hunde und Katzen streichelte, sich ins weiche Gras legte, sich küsste und umarmte, mit seiner Liebsten oder seinem Liebsten durch Feld und Wald rannte, auf den Wiesen tanzte und übermütigen Sex hatte, in warmen Nächten draußen unter dem Sternenhimmel schlief und eine Wahrheit, Größe und Liebe einatmete, die mehr ist, als Funktionalität und Berechnung, die einen zu Menschen, zu Kindern Gottes macht.

 

Heute ist die Zeit der Hure. Aber wir müssen diesen Begriff überdenken. Es ist nicht die Zeit der alten Hure, die für den Satan schuftete, ohne dafür etwas zu bekommen. Was ist eine Hure? Prostituiert sie sich? Oder schenkt sie sich? Eine Hure verbindet sich mit der Welt und ihren Früchten und Gaben. Lange Zeit hat die christliche Theologie gepredigt, man müsse sich der Welt enthalten oder Ehen bzw. feste Bündnisse eingehen. Zwar ist diese Moral von den 1968ern scheinbar überwunden worden, jedoch im Untergrund unserer Gewohnheiten leben die Vorstellungen von Bündnissen weiter. Bündnisse mit anderen Ländern, Wirtschaftsbündnisse, Kolonialbündnisse, Bündnisse zwischen Religionen, Menschen und Hautfarben. Und in allen diesen Bünden schwingt das bedrohliche "Bis das der Tod euch scheidet" mit. Mindestens. Eigentlich noch Nibelungentreue über mehrere Generationen bis zum Ende aller Zeiten. Und dann zusammen ins Grab und miteinander verrotten.  Was wäre die Alternative? Ein wütendes Auflösen der alten Bünde und ein gegeneinander kämpfen? Aber warum? Ist es Gott, der uns fesselt? Ist er eine Ehe mit uns eingegangen? Oder zeigt er uns jeden Tag aufs Neue seine Geschenke an uns, die wir nur durch unser Besitzdenken und unsere Manie, für alles bezahlen zu wollen, limitieren? Vielleicht ist eine Hure nur eine Frau oder ein Mann, die oder der noch spürt, einen Körper zu haben, eine Seele, einen Geist, und nicht einzusehen, auf eine Erlaubnis zu warten zu müssen, sich mit anderen und der Welt zu verbinden. Wenn man solche Menschen Huren nennt, wie nennt man dann die anderen? Kühlschränke?  Lebensfastende?

 

Im salomonischen Hohelied ermuntert Sulamith ihren Verlobten Salomo: "Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen, dass wir früh aufbrechen zu den Weinbergen und sehen, ob der Weinstock sprosst und seine Blüten aufgehen, ob die Granatbäume blühen. Da will ich dir meine Liebe schenken." Diese biblische Liebesdichtung preist das "Ja" zu Gottes Schöpfung und zur sinnlichen Liebe vor und jenseits der Ehe, nicht als Vorübung eines Bundes, sondern bereits als seine Erfüllung, aber eines Bundes, der freilässt, weil denen, die sich da verbinden, das Erleben  des Schenkens und Beschenktwerdens eigen ist. Einfach, weil ihnen die Natur nichts anderes zeigt, als das.

 

Menschen von heute dürfen wieder die Schönheit des Lebens neu begreifen, wenn ihre Sehnsucht sie entdecken lässt, dass alle Schönheiten und aller Reichtum noch da sind. Es ist die Zeit für junge und junggebliebene Menschenkinder, die jetzt, hier und heute aus dem Fenster sehen und nichts mehr glauben können von Weltuntergangsprophezeiungen, fürchterlichen Klimaveränderungen, Drohungen, bei Nichteinhaltung der Coronagesetze verhaftet zu werden, oder seine politische oder religiöse Überzeugung in ein Mäntelchen des Schweigens kleiden zu müssen, um nicht als Staatsfeind hinter Gitter zu kommen. Es ist die Zeit für alle, die zwar sehen, dass das Maß voll ist, aber die Lebenszeit noch lange nicht um. Es ist das Maß an Zwang, Gewalt, Paranoia, sozialer Kälte, politscher Lügen, Angst voreinander und dem immer wieder neue Regeln befolgen, das voll ist. Die Welt, die wir uns geschaffen haben, ist so unbequem und unwirtlich geworden, dass nur innerlich Vergreiste das noch aushalten können. Alle anderen haben nur noch Lust darauf, entweder von der Erde runter zu hüpfen, aus dem Fenster zu springen oder die Städte zu demolieren und anzuzünden. Das kann ich verstehen. Aber das ist auch nicht der Weg.

 

Wer jetzt wach ist und merkt, dass er noch lebt, der solle rausgehen und sich überwältigen lassen von Gottes schöner Natur und den erstbesten küssen, der sich gerne küssen lässt.

 

"Wenn der Bräutigam aus dem Brautgemach geht, DANN mögt ihr fasten und beten!", sagt Jesus.

 

Das heißt: "Wenn Gott und ich tot sind, dann dürft ihr beklagen, nichts mehr zu haben. Was ihr hier aber abzieht, ist vor gefüllten Speichern einer reichhaltigen Welt zu stehen und zu sagen: 'Ih, alles vergiftet. Wir müssen verhungern und verdursten, und vor Sehnsucht nach menschlicher Wärme sterben.' DAS ist Sünde. Der Sund, der Graben, den ihr zwischen euch und der Welt, zwischen euch und euren Mitmenschen, zwischen euch und Gott aufreißt. Die Angst, an der Welt, an der Schöpfung so krank werden zu können, dass ihr bei lebendigem Leibe darin sterbt."

 

Meine Nachbarin hat mir vor einer halben Stunde leckeres selbstgemachtes Schmalzgebäck gebracht. Ich habe mich so sehr darüber gefreut. Lasst uns auch die älteren Leute mit ins Boot holen und freut euch über die Güte, Liebe und Weisheit, die sie in diese Welt gebracht und in sie investiert und aus ihr geerntet haben. Vergesst nie, auch nicht in jugendlichem Übermut, wie schön warmes Schmalzgebäck schmeckt, und wie schön es ist, bei Mama und Papa oder Oma und Opa zu sitzen und schöne, traditionelle Speisen und Getränke  zu essen und zu trinken.

 

Gott ist in allem und in allen. Immer dann, wenn man einem einzigen Teil der Schöpfung zeigt, dass man sich über ihn freut, ein Brot gern isst, einen Menschen gern grüßt, einen Einsamen besucht und eine alte Oma genau so lieb streichelt, wie eine hübsche, junge Frau, jubelt die ganze Schöpfung mit und ist in Liebe eins.

 

"Und wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit, oder, wenn ein Glied verherrlicht wird, freuen sich alle Glieder mit."

 

(Paulus im 1. Korintherbrief)

 

Patrick Rabe,4. April 2020, Hamburg.

 

Jesus zu Lazarus: "Du; is schönes Wetter draußen! Du bist nicht tot. Du liegst nur schon zu lange in deinem Bett. Und was da stinkt, ist nicht Verwesung, sondern Schweiß!"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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