Michael Waldow

Der kleine Junge

Ja, er hatte seine Eltern lieb, auch wenn sie mal mit ihm schimpften. Drei Jahre war er schon und gerade in den Kindergarten gekommen. Oft holte ihn der Vati ab, mit dem Fahrrad. Das waren die schönsten Tage. Dann war der Junge kühner Fahrradkapitän, viel schneller als die anderen. Auch kannte er die Ampeln schon. „Bei Rot bleibe steh’n, bei Grün darfst du geh’n“, hatte ihm der Vati immer erklärt.

Der Vater fuhr oft Umwege mit seinem Sohn, dort hinten bei den Bahnschienen. Manchmal schauten sie erstaunt auf die große, schwarze Lokomotive, die viele Waggons mit sich zog. Fremde Menschen saßen darin und winkten den beiden Radfahrern zu. Begeistert ruderten Vater und Sohn mit beiden Armen zurück. Dann fuhren sie weiter, so schnell wie der Wind, dass die Haare nur so flatterten. Es war so schön mit dem Vati zu fahren. Wenn sie an dem großen Konsum vorbeikamen, kauften sie sich etwas ein. Der Vati – ein Bier, denn er war schon groß, eben ein richtiger Vati und für den Sohn eine Limonade. Sie stießen an und der Vater stupste den kleinen Jungen auf die Nase und sagte: “Das machen Arbeiter immer so.“ Dann setzte sich der kleine Junge die große Eisenbahnermütze auf, die ihm bis über beide Ohren reichte. “Ich werde auch ein richtiger Eisenbahner, wie du.“ Beide lachten. Es war das helle Lachen einer Lerche und das dunkle Lachen  eines Hirsches, wenn er röhrt. Es war das Lachen vom Vater und seinem Sohn.

Und dann fuhren sie zur Mutti nach Hause. Der Vati legte sich auf die Couch schlafen, denn er war müde von der schweren Arbeit. Der kleine Junge ging auf die Wiese spielen, mit seiner Kutsche und den zwei hölzernen Schimmeln. Er war der Kutscher und fuhr durch die Pusteblumen. Wenn die Sonne sein Näschen kitzelte, musste er niesen. Oft wollte der Junge diesen goldgelben Eierkuchen haben. Doch das geht nicht, sagte die Mutti, die Sonne ist für alle Kinder da. Wegnehmen wollte er den Kindern, die der Sandmann jeden Tag besuchte, die Sonne nun doch nicht. Alles war so schön und so lustig, besonders die roten Käferchen mit den schwarzen Punkten, die so lustig über seine Finger krabbelten.

Eines Tages holte der Vati ihn wieder ab. Doch er fuhr diesmal keine Umwege, keine Eisenbahn, kein Eis, keine Limo, schnell und schweigsam fuhren sie nach Hause. Sonst hatten sie immer über die zurückbleibenden Fahrradfahrer gelacht, sonst. … Es war plötzlich ganz anders als SONST.

Zu Hause durfte er auch nicht mehr auf den Hof gehen, mit seinem Schimmelwagen, als Kutscher. Der kleine Junge sollte in der Küche spielen, doch er hatte keine Lust mehr. Was war nur mit dem Vati und der Mutti los? Heute hatten sie sich nicht mal einen Begrüßungskuss gegeben. An der Gardine krabbelte ein Marienkäferchen. Interessiert beobachtete der kleine Junge das Insekt. Plötzlich hörte er die Mutti schreien und kurz darauf den Vati „Das ist auch mein Kind.“

„Kinder in die Welt setzen, das kannst du. Aber sich mal um den Jungen kümmern, ist wohl nicht drin. Abholen und dann kann ich ja sehen, wie ich klarkomme.“ Der kleine Junge verstand nicht, warum die Eltern miteinander schimpften. Wenn er etwas getan hatte, dann schimpften sie mit ihm, aber so…? Er stand immer noch am Fenster, als die Mutter aufgebracht zu ihm hereinkam. Wütend brüllte sie den Vati an, der ihr folgte. Den kleinen Jungen, ihren Sohn, vergaßen sie. „Er ist ganz allein mein Junge. Du kannst die Sachen packen und gehen, den Jungen bekommst du nicht“, schrie wütend die Mutter. „Und wer schafft das Geld heran?“, versetzte der Vater, “Nur ich. Wir werden schon sehen, wer den Jungen bekommt. Du erziehst ihn genauso, wie du selbst bist, herrisch und hinterhältig.“

„Du bist fremdgegangen. Meinetwegen kannst du in der Gosse verkommen, verlass mein Haus, der Junge folgt dir nicht. Aus dem wird mal etwas Anständiges?“ „Das war zu viel!“, keuchte der Vater und holte aus. Schützend schlang die Mutter die Hände über den Kopf, auf den nun mit Wucht die Schläge prasselten. Der kleine Junge schaute versteinert auf die niedersausenden Hände, die ihn sooft gestreichelt hatten, auf die wutverzerrten Lippen, die glanzlosen Augen, die sich in den krümmenden und schreienden Leib der Mutter fest sogen. Vergessen war die Limo, die Lokomotive, die Radfahrer, die Pusteblumen, die Sonne, die Wiesen mit den roten Käferchen, das helle Lachen und das tiefe Röhren, dass so gut zusammenpasste. Der kleine Junge klammerte sich an der Jacke des Vaters fest und rief: “Vati, nicht hauen, Mama aua! Nicht hauen, aua!“

Der Vater stutzte, schaute verwundert auf den kleinen Jungen, der tapfer mit den Tränen kämpfte und immer noch schluchzend seine Jacke festhielt. Die blassen Lippen flüsterten wieder und wieder, kaum hörbar: “Bitte nicht hauen. Aua.“ Der kleine Junge schaute flehend auf die Hände des Vaters, die ihm so oft die Mütze keck über die Ohren zogen und eine Träne fiel zu Boden. Der Vater blickte den kleinen Jungen zärtlich an und hob die Hand um ihn sanft zu streicheln. Ängstlich zuckte der Sohn zusammen. Schweigend ging der Vater aus dem Zimmer. Die Mutter presste, weinend, den kleinen Jungen an sich.

Der kleine Junge sah den Marienkäfer, wie er irrend im Raum herumflog und keinen Weg ins Freie fand. Da weinte der Sohn der Eltern, denn er liebte den Marienkäfer sehr, der in diesem Zimmer gefangen war und vielleicht sterben musste – ohne die Sonne, ohne die Wärme, ohne die Liebe.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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