Chiara Fabiano

Die Kunst der Unschuld

Das erste Mal traf ich sie im Künstlerviertel vom Montmartre. Ich ging dort gerne spazieren, denn die eifrigen Artisten um mich herum inspirierten mich dazu auch Dinge erschaffen zu wollen, die Wirklichkeit durch Bilder auszudrücken, Emotionen und Impressionen darzustellen und dabei völlig frei in meinem Schaffen zu sein, losgelöst von allen gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen. Als ich so durch die emsigen Gassen spazierte, schweiften meine eigentlich so klaren Gedanken das erste Mal ab. Ich stellte mir vor, wie es sich anfühlen könnte ein Leben wie dieses zu führen. Zu erschaffen und von dem Erschaffenen zu leben, einsiedlerisch von Ort zu ziehen und dabei niemanden im Nacken sitzen zu haben, der einen von eben besagter Freiheit abbringen konnte. Im Hintergrund spielte ein Akkordeon, Blumenfrauen liefen mit Körben herum und versuchten einen für das Schöne und Wohlriechende zu begeistern. Ich mochte Blumen, doch sie waren in jeglicher Hinsicht vergänglich, der Duft verschwand, wenn die Blüten ausgetrocknet waren und mit ihm auch das, was die Blume ausmachte, das Lebendige, frische. Ich lehnte ab, sah dem jungen Mädchen, welches mir mit einem traurigen Lächeln den Korb hinhielt in die Augen und gab ihr einen Franc ohne jedoch eine Blume aus dem Korb zu nehmen. Sie bedankte sich und ging weiter ihres Weges. Da standen sie, all die Künstler mit ihren Leinwänden, in den Händen hielten sie die Pinsel, ließen sie eifrig oder sehr vorsichtig über die Leinwand huschen, rollten sich die schmutzigen Ärmel hoch, sahen nicht einmal auf, in die Welt, welche sich vor ihren Augen abspielte. In ihren Bildern sah man eben diese Welt durch die Augen der Künstler und war es nicht vollkommen wunderbar zu sehen, wie variabel und vielseitig diese Wahrnehmung sein kann? Meine Beine trugen mich vorbei an all den Leinwänden, meine Blicke blieben an den Bildern aus der Ansammlung getrockneter Farbe hängen und da sah ich sie, bloß aus dem Augenwinkel und allein das genügte, um meine Gedanken das zweite Mal abschweifen zu lassen. Sie saß auf einem Hocker aus verblasstem Holz, die Beine ganz Nackt und nur bedeckt von einem ausgeblichenem, in Fetzen hängendem Rock. Ihre Corsage war nicht bis oben hin durchgeschnürt, sie hatte sie alleine binden müssen. Ein purpurroter Schal bedeckte ihre Schultern, entblößt lag ihr Dekolltée vor mir. Das Haar viel ihr ganz wirr über die Schultern, die ungleichen Lippen waren leicht gerötet, die Augen von einem trüben grün, die Nase etwas zu breit und Augenbrauen neckisch gehoben. Sie saß Portrait für einen Künstler, der sie mit leicht erröteten Wangen malte und versuchte die Augen krampfhaft auf ihr Gesicht zu richten und nicht abschweifen zu lassen, jedenfalls vorerst. Ich wusste nicht, weshalb sie mich so in ihren Bann zog, an ihr war nichts anders, als an den meisten Straßenmädchen, sie war jung, jedoch nicht im klassischen Sinne schön und sichtlich ärmlich und doch- ich bekam meine klaren Gedanken nicht zurück, solange sie vor mir saß und spielerisch die Beine übereinanderschlug und dabei die Unschuld eines Mädchens besaß. Es war töricht von mir dies zu glauben, dessen war ich mir bewusst und dennoch, ich hätte mir nicht vorstellen können, was mich von der Überzeugung hätte abbringen können, dass dieses junge Mädchen ein auf die Erde gefallener Engel war. Die Art, wie sie sich bewegte, so leicht, unbedacht, verspielt und doch so frivol zur gleichen Zeit, als wüsste sie ganz genau, was sie damit bezweckte ohne es direkt zu wollen. Sie muss meinen Blick auf sich gespürt haben, denn auf einmal drehte sie sich zu mir herum und sah mich an, lange, zuerst verwirrt und fragend, dann jedoch lächelte sie, nicht kokett oder verführend, nein in jeglicher Weise charmant und schüchtern. Auf einmal wusste ich, dass würde ich mich jetzt nicht abwenden, würde ich es nie wieder tun, also animierte ich mich zu gehen. Verabschiedend tippte ich an den Rand meines Sommerhutes, vergrub meine Hand in der Westentasche und wandte mich zum Verschwinden. Montmartre ist eine Welt von Träumern und Träumen selbst. Solange man dort ist glaubt man die ganze Welt sei ein Gemälde und wir das Motiv. Doch vergessen wir, wer der Künstler ist, der uns malt, der die Komposition so kreiert, wie er es gerne haben möchte. Also riss ich mich los von dieser Welt und gab mich dem hin, von dem ich glaubte mein eigener Künstler zu sein.

 Ich arbeitete Tag und Nacht, Tags im Büro und Nachts an meinem eigenen Schreibtisch. So ging es einige Jahre, Tag ein Tag aus, bis ich eines verregneten Tages von meinem Arbeitsgenossen auf einen Drink eingeladen wurde. Ich war schon ewig nicht mehr ausgegangen und hatte die meiste Arbeit für den nächsten Tag bereits erledigt, weshalb ich zustimmte und mich von ihm einladen ließ. Als wir danach durch die Straßen von Paris zogen wurde mir bewusst, wie lange ich die Stadt nicht mehr bei Nacht gesehen hatte. Und wie sehr sie sich in dieser Zeit verändert hatte. Alles war schneller, kürzer, rasanter und lauter geworden. Die Lichter sprangen einem überall ins Auge, laute Jazzmusik dröhnte aus den geschlossenen Fenstern und betrunkene Paare taumelten aus den Türen. Mittlerweile waren wir in dem Viertel angekommen, welches unglaublich beliebt noch ein paar Jahre zuvor gewesen war, dem Moulin Rouge. „Mein Gott, wie lange bist du nicht mehr in Paris gewesen?“, fragte mich mein Freund und lachte dabei amüsiert über meine Unwissenheit. „Hier tanzen sie jetzt nicht nur als Vergnügen für deine Augen“. Ich hatte mir nie viel aus dieser Art des Vergnügens gemacht, anders als die meisten Männer, doch heute Abend war etwas anders. Da sah ich sie zum zweiten Mal. So viele Jahre waren vergangen und doch wusste ich ganz genau wer sie war. Auch wenn ihr Haar ihr gerade noch bis zum Kinn reichte, das gradlinig verlaufende Kleid über ihren Knien endete und sie eine glamouröse Federboa um die Schultern gelegt hatte erkannte ich sie wieder. Ich hätte sie überall wiedererkannt. In just diesem Moment sah auch sie zu mir herüber und verzog nach einem weiteren Moment der sichtlichen Verwirrung die blutrot angemalten Lippen zu einem unschuldigen Lächeln. Diesmal konnte ich mich nicht losreißen und ich hätte es auch gar nicht gewollt, denn meine Beine trugen mich bereits zu ihr herüber, bevor meine Gedanken wieder klar werden konnten. „Hallo“, begrüßte sie mich und ihre Stimme klang wie der liebliche Gesang von Engeln, so melodisch, so wohltuend. Genussvoll schloss ich eine Sekunde die Augen und sog ihre Stimme in meinem Gedächtnis auf. „Hallo“, antwortete auch ich und war vollkommen unfähig nicht zurückzulächeln. Sie streckte ihre Hand aus und ergriff meine ohne große Worte. Ich ließ mich von ihr abführen, aber ich wollte sie nicht auf diese Art. Ich wollte sie ganz sicher, nicht ihren Körper, die Lust interessierte mich nicht und ich war noch immer davon überzeugt, dass sie das wohl unschuldigste Wesen war, was mir jemals unter die Augen getreten ist, nein ich was ich wollte, war ihr Wesen. Sie war ein lebendiges Gemälde, jedes Fältchen in ihrem Gesicht, jede Pore auf ihrer Haut, jeder einzelne Moment, in dem sie lächelte, war sie das, was ich immer von meinem Leben gewollt hatte. Kunst. Und zwar in der wohl reinsten Form, die es überhaupt gab, in der Unschuld selbst. Sie nahm mich mit auf ihr Zimmer und setzte sich aufs Bett, überschlug die Beine und entblößte ihre Schultern, indem sie die Federboa auf Seite legte. „Du erinnerst dich an mich“, mutmaßte sie und sah mir sanft in die Augen. Ich stand dort, wie ein kleiner Junge, verschämt und unsicher darüber, wie ich mich mit einer Frau wie ihr im Zimmer verhalten sollte. Doch ich nickte. „Ja, das tue ich“. Sie wies mich an mich neben sie zu setzen. „Er wollte mich malen, hatte mich von der Straße gepflückt, wie seltsam, nicht? So viele Jahre ist das jetzt her.“, als sie sah, dass ich meine Geldbörse zückte, lehnte sie ab. „Nein, nein, ich möchte nicht mit Geld bezahlt werden“. Ich kratzte mich am Hinterkopf und beäugte sie skeptisch. „Mit was könnte ich dich denn sonst für ein wenig Gesellschaft bezahlen?“. Traurig blickte sie mir entgegen und zuckte mit den Schultern. „Erzähl mir etwas über die Welt.“ Völlig verdattert stand ich dort, was sollte ich ihr schon über das Leben erzählen? Tag und Nacht arbeitete ich, eigentlich war ich wohl der Letzte, den man um etwas derartiges bitten könnte. „Ich fürchte dazu weiß ich nicht genug über das Leben“, entgegnete ich verbittert. Doch sie lachte bloß und schüttelte den Kopf. „Ich interessiere mich für das wahre Leben. Das Leben, was jeder gerne führen möchte, ein Leben das geregelt ist, ohne Sorgen und ohne Bedenken. Wie ist es da draußen zu sein und zu wissen, dass man am nächsten Tag erneut zur Arbeit gehen darf?“. Aus ihrem Mund hörte sich das wohl Langweiligste an, wie die Handlung eines Abenteuerromans. Ich stockte und lachte nervös. Dann fing ich an ihr über mein Leben zu erzählen. Und mein Leben stand für Jedermanns Leben. Es war ein Einheitstrott, ein Alltag, den keiner haben wollte und doch jeder hatte. Sie legte sich auf den Bauch und vergrub ihr Gesicht in einem Kissen, während sie meinen Worten aufmerksam lauschte und wie verzaubert zu sein schien von dem was ich am meisten verabscheute. „Ich verstehe das nicht“, gestand ich und ließ meinen Blick auf ihr ruhen. Sie sah so unglaublich friedlich aus, wie sie da lag in diesem blassrosa Kleid, den Kopf kindlich zur Seite gedreht und zu mir aufsah, während ihre Augen vor Begeisterung glänzten, „Warum möchtest du etwas über mein Leben wissen, wenn ich derjenige bin, der eine Frau wie dich aufsucht, um es zu vergessen?“. Da blitzte etwas in ihren Augen auf. „Eine Frau, wie mich? Was für eine Art Frau bin ich denn für dich?“, fragte sie ruhig und langsam. Ich holte tief Luft. „Nicht die Art, für die ich dich halten sollte. Aber ein Leben wie deines ist um einiges aufregender, als meines“. Sie sah mich an, lange und tiefgründig. Aus ihren Augen sprach Sehnsucht. Bis heute erinnere ich mich, dass sie dieser Aussage nie widersprochen hatte und doch so viel Widerspruch aus ihren Augen hervorquoll. Sie beschwerte sich weder über ihr Leben, noch pries sie es, sie lag einfach nur dort und hörte mir zu. Mir und meinem Alltag. Irgendwann bemerkte ich, dass sie eingeschlafen war und so stand ich auf, legte ihr die Decke über den lieblich ruhenden Körper und verließ so leise ich konnte das Zimmer. Nach diesem Abend wurde eines schmerzlich bewusst, und zwar, dass nichts so war, wie es vorgab zu sein. All die Jahre war diese junge Frau das Bild der Freiheit, der Kunst, der Ästhetik gewesen, ein Beispiel für ein losgelöstes Leben und für den Genuss eben jenes. Doch nun hatte ich ihre stille Einsamkeit gespürt und gemerkt, dass es eben diese Mischung war, aus der die meiste Kunst bestand und ich entschied mich dazu, dass es das beste war mich von der Kunst und dem Gedanken bei ihr vor meinem öden Alltag fliehen zu können, zu lösen. Nach dieser Nacht bei diesem mysteriösen Mädchen flüchtete ich mich erneut in die Arbeit und ich merkte, wie sie mir doch im Grunde ihres Wesens Spaß bereitete. Nicht alleine deshalb, weil mehr als die Hälfte in Europa keine Arbeit hatte und ich erkannte, wie gesegnet ich war, sondern auch deshalb, weil mir bewusst wurde, dass wahrscheinlich jeder diese Phase in seinem Leben hatte, in welcher er eben dieses hinterfragte und sich neuen Ufern zuwenden wollte. Ich war zufrieden und glücklich mit meinem Leben, ich hatte ein wunderbares Apartment in Paris, ich konnte mich finanzieren, hatte Arbeit, ab und zu hatte ich sogar Frauen. Nichts Ernstes, lediglich eine Trübung der Einsamkeit. Es ging einige Jahre so, bis ich eines Tages ein Telegramm erhielt. Ich wurde eingezogen.

Die Front war kalt und matschig, unerbittlich und tödlich. Die Angst war allgegenwertig in den am Boden liegenden Köpfen verankert, nervöses Zittern und dabei die Pflicht im Nacken das Vaterland zu retten, wobei doch das einzige, was einem am Herzen lag zu retten das eigene Leben war. Nächtliches Weinen, frühes Beten, der Wunsch danach endlich wieder nach Hause zu dürfen. Die Schüsse hallten in den Köpfen wider, in den Träumen wurde man gejagt. Niemals wieder würde man der Selbe sein, wie vorher. Der Tod war überall.

Ein Jahr später war es dann vorbei. Ich stand dort in meiner halb zerbombten Wohnung, die Scherben am Boden erinnerten mich an mein vergangenes Leben, welches ich doch so wenig wertschätzte und es für mich doch so selbstverständlich war. Ich konnte nicht anders, ich kniete mich in die Trümmer und ich weinte. Ich wimmerte leise vor mich hin, so wie ich es all die Monate gerne getan hätte. In einer Welt die so traurig, so dunkel, so muskelkaterig war, wie hätte man da jemals wieder aufstehen können und lachen, oder auch nur annähernd frohe Gedanken schöpfen? Ich stand auf. Ich wusste ich könnte nicht länger in den Trümmern bleiben und auch, dass so viele andere wie ich in ihren eigenen Trümmern saßen. So viele Leben zerstört, so viele weitere mitten im Leben ausgelöscht. Natürlich wusste ich nicht wo ich hätte hingehen sollen, und so ging ich einfach und ließ mich von meinen Beinen tragen. Ein wenig später fand ich mich im Museé DOrsay wieder. Es war weitgehend verschont geblieben, wenn auch die meisten schönen Gemälde von den Deutschen beschlagnahmt, oder zerstört wurden. Doch eines hing dort. Ich konnte es erst nicht fassen, war wie versteinert von ihrem Anblick. Doch ich erkannte sie sofort. Sie sah mich an, so wie sie mich vor vielen Jahren angesehen hat. Sperrig schritt ich nach vorn und strich mit den Fingerkuppen über die belebte Farbe, über ihren Mund, über ihr Gesicht. Und tatsächlich, da schmunzelte ich. Damals hatte sie etwas über mein Leben wissen wollen, doch hatte ich nichts zu berichten. Jetzt hatte ich etwas zu berichten und doch konnte ich es nicht. Aber ich konnte wieder Freude finden, irgendwann. Denn nach all den Jahren des Grauens, nach all der Angst und all der Sorgen, nach all jenen Verbrechen die im Krieg begangen worden waren, sah ich noch immer nichts als Unschuld in ihren Augen und die Gabe der Kunst mich in diese winzig kleine Welt des Glückes zu entführen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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