Christa Astl

Heimepisoden Trauer

 

Gespräche: Trauer - Erinnerung

 

Durch das Sprechen kann man vieles loslassen. Ich konnte das im Heim erleben.

Eine Frau, nur wenig älter als ich, im Rollstuhl, äußerst passiv, so sah ich sie das erste Mal. Ich versuchte ein Gespräch mit ihr. „Ich wüsste nicht, was ich mit Ihnen reden sollte!“, war die herrische Antwort. „Wollen Sie vielleicht mit mir ein wenig in den Garten, wo die Sonne so schön scheint?“, ich durfte mich nicht gleich unterkriegen lassen, ahnte ich schon, dass diese Frau nicht ohne Grund so abweisend ist. „Ja, in die Sonne möchte ich gerne hinaus, wenn Sie so lieb wären, mich mit meinem Rollstuhl hinaus zu fahren.“ Wir saßen still, genossen das milde Herbstlicht auf unseren Gesichtern. Nur weniger Worte bedurfte dieses erste Zusammensein, doch ein erster Faden war geknüpft. Am nächsten Mittwoch sah sie mich schon erwartungsvoll an und bat von sich aus, wieder in den Garten zu dürfen. Nun wagte ich vorsichtige Fragen nach ihren Beschwerden, die sie am Gehen hinderten. Langsam, doch immer vertrauensvoller begann sie aus ihrer Kindheit, von ihren Eltern, dem Aufwachsen bei den Großeltern auf einem Bergbauernhof, dann in der Stadt, wo sie mit dem kleinen Bruder allein durch die Straßen irrte, und schließlich von ihrer Arbeit zu erzählen. Erst nach einigen Wochen überraschte sie mich mit der Frage: „Wissen Sie, woran ich immer wieder denken muss? An den Tod meines Sohnes.“ Die Tatsache des Geschehens wusste ich zwar schon, Hintergründe kannte aber niemand.

Sie hatte ihren Jungen mit aller Liebe, die eine alleinstehende, vom Kindsvater, den sie auch sehr geliebt hatte, verlassene Frau hervor bringen konnte, überschüttet, ihm alle Schwierigkeiten aus seinem Weg geräumt. Sie zeigte mir ein Foto eines hübschen jungen Mannes und berichtete, wie groß auch die Liebe des Sohnes zu ihr war, wenn er sie abends vom Büro abgeholt hatte und sie Hand in Hand durch die Stadt gingen, und stellte ihm lauter gute Eigenschaften aus. Dass er als Jugendlicher auch anders sein konnte, vermutete ich stark, sie hätte das nie so sehen wollen. Wie viele Eltern glauben doch an ihre braven Kinder, die dann als Opfer einer Überdosis an Suchtmitteln irgendwo gefunden werden!

Dem lieben Sohn wurden auch alle Wünsche erfüllt, darunter, und leider als letzter, der nach einem Moped. Und das war sein Ende.

Es gab einen Knacks in ihrem Herzen, berichtete sie mir nun unter Tränen, von dem sie sich nie mehr erholt hatte. Von da an begannen die Beine zu schmerzen und sie konnte sich immer weniger bewegen. – Stumm hielt ich nur ihre Hand. Wir waren in einer nicht viel begangenen Ecke des Gartens, sie hätte sich wohl zu Tode geschämt, wenn jemand sie weinen gesehen hätte.

Es brauchte noch einige Gartenbesuche und Gespräche. Immer wieder kam die Rede auf ihren Sohn, oft auch noch unter Tränen, allerlei Erinnerungen fielen ihr ein, auch ihr ehemaliger Mann kam aus der bisher totgeschwiegenen Erinnerung hervor. Mehr und mehr löste sich ihre innere Verkrampfung, die so stolze, unnahbare Frau zeigte sich als sehr verletzlich und gefühlsbetont. Ihr Berufswunsch wäre Tänzerin und Schauspielerin gewesen, - vielleicht deshalb die Rolle einer „Königin“, wie sie von den Pflegerinnen wegen ihrer stolzen Haltung manchmal genannt wurde. Zwar versank sie immer wieder in ihre eigene Welt, aus der ich sie aber bei meinen Mittwochsbesuchen lange Zeit noch heraus holen konnte. Bis sich die Demenz den letzten Rest ihres Bewusstseins holte und sie wohl nur noch „in der Innenwelt“ lebte, um nach einigen Krankenhausaufenthalten letztendlich in die andere Welt hinüber zu gehen.

 

 

ChA 19.03.20.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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